Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 19 (13.5.1937)
- Date
- 1937-05-13
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Das Blatt der jüdischen Trau Nr.l9*13.Mail937 4. Beiblatt » G-V.-Zeitung Seite 13 An die schöne Herrin des Hauses Von Lessie Sachs-Wagner Zweimal Ruth Ach, verehrte Kollegin, schöne und liebenswerte Herrin des Hauses, — wie machen Sie es nun mit dem Haushalt, seitdem Sie ohne „Mädchen" sind, — ich möchte es so gern erfahren, aber ichbekomme nirgends richtige Auskunft. Manche sehen gut aus, besser sogar, als vorher; sie sagen, sie machten „alles allein",' es ginge grossartig, — und fort sind sie, sie flattern und wehen um die nächste Ecke, sie brausen dir geschwind vor der Nase weg . . . he, hallo! — Wirklich, „alles" allein, grosses Ehrenwort? — Wie oft, wie lange kommt die Bedienungsfrau, sage mal . . . Andere aber sehen schlecht aus; sie sind zerfahren, ihr Hut sitzt nicht vorteilhaft, und der Gang ... ein klein wenig nachlässig, wie? Die ganze Haltung ist gebeugt . . . auch diese sind schnell an mir vorbei, noch ehe ich ihnen sagen kann: ,,Nehmen Sie Ihre Bedienungsfrau öfter!" Wie machen sie es nun mit dem Haushalt, die Grossartigen und die Gebeugten, und die vielen, die dazwischen kommen, die es teils schaffen, und teils nicht, die es zum Teil gerade noch, und zum Teil nicht mehr aushalten? Ich weiss es nicht; man sagt mir nichts. Ich muss es auf eigene Faust probieren. Wollen wir es mit der „geregelten Zeit-Einteilung" versuchen, meine schöne Kollegin, liebenswerte Herrin deines Hauses... wollen wir also immer hübsch der Reihe nach eine Tätigkeit nach der andern ausführen, zu genau eingeteilten Zeiten? (Du wirst dich wundern.) — Ich sage dir hier- Dle Schneiderin IMgHatelier SChHIßr Oer Schneider für die elegant gekleidete Dame Berlin NW6,Schiffbauerdamm 12a, a.Bhf .Friedrichstrn02 Weidend.2137 mit im Vertrauen, dass ich in meinem Haushalt immer genau das tun muss, was ich im Augenblick nicht zu tun beabsichtige.— Ist dir nicht klar? — Nanu! — Höre, du hast doch eine Bedienung, gesteh es mir ein, — aber ich will dir ein Beispiel geben. Wenn ich mein Kind auf den Wickeltisch hebe, will ich es anziehen. Dies ist die Absicht. Wenn es im gleichen Augenblick draussen klingelt, muss ich aufmachen gehen. Dies ist gegen meine Absicht. Wenn es nun ein Bote ist, der — a) auf Antwort des Ehemannes wartet, der seinerseits nicht gestört sein will, — oder: b) kein Wechselgeld hat, — oder: c) etwas abholt, was unauffindbar ist, und zwar meist nur deshalb, weil man seelenblind das Nächstliegende nicht findet, — so kann das grosse Komplikationen geben. Man möchte sich rasend gern in zwei Teile teilen, — der eine fertigt ruhig und besonnen den Boten ab, und der zweite Teil zieht vergnügt und sorgsam das wartende Kind fertig an. Es wird sogar häufig noch ein dritter Teil gebraucht, — dieser geht zum schrillenden Telephon, und steht liebenswürdig Rede und Antwort. Wie macht man es? — Wie rettet man die Situation, die eigene Stimmung, und das erkältungsbedrohte Kind? Ach, ich bin ja nur eine ungelernte Hausfrau, mit einer grossen Wohnung und einem kleinen Kind, ein armer'Schlucker ... aber Sie, — Sie führen gewiss Ihren Haushalt prompt und tadellos, und wenn Sie das gleiche von mir annehmen, so muss ich Sie bitter enttäuschen. Ich habe mich nämlich dazu trainiert, fünf grade sein zu lassen, wie man sagt. Nämlich, schönste Herrin, du wirst es nicht weiter sagen: ich kann nicht „alles allein" machen. Ich könnte es — aber ich würde stärkste Einbusse erleiden, an Nervenkraft, Gemütsstimmung und seelischem Gleichgewicht. — Ich würde eine mürrische Gefährtin und eine reizbare Mutter sein. 0 ja, jawohl, — Und gerade das wollen wir doch nicht. Ach, meine lieben Mitfühlenden, wenn ich mich mit dem Aufräumen sehr verspätet habe, kommt meine Schwiegermutter, — (Sie kennen das?) und überhaupt: Staubsaugen, Aufwischen und Abwaschen macht mir Rückenschmerzen, Rückenschmerzen machen schlecht gelaunt. Was lassen wir also weg? Oho, wir saugen keinen Staub, auch wischen wir nicht auf. Das macht die Bedienung viel besser. Dafür lüften wir länger, gründlicher und umsichtiger als jede „Perle". Für das Aufwaschen aber gibt es Kniffe: wir waschen konsequent alles sofort auf, möglichst auch während des Kochens schon, und sehr heiss. Was wir nicht sofort aufwaschen können, weichen wir in kaltem Wasser ein. Messer und Gabeln säubern wir zunächst mit Papier. Die Schüsseln stellen wir so hoch, dass wir beim Abwaschen gerade stehen. Die Handtücher müssen sehr trocken sein ... Na ja. Ausserdem gewöhnen wir uns an, sparsam im Gebrauch von Töpfen zu sein, wir machen überhaupt keinen Riesenaufwand, keinen Aufruhr in der Küche ... Dazu gehört allerdings ... Zeit und Ruhe. Jedenfalls ... ich werfe alles durcheinander, sobald ich mich in der Küche verspätet habe. Zeiteinteilung! Ja, ... aber. — Aber: wenn wir die Einbrenne machen, kommt entweder: der Bote ohne Wechselgeld. Oder: ein wirklich wichtiges Ferngespräch. Oder: ein eingeschriebener Brief. Oder: ein eingeschriebener Brief soll sofort! zur Post. (Befehl des Herrn Gatten.) Oder das Kind: will auf den Topf. Hat sich beim Pantschen das Kleid begossen. Hat sich eine Beule geschlagen. Hat ein Messer in der Hand. Steigt auf die Fensterbank. Ach, verehrte Herrin des Hauses, sage es nur nicht weiter, sehr hervorragende Kollegin, höre: ich, ich koche zu den unmöglichsten Zeiten. Ich koche vor, ich koche nach. Ich quirle, ich rühre, ich schäle, ich schneide, ich brate an, ich setze zu —, zu jeder Zeit, nur nicht kurz vor dem Mittagessen. — Warum soll das Rindfleisch nicht ganz gemütlich kochen, während wir nachmittags vespern, oder während ich für den nächsten Tag bereits einkaufe, na, sagen wir mal: Kalbfleisch, Margarine, Butter, Wurzelzeug, Reis, Salat, Eier, Zitrone —, was noch? — haben wir noch Salz, Zucker, Tee —, ach, endlos. 0, jawohl! — Dies Rindfleisch muss auf sehr kleinem Feuer stehen, Gemüse kann man evtl. im Wasserbad seinem Schicksal überlassen, Reis in Decken eingepackt —, wenn man mit der schweren Markttasche in der einen Hand und einem kleinen Kind an der andern unterwegs ist, weiss man nie genau, wann man nach Hause kommt. Aber, liebe Kollegin, falls du ungelernt bist, so wie ich —: koche etwa niemals am Tage vorher, sondern erst unmittelbar vor der Mahlzeit: Kaffee — (stark und heiss!), Tee (ebenso), alles Kurz-Gebratene. Na, gut soweit. Schöne Herrin ... aufräumen, einkaufen, heizen, Gemälde von Bruck-Lajos Moderne Siedlerin Fot. (2) Herbert Sonnenfeld ffllUISIililHIiiiiitUillUII^ waschen, nähen, plätten, Kind besorgen, Spazierengehen, abwaschen —, alles allein? — Und gute Stimmung? — Je vous adore. Aber ich gebe dir einen Rat: Sobald du dich überanstrengt fühlst —, sorge dafür, dass du jemanden in der Nachbarschaft hast, dem du das Kind ein paar Stunden anvertrauen kannst — frage dich, ob die Wohnung blitzblank sehr muss, und sage dir: nein, die Bedienung wird sie morgen gründlich machen —, aber: lüfte gut, koche gut —, und sagen Sie mir nun endlich, verehrte Hausfrauen ... wie schaffen Sie es? Ich möchte es wissen. ßlick auf die Frauenarbeit in der Welt Der grosse Rat des Fascismus in Italien hat sich vor kurzem eingehend mit den Fragen der Bevölkerungspolitik beschäftigt. Es wurden Leitsätze beschlossen, die im wesentlichen eine Bevorzugung der Väter kinderreicher Familien, eine Politik der Familienentlohnung sowie die Einrichtung von Heiratsdarlehen vorsehen. Ausserdem sollen die gegenwärtig gültigen bevölkerungspolitischen Massnahmen zwecks Sicherstellung des Lebensunterhaltes kinderreicher Familien revidiert und eine nationale Versicherung für Kinderreiche gebildet werden. Neu ist der Beschluss, die Provinzen und Gemeinden auf Grund der Ergebnisse der kommenden Volkszählung von 1941 neu einzuteilen, wobei Gemeinden und Provinzen, in denen der Geburtenrückgang besonders gross ist, weniger als die anderen mit staatlichen Einrichtungen versorgt werden sollen. Eine Zentralstelle soll die bevölkerungspolitischen Massnahmen überwachen. Während der Weltausstellung in Paris finden einige internationale Kongresse statt, welche für die Frauen von besonderem Interesse sind. Vom 19. bis 22. Juli tagt der internationale Kinderschutzkongress, vom 22. bis 27. Mai findet eine Tagung der internationalen abolitionistischen Föderation statt. Es ist zu erwarten, dass der Kongress gegen die Reglementierung der Prostitution klar Stellung nehmen wird. Lady Aberdeen, eine der Gründerinnen des internationalen Frauenverbandes, hat vor kurzem ihren 80. Geburtstag begangen und aus diesem Anlass aus allen Weltteilen Glückwünsche empfangen. Ueber die Not der erwerbstätigen Frauen in Oesterreich liegen erschreckende Zahlen vor. Der Jahresbedarf an akademischem Nachwuchs in Oesterreich beträgt etwa 1500, aber 3000 Studenten, davon 20 Prozent Frauen, beenden alljährlich ihr Studium. 1400 Lehrer für das höhere Lehramt sind ohne Stellung, davon 400 Frauen. Auch der ärztliche Beruf ist überfüllt, 10 Prozent der österreichischen Aerzte sind Frauen. In Amerika beginnt man Arbeitslager für erwerbslose junge Mädchen einzurichten, und zwar soll die weibliche Jugend zwischen 18 und 25 Jahren, soweit sie arbeitslos ist, in 80 bis 100 Lagern zusammengefasst werden, um dort Hausarbeit, Landwirtschaft usw. zu erlernen. Auch dem Sport und der körperlichen Ertüchtigung sollen sich die Mädchen dort widmen. Die Dauer dieser Gemeinschaftserziehung soll jeweils 8 Monate betragen. Bei der internationalen Studienkonferenz der Frauen in Zürich, die vor wenigen Wochen stattfand, wurden Erschliessungen gefasst über Erschliessung aller Bildungsmöglichkeiten zu gleichen Bedingungen, wie für die Männer, gegen den Ausschluss der verheirateten Frauen aus dem Erwerbs- Iebei#und gegen die neidrige Entlohnung der Frau. H. St. „Soll ein Weib wohl Bücher schreiben?" Von Ludwig Robert Soll ein Weib wohl Bücher schreiben? Oder soll sie?s lassen bleiben? Schreiben soll sie, wenn sie kann, Oder, wenn es wünscht ihr Mann, Und befiehlt er's gar ihr an, Ist es eheliche Pflicht; After schreiben soll sie nicht, Wenn es ihr an Stoff gebricht, Oder an gehöriger Zeit. Oder gar an Fähigkeit. Schreiben soll sie früh und spät, Wenn es für die Armuth geht, Wenn sie sonst was Schlechtes thät; Aber schreiben soll sie nie, Wenn durch ihre Phantasie Leidet die Oekonomie. Und nun sag' ich noch zum S'chluss: Lebt in ihr der Genius, Wird sie schreiben, weil sie muss! Ludwig Robert war der Bruder R a h e 1 Levins. "Diese Verse sandte er seiner Schwester als Antwort auf einen Brief, in dem sie die Frage gestellt hatte, wie er über schriftstellerisch tätige Frauen denke. — Aufgestöbert in einem 1873 arschienenen jüdischen Buch von Käte Wi e n s k o w i t z. Frauen des Alten Testaments Seit sieben Jahren arbeitet der in Berlin lebende Maler Arno Nadel an einem grossangelegten Bilderzyklus „Männer und Frauen des Alten Testaments". Ueber zwanzig Gemälde zu diesem inhaltereichen Thema sind bereits fertig, ohne dass damit der einmal mit heiligem Ernst gestellten Aufgabe, gleichsam einer Lebensaufgabe, ein Ziel gesetzt wäre. Ist man im Atelier des Meisters, steht man vor den Bildern, dann fühlt man das Wort zur Wahrheit werden, das Arno Nadel gewichtig ausgesprochen: dass Frauen an sich in ihrer Darstellung ein stärkeres künstlerisches Element für einen Maler bedeuten als Männer, die dem Künstler die Verkörperung des geistigeren Elements sind. „Frauen sind der Kunst verwandt" — dieses Goethe-Wort zitiert Arno Nadel. Er sucht sich die Modelle selber, und er findet sie. Er malt Judith in dem Augenblick, in dem sie Holofernes erblickt und durch ihr Opfer ihr Volk erlöst. Für die Idee, die dieser Judith-Darstellung zugrunde liegt, bedarf es keiner Requisite. Wie es Arno Nadel auch nicht in den Sinn kommt, sein Moses-Bild mit den Gesetzestafeln zu malen: er malt Moses, wie er das Land Kanaan erblickt. „Tafeln könnten das Bild ruinieren", meint der Künstler, und er berichtet, wie er alle Gemälde dieses grossangelegten Zyklus nur auf das Seelische abstimmt. So kommt es, dass er Hannah im Gebet malt, ein Motiv, das Künstler fast nie wählen, weil es ihnen zu wenig aktiv erscheint. Immer wurden berühmte Frauen des AJten Testaments auf die Leinwand gebracht: Eva, Sarah, Judith, sie sind populärer. Arno NTadel geht weniger von der Bibel, mehr vom ' Modell.aus. Für ihn ist die Geste der Hannah die betende Frauengebärde schlechthin. Er malt auch die Königin von Saba, ohne Geste, ohne Requisit. Sie ist in einen gelben Schleier gehüllt, für sich allein, ohne Salomo. Neugier, Schönheit, Weisheit, Liebe verkörpert diese Königin von Saba. Sonst malten die Künstler das Geschehen, sie schilderten, wie diese Frau des Alten Testaments König Salomo trifft und ihm Rätsel aufgibt. Und da hängt in diesem Atelier eine Darstellung der Potiphar. Sie spiegelt die Tragik der ungeliebten Frau. Statt sonst meist nur lüstern dargestellte Frau, malt Arno Nadel ein tieftragisches Frauenantlitz. Und Eva? Aus der meist schönen, mütterlichen Repräsentantin des Menschengeschlechts wurde die tragische Vertreterin dieses selben Menschengeschlechts, aber doch so gedämpft, dass die Tragik nicht aufgetragen wirkt. Arno Nadel sind äusserliche, gewaltsame Gesten zuwider, das fühlt man gerade beim Anblick des Evabildes. Diese „Eva" kennen wir übrigens von einer der letzten grossen Ausstellungen "her, auf der noch Gemälde von jüdischen Künstlern zu sehen waren. Dr. Olga Bloch. Fritz Baum Nachf. Inn. 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