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Central-Verein-Zeitung · 1937-05-06 · 18 (6.5.1937) · page 19

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
18 (6.5.1937)
Date
1937-05-06
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr.18*6.MaM937 5. Beiblatt / G-V.-Zeitung Seite 19 Der Schocken Verlag hat sich zum Ziel gesetzt, der deutschlesenden Judenheit Bücher von wirklichem Gehalt und dauerndem Bestand zu schaffen, die ihr zu geistiger Behauptung und sittlicher Erneuerung Richtung weisen können. Der Verlag betreut das Gesamtwerk Martin Bubers und Franz Rosenzweigs sowie die von beiden gemeinsam unternommene Verdeutschung der Schrift. Wichtige Werke anderer führender jüdischer Geister der Zeit wie Leo Baeck und Hermann Cohen gehör en zu seinemBestand. Von den dichterischen Verlags werken seien die Bücher von Alfred Mombert, Ludwig Strauss und Karl Wolf skehl hervorgehoben. Der sich in unseren Tagen schöpferisch erneuernden jüdischen Wissenschaft wird besondere Aufmerksamkeit zugewendet. Gegenwartsfragen erfahren in gediegenen Darstellungswerken ihre Behandlung. In seiner hebräischen Abteilung pflegt der Verlag die klassische hebräische Poesie und ihre Erforschung, während die zeitgenössische hebräische Dichtung durch das Gesamtwerk S. J. Agnons vertreten ist. Von hebräischen Grundbüchern des Judentums werden sorgfältige Neudrucke nach guten alten Textausgaben veranstaltet. Schliesslich bietet die »Bücherei des Schocken Verlags« mit ihren jedermann zugänglichen, in schneller Folge erscheinenden Bänden (bisher 78 Nummern) aus dem jüdischen Schrifttum aller Länder und Zeiten in sorgfältiger Auswahl dasjenige dar, was den suchenden Leser unserer Tage unmittelbar anzusprechen vermag. Literaturbericht Von Kurt Pinthus Um einen Ueberblick über die Entwicklung der literarischen, belletristischen, künstlerischen, kritischen Beiträge der A. Z. zu gewinnen, ist es nötig, das Auge einen Bogen entlangschweifen zu lassen, der 85 Jahre überspannt. Wir werden besonders dort verweilen, wo der Bogen ansetzt und wo sein Ende wieder aulsetzt, weil die erste Epoche und die letzte in der langen Lebensdauer der A. Z. gerade für dies Gebiet besonders bezeichnend und aufschlussreich sind. Philippson selbst schrieb über jüdische Stoffe Erzählungen und Novellen, Dramen und Romane, lyrische, epische und didaktische Poesien. Sehr viele dieser Arbeiten sind zuerst in der A. Z. anonym erschienen. Gleich die erste, nur vierseitige Nummer des Blattes verspricht auf der letzten Spalte der letzten Seite in einer Rubrik „Belletristik": „Originaldientungen und Bruchstücke aus allen belletristischen Schriften, die unser Gebiet berühren." Es. folgt ein Originalgedicht: „Israelitische Lebensbilder. 1. Das Kind. Der Mutter Gebet an der Wiege." Dies Gedicht stammt von Philippson, und der Zyklus setzt sich durch den ganzen Jahrgang und auch im nächsten in vielen Gedichten fort, immer das Problem des jüdischen Menschen in gewandten Reimversen, etwa in der Art Chamissos, behandelnd. In Nr. 2 beginnt eine Novelle aus dem letzten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts: „Die Marannen." Es folgen viele Fortsetzungen; der ungenannte Verfasser ist aber Philippsons Bruder Phöbus. Nr. 4 bringt unter der Rubrik „Literatur" den Abdruck einer französischen Rezension über Boernes „Menzel, der Franzoseufresser", besonders die Boernes Judentum verteidigenden Stellen, nebst einer redaktionellen Glosse dazu. Auf Seite 28 erscheinen zum ersten Male kurze Meldungen über jüdische Künstler — so über Gemälde mit alttestamentarischen Motiven im Pariser „Salon" und in einer Danziger Ausstellung; über Meyerbeer: er stehe jetzt ebenbürtig neben Rossini, seine beiden Opern „Robert der Teufel" und „Die Hugenotten" hätten der Pariser Oper zwei Millionen Francs eingebracht, schliesslich ein Bericht über die Premiere der „Hugenotten" in Leipzig. Auf der nächsten Seite wird berichtet, dass Meyerbeer und Halevy die Leitung eines philharmonischen Wohltätigkeitsvereins übernommen haben, für den Meyerbeer eine „Nationalhymne" komponiert hat. Die Nummern r3'14 bringen eine lobende Kritik von Uechtritz' Drama „Die Babylonier in Jerusalem" mit einem Probeabdruck. Der sonstige literaturkritische Teil des Blattes behandelt aber vorwiegend theologische, exegetische, apologetische, emanzipatorische Literatur, Lehrbücher, gelehrte Abhandlungen, hebräische Drucke. So blieb es auch während der nächsten Jahre. Für heutige Leser sind am interessantesten die zahllosen kleinen Nachrichten aus aller Welt: Ankündigung des Briefwechsels des jungverstorbenen Dichters Michael Beer, Bruder Meyerbeers, von Auerbachs „Spinoza"-Roman, von Salomon Heines Kranken- Ii ausstiftuug in Hamburg, eine Glosse „Juden in der Musik'*. Meyerbeers Reichtum und Wohltätigkeit werden gerühmt, stolz kündigt man seine Ernennung zum Offizier der Ehrenlegion an. Eine „Anzeige an unsere verehrten Leser" in Nr. 106 meldet, dass ab „Januar 1838-ein Beiblatt, insbesondere für Literatur und Homiletik, in 36 Nummern jährlich erscheinen soll", darin „Nachrichten, Berichte, Kritiken, Auszüge von den Erzeugnissen der zu dem Gebiet unseres Blattes gehörenden Literatur, als auch liierarische Korrespondenzen und literarhistorische Aufsätze . . . auch Musikbeilagen für Synagogengesang." Dies Versprechen wurde eingelöst: im 2. Jahrgang erschien ein „Literarisches und homiletisches Beiblatt", das aber später wieder verschwand. Der Jahrgang 1838 zeigt ein ähnliches Aussehen wie der erste. Es erscheint in vielen Fortsetzungen, die „israelitisch-religiöse Novelle Die Gegensätze'* (von Philippson) und „Abendrotb", eine Reihe romantisch-historischer Skizzen von Friedrich Waldemar (Dr. Fricke in Göttingen). Neben der wohlwollenden Kritik über Auerbachs „Spinoza" interessiert am meisten eine Betrachtung über „Selma, die jüdische Seherin", ein jüdisches Gegenstück zu Justinus Kerners „Seherin von Prevorst". Sicherlich der bedeutendste Beitrag handelt „Ueber Musik und Poesie der alten Hebräer", eine ausführliche und grundlegende Betrachtung von J. L. Saalschütz, später Professor in Königsberg. Aufschlussreich ist der Artikel „Ahasver, Gutzkow und die Juden", der zeigt, wie auch das Literarische ins Politisch-Apologetische gewendet wird, in jener emanzipatorischen Bedeutung, die das ganze Blatt und auch seinen literarischen Teil beherrscht. In den nächsten Jahrgängen werden literarische Mitarbeiter wie Leopold Dukes, Ludwig August Frankl, Ludwig Liber, Wilhelm Wolfsohn u. a. gewonnen, nachdem schon von Anfang an Gabriel Riessers bester Freund M. M. Haarbleicher in Hamburg Beiträge gesandt hatte. Vw;i Jahre 1S40 an ist eine Schrumpfung des belletristischen Teils zu bemerken, während die „Literarischen Nachrichten"' ausführlich „Kunde von dem Bedeutendsten in der Literatur" geben. Selbst dass im „Temps" sich ein christlicher Berichterstatter über das Auftreten der Demoiselle Rachel am Kol-Nidre-Abend im Theatre Francis wundert, wird vermerkt. Die literarischen Polemiken erreichen einen. Höhepunkt mit der Rezension von Heines Buch über Börne, welche beginnt „Ein lebender getaufter Jude über einen toten getauften Juden". Den toten Börne lässt Philippson wenigstens noch als „Künstler" gelten, während Heine „Dilettant und Schwätzer" genannt wird; „er hat einen jüdischen Stil behalten, aber den jüdischen Geist abgeworfen"; nicht ein anerkennendes Wort wird über den „verlorenen Juden" gefunden. Im gleichen Jahrgang .findet sich im Anschluss an Gutzkows „Leben Börnes" noch ein heftiger Angriff gegen den verstorbenen Publizisten unter dem Titel „Börnes Austritt aus dem Judentum". Trotz der liberalen Haltung des Blattes wird dieser Standpunkt jahrzehntelang beibehalten — und nicht nur gegen Heine und Börne: gegen abtrünnige Juden, auch wenn sie Bedeutendes leisteten, wird heftig polemisiert. Erst gegen Ende des Jahrhunderts und besonders nach der Uebernahme der Redaktion durch Karpeles und Geiger wird ein objektiverer, kritisch und historisch wertender Standpunkt eingenommen. Jahrgang 1843 ist deshalb bemerkenswert, weil sich in ihm die „Aufforderung zur Gründung eines israelitischen Literaturvereins" findet. Wiewohl Gabriel Riesser und 200 andere Personen sich anschlössen, zerschlug sich zunächst der Plan. Aber der zähe Philippson arbeitet weiter und propagiert ihn 1854 aufs neue mit solchem Erfolg, dass das „Institut zur Förderung der israelitischen Literatur" gegründet wird, welches jahrelang in der Art unserer heutigen „Jüdischen Buchvereinigung" jüdische Publikationen herausgab, bis es „wegen der Unfruchtbarkeit der jüdischen. Autoren" eingehen musste-. Philippson war kein Freund östlicher Ghetto-Geschichte. Er selbst bearbeitete nur Stpjfe, welche jüdische historische Gestalten mit heroischem Einschlag oder Gegenwartsmotive mit emanzipatorisclier, westlicher Tendenz darstellten. Die liberal-emanzipatorische Tendenz aber, die nach zwei Richtungen zu kämpfen hat, einerseits mit den judengegnerischen Bestrebungen von aussen, andererseits mit Strömungen innerhalb des Judentums selbst, wirkt - während der geistigen und politischen Kämpfe um das Jahr 1848 in einer eigentlich nicht zu erwartenden Weise auf den literarischen und kritischen Teil des Blattes ein. Dieser Teil wird nämlich nicht den politischen Bestrebungen der Zeitung dienstbar gemacht, sondern in den Jahrgängen dieser Epoche wird das Belletristische und auch das Kritische durch das Politische fast völlig in den Hintergrund gedrängt. Wie sich damals Zeitströmungen in literarischen Beiträgen spiegeln, mögen einige Stichproben andeuten: 1844 erfolgt der Abdruck einer Aufforderung zur Schaffung eines Herder-Denkmals in München, zum 100. Geburtstag des Dichters, mit einer enthusiastischen redaktionellen Notiz: „Wenn für wen, hat Herder für Juden und Judentum Grosses getan!" Im Jahrgang 1849 findet sich eine Betrachtung über Disraelis politische, zugleich Sozialpolitik und Weltpolitik fordernde Romane „Tankred" und „Coningsby". Ueber Heine wird trotz seines Liberalismus in der angedeuteten ablehnenden Haltung geschrieben. Zu Goethes 99. Geburlstag erscheint ein Gedenkaitikei von dem Nichtjuden Franz Dingelstedt. 1850 wird Mosenthals Verständnis und Toleranz für den jüdischen Stamm heischendes Drama „Deborah", das einen ungewöhnlichen Erfolg hatte, gewürdigt. Später wächst der literarisch-kritische Teil des Blattes wieder, aber dem Umfang entspricht nicht die Bedeutung. Jedoch ist zu berücksichtigen, dass um das Jahr 1870 das allgemeine Niveau der Literatur und der Literaturkritik ziemlich verflacht war. Problematisches und Wagemutiges findet sich nicht oft, der behagliche und behäbige Gartenlaube-Geschmack breitet sich besänftigend aus, und die von den exakten Naturwissenschaften beeinflusste historisch-analytische Literaturwissenschaft hat noch nicht auf die Literaturkritik eingewirkt. Mit diesem allgemeinen Niveau ist auch das der A.Z. charakterisiert. Der Jubiläums-Jahrgang 1SS7, der 50. der Zeitung, bringt, ausser einer Sonderbeilage mit Rückblick und Programmatischem, in literarischer Hinsicht nichts Bemerkenswertes. Moritz Oppenheims Lithographien „Bilder aus dem jüdischen Familienleben" werden besprochen und Victor Hehns „Gedanken über Goethe" wegen judengegnerischer Bemerkungen abgelehnt. Sehr wesentlich und sehr gründlich änderte sich in literarischer Hinsicht die Zeitung, nachdem Gustav Karpeles, der selbst Literarhistoriker war, 1889 die Redaktion des Blattes übernommen hatte. Das Auge des Blattes schweift ins Weite, über alle Gebiete der Künste und der Kulturgeschichte, über die Zeiten und Kontinente, aber es ist auch geschärft durch die Methoden der Wissenschaft, die sich stolz ., voraussetzungslos" nannte, durch die Nutzung der vergleichenden Quellenforschung und der geisteswissenschaftlichen Ergebnisse sowie durch die philologisch-historische Prä- . zision der Scherer-Schmidtschen Literaturdarstellung. Der Jahrgang 1892 bringt ein ungedrucktes Gedicht von Gustav Freytag, ein Gelegenheitsgedicht, das im Symbol dreier guter Weinsorten die Bedeutung der drei Konfessionen feiert. Im Jahrgang 1S93 beginnt Julius Stettenheim „Aus meinen Jugenderinnerungeu"; von Georg Brandes findet sich ein Originalartikel „Der Zusammenhang des Alten und des Neuen Testaments"; und es erfolgt die Mitteilung, dass der Dozent an der Berliner Universität Richard M. Meyer den ersten Preis für die beste Goethe-Biographie er-

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