Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 18 (6.5.1937)
- Date
- 1937-05-06
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18 C.-V.-Zeitung Nr.18*'6. Mail 937 bis auf die neue Zeit Reclitsimgleichrieit herrschte, sei es der oberste Staatsgrundsatz der mosaischen Gesetzgebung gewesen, dass Ein Gesetz und Ein Recht für Alle gelten solle. Ein Grundgesetz der vollkommenen Parität habe die gesamte jüdische Geschichte durchzogen. Vom Standpunkt der Idee der Rechtsgleichheit werde auch die Bedeutung des Judentums für die Lösung der sozialen Zeitfragen ersichtlich. Das Judentum hat die erste Arbeitsordnung der Welt — Ruhetag, Armenfürsorge, Wohlfahrtspflege — eingeführt, sein grosser Grundsatz der Toleranz weist dem Zusammenleben der Völker die Wege. Unmittelbar mit dem Problem der Geschichte hat sich Philippson in dem wesentlichen Aufsatz „Die Geschichtsschreibung vom Standpunkte des Judentums" auseinandergesetzt, den er 1861 in seiner Zeitung veröffentlichte. Er macht darin gegen eine gewisse Auffassung Front, die dem Judentum Beruf und Befähigung zur Geschichtsschreibung abzusprechen bemüht war. Er weist darauf hin, dass die Juden im Gegenteil als erste sowohl Weltgeschichte als auch Nationalgeschichte geschrieben haben. Als einzigen Massstab für den Geschichtsschreiber erkennt er die grossen Gesetze der Sittlichkeit an. Der Geschichtsschreiber müsse prinzipiell zeigen, wie das Leben des Menschengeschlechts einmal auf den grossen Basen der sittlichen Wahrheiten und des intellektuellen Strebens beruhe, sodann in fortschreitender Entwicklung sich aufwärts bewege. Das jüdische Geschichtsbewusstsein, das Philippson in seiner Zeitung verkündet und auf die jüdische Bildungswelt übertragen hat, wird durch eine nicht immer restlos ausgeglichene Verbindung zwischen alter jüdischer Tradition und modernem Geist des 19. Jahrhunderts gekennzeichnet. Die positive Gläubigkeit und theologische Gebundenheit des jeweiligen Standpunkts, das Verlangen, den Finger Li Molieres ..Bürger als Edelmann" gibt es eine berühmte Szene, wo ein Hofmeister dem überraschten und beglückten Schüler auf einen sehr gleichgültigen Satz hin eröffnet, er habe soeben Prosa gesprochen. Ob eine Zeitung will oder nicht — nach hundert Jahren wird sie ein Objekt der Kulturgeschichte. Eine Anzeige der vierziger Jahre sucht ..ein fähiges Subject jüdischen Glaubens" als Erzieher zweier Knaben; ein Färbergesell aus Magdeburg wird von seinen Eltern zurückgerufen oder xml schleunige Nachricht gebeten, zuletzt war er in Lyk in Ungarn; ein Korrespondent beschwert sich darüber, dass die Feuerversicherung in einer Kleinstadt die Aufnahme eines Juden verweigere; 1849 streicht die Frankfurter Gemeinde einen Betrag von 35 Gulden, den sie bisher jährlich für den ..bürgerlichen Tambour" und die beiden rotröckigen Hellebardiere der Stadt bezahlt hatte. — Das sind kleine Zeitnotizen, wie jede Zeitung sie jeden Tag bringt. Nach hundert Jahren lebt das Leben einer Zeit stärker in diesen kleinen Dingen als in den grossen, von der sie selber es glaubte. Es ist ein merkwürdiger Unterschied zwischen dem, was eine Zeit — und das heisst doch: die überwiegende Zahl der Menschen darin — von sich wichtig findet und worin die Nachwelt das Charakteristische sieht. Einen kleinen Begriff davon kann sich jeder machen, der seinen eigenen Bericht von, sagen wir. dem ersten Ferienaufenthalt oder dem ersten Ball mit seiner heutigen Erinnerung daran vergleicht. Was damals auffallend, ereignisstark, nach Ausdruck drängend schien, ist jetzt verblasst; dafür tritt hervor, was im Erleben unauffällig, bedeutungslos, selbstverständlich war. Der Duft der Erinnerung heftet sich an eine Gestalt, eine Gebärde, ein Nichts, mag das Ereignis, dem die Erinnerung gilt, noch so folgenschwer gewesen sein. Die Noten von Beethovens Sonaten sind festgelegt und jederzeit zu erwecken; der Ton der Klaviere, auf denen er selbst sie spielte, ist späteren Generationen unwiederholbar, und wer je im Museum ein solches Instrument gehört hat, hört mit dem inneren Ohr jene Sonaten dann immer nur so. Die Noten sind in die Geschichte eingegangen, stehen als geistige Schöpfung fest und werden doch von jeder Generation anders gesehen; der ursprüngliche Klang bleibt zufällig irgendwo erhalten oder geht unter — so wie viele Tatsachen der Kulturgeschichte untergehen. Doch dafür tritt das Wesen einer Zeit aus allen ihren Aeusserungen gleichartig hervor. Wüsste man nichts von den Griechen, man könnte sich ihr Lebensgefühl allein vergegenwärtigen aus den masstabgetreuen Treppen, die im Pergamonmuseum aufgebaut sind, oder das Lebensgefühl des Rokoko aus den Treppen im Park von Sanssouci. Die Zeitung dient der Zeit nicht der Geschichte und noch weniger der Kulturgeschichte. Gute Journalisten geben wieder, was gute Beobachter erzählenswert fänden-; doch nur Dichter haben die Fähigkeit, aus der Fülle der Tatsachen die herauszusuchen; in denen eine Zeit sich nicht sieht, sondern darstellt. Und die Nachwelt lässt sich kaum je täuschen; aus vielen Zeichen sieht sie, was eineetwa bewusst gewollte Selbstdarstellung an unbewussten Zügen verschwieg. Doch bleibt es ein Unterschied, ob eine Zeitung das Bild ihrer Zeit bejaht oder ob sie auf ein neues hinstrebt. Die A. Z. wolte ihre Leser ändern, nach einem neuen Bilde formen. An einer geruhsam zufriedenen Schilderung des Bestehenden lag ihr nichts. Wenn ein Kritiker von Heines ..Rabbi von Bacherach" den Dichter unmutig anfährt: ..Was soll dieses ewige Wiederkäuen alter jüdischer Sitten?", so wäre schwerlich deutlicher der Unterschied auszudrücken zwischen der Tendenz, die Zeit darzustellen und die Zeit zu gestalten. Nur unwillkürlich oder polemisch erfährt man aus der Zeitung, wie die Zeit ist statt was sie will, so z. B., wenn 1837 die feierliche Einweihung eines Tempels beschrieben wird: von aussen ist das Gebäude gotisch, innen war „die Beleuchtung brillant, und man war schon feierlich gestimmt durch den Anblick, der sich darbot", — doch war der Eintritt nur Herrschaften gestattet, die sich ein Billett besorgt hatten. Zwölf Kommissäre, Söhne der angesehensten Häuser, „sämtlich schwarz und höchst elegant gekleidet, begleiteten jeden zu dem ihm angewiesenen Sitze." .üeber den religiösen Inhalt der Feier und über die Persönlichkeit des Rabbiners fasst sich der Gottes in der Gesehichte walten zu sehen, nicht zuletzt der unbewusste Trieb, alle Dinge jüdisch zu sehen und tu werten: das sind Merkmale, an denen di§ jüdische Tradition erkenntlich wird. Die Vorstellung einer Einheit des Menschengeschlechts, das Bekenntnis zur Humanitätsidee und zum Entwicklungsgedanken, die stark hegelisch gefärbte Ueberzeugung, dass es in der Geschichte vernünftig und sittlich zugehe, lassen sich dagegen vorwiegend auf Kultureinflüsse der Umwelt zurückführen, ohne jedoch in jedem Falle eines jüdischen Kernes zu entbehren. Grundgedanken der deutschen Klassik und liberalen Zeit gaben jedem höheren Denken der damaligen Zeit die Richtung. Daneben behielten die Leitsätze der jüdischen Ethik ihre Geltung. Philippson hat seine hier entwickelten Ideale bis an sein Lebensende hochgehalten. Seine Nachfolger in der Leitung der Zeitung vermochten dem jüdischen Geschichtsbewusstsein nicht mehr in gleicher Weise ein einheitliches Gepräge zu geben. Die zunehmende Säkularisiernug und fortschreitende Emanzipiernug des jüdischen Bürgertums hat bewirkt, dass die A. Z. in stofflicher Hinsicht reicher und mannigfaltiger wurde. Aber das ethisch-religiöse Band, durch das Philippson die Zeitung zusammengehalten hatte, wurde dadurch zerrissen. Die ethisch-erzieherische Losung musste dem Prinzip der Aktualität und der Vielseitigkeit weichen. Soweit m'an noch von einem einheitlichen Geschichtsbewusstsein sprechen darf, spiegelt die Zeitung in ihrer Epoche nach Philippson die Physiognomie eines scheinbar saturierten jüdischen Bürgertums wider. Aber in ihrem letzten Jahrzehnt werden anderseits — namentlich in den bereits erwähnten Uebersichten Ludwig Geigers — die Sturmzeichen eines geschichtlichen Schicksals vernehmlich, das erst in unserer Zeit über die Juden in Deutschland hereingebrochen ist. Berichterstatter kürzer: „sein Organ und seine Sprache sind vorzüglich''. Im gleichen Jahre starb in Posen der weltberühmte Rabbi Akiba Moses Eger. Er hinterlies« 15 lebende . Kinder und 1500 Schüler; seiner testamentarischen Anordnung gemäss wurde sein Tod durch die Zeitungen bekannt gemacht und gleichzeitig eine Bitte an seine Schüler, in welcher Weise sie, „lernend", seinen Todestag begehen sollten. — So gross waren die inneren Spannungen vor hundert Jahren. Die Zeitung zeigt demnach mehr die Kulissen der Zeit, weniger die Akteure; sie ist ein Sprachrohr, doch muss man aus der Rede auf den Sprecher zu schliessen wissen. In langer Reihe zieht eine wimmelnde Vielfalt von Gesichtern und Typen dieser hundert Jahre an unserem Blick vorbei, scheinbar ohne Zusammenhang, dennoch verbunden wie die Glieder einer langen Kette. Aus einer älteren Epoche ragen noch behäbige Gestalten herein, Bankiers, die bedeutende Talmudgelehrte und nebenbei ehrenamtliche Leiter einer Schule sind: die jüngere Generation sammelt sich in Brüdervereinen und ähnlichen Gesellschaften zu bildenden Vorträgen und zum Taroc-kspiel. Noch wirken die älteren Lehrer aus der Aufklärungszeit dünnlippig, gemessen, im hochgeschlossenen Rock mit einem fast protestantisch anmutenden Zug. Provinzkauf leute fahren mit der Geldkatze um den Leib über Land; Exporthäuser in den Hafenstädten legen die ersten Filialen in Australien an. Mitglieder der.,. Bürgerwehr von 1S48 gehen feierlich, im Zylinder, zur Wahl, begeistern sich für die Reden feuriger" Abgeordneter. Die Frauen lernen Französisch und Englisch, Tanzen, Klävierspielen, Romanlesen und feine Stickerei. Musikvirtuosen mit langer Mähne werden nach dem Konzert im Triumph durch die Strassen geführt, nachdem man die Pferde vor ihrem Wagen ausgespannt. Bescheidene bärtige Gelehrte ändern mit ihren Entdeckungen die Grund^- lage einer Wissenschaft, den Rhythmus der Zeit. Viele junge Menschen wandern aus., Handwerksmeister in der Kleinstadt werden Stadtverordnete, führen ein paar Dutzend Vormundschaften. Kleine Reisende finden auch im Aufschwung der Wirtschaft für ihre vielen Kinder nur kümmerliches Brot. Der bürgerliche Typ im neuen Reich ißt fürs Praktische, für breiten Lebensgenuss; in den Gründerjahren gibt es für witzige Börsenmakler Gelegenheit, Vermögen zu verdienen und zu verlieren. Man isst gut; Hausarzt, ist der alte skeptische Sanitätsrat mit Koteletten, der. Schopenhauer liebt, den Damen feine Komplimente macht und hinter lächelnder Bonhomie die grossen Ansprüche verbirgt, die er an sich selbst stellt.. Gesellschaftliche Schichtungen bilden sich; plötzlich ist eine Familie der andern nicht mehr fein genug. Journalisten, Universitätsprofessoren, Abgeordnete werden exklusiv: die Industrie beginnt, in grossem Stil für ihre Arbeiter zu sorgen. Stiftungen von Krankenhäusern, Schulen, Heimen sind nichts Seltenes mehr. Frauen finden auf dem Gebiet der Wohltätigkeit die Möglichkeit, den strenggeschlossenen Rahmen der Häuslichkeit zu erweitern, ohne ihn zu sprengen. Eine neue Generation wächst schon als Erbe heran, flüchtet aus der Industrie in die Literatur und zum Theater, weiht sich dem Sport. Soziale Damen sind wohltätig mit grossem Aufwand an Energie; es gibt Literaturabende mit lila Beleuchtung und, seit Ibsens Nora, viel unverstandene Frauen. Frauen dürfen studieren und wollen sich nicht mehr verheiraten lassen. Reformsynagogen führen, in feuersicheren Häusern, Sonntagsgottesdienste ein. Jüdische Antisemiten wenden zu einer nicht ganz seltenen Erscheinung, Menschen aus kleinen Städten verstehen die Grossstädter, Grossslädter verstehen Berlin nicht mehr. Noch immer gibt es aufopfernde Lehrer, schlichte Kaufleute, eine halb anonyme Menge, die hinter einer sichtbaren Oberschicht bescheiden auf jüdische Sitte hält. Auch in der Oberschicht fallen Beispiele plötzlicher Rückbesinnung auf, zunächst fast unverstanden: Gelehrte, Studenten. Die jungen Sportenthusiasten fahren Velociped oder Tandem; die Studenten tragen Schmisse; die ersten Gruppen der Jugendbewegung ziehen durch das Land. Dann lange Reihen von Soldaten, in gleichförmigem Feldgrau... Was wäre in diesem Strom der Formen und Typen als denkwürdig, tief, weiterwirkend in jüdischer Beziehung festzuhalten, dem Vergessen zu entreissen? Wir müssen es uns gestehen: wenig. Seitdem die Rabbinerversammlungen der vierziger Jahre eine stillschweigende Uebereinkunft erbrachten, dass man mit der „Modernisierung" der Religion vor gewissen zentralen 3n SSaumßdrfnerö a5utfjo<infcIung $u Seiestg ffl f» eien frföicnfit itnb aa alle foliie. .Sut&fjan&fangtn sctfenbtt »orbtn: IHc ltie& dun? JptJTUmfd) - rfltnantifrfK* €afd)entmrf) für 1849. 2Jon SBetnfc öon ©ufe<f. Zweiundzwaiizigster Jahrgang. Wlit 8 ©faf)ifiicf)en. Elegant geb. $rei* 2 St)Cc 10 iflgr. Snpalt: |)fls ^tnl> lJ£s panpt)itw. — &d)tuct5ifd) pannntcd)i. — ]$ic ^rcnc jnr ialjnr. (Aus der Kummer 46 vom C. November 1S4S.) Punkten — messianische Verheissungen im Gottesdienst, Hebräisch als Gebetssprache, Beschneidung u. a. — halt machen müsse, gab es keine echten inneren Kämpfe mehr, und trotz aller Rückzugsgefechte der Orthodoxie, in der ein umfassenderer Begriff des Judentums noch eine Zeitlang herrschend blieb, einigte man sich auf Judentum als reine „Konfession". Die Entwicklung war stillgelegt. Judentum wurde ein fester Besitz, eine genau umgrenzte Sache, die man pietätvoll hüten oder leichtherzig wegwerfen konnte, nach Belieben. In eiuer Schöpfung wie der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" (1872) sprach, neben echtem Bewusstsein von der Würde und Bedeutung alter Tradition, etwas von dem Wunsche mit, die Patina dieser Tradition, wie in den Magazinen eines Museums, dem lebendigen Gebrauch zu entrücken und doch pfleglich vor völligem Verstauben zu schützen; geeignete Stücke daraus w-usste man allenfalls zu apologetischem Zweckblank zu putzen. Erst der Centrai-Verein lehrte seit den neunziger Jahren breitere Schichten wieder, auf ihr Judentum stolz zu sein; und noch in dem bürgerlichen Kampf gegen :den jungen Zionismus lag, dicht neben einem echt religiösen Gefühl, das sich gegen Verwelthchung wehrte, jene Art von Unbehagen wie vor alten Familienbildern, wenn sie sich plötzlich anmassten, auf eine unangenehme Art lebendig werden zu wollen. Diese Entwicklung bringt es mit sich, dass die späteren Jahrgänge der „Allgemeinen'' etwas färb- und ausdruckslos,, pietät- und gemütvoll, sentimental und abgestanden werden, wo die ersten irisch, kernig, angriffslustig, ironisch und witzig waren. Die grosse Bewegung der Zeit, Politik, Geschäftsleben, Wissenschaft lag ausserhalb. Judentum wurde ein Fach, seine Zeitung zur „Fachpresse". Sollen wir die Chronistenpflicht so weit treiben, diesen Einzelheiten nachzuspüren? Ueberlassen wir es der Wissenschaft, wenn jene Zeit endgültig ins Museum wandert. Noch ist es, nebenbei gesagt, nicht so weit: haben wür auch den Zustand glücklich überwunden, dass Rabbiner sich nur Gehör verschaffen konnten, wenn sie Erbauung ins Gewand der Bildung kleideten, so ist es heute die Bildung, die, wie damals Judentum, bald zum toten Besitz erstarrt, bald ganz über Bord zu fliegen in Gefahr steht.... .........- ...Kehren wir also zuden Anfängen, der.Zeitung- .vor .hundert Jahren zurück, wo man im Guten wie im Bösen selbstbewußter war. Welche Meinung hatte diese Zeit von" sich? Neben den grossen Fanfaren der Leitartikel sind wieder die kleinen Notizen bedeutsam. In Frankfurt a. M. wird die Mischehe eines Juden — es ist ein damals bekannter Komponist — erstmals anerkannt, ohne dass einer von beiden Gatten die Religion wechselt-. In Hamburg bieten Täuflinge Spenden zum Bau .des neuen Tempels an; sie werden mit Dank entgegengenommen. Einem jüdischen Sheriff in London wird von einer jüdischen Abordnung, zu seinem Jubiläum ein prächtiger Kandelaber .überreicht: „Hierbei möchten wir," heisst es bei dieser Gelegenheit, „die. deutschen Israeliten auf den Umstand aufmerksam machen, dass die Sprecher ebenso wie der Gefeierte selbst sich ohne alle Umschreibung und. gewissermassen mit Stolz Juden nannten, was hier" — in London nämlich! — „jeder Israelit tut." Am deutlichsten kommt der Gegensatz zwischen den Schichten heraus, wenn in einer Einsendung einmal vondem sonst verpönten Gebiet des Aberglaubens der Schleier gezogen wird. Auch von den „moderner" Juden — „o sogar von Leuten, die das Anlegen der Tefillin für Narrheit erklären!" werden den Säuglingen Amulette gegen die böse Zauberin Lilit umgehängt; „aus Gemütlichkeit" behalten auch die Aufgeklärten, obwohl sie darüber lachen, diese Dinge bei und vermehren sie um Stücke christlichen Aberglaubens wie die Scheu vor der Zahl 13 oder die. Hoffnung, im Chor der Engel als Selige mitsingen zu dürfen und über den Sternen Wiedersehen zu feiern. — Man sollte sich Züge dieser Art vor Augen halten, ehe man leidenschaftliche Bekenntnisse zu „Abkehr" oder „Rückkehr" ablegt. Nur als Richiungszeiger sind solche . Worte sinnvoll und berechtigt; keiner könnte, selbst wenn er möchte, das 19. Jahrhundert aus sich entfernen, keiner es aushalten, in die Zeit, davor versetzt zu werden, so wie sie wirklich war. „Abkehr" heisst, soll sie fruchtbar sein, Bewahrung unter neuen Vorzeichen, und „Rückkehr" ist, mit alten Bauelementen — Neuschöpfung. Jene Zeit, die den sinnigen Namen B i e d e r m e i e r führt, hatte nicht weniger Kämpfe und nicht viel mehr Glück als heute; nur die Erinnerung richtet oder verklärt. Wie aus Millionen Rosenblättern ein Tropfen Rosenöl wird, so fasst die Nachwelt Millionen Schicksale, Wünsche, Gefühle und Hoffnungen zu einem Namen zusammen. Sie greift selten fehl darin, und insofern ist Geschichte nicht nur verklärte Erinnerung, sondern auch Gericht über die Vergangenheit. Die Zeitung aber, selbst wenn sie der Zukunft dient, spiegelt die Zeit. „Wird nach hundert Jahren das Kuriose selbstverständlich, das Selbstverständliche kurios, so findet die Nachwelt in den vergilbten Blättern dürre Stämme, die längst der Blitz erschlug, Blüten, die zu Früchten geworden, volle und taube Körner, geerntet oder weggeworfen,-und daneben frische keimkräftige Samen, damals aehtlos beiseite gestreut. Auch Kulturgeschichte ist, in Gegenbeispiel-und Beispiel, ein Weg zur Wirklichkeit. Kulturgeschichtliche Arabesken / von Hans Bach A t^^^m^m^ MOSSUL1 IRAN IH AM ED AN lAFSCHAftHKASCHSAI l^k nur Berlin C2 01 ABjyBMf r:521 MläWM\ 165, wrlmm-mSH.* aföhah 235,schibisäTipptotlrUWS*n