Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 18 (6.5.1937)
- Date
- 1937-05-06
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 * 6.Mail937 C.-V.-Zeitung Seite 17 Jüdisches Geschichtsbewusstsein / von Fritz Friedender „Wat der Mensch sei, sagt nur die Gcschichle" Dillhey. Wenn man bedenkt, dass die A. Z. fast ein Jahrhundert lang das Sprachrohr der Judenheit in Deutschland gewesen ist, könnte man versucht sein anzunehmen, dass ihre Spalten unter anderem den Spiegel und die abgekürzte Chronik der gewaltigen geschichtlichen Begebenheiten enthalten müssten, die jenes Jahrhundert erfüllten. Jedoch, sobald man in den zum Teil vergilbten und altersgrauen Bänden der ehrwürdigen Zeitung blättert, trifft man eine fortlaufende und systematische Darstellung der allgemein geschichtlichen Vorgänge nirgends an. Weder die Ereignisse der Weltgeschichte und grossen Politik, noch die der deutschen Nationalgeschichte, die zum Aufstieg und zur Gründung des Reiches führten, finden einen nennenswerten Niederschlag. Sofern sie überhaupt zur Sprache kommen, werden sie eigentlich nur in ihrer tatsächlichen oder vermutlichen Rückwirkung auf die jüdische Lage und Schicksalsgestaltung betrachtet. (Wenn Ludwig Geiger in der Spätepoche der Zeitung aligemein gehaltene politische Uebersichten veröffentlicht, so bemerkt er ausdrücklich, dass er es im Hinblick auf das Judentum tue.) Der Umstand, dass die allgemeine Politik des Staates und der Welt nicht selbständig behandelt wird, erklärt sich aus der besonderen Aufgabenstellung und Funktion, die schon damals eine jüdische Zeitung hatte. Sie durfte darauf verzichten, denn ihr jüdischer"Leser wurde durch die bekannten allgemeinen publizistischen Organe jener Zeit, die er regelmässig neben seiner jüdischen Zeitung las, über die öffentlichen Angelegenheiten aufs beste unterrichtet. Wenn auch somit die Tatsachen der allgemeinen Geschichte im Arbeitsprogramm der A. Z. in Fortfall kamen, so hat sie dennoch, gerade auf dem Gebiete der geschichtlichen Anschauung, eine bahnbrechende Rolle gespielt. Sie hat während derZeit ihres Erscheinens das jüdische Geschichtsbewusstseiii entscheidend beeinflusst, sie ist die Stätte gewesen, wo der jüdische Mensch des 19. Jahrhunderts in Deutschland zum geschichtlichen Denken erzogen wurde. Sie hat ihn gelehrt, den Blick über die Spanne des eigenen, kurzen, irdischen Daseins zu erheben und sich selber in den grossen Zusammenhang der Geschichte — der vergangenen und der geschehenden — eingeordnet zu fühlen. Sie hat in dem jüdischen Zeitgenossen jenes Gefühl für die Eigenart und Einmaligkeit des geschichtlichen Lebens erweckt, das wir nach neuer Gewohnheit als „Historismus"1 zu bezeichnen pflegen. Durch die Erweckung des Gefühls für die Eigenart der eigenen Epoche wurde der jüdische Gebildete, der zur Leserschaft der Zeitung zählte, instandgesetzt, mittels Vergleichung auch andere geschichtliche Zeiten und Völker in ihrer Besonderheit zu begreifen. Durch die erzieherische Wirkimg, die die Lektüre der Zeitung ausübte, traten damals die Umrisse eines neuen jüdischen Geschichtssbewusstseins schüchtern, aber deutlich in die Erscheinung. Zunächst das Gefühl des Verbundenseins mit den fortzeugenden Mächten der Vergangenheit einerseits und den künftigen Gestaltungen anderseits: dieses Geschichtsbewusstsein. das noch genauer zu bestimmen sein wird, bildet, wie der geistigen Linie des Blattes eindeutig zu entnehmen ist, ihren weltanschaulichen Ansatz. Sobald erst die Grundlage dieses allgemeinen Geschichtsbewusstseins gesichert war, hat die Leitung der Zeitung ihre besondere erzieherische Aufgabe darin gesehen, ihrem jüdischen Leser zu einer möglichst klaren^Erkenntnis der Zeit, in der er lebte, zu verhelfen. So darf man wohl sagen, dass die grundsätzliche inhaltliche Ausrichtung der Zeitung auf die Gewinnung einer Geschichtsanschauung der wirkenden Kräfte des 19. Jahrhunderts, auf die Konstruktion eines Geschichtsbildes der Emanzipationsepoche hinzielte. Was berechtigt uns aber, die Enistehung eines neuen jüdischen Geschichtsbewusstseins, insbesondere im Deutschland des vorigen Jahrhunderts, der geistigen Einwirkung der A. Z. zuzuschreiben? Sind nicht, von allen Seiten her, intellektuelle Kräfte am Werke gewesen, die auf die Bildung eines Geschichtsgefühls im jüdischen Menschen einen nachhaltigen Einfluss gewannen? Wer vermöchte es, den Umfang jener einwirkenden und gestaltenden Kräfte auch nur annähernd vollständig aufzuzeigen? Gewiss hat manche jener Kräfte bei der Bildung des jüdischen Geschichtsbewusstseins weit mehr in die Tiefe gewirkt, als eine Zeitung es je vermöchte. Man denke etwa nur an die grossen philosophischen Systeme, die Staatstheorien und Wirtschaftslehren des vergangenen Jahrhunderts! Aber keine der Kräfte hat so sehr in die Breite und in die Masse gewirkt wie dieses Blatt. Trotz nicht geringer Widerstände brachte die A. Z. es fertig, die von ihr vertretene Auffassung des geschichtlichen Lebens als das allgemein verbindliche Kulturniveau der gebildeten jüdischen Welt festzusetzen. Wer in den intellektuellen Zirkeln der jüdischen Gesellschaft im Deutschland des vorigen Jahrhunderts überhaupt mitsprechen wollte, musste sich mit der populären Geschichtsphilosophie, wie sie in den Spalten der A. Z. vorgetragen wurde oder zwischen den Zeilen zu lesen stand, einigermassen vertraut gemacht haben. Jede Zeitung, die überhaupt in Betracht kommt, ist der Ausdruck des Meinens und Fühlens ihrer Leserschaft. Denn auf der Uebereinstimmiing von Redaktion und Publikum beruht die Wirkungsmöglichkeit der Zeitung als eines Trägers der öffentlichen Meinung. Das, was daher aus den wesentlichen Aufsätzen der A. Z. zu uns spricht, ist die von berufenen Wortführern geprägte Geistesform der Emanzipationsjudenheit in Deutschland, Niederschlag ihrer geschichtlichen Auffassung vom Wesen ihrer Zeit. Es ist vor allem die grosse und richtungweisende Persönlichkeit ihres Begründers und ersten Herausgebers gewesen, die dem jüdischen Geschichtsbewusstsein der Epoche die tiefsten Impulse gegeben und das geschichtliche Fühlen seiner Zeitgenossen sozusagen auf einen Generalnenner gebracht hat. Als Ludwig Philippson sein Blatt im Jahre 1837 zum erstenmal erscheinen Hess, sprach er mit letzter Klarheit aus, worum es ging und worauf die geistigen Kämpfe im Judentum seiner Zeit letzten Endes abzielten. WTas bedeutet uns — so fragt er aus geschichtlicher Perspektive heraus — Judentum, und an welcher Stelle seiner vieltausendjährigen Geschichte befindet es sich? Solange als noch nicht die Einheit des Menschengeschlechts verwirklicht worden ist, wird das Judentum als r e 1 i g i ö s e , solange als noch nicht die Emanzipation restlos vollzogen;: . Ludwig Philippson. etwa zur Zeit der Zeitungsgründung worden ist, wird das Judentum als nationale Individualität weiterexistieren. Nicht auf Absonderung von der übrigen Welt deute das Erscheinen einer neuen jüdischen Zeitung hin, sondern auf die Notwendigkeit, jene religiös-nationale Individualität in der Oeffentlichkeit zu vertreten. Im Sinne einer gemässigten Reform hält er den Ausbau und die Fortentwicklung der jüdischen Religion für ein geschichtliches Erfordernis der Zeit: man solle die .religiösen Institutionen des jüdischen Altertums in die neuere Zeit hinübertragen und gegen die Forderungen der neueren Zeit geltend machen. Drei kardinale Prinzipien sind es, die Ludwig Philippson durch das Medium seiner Zeitung zu tragenden Pfeilern des jüdischen Geschichtsbewusstseins der Emanzipationszeit gemacht hat: die Erhaltung und die Entwicklung des Judentums sowie den Kampf um seine Gleichberechtigung. Wollen wir den erheblichen Einfluss, den er als Erzieher zum geschichtlichen Denken ausgeübt hat, in seinen Auswirkungen ermessen, so kommen wir nicht umhin, uns mit den Lösungen, die er zu jedem der drei angeführten Grundprobleme gegeben hat, vertraut zu machen. In jener" trüben Zeit des Glaubensabfalls und der Massentaufe, der religiösen Gleichgültigkeit und Entjudung — der bösen Kehrseite der Emanzipationsepoche — hält Philippson, von der Glut eines gläubigen Herzens beseelt, das Panier der messianischenldee empor: das Judentum müsse zu einem besonderen Endzweck erhalten bleiben, weil sonst der göttliche Verstand in der Geschichte fehlen würde. Er unterscheidet deutlich den wandelbaren und den unwandelbaren Gehalt des Judentums. Der jüdische Kultus, der vielfach noch in der mittelalterlichen Vergangenheit wurzele, sei geschichtlichen Wandlungen unterworfen. Dagegen behaupte sich der moralische Inhalt des Judentums, gekennzeichnet durch den grossen Grundsatz der Liebe, unveränderlich im Ablauf der Völker und Zeiten. Setzt er sich also mit voller Ueberzeugungskraft für ein bedingungsloses Festhalten am Judentum ein, so gibt er anderseits zu verstehen, dass ohne lebendige Fortentwicklung ihm ein Fortbestand des Judentums nicht möglich/erscheint. Hierin-wird die Annäherung an das allgemeine Denken seines Jahrhunderts, in dem die Idee des Fortschritts, der Entwicklungsgedanke hervortraten, ganz unverkennbar. Der Zustand der Assimilation — die geschichtlich so bezeichnete Lebensform des Juden während der Emanzipationszeit — stellte ihn, wie Philippson klar erkannte, vor die unendlich schwere Aufgabe, die e i g e n e Art zu b e w ahren, o h ne sich derUmwelt zu versc h Hessen, sie notigte ihn eben, nach einer Synthese zwischen eigener Welt und Umwelt zu streben. Zunächst war dies auf dem Gebiet des Glaubens und der Religion unerlässlich: das Judentum durfte nicht stillstehen, seine Glaubens- und Sittenlehre musste sich mit den bahnbrechenden Errungenschaften der modernen Weltanschauung und Philosophie auseinandersetzen, um zur Ausbildung eines eigenen Standpunkts zu gelangen. Das Ergebnis, das jene Auseinandersetzung zeitigte, sieht Philippson in der Form eines Jude-seins enthalten, die sich zwischen stabil-orthodoxem Judentum und sogenanntem Reformjudentum die Waage hält. Er, und er nicht allein, nennt jene Form „geschichtliches Judentum." Auf der Mittagshöhe des Lebens, ISoo, sehen wir ihn bemüht, in einem Artikel seiner Zeitung den Begriff des „geschichtlichen Judentums" für das jüdische Geschichtsbewusstsein zu klären. Den Orthodoxen hält er entgegen, dass das geoffenbarte göttliche Wort nicht mit einem Male in die Welt gekommen sei. Unter „geschichtlichem Judentum" seiner Zeit versteht er ,.o,as aufrichtige und lautere Streben und Ringen, das geofferfbarte göttliche Wort auf dem Boden des bisherigen geschichtlichen Judentums innerhalb der Geistesrichtung und der Verhältnisse der Jetztzeit zur Auffassung und zur Verwirklichung zu bringen." Die Forderung nach einer Assimilation wird hiermit zunächst für den religiösen Bereich erhoben. Es entsprach dem durchläufigen Optimismus der damaligen Zeit, wenn Philippson in seiner gläubigen Zuversicht eine solche Synthese nicht nur auf religiösem, sondern auf allen Lebensgebieten für möglich hielt. Denn als stets wiederkehrendes, wenn auch stets variiertes Leitmotiv legte er seiner Zeitung die Auffassung zugrunde, dass die"innere Emanzipation — die religiös-kulturelle durch die äussere Emanzipation — die staatsbürgerliche Gleichstellung — ergänzt werden müsse. Aus der Vorherrschaft der Zeitideen der Freiheit, des Fortschrittes und der Entwicklung leitet er das moralische Recht auf Erfüllung der staatsbürgerlichen Emanzipation ab. Es ist die allgemein bekannte Synthese zwischen dem Gedankensystem der deutschen liberalen Bewegung und dem sittlich-religiösen Empfinden des gemässigt-reiormierten, „liberalen" Judentums, die damit vollzogen wird. Es entspricht dem optimistisch-zuversichtlichen Zuschnitt des liberalen Weltgefühls, wenn Philippson an der vollen Realisierbarkeit der Emanzipation nicht zweifelt. Aus der Tatsache, dass das Judentum, dessen Kraft der Welt zum Erstaunen gereiche, bei fortschreitender Emanzipation in einem moralischen Aufstieg begriffen sei, sowie aus dem geschichtlichen Umstände, dass die modernen Religionen, entsprechend der jüdischen, sich mit Kultur und Bildung verbunden hätten, schöpft er die Hoffnung auf ein allmähliches Verschwinden der Judenfeindschaft. Solange diese Hoffnung sich nicht erfüllt hat, betont er anderseits die Notwendigkeit, das Judentum gegen Angriffe zu verteidigen. Zwei bezeichnende Momente der Emanzipationsideologie treten somit in den Vordergrund: ein messianisch-tiberal zu nennender Glaube an den Kulturfortschritt sowie der Zwang zu apologetischer Haltung auf jüdischer Seite. Mit feinem Instinkt macht Philippson ausserdem auf eine schwere kulturelle Gefahr der Assimilation aufmerksam. Er äussert die Besorgnis, dass die hebräische Sprache und jüdische Literatur infolge der Hochhaltung des europäischen Kulturguts in Vergessenheit zu geraten drohen. Deshalb setzt er sich nachdrücklich für ihre Wiedererweckung ein. i845 veröffentlicht er eine grosse Aufsatzfolge „Blicke auf die grossen Zeitfragen vom Standpunkte des Judentums." Sie stellt den bemerkenswerten Versuch dar, zum Wesenskern der eigenen Epoche vorzudringen und die Rolle des Judentums in der damaligen Welt eindeutig zu bestimmen. Philippson hält Umschau. Er entdeckt einen tiefen Riss im Gefüge der Zeit: die Elemente der Gesellschaft sind in Widerstreit geraten. Eine tiefe Disharmonie geht durch die Zeit. Nur eines kann zur Rettung taugen. Die Religion. Und zwar die Religion im universal e n Sinne, die keine Sonderexistenz führt, sondern Staat und auch Gesellschaft wechselseitig durchdringt. Die Schäden, die die Politik angerichtet hat, vermag nur die Religion zu heilen. Da die Grundfragen der Moral durch die göttliche Offenbarung auf immer entschieden wurden, seien auch die Grundfragen der Gesellschaft, die auf der Moral basiert, auf immer entschieden worden. Das ist nun das Grosse an der Haltung Philippsons, dass er in einer Zeit der Glaubensindifferenz und Ungläubigkeit an der Vorstellung der universalen Anlage der jüdischen Religion im oben bezeichneten Sinne uneingeschränkt festhält. Er erblickt die. Bestimmung . des Judentums darin, die Religion des ganzen wirklichen Menschenlebens zu sein, die'sowohl das moralische Lebendes Individuums als auch das soziale Leben in der Ge-^ Seilschaft regele. Durch Vergleichung mit der allgemeinen Anlage der Menschengeschichte sucht er sodann das Bild des Verlaufs der Jüdischen Geschichte ins Bewusstsein der Mitwelt zu heben. WTährend, nach seiner Ansicht, in der allgemeinen Weltgeschichte von Indien, Aegypten Likörfabrik Eduard SÜSSkind Weingroßhandlung Fordern Sie unverbindlich meine Preisliste an. 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