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Central-Verein-Zeitung · 1937-05-06 · 18 (6.5.1937) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
18 (6.5.1937)
Date
1937-05-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 5 C'-V.-Zeifung Nr. 18 * 6.Mail937 Aj21 Quell der Ideologie!! / Von Eva Reichmann.Jungmann „Correspondenzen und Auszüge" aus Journalen, die sich" wissenschaftlich über Tatsachen jüdischer Religion und Geschichte äussern; aber auch schon apologetische „Repliken" in der Auseinandersetzung mit einer Wissenschaft, die dem Judentum Existenz und Bildungsfähigkeit bestreitet. In den 30er und 40er Jahren tritt dieser Excerpt- und Korrespondenzcharakter auffällig gegenüber den selbständigen wissenschaftlichen Arbeiten in den Vordergrund. ^Zeitschriften wie die „Zeitschrift für' die elegante Welt" und die „Dresdner Abendzeitung" werden -ebenso von dem charakterisierten Gesichtspunkt aus durchgesehen und ausgezogen wie die „Jenaer Literatur-Zeitung", also ein gelehrtes Rezensierorgan. Zu den im Erscheinungsjahr der A. Z. unter Pseudonym erschienenen „Neunzehn Briefen über das Judentum" nimmt sie nicht selbst Stellung, sondern druckt die Rezension eben dieser „Jenaer Literatur-Zeitung" ab. Wir würden übertreiben, wenn wir diese Art, die Zeitung zu redigieren, ausschliesslich ideologisch erklärten. Auch der Mangel an geeigneten, das heisst wissenschaftlich geschulten Mitarbeitern hat in den ersten Jahrengewiss eine Rolle gespielt. Manche jüdische Zeitschrift ist damals und. später fast auschliesslich vom Herausgeber allein oder von ihm-und. wenigen Mitarbeitern geschrieben worden. Die Mitarbeiter sind dann allmählich zahlreicher gekommen. Die wissenschaftliche Heranbildung der Rabbiner und Lehrer hatte Fortschritte gemacht, und sie, die auch einen beträchtlichen Teil der Leser darstellten, waren am stärksten auch unter den Mitarbeitern vertreten. Die meisten Zeitschriften, die damals unter ähnlichen Umständen arbeiten mussten, bei denen der Herausgeber in der ersten Zeit nur wenige zuverlässige und brauchbare Mitarbeiter hatte, haben sich zunächst so geholfen, dass sie sich aus dem Kreis der Leser Korrespondenten heranzogen. Die A. Z. hat lange dieses System, gerade für ihre wissenschaftlichen Mitteilungen, beibehalten. Sie "brachte den Stoff in einer Weise, die uns fremd geworden ist, lokal gegliedert. Aus den Städten Deutschlands;imd aus dem Ausland berichten die Korrespondenten unter dem entsprechenden lokalen, manchmal dem Gegenstand gegenüber ganzzufälligen Rubrum über ein Buch, über die Arbeit eines Gelehrten, über eine Polemik. Aber mehr und mehr wird später diese Redigierweise aufgegeben. Der Kreis der Mitarbeiter erweitert sich. Wenn auch die jüdischen Wissenschaftler, also der Rabbiner und Lehrer, noch lange vorwiegend bleiben, so treten doch dann auch andere, Universitätsprofessoren (Richard M. Meyer) und freie Schriftsteller, von Brandes herunter bis zu denen von kleinerem Format, in den Stab der Mitarbeiter ein. Die Themenauswahl und der Gesichtskreis werden durch diese neuen Menschen, die von andern Aufgaben her das Jüdische in Sicht bekommen, weiter, ohne dass die jüdische Haltung und das Niveau Einbusse erleiden. Der Verfall des wissenschaftlichen Niveaus erfolgt, als die Popularisierungsteiidenzen stärker werden und der Rahmen der .Zeitung für eine Wissenschaft die sich auch neue Ziele setzt, zu eng wird. Die Artikel mit der Ueberschrift „Das Judentum und . . ." (nach Belieben auszufüllen) werden häufiger, und man spürt, dass hinter den meisten Aufsätzen, die wissenschaftlich sein möchten, nicht mehr der ursprüngliche Impetus wissenschaftlicher Forschung steht. Sie sind aus zweiter Hand gefertigt, nach der Methode, die für viele Artikel unseres heutigen Zeiiungswesens ein junger Journalist, sich selbst ironisierend, in diesen Tagen mit den Worten kennzeichnete „Vom-Lexikon in ..." (folgt der Name der Zeitung, für die er schreibt). Auf diesem Wege, von ihrer Begründung bis zu ihrem Ende, hat die A.Z.« in den verschiedenen Jahren stärker "oder schwächer, ihre Verdienste um die Wissenschaft gehabt. Sie hat der Wissenschaft gegenüber zu allen Zeiten eine Verpflichtung gefühlt. Sie hat sich nicht darauf beschränkt, im Rahmen ihrer allgemeinen Informationspfüchten auch über Wissenschaft und Wissenschaftler zu informieren. Sie hat auch diese Aufgabe übernommen, und so spiegelt sich in den Jahrgängen der Zeitung eine Entwicklung wieder, die innerhalb der Wissenschaft des Judentums selbst von den Anfängen bis zu verzweigter und spezialisierter Arbeit und mannigfaltigen Institutionen dieser Wissenschaft in den verschiedenen Länder führt. Sie ist auf der anderen Seite, in den Grenzen, die wir dargestellt haben, selbst ein Organ der Wissenschaft gewesen. Und sie hat sich schliesslich in ihrer ganzen Haltung den Gedanken wissenschaftlicher Wahrheit und Unabhängigkeit zum Vorbild genommen. Die jüdische Presse hat heute in Deutschland Aufgaben, die in ihrer Art und ihrer Grössenordnung sich mit denen, die in früheren Jahren der jüdischen Publizistik gestellt waren, kaum vergleichen lassen. Auch gegenüber der Wissenschaft hat sie neue Aufgaben, und von der Wissenschaft her bieten sich ihr, auch für Aufgaben ausserwissenschaftlicher Art, schöne und neue Möglichkeiten. Eine prinzipielle Erörterung dieses Fragenkomplexes wäre nützlich und ist schorT lange vonnöten. Wenn auch der Weg der A. Z. nicht mehr gangbar ist. so würden doch Anregungen in Fülle von ihr zu haben sein, wenn man in eine neue Prüfung der Frage Jüdische Presse und Jüdische Wissenschaft eintritt. IIIIIIIIIIH In Metz assen wir zu Mittag in einer jüdischen Restauration; der Weg dahin führte uns durch mehrere Gassen, worin lediglich Juden wohnten, die Ideinen Schacher (mit alten Kleidern usw.) trieben. — Doch waren diese nur Leute in vorgerücktem Alt.:r, die jüngere Generation befleissigt sich fast durchaus eines Besseren. — Französische Juden, die in öffentlichen Aemtern angestellt sind, erkennt man kaum; die höhere Aemter Fungierenden dienen mit allgemein anerkanntem Eifer und mit grosser Treue und wissen sich in ihren Stellungen Achtung und Liebe zu verschaffen. — Nicht einen Laut, ich kann es ihnen heilig versichern, hörte ich' während meines zehnwöchigen Aufenthalts in Frankreich,' woraus ich einen Judenhass nur im Entferntesten verspüren konnte. Ein Freund, der schon längere Zeit in Frankreich sich aufhielt, und den ich darüber betrug, erzählte mir, dass er einst in Paris, als ein Jude vorüberging, einen Mann, selbst aus gewöhnlichem Stande, mit dem er gerade sprach, fragte: c'etait un juif? und die Antwort erhielt: cela se peut, mais dans la France on ne dit pas, cetait un Juif, on dit toujours, c'etait un Francais. (Aus der Nummer 9 vom 20. Mai 1837. Zitat aus Semilassos - Fürst Püc/der-Muskau - „In Afrika".) Mai 1S37. Die A.Z. stellt sich vor, und schon ist sie ganz sie selbst. „Was heis'st das Judentum?" fragt sie auf der zweiten Seite ihrer ersten Nummer. Und sie antwortete ganz gegenwärtig, ganz fortschrittlich, ganz zukunftssicher^ Judentum ist ein Mikrokosmos der Weltgeschichte, an seinem Schicksal zeichnen sich alle Phasen der Menschheitsentwicklung ab. Die erste war die der staatlichen' Existenz, die zweite die der Zerstreuung und Unfreiheit. Die dritte ist die Emanzipation, d. h. die Verwirklichung der ..allgemeinen menschlichen Gesellschaft", „die alle Völker umfasst". Das ist die A.Z.: eine Künderin der Judenemanzipation aus freudiger Ueberzeugung, aus dem durch spätere Erfahrungen noch nicht erschütterten Bewusstsein, mit den Besten der Umwelt im gleichen Schritt zu marschieren: eine Verfechterin der Menschenwürde mit glückhafter Sicht auf den baldigen Sieg der guten Sache. Denn „das Licht ist längst angebrochen, und im Licht des Tages stehen wir da, und das Licht ist unser Freund". Als dann etwas später im Gründungs-jahr in einem durch sieben Nummern hindurch fortgesetzten Artikel die „Grundsätze der Redaktion" entwickelt werden, gibt das Grundgefühl der Einheit zwischen dem eigenen jüdischen Streben und der Entwicklungsrichtung der Umwelt zu einer sehr bezeichnenden Fragestellung Anlass. Bedeutet nicht, so beginnt man zu zweifeln, die Gründung einer jüdischen Zeitung eine unerlaubte Absonderung in diesem Kampf, der doch Juden und Christen gemeinsam ist? Man antwortet: Nein! Die religiöse Besonderheit gibt uns ein Recht dazu. Und solange die Gleichberechtigung noch nicht vollzogen ist, gibt es auch noch andere Sonderinteressen, die sich allerdings nur noch auf das Emanzipationsstreben selbst beziehen. ..Nationale Besonderheiten" nennt Philippson in Anlehnung an die herkömmliche Ausdrucksweise an dieser Siehe die über das Religiöse hinausreichenden Bindungen, die nur noch anerkannt werden, um zu ihrer eigenen Aufhebung den Weg zu bahnen. Aber von Anfang an erschöpft sich das Wesen der Zeitung nicht in ihren nach aussen gerichteten Zielen. Schon frühzeitig und folgerichtig erarbeitet sie sich die Linie, von der aus sie später Gabriel Riesser gegenüber das blosse Rechtsprinzip als eine ungenügende Grundlage des Eintretens für die jüdische Sache bezeichnet. Zwar dient auch die nach innen, auf das Judentum selbst gerichtete Arbeit zu einem guten Teil dazu, es moralisch zu heben, es mit den geistigen Gütern Europas vertraut, in einem Wort also: emanzipationsfähig zu machen: aber ein anderer, sehr wichtiger Teil dieser Arbeit kommt unmittelbar und ohne Bück nach aussen der jüdischen Vertiefung zugute. Es war eine Erziehung gegen die Zeit, die so geleistet wurde. Die allgemeine Bewegungsrichtung ging auf Eingliederung, Aiigleichung, auf Lösung alter Bindungen, auf Vergessen jüdischer Form und jüdischen Inhalts. Inmitten dieser überstürzten Entwicklung Einhalt geboten zu haben, ist eines der historischen Verdienste der A.Z. Sie nahm es — das wurde bereits deutlich — an Emanzipationsbewusstsein mit jedem Eiferer auf, sie war Wortführerin und Wegbereiterin des bürgerlichen Fortschritts. Aber' sie liess sich von dem „Licht des Tages", dem "sie zujubelte, nicht blenden. Es schärfte ihren Blick auch für die Verluste an jüdischen Werten, mit denen der Vormarsch in die Umweltskultur teilweise erkauft wurde, und, unbekümmert auch um eine mögliche Gefährdung seiner. Errungenschaften, liess sie nicht davon ab. die jüdische Rückbesinnung zu fordern. Gleich in einer der ersten Nummern ruft sie die Juden „von dem verderblichen Pfade des-Indifferentismus"'' zurück, kritisiert den Abfall nach Generationen und hält 1844 dem sich lockernden jüdischen Leben der - Grossgemeinden, in denen es der Konkurrenz von Wissenschaft, Kunst, Politik, Gesellschaft, vor allem aber den gesteigerten Anforderungen des wirtschaftlichen Vorwärtsdranges zu erliegen droht, den Spiegel der gesünderen Kleingemeinden entgegen. Die Pflege jüdischen Wissens und jüdischen Schrifttums ist ein immer wiederkehrendes Anliegen, jüdische Erziehung ein Gegenstand eifrigster Förderung. „Die Emanzipation kann und darf nicht allein die politische Stellung erfassen. Eine andere Emanzipation ist für die höheren Schichten der Judenheit notwendig: sie müssen zum Judentum zurückgeführt werden."' Und die Forderung steigert sich zum Kampfruf: „Wir wollen keine Juden, die nichts sind als NichtChristen, als nur noch politische Juden!"' Es war sehr unpraktisch damals, so zu reden, gar nicht opportunistisch und politisch klug. Denn die Umwelt war der Entjudung günstig und baute der Selbstverleugnung goldene Brücken. Deshalb muss es als Beitrag zur Antikritik der Emanzipation festgehalten werden, dass Philippson und seine A.Z. den Lockungen widerstanden und sich in stürmischer Zeit als jüdische Erhalter bewährten. Sie waren eben bei allem Modernismus und aller Zeitgemässheit so herrlich reaktionär! Wird irgendwo zum erstenmal deutsch gepredigt, so zollen sie — mit Recht — ihren Beifall. Wird ihnen gemeldet, dass in Königsberg (1847) im Beisein vieler Christen der erste jüdische Sonntagsgottesdienst stattgefunden habe, dass ..Christen und Juden gemeinschaftlich, oft ein Christ und ein Jude zusammen aus einem Liederbuch" (!) gesungen haben, so lächeln sie — was schon bedenklicher ist — wortlos Zustimmung. Aber im grundsätzlichen Zuge der Reformbewegung, die di e religiöse Frage der Zeit ist, hält die Zeitung sehr bewusst und unbeirrt eine gesunde mittlere Linie. Sie steht gegen Radikalismus von rechts und links, gegen, eine apologetische Begründung der religiösen Reform, gegen ihren Missbrauch zu politischen Zwecken, für eine organische Entwicklung vom „Boden der Vergangenheit und des Bestehenden" aus. In dieser Mittelstellung offenbart sich in der Sprache und an der jeweiligen Fragestellung der Zeit der Wesenszug der Zeitung, der sie durchgehend bestimmt. Ob es sich um Auseinandersetzung mit einem „terroristisch - reformatorischen" Flügel in Breslau handelt, dem man die Preisgabe des persönlichen Messias und den teilweisen Verzicht auf Sabbath und Speisegesetze nicht durchgehen lässt, ob man Gabriel Riesser zuruft: „Es wäre Verrat an der Menschheit, wollte das Judentum seine Besonderheit aufgeben!" — immer kommt bei aller Fortschrittlichkeit ein Widerstand zum Ausdruck, der sich gege.i Uebertreibungen .wehrt. Gesundes Augenmass und bemerkenswerte Instinktsicherheit sichern vor einem Abgleiten ins nur Negative. Unbewusst steuern sie das ach! so helle und aufgeklärte Bewusstsein der Zeit. Man erklärt feierlich und aus ehrlichster Ueberzeugung, dass man „jede Eigentümlichkeit verbannen möchte, die nicht unbedingt zur jüdischen Religion gehört"; aber wenn man „Blicke in die Geschichte des Geistee des jüdischen Volkes" tut, dann ist man von jedem Schematismus weit entfernt und bemüht sich ohne Scheuklappen um eine vertiefte Erkenntnis der jüdischen Geschichte, des jüdischen Daseins und des Geheimnisses der jüdischen Erhaltung. Man bekämpft zwar Jargon und jüdische Schrift im eigenen Lande und erlebt mi\ selbstverständlicher und tiefer Anteilnahme die kleinen und grossen vaterländischen Ereignisse; aber man ist weit davon entfernt, etwa die Zusammenhänge mit dem jüdischen Osten und den Juden anderer Länder zu leugnen oder zu zerreissen, man bekennt sich zu seiner geschichtlichen Vergangenheit, und man kommt auch nicht im geringsten in Verlegenheit, wenn von Palästina die Rede ist. Im Gegenteil: man berichtet oft und gern darüber. So wird der im Gründungsjahre verkündete Programmpunkt der Schriflleitung, „die gegenwärtige Wirklichkeit Israels ganz nahezubringen", das „Verbindungsniittel zu sein zwischen den zerstreuten Gemeinden Israels", schrittweise erfüllt. Als das Judentum die Schwelle der europäischen Welt betrat, war es seiner religiösen Kraft so sicher, dass es sich dieser Welt als Religion verständlich zu machen suchte und sich selbst als solche verstand. Aber die Ungleichzeitigkeit, die durch das späte Oeffnen der Ghettotore zwischen seiner und der europäischen Entwicklung eingetreten war, brachte es mit sich, dass die Verständigung nicht reibungslos vonstatten ging. Aufklärung und Säkularisierung hatten in manchen Schichten der deutschen Oeffentlichkeit das religiöse Argument schon entwertet, als die Juden und ein Teil der Nichtjuden es noch als unangefochtene Wahrheit im Kampf der Meinungen verwandten. So erklären sich die'Missverständnisse, die sich um den Begriff des „Nationalen" im Judentum entwickelten und deren Niederschlag auch in der A.Z. zu finden ist. Es kommt dazu, dass der Ausdruck „Jüdische Nationalität" zunächst von antisemitischer Seite benutzt wurde, um eine Sonderstellung der Juden zu rechtfertigen. Die A.Z. lehnt ihn entrüstet ab. „Denn sonnenklar und logisch richtigst ist es", schreibt sie 1842 in einem Aufsatz, „wenn eine Masse die Nationalität verleugnet, so besitztsie keine." Und schon die Tatsache, dass man mit dem Bekenntnis zur deutschen Nation zunächst gar keinen Vorteil, sondern nur die Militärpflicht eintausche, beweise, dass es echt ist 1S62 erscheint dann Moses Hess' „Rom und Jerusalem", ein Wegbereiter des jüdisch-nationalen Gedankens. Die Kritik aus der Feder Meyer Kaiserlings ist heftig abwehrend. Philippson schliesst sich ihr an. Als dann der eigentlich politische Zionismus auf den Plan tritt, bleibt die Ablehnung bestehen und findet ihren Ausdruck in den danach jahrzehntelang zum eisernen Bestand der innerjüdischen Auseinandersetzung gehörenden Argumenten: „Wir bestreiten also ausdrücklich eine Einheit der gesamten Judenheit, die wir mit unserer Stellung als deutsche Staatsbürger für unverträglich halten... Eine Judenfrage gibt es für uns nicht, sie ist ein Hirngespinst der" Antisemiten und — Zionisten." Daneben werden alle auf jüdische Positivierung gerichteten Bestrebungen der Zionisten gutgeheissen. Man spricht ihnen zwar die ürsprünglichkeit ab, ist aber dankbar dafür, dass sie mit neuem Nachdruck vertreten werden. Herzls „Judenstaat" wird sehr eingehend und keineswegs fanatisch gewürdigt; man nimmt den Zionismus' ernst, wenn man ihn auch als „utopistisch'und un jüdisch" ablehnt, und unterstützt das Streben nach einer Besiedlung Palästinas. Vollends einig weiss man sich in politischen Fragen: „Auf politischem Gebiet wiederholen die Zionisten die alte Forderung einer vollständigen Durchführung der Gleichberechtigung; der betreffende Programmpunkt zeigt sogar die gleiche Fassung wie der diesbezügliche Punkt im Programm' des dem Zionismus entgegengesetzten »Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens'.*' Ja, der war unterdessen auch gegründet worden. Man kann sagen, er war die Forlsetzung der A.Z. mit anderen Mitteln — so eng schlössen sich seine tragenden Ideen an den Geist 'des Blattes an. Ein Anlang 1893 erschienener Aufsatz von Dr. J. Kastan „Generalversammlung deutscher Israeliten", in dem Selbstverteidigung im Lichte der Oeffentlichkeit gefordert wird, kann geradezu als Grün dungsauf ruf betrachtet werden. Trotzdem wahrt auch gegenüber diesem Stück Fleisch von ihrem Fleische die Zeitung ihre innere Unabhängigkeit. Wo der Pendelausschlag der neuen Bewegung zu sehr ins Radikale abirrt, setzt sie ihr regulierendes Schwergewicht ein. Der Schrift, um die die Männer des Centraivereins sich sammelten, „Schutzjuden oder Staatsbürger?" tritt sie mit scharfer Kritik gegenüber. Sie war zu weit ins Reformistische vorgestosseu, war vom Talmud abgerückt und von den Grundlagen der Ueberlieferung. Ganz besonders der Passus: „Unser Glaube und unsere Moral beruhen nicht auf den Lehren vergangener Jahrhunderte", ruft heftigen Widerstand wach. „Mit Verlaub — das ist nicht wahr", ruft die „Allgemeine Zeitung des Judentums" und bekennt sich feierlich zu den jüdischen Quellen. Auch als Emil Lehmann später in seiner Streitschrift „Der Deutsche jüdischen Bekenntnisses" eine gar zu stürmische Lösung von historischem „Ballast" fordert, mahnt sie bei aller grundsätzlicher Zustimmung massvoll zur Ruhe. Mächtiger freilich als die geistige Verwandtschaft zwischen Centraiverein und „Allgemeiner Zeitung" sind Stimmungen und Verstimmungen über organisatorische Lappalien: „In einer Versammlung des Centraivereins deutscher Staatsbürger" lesen wir in einem Wochenbericht aus 1893, „über die zu berichten wir keine Veranlassung haben, da unser Blatt nicht eingeladen war . . ." Und in der Kritik, die dann doch folgt, grollt noch die Entrüstung über die nicht erfolgte Einladung. Wir lächeln — es hat sich nichts geändert! In der Festnummer, die zum 50. Jubiläum erschien, werden Leistungen und Erfolge des Blattes ausführlich gewürdigt. „So ist die Geschichte der Allgemeinen Zeitung des Judentums* eigentlich die Geschichte der Juden und des Judentums im letzten halben Jahrhundert", heisst es zum Schluss. Wir haben au dieser Stelle nur die Linien der Geschichte nachgezeichnet, die — um einen weniger schönen als umfassenden Ausdruck zu gebrauchen — die „Jüdischkeit" des Blattes darstellen: sein kluger Ausgleich zwischen links und rechts, seine vorwärtstreibende Wucht, wo es als Juden in die Umwelt hineinzuwachsen galt, seine heilsame Bremswirkung, wenn die Fahrt zu stürmisch wurde. In einer Zeit, die in überstürztem Tempo die Menschen aus ihren alten Bindungen herausriss, entwickelte die Zeitung tatkräftig und erfolgreich Gegenströmungen, die zur jüdischen Mitte hinzogen. Bis in die jüngste Gegenwart hinein wird eine Bestandsaufnahme 'des Lebens der Juden in Deutschland die Auswirkungen dieser Kraft jüdischer Sammlung dankbar feststellen können. t.PP,xrrz:teppichhäus zentr um B,r,,nvv^-sl«'-"28

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