Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 18 (6.5.1937)
- Date
- 1937-05-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 * 6. Mai C.-V.-Zeitung Seite 3 «tttö* Die vier Redakteure / Von Ernst Fraenkel Die Geschichte der A. Z. ist die Geschichte der Juden in Deutschland während eines Jahrhunderts, das, voller Spannungen und Entladungen auf allen Gebieten des politischen, kulturellen und religiösen Lebens nicht nur die Karte Europas mit ihren nationalen und völkischen Grenzen, sondern auch seine Physiognomie umgestaltet und in sein Antlitz die den einzelnen politischen, religiösen und sozialen Gruppen wesenseigenen Züge eingegraben hat. Von der französischen Revolution bis zu unseren Tagen verlaufen, sich scharf voneinander abhebend und doch gleichzeitig voneinander abhängig und in ihren Voraussetzungen und Wirkungen gegenseitig bedingt, die einzelnen Perioden einer geschichtlichen Entwicklung, die, wenn man sie mit Namen kennzeichnen will, von Ranke und Mommsen über Treitschke und Carlyle zu Spengler und der modernen Historiographie, von Kant und Fichte über Hegel zu Schopenhauer und Nietzsche führt. Aufklärung und klassischer Idealismus. Romantik, Materialismus, Naturalismus und Neuidealismus sind nur charakterisierende und verdeutlichende Begriffe, die die lebendigen Ziele und den Inhalt der herrschenden Geisteskämpfe nicht voll erfassen können. Ewige, dem Wandel der Zeiten nicht unterworfene, in den-tiefsten Tiefen menschlichen Erkennens und Empfindens wurzelnde Aufgaben des jüdischen Glaubens und der jüdischen Lebenshaltung und zeitgegebene Forderungen der Anpassung an eine geschichtsbedingte geistig und politisch revolutionäre und revolutionierende Epoche schaffen den modernen jüdischen Menschen in Deutschland (und mit ihm und durch ihn wirkend den jüdischen Menschen der Neuzeit überhaupt). Politik, Wissenschaft, religiöse Erneuerung — auf diese drei Gebiete konzentriert sich das Wirken, dessen Saat von Moses Mendelssohn, „le jüif de Berlin", ausgestreut und das von der allgemeinen modernen europäischen Kultur befruchtet war. Emanzipation als erstrebter Rechtszustand im Wohnlande, Wissenschaft des Judentums von Leopold Zunz 1882 als Begriff zürn erstenmal geprägt und hundert Jahre später von-L Elbogen als „die Wissenschaft vom lebendigen, im Strom der Entwicklung stehenden Judentum als soziologische und geschichtliche Einheit" definiert, Reform des Judentums im Sinne einer notwendig gewordenen Belebung und Vergeistigung des Judentums, einer höheren Bewertung des Sittlichen vor dem Kultischen, das sind gleichsam die realen und lebendigen Aufgaben, die ein Jahrhundert den Generationen gestellt hatte. Zu ihrer Bewältigung aber genügten die Einzelleistungen nicht mehr, so bedeutsam sie auch als vorwärtswuchtendes Element, als der antreibende Motor waren. Aus dem engen Kreis, der David Friedländer, Marcus Herz u. a., die Moses Mendelssohn zu geistvollem, erzieherischen Gedankenaustausch um sich geschart hatte, wuchs die grosse Gemeinschaft der an jüdischem Glauben und Denken, an jüdischer Vergangenheit und Gegenwart Interessierten heraus. Das Leben selbst suchte seinen Ausdruck: Die Geburtsstunde einer jüdischen Oeffentlichkeit in Deutschland war gekommen. Die Notwendigkeit des Wechselspiels zwischen Wirken und Wirkung, zwischen Leistung und Anerkennung oder Kritik ergab sich im modernen Judentum wie in allen anderen Bezirken des gesellschaftlichen Lebens. „Wünsche und Entwürfe", sehrieb 1847 I. M. Jost, „verlangten nach dem Lichte und nach Beleuchtung, Angriffe verlangten Abwehr, Zustände sollten gewürdigt, Verhältnisse der Gesetzgebung mussten vom Standpunkte der Beteiligten aus untersucht und betrachtet werden.'' Es ist ein Ausdruck dieser neu erwachenden Freude, jüdische Probleme im hellen Lichte des Tages zu behandeln, wenn in Deutschland seit 1815 fünfundzwanzig jüdische Zeitschriften teils fortgesetzt, teils neu gegründet wurden, und wenn auch in Frankreich, England und Amerika sich um die gleiche Zeit gleiche Bestrebungen zeigten. Aber die meisten dieser Neuerscheinungen fanden nicht den Weg zum Ohr derjenigen, für die sie bestimmt waren, und nur wenige hielten sich auch nur kurze Zeit. Erst 1837 gelang es einem Manne, zu einem glücklichen, erfolgreichen Ergebnis zu kommen: Ludwig Philippson mit seiner „Allgemeinen Zeitung des Judentums". * Philippsons Fähigkeit zu seinem in die Tiefe und in die Breite gehenden Wirken wurzelte in drei Gaben, die er als Erbteil 'seiner Vorfahren erhalten hatte: Das jüdische wissenschaftliche Denken war ihm, dem Sohne des Dessauer Hauptlehrers Moses Philippson, schon vom Urgrossvater, dem Rabbiner Jakob Josua Heschel, überkommen, dem in Krakau, Metz und später Frankfurt a. M. wirkenden Verfasser des berühmten Werkes: Pne Josua. Dichterischer Schwung und Phantasie des Geistes und des Herzens, wie sie nicht nur in Philippsons zahlreichen a&i ^Jßv^j^ £^L-£ Novellen, Romanen und Dramen, sondern auch in der gehobenen, klaren, edlen und reinen Sprache aller seiner Arbeiten zum Ausdruck kommen, waren ein Erbteil seines Vaters, der einst in Bayreuth durch den jüdischen Kaufmann Emanuel Osmund die Bekanntschaft Jean-Pauls gemacht hatte und dessen Schriften Moses Philippson stets mit Begeisterung las. In einer handschriftlichen Philippsonschen Familienchronik wird eine Geschichte überliefert, nach der einer der Vorfahren von dem Fürsten von Anhalt-Dessau, als diesem sein Pferd durchgegangen war, für mutiges Verhalten besondere wirtschaftliche Konzessionen erhielt, die er geschickt zu verwerten verstand und durch die er es zu einem gewissen Wohlstand brachte. Vielleicht, dass von diesem Ahnen auf Ludwig Philippson jene Gaben vererbt worden waren, die ihm einen besonderen Sinn für das Organisatorisch-Praktische vermittelten, und die ihn später neben seiner Tätigkeit als Herausgeber und Leiter der Zeitung auch auf vielen anderen Gebieten des jüdischen wissenschaftlichen und politischen Lebens anregend, führend und erfolgreich sich zu betätigen ermöglichten. Sein Leben, die Jahre seines Werdens und Wirkens hat Philippson in der A. Z. auf Wunsch seiner Freunde selbst dargestellt und aus der Feder seines Schwiegersohns, des Pester Rabbiners M. Kayserling, haben wir seine umfassende Biographie (Leipzig 1898). Es erübrigt sich also, hier, auf die äussere Entwicklung seines Lebens näher einzugehen. Nur die geistige Persönlichkeit, wie sie sich in den 53 Jahren darstellt, da er die A. Z. herausgab und trotz seines schweren Augenleidens allwöchentlich, mit Leitartikeln und Aufsätzen versah, soll hier mit einigen Strichen gezeichnet werden. „Ein Organ- und Centralblatt des Judentums'', so schrieb Philippson am 4. März 1837 seinem Bruder, „soll die Allgemeine Zeitung für das Judentum in religiöser, politischer, literarischer, linguistischer und historischer Beziehung sein." Am 6. Mai 1837 erschien die erste Nummer. In einer Aufsatzreihe: „lieber die Grundsätze der Redaktion-' entwickelte Philippson sein Programm, das der Ausdruck seiner Pläne war. „Gegenüber den Konservativen, nur auf Erhaltung Bedachten, den Radikalen, welche das Alte gänzlich entfernen wollen, aber auch gegenüber den Indifferentsten, denen die religiöse Entwicklung gleichgültig ist, und die sich für das Judentum entweder in seiner' moralischen Hebung oder allein in politischer Hinsicht interessieren", vertritt er den Standpunkt der absoluten Unparteilichkeit. ..Nicht dass die Redaktion jener Lauheit selbst huldige, dass sie gleich einem geschickten Achselträger bald dem einen, bald dem andern nachbuhlt, auch nicht dass sie sich fürchtet, ihr Schiff in die Brandung zu führen, aus Furcht, es scheitern zu sehen, sondern aus dem Grunde: Dass das Judentum über diesem allen unerschütterlich steht, dass nicht die Kämpfenden, sondern allein der Kampf das Recht hat, d. h. die Entwicklung." Diese Haltung der gemässigten Reform hat Philippson dann ein Menschenalter in seinem Blatte gewahrt — und allen Anfeindungen zum Trotz, die sowohl von konservativer als auch von liberaler Seite, so unter anderen in scharfer Weise von Abraham Geiger herkamen, ist er sich selbst stets treu geblieben. Ihm war Judentum eine geschichtliche Erscheinung und religiös sittlich begründete entwicklungsfähige Lebensanschauung. Strahlenden Auges betrachtet er, ganz ein Kind seiner Zeit, der Emanzipation, das Erwachen des Judentums zu neuer schöpferischer Kraft. 1845 schrieb Leopold Zunz in „Zur Geschichte und Literatur": „Die Gleichstellung der Juden in Sitten und Leben wird aus der Gleichstellung der Wissenschaft des . Judentums hervorgehen.*' In Philippson drängte dieses Wort und seine eigene Erkenntnis vom Wert der Wissenschaft aber auch sein praktisch realer Sinn nach der Verwirklichung der Organisationsform dieser Voraussetzung. Schon im ersten halben Jahr des Erscheinens der Zeitung regte er die Gründung einer jüdisch-theologischen Fakultät an. Unabhängig von Abraham Geiger, der schon ein Jahr vorher seinen Ruf hatte ertönen lassen, richtet er am 24. Oktober 1837 eine „Aufforderung an alle Israeliten Deutschlands zur Subkription, um eine jüdische Fakultät und ein jüdisches Seminar zu gründen." ..Die 4000jährige Geschichte Israels ist gegenwärtig an einem Lebenspunkt angelangt. Es ist an uns zu beweisen, dass die 4000jährige Erfahrung nicht vergebens an Israel vorbeigegangen ist." Bis in die kleinsten Gemeinden und gerade bei diesen mit besonderer Stärke, fand der Aufruf einen begeisterten Widerhall, und das damalige preussische Unterrichtsministerium gab seine Bereitwilligkeit, eine solche Anstalt erstehen zu lassen, mittelbar dadurch kund, dass es die Sammlung für die jüdisch-theologische Fakultät im preussischen Staat gestattete. Wenn damals der Plan Philippsons hauptsächlich an der Lauheit der grossen Gemeinden, aber auch an den Meinungsverschiedenheiten der Rabbinen scheiterte, so hatte doch sein geistiger Vater achtzehn Jahre später die Genugtuung, die "jüdisch-theologische Lehranstalt in Breslau als „Fraenckelsche Stiftung" ins Leben treten zu sehen — und als in Berlin am 6. Mai 1872 die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums eröffnet DAS BEKANNTE SPEZIALHAUS für Stoffe, Wäsche, Damen-, Herren-Kleidung, Gardinen, Teppiche, Möbel, Reise- und Geschenkartikel MSMIl