Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 16 (22.4.1937)
- Date
- 1937-04-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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22.Äprill937 Die jüdische Gemeinde Neue Folge der Jüdischen AHgeme'men Zeitung" •i i*«§« p j ild,ftiier^ememdi Cine Fahrt von Berlin nach Frankfurt bedeutet nicht, wie mancher meinen könnte, einen Uebergang vom Zentrum jüdischen Lebens an die Peripherie. Im Gegenteil: Der Schienenstrang führt uns von einem Zentrum in ein anderes, das nicht weniger Mittelpunkt ist, in mancher Hinsicht sogar mehr als die Metropole. Man muss das Wort „Zentrum" nur richtig und nicht vom Verwaltungsmässigen her verstehen. Ganz gewiss: in Berlin herrscht mehr jüdischer Betrieb, das soll und kann kein Vorwurf sein (wie wäre ein Berliner auch fähig, ihn zu erheben!) Er ist unabänderlich in einer Weltstadt von den Ausmassen Berlins, unabänderlich an einer Stätte, an der sich alle jüdischen Zentralstellen zusammenballen, an der die per- Erstkiassige Damenstoffe HRISS Rossmarkt 81 (Lift) sönliche und sachliche Verbindung der Menschen nur mit Hilfe der Errungenschaften der modernen Technik, Telephon, RohTpost, Untergrundbahn, Schnellbahn und anderem möglich wird. Auch in Berlin herrscht selbstverständlich jüdisches Leben, nur dass es mehr vom Betrieb an die Seite gedrängt, überdeckt wird. Gerade umgekehrt ist es in Frankfurt: Man lebt enger zusammen, man kennt sich, man telephoniert weniger und schreibt sich keine Rohrpostbriefe, man springt zum anderen hinüber oder bittet ihn zu sich, wenn man etwas von ihm will. Kurzum: Man steht mehr auf du und du, es schiebt sich nicht so viel störende Sachlichkeit zwischen die Menschen. Und in einer solchen Atmosphäre gedeiht das Leben besser, ist es schon immer besser gediehen, wie die Vergangenheit zeigt. Tradition und Gegenwart Der Frankfurter Jude ist ein besonderer Typus. Er ist stolz auf seine jahrhundertealte Tradition, auf sein vom Vater und Grossvater ererbtes „Jüdischsein", auf diese eigene Art der Gestaltung jüdischen Lebens, die sich so schwer beschreiben lässt, die aber doch jeder fühlt, der einmal längere Zeit in Frankfurt war. Er ist stolz darauf, dass seine Gemeinde in ihrer langen, seit dem 12. Jahrhundert datierenden Geschichte dem Judentum so viele Führer gestellt hat, dass sich in ihrem Kreis so oft wichtige und für die jüdische Gesamtheit entscheidungsvolle Dinge zugetragen haben, dass — um es mit einem Wort zu sagen — das jüdische Frankfurt zu einem Herzstück des Judentums in aller Welt geworden ist. Dieser Stolz, dieses stark ausgeprägte Traditionsbewusstsein bringt aber auch ein ungeheuer lebendiges Verantwortungsgefühlt mit sich. Ungeschrieben steht über den Frankfurter Juden von heute das Gebot, sich würdig zu erweisen der Arbeit von Generationen vor ihnen, es gleich zu tun den unzähligen Männern und Frauen, die es in vielen •Jahrzehnten verslanden haben, die Frankfurter jüdische Gemeinschaft zu einem Mittelpunkt jüdischen Geisteslebens zu machen und ihr diesen Rang zu erhalten. Das ist ein Boden, auf dem wirkliches jüdisches Leben gedeihen kann, von dem zwar weniger sichtbare, dafür aber um so mehr spürbare Kraftströme ausgegangen sind und ausgehen, auch wenn die Sorgen des Tages schwer drücken. Es ist bemerkenswert, wie eng die Frankfurter Juden mit dem Wachstum der Stadt verbunden waren, in der sie wohnen, wie sehr sie sich aber auch ihr verbunden fühlten, und dies an mehr als einer Stelle durch die Tat bewiesen haben. Der Anteil der Frankfurter Juden am geistig-kulturellen und wirtschaftlichen Leben war stark. Sie hatten auch auf dem Gebiet der gemeinnützigen Stiftungen tatkräftig mitgewirkt. Die Familien, um nur einige der bekanntesten zu nennen, Rothschild und Goldschmidt- Rothschild, Speyer, Schiff, Stern, Oppenheim, S u 1 z b a c h, H a 11 g a r t e n, Königs warther und noch manche andere haben sich auf diese Weise bleibende Denkmäler gesetzt. Interessant ist dabei, dass die Glieder mancher dieser Familien längst an anderen Stellen der Erde wirkten und doch immer wieder durch Beiträge ideeller und materieller Art, durch Stipendien und Stiftungen ihre Verbundenheit mit der alten Heimat unter Beweis gestellt hatten. Mehr als 40 Strassen der Stadt waren, so berichtet das Jüdische Lexikon, nach Juden benannt gewesen. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle alle die Juden zu nennen, die ausserdem im wissenschaftlichen und geistigen Leben Frankfurts als Lehrer, Forscher und Künstler standen. Zahlreiche Juden hatten an der Universität und ihren Instituten in den verschiedensten Fakultäten gewirkt; ein Name, wie der Paul Ehrlichs darf nicht unerwähnt bleiben. In dieser Betrachtung soll aber auch die Familie Sonnem a n n nicht vergessen werden, die Begründer und langjährigen" Besitzer der Frankfurter Zeitung. Das Grab Leopold Sonnemanns liegt auf dem Frankfurter jüdischen Friedhof in der Rat- Beil-Strasse. Wenn man von Frankfurter Juden spricht, so darf man schliesslich die grossen jüdischen Wirtschaftler, die Industriellen. Grosshändler, Einzelhändler und Bankiers nicht übersehen, die über die Grenzen der Stadt hinaus Weltruf erlangt haben. Es wäre vermessen, hier einzelne Namen herauszugreifen, da sie ja doch nur eine sehr unvollständige Zusammenstellung bedeuten würden. Diese kleine Uebersicht, so begrenzt sie in diesem Rahmen sein muss, zeigt die Aufgeschlossenheit der Frankfurter Juden auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit. Die Tatsache aber, dass die meisten von ihnen trotz dieser Aufgeschlossenheit nach aussen ihr Judentum nie vergassen oder gar aufgaben, hat sie jetzt schnell wieder Anschluss finden lassen an die Geschlechter vor ihnen und deren jüdische Arbeit. Die religiösen Gegensätze innerhalb des Judentums stehen hier stärker gegeneinander als an vielen anderen Orten. Das jüdische Leben Frankfurts erhält seine Spannung nicht zuletzt durch diese Polarität auf verhältnismässigem Raum, eine Polarität, die ihm schon seit mehr als einem Jahrhundert ihren Stempel aufdrückt. Religiöse Auseinandersetzungen Man erinnert sich, dass sich hier schon um das Jahr 1805 herum ein Kreis jüdischer Menschen zusammengefunden hatte, der eine neue, religiös-liberale Richtung vertrat, dass im Jahre 1828 in Frankfurt die deutsche Predigt am Sabbat eingeführt wurde, dass die Reformpartei 1838 bei den Wahlen zum Gemeinde vorstand siegte, dass hier im Jahre 1845 in der zweiten Rabbinerversammlung die historisch gewordene Auseinandersetzung über die Gebetssprache stattfand, und dass in Frankfurt schliesslich als Protest gegen die Reformbewegung im Jahre 1848 eine konservative Abspaltung erfolgte, die 1851 zur Gründung der „Israelitischen 'Religionsgesellschaft" führte, der orthodoxen Gemeinde, die auch heute im jüdischen Leben Frankfurts eine beachtliche Rolle spielt.. In Frankfurt gelang es aber, auch die Gegensätze zwischen der liberalen und dem grösseren Teil der konservativen Richtung schon frühzeitig zu überbrücken und so etwa 1S78 den W'eg zur Einheitsgemeinde zu finden, die seitdem — mit Ausnahme der Angehörigen der Religionsgesellschaft — alle Gemeindemitglieder umfasst. Dabei hat aber keine der beiden Richtungen ihr Eigenleben aufgegeben, in Frankfurt herrschte nie Grabesstille, der Kampf der Geister ging und geht weiter, aber in den allen gemeinsamen Fragen denkt und handelt man auch gemeinsam. Heute sind es vor allem zwei Vereinigungen, die für das religiöse Leben im Frankfurter Judentum arbeiten: der konservativjüdische Gemeindeverein und der Freisinnige Verein für jüdisches Gemeindeleben, d-er der Wahrer religiös-liberaler Interessen im Gemeindeleben ist. Der kämpferische Geist, "der Mitte des vorigen Jahrhunderts im Judentum Frankfurts herrschte, ist nicht verschwunden, er drückt noch heute dem jüdischen Leben dieser Stadt seinen besonderen Stempel auf, er übte aber auch stets seine Anziehungskraft auf führende Menschen im Judentum aus. Es ist kein Zufall, dass in dieser Stadt Männer wie Samson Raphael Hirsch auf der einen, Abraham Geiger oder Leopold Stein auf der anderen Seite gewirkt haben, es ist kein Zufall, dass sich in der neuen und neuesten Zeit hier Namen wie Salomon Breuer, Marcus H o r o v i t z, Nehemia Nobel, sowie der in der jüdischen Sozialarbeit unermüdliche Jacob Ho r o v i tz oder Caesar S e 1 i g m a n n (der Senior des jüdischen Liberalismus in Deutschland und der Welt), Arnold Lazarus, Georg Salzberger finden, dass ein Franz Rosenzweig in Frankfurt gelebt und gewirkt hat und dass Martin Bub er einen, grossen Teil des Jahres dort verbringt. Hier herrschte und herrscht im jüdischen Kreis Bewegung, von hier nahmen Parolen ihren Lauf durch die jüdische Welt, und diese geistige jüdische Aktivität, die in Frankfurt seit langem spürbar ist, hat auch den Alltag in ihren Bann gezwungen und jene besondere Form und Art aufrecht-stolzen, bewussten jüdischen Lebens geschaffen. Wenn man nun nach den äusseren Merkmalen dieses jüdischen Lebens fragt, dann fällt es schwer, schnell eine exakte Antwort bei der Hand zu haben. Gewiss, wir könnten viele Einrichtungen nennen und. aufzählen, die dieses Leben bezeugen, und wir werden uns weiter unten noch mit einigen von ihnen beschäftigen. Letzten Endes sind es aber die jüdische Haltung und der positivjüdische Geist, die den Besucher einfangen, wenn er seinen Weg durch das jüdische Frankfurt antritt, es ist die Hochhaltung der alten jüdischen Familientradition, die ihm hier auch in heute religiös-liberalen Kreisen begegnet und es ist nicht zuletzt das tiefe und grosse Wissen um den alten jüdischen Begriff 'der „Zedoko", des Wohltuns, das er hier spürt und immer gespürt hat, so oft er diese Stadt besuchte. Die Gedanken eilen zurück zu dem Tag. da Franz R o s e n z w e i g im Jahre 1920 in Frankfurt das ..Freie jüdische Lehrhaus" errichtete, das dann vor allem getragen wurde von den Menschen der jüdischen Jugendbewegung und dem ihnen nahestehenden Kreis. Das war eine Zeit der Ebbe jüdischen Lebens, und es ist nicht ganz zufällig, dass Franz Rosenzweig gerade in Frankfurt für seinen Plan eine kleine, dafür aber um so begeistertere Schar, von Anhängern fand. Auf dem Gedanken dieses Frankfurter Lehrhauses konnte dann 1933 weiter gebaut werden, als man in vielen Orten daranging, jüdische Lehrhäuser ins Leben zu rufen. Die Bedeutung Frankfurts für das kulturelle Leben der Juden in Deutschland findet auch darin ihren Ausdruck, dass dort der Sitz der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland ist, die unter der Leitung Professor Martin Bubers steht. Geschichtliche Erinnerungen Bei einem Besuch im jüdischen Frankfurt berühren sich Vergangenheit und Gegenwart so stark, wie wohl kaum an einer zweiten jüdischen Stelle in Deutschland. Das Verwaltungsgebäude der Gemeinde in der Fahrgasse war der Sitz des Bankhauses Rothschild; sein einer Flügel führt in den Grossen Wollgraben, die ehemalige Judengasse, wo noch heute das Wohnhaus der Rothschilds und das Geburtshaus Börnes zu finden sind, der aber auch die Hauptsynagoge beherbergt, die vor einigen Monaten ihr lOOjähriges Jubiläum feiern konnte. Noch stärker wird die Verbindung zwischen 1837 1937 1. Maier Amschel Rothschild, 2. Rothschild-Haus, 3. Orthodoxe Synagoge, 4. Paulskirche, 5. Synagoge, erbaut 1911, 6. Dom, 7. Synagoge um 1840, 8. Exzellenz Wirklicher Geheimer Rat Professor Dr. Paul Ehrlich Zeichnungen Ulli Szkolny Ernst Lochner & Horkheimer Liebfrauenberg 39. 1. Stock. Tel. £9288 Herrenstflffe in den altbekannt ersten Qualitäten dem Heute und dem Gestern bei einem selbst nur flüchtigen Blick in das Gemeindehaus. Hier ist das Arbeitszimmer der Rothschilds, in dem die beiden in Frankfurt tätigen Brüder mit ihren Prokuristen sassen, in der alten Form erhalten; auch der Wandschirm fehlt nicht, der die beiden Brüder, deren Pulte sich gegenüberstanden, in der Zeit ihres Zerwürfnisses trennte, so dass keiner den anderen sehen konnte. Und wenige Schritte von dieser historischen Stätte entfernt pulsiert das jüdische Leben der Gegenwart, befinden sich alle die Arbeits- und Beratungszimmer, die heute für die Verwaltung einer jüdischen Grossgemeinde unerlässlich sind. Es gibt aber noch andere Berührungspunkte zwischen jüdischer Vergangenheit und jüdischer Gegenwart in Frankfurt, die starke Eindrücke und starke Kontraste vermitteln. Wenige Schritte vom Gemeindehaus entfernt, dicht anschliessend an die konservative Synagoge am Doininikanerplatz, finden wir den alten jüdischen Friedhof, eines der hervorragenden Denkmäler jüdischer Geschichte auf deutschem Boden, und dann führt uns die Strassenbahn in kurzer Zeit hinaus zu dem neuen jüdischen Friedhof, dessen von Regierungsbaumeister a. -D. Fritz Nathan in schlichter Sachlichkeit gehaltene Anlage zu den schönsten neuen jüdischen Bauten zählen dürfte, die wir in Deutschland kennen. Aufbau und Leistung Frankfurt ist mit rund 23 000 jüdischen Menschen nach Berlin die zweitgrösste jüdische Gemeinde in Deutschland. Das illustriert gleichermassen den Umfang jüdischer Arbeit, die dort geleistet wird, wie auch die Schwierigkeiten diese vielfältige Tätigkeit im Rahmen eines Artikels darzustellen. An den Frankfurter Gemeindesynagogen wirken jetzt 5 Rabbiner, davon 3 liberaler und 2 orthodoxer Richtung. Der Vorstand der Gemeinde besteht aus S Liberalen, 5 Zionisten und 3 Konservativen, während in der Gemeindevertretung bei insgesamt 36 Sitzen 18 Liberale und je 9 Zionisten und orthodoxe Vertreter zu finden sind. Auch diese Ziffern zeigen, wie stark noch heute in Frankfurt neben "anderen Richtungen das konservative Element vertreten ist; denn es bleibt immer zu beachten, dass ausser der Gemeindeorthodoxie die Religionsgesellschaft als stattliche eigene Gemeinde besteht. Vorsitzender der Hauptgemeinde ist schon seit vielen Jahren der von allen Seiten verehrte und geschätzte Justizrat Dr. Julius Blau, der gemeinsam mit dem Finanzdezernenten, Bankier Emil O e 11 i n g e r , auch Deputierter in der JCA ist. Emsige Arbeit wird im Gemeindehaus geleistet. Bei einem Gang durch das dreistöckige Gebäude, das auch nach der vor zwei Jahren erfolgten Renovierung in seinen historischen Grundlinien erhalten geblieben ist, fällt vor allem das völlig neu aufgebaute Steueramt auf, dessen heute von Inspektor Ahrens und Erwin Adler geleitete Organisation sich gut "bewährt hat. Ein Kleinod innerhalb des Gemeindehauses, dessen innere Organisation und Verwaltung Bürodirektor Meyer umsichtig betreut, stellt das Jüdische Museum dar, das zu besichtigen keiner, der nach Frankfurt kommt, versäumen sollte. Die Sammlung steht unter der sachkundigen und liebevollen Leitung von Dr. Hermann Gundersheimer. dem ausserdem die Schriftleitung des seit 15 Jahren einmal im Monat in einer Auflage von etwa 700O Exemplaren erscheinenden Gemeindeblattes wie auch diejenige des Gemeindeblatts des Landesverbandes der israelitischen Religionsgemeinden Hessens obliegt. Von besonderem Interesse für die Besucher ist auch die Gemeindebibliothek. Sie umfasst etwa 15 000 Bände, die in einem gedruckten Katalog für jeden Benutzer übersichtlich dargestellt sind. Der Leiter der Bibliothek, Dr. Ernst Blau, hat sich ausserdem der dankenswerten Aufgabe der Zusammenstellung einer jüdischen Zeitschriften-Bibliographie unterzogen, über die vor kurzem in der C.-V.-Zeitung ausführlich berichtet worden ist. Einer jüdischen Grossgemeinde sind heute gewaltige finanzielle Aufgaben gestellt. Ihre Lösung ist nicht immer leicht. Das merken auch