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Central-Verein-Zeitung · 1937-04-22 · 16 (22.4.1937) · page 3

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Nr. 16 * 1. Beiblatt CYleitunq 22. April 1937—Seite 3 Die Sorge um unsere Schuljugend Aus dem Arbeitsbericht des Zentralausschusses für Hilfe und Aufbau Ein ausführliches Kapitel des bereits mehrfach in der C.-V.-Zeitung erwähnten Arbeitsberichts des Zentralausschusses ist der Tätigkeit der Schulabteilung der Reichsvertretung gewidmet. Es gibt wohl wenig Lebensbezirke,,auf denen die Wandlung innerhalb unserer Gemeinschaft so stark in Erscheinung tritt, wie gerade auf diesem Gebiete. War es früher die Regel, dass jüdische Eltern ihre Kinder auf allgemeine Schulen schickten und ihnen eine höhere Schulausbildung zuteil werden Hessen, so beobachten wir heute eine ständige Steigung des Besuchs der jüdischen Schulen, bei denen der Volksschultyp im Vordergrund steht. Während im Jahre 1935 nicht ganz die Hälfte aller jüdischen Schüler von den jüdischen Schulen erfasst wurde (20 000 von 44 000), befand sich im Jahr 1936 bereits der grössere Teil der jüdischen Schülerschaft (22 000 von 42 000) sich auf jüdischen Schulen. Von diesen 22 000 Schülern befindet sich nur etwa der fünfte Teil (4000) auf jüdischen höheren Schulen, während die übrigen 18 000 Volksschulen besuchen. Die Aufwendungen der Reichsvertretung für die Unterstützung des Schulwerkes belaufen sich im Jahre 1936 auf 485 500 RM. Die Zahlen, die hier genannt werden, gewinnen Leben, wenn man sich vergegenwärtigt, unter welchen Umständen und mit welchen Sonderproblemen die jüdische Schulerziehung verrichtet werden muss, zumal ein grosser Teil der Anstalten erst nach dem Unischwung errichtet oder erheblich ausgebaut wurde. Ein Schlaglicht hierauf wirft z. B. die Schilderung, dass für eine Bezirksschule von der Reichsvertretung ein eigenes Auto angeschafft und der Lehrer zum Chauffeur ausgebildet wurde, damit er täglich die Kinder aus den verschiedenen Ortschaften zur Schule fährt. Welchen Geist das neue jüdische Schulwerk atmet, erfahren wir am besten aus den Berichten einzelner Schulleitungen: „Die Schule ist Mittelpunkt des Gesamtlebens der Gemeinde geworden"; schreibt die Schulleitung aus Königsberg, „das zeigt sich u. a. darin, dass wir zu jeder einzigen Schabbatstunde eine grosse Anzahl von Eltern, älteren Geschwistern, ja, oftmals Menschen aus der Provinz bei uns begrüssen können, die sich allesamt heuen Lebensmut und neue Kraft bei dieser Stunde gemeinsamen Jung- und Jüdischsems mit unseren Kindern holen." Die Zahl der im jüdischen Schulwerk beschäftigten Lehrkräfte beträgt 1237. Schwierigkeiten bereitet mitunter die Verwendung unbeschäftigter, aus dem Staatsdienste kommender Lehrkräfte, da diese nicht für den speziellen Unterricht an Volksschulen ausgebildet sind und sich auch erst die jüdischen Kenntnisse nachträglich aneignen müssen. Die Arbeit der Lehrer und Schüler wird durch die Herausgabe von jüdischen Leseheften erleichtert. ilfff Rande Porträtversuch A. H. Im amtlichen Organ einer unserer Grossgemeinden war soeben an leitender Stelle ein Aufsatz „Produktive Persönlichkeit" zu lesen. Er stellt, wie man annehmen muss, den Versuch dar, die jüdische Führerpersönlichkeit der Gegenwart sozusagen in der Idee zu porträtieren. Die jüdische Gemeinschaft, die sich einer überragenden jüdischen Erscheinung gern und formungsfreudig zur Verfügung stellen möchte, hätte zweifelsohne lieber eine vorhandene Gestalt eindringlich und kongenial verständnisvoll beschrieben gesehen, als, wie es dort geschieht, nur einige Gesichtspunkte zu erhalten, woran man jene „produktive Persönichkeit" erkennt, von der das amtliche Blatt ■ier Gemeinde meint, es scheine geboten, sie „in den Mittelpunkt zu stellen", und fordert, „sie, die unser Vertrauen besitzt, zugleich mit der Verantwortung für die Entscheidung auch mit der Machtvollkommenheit, sie zu treffen, zu versehen". Man wird die journalistische Unabhängigkeit zu schätzen wissen, mit der der Verfasser dieses Aufsatzes keinen Mann seines eigenen Gemeindevorstandes oder mehrere nennt, sondern sein Idealbild eines leitenden Mannes aus tatsächlichen Beobachtungen und Forderungen der Erfahrung zusammenfügt. Unwillkürlich wird dem auch nur ein wenig geschiehtskundigeu Leser die Arbeit eines grossen Publizisten der Renaissance einfallen, der das Bild eines Herrschers, so, wie er ihn sah, einsehend beschrieben hat und es zum Idealbild steigerte: Macciavell in seinem Buch über den Fürsten, als der ihm vor allem Casare Borgia vorschwebte. Sicherlich war der Verfasser des von uns zitierten Gemeindeblattaufsatzes nicht von der Absicht geträgen, eine Art jüdischer Macchiavell zu sein. Es dürfen des- Eine besondere Aufgabe sieht die Reichsvertretung in der Ausgestaltung des sogenannten neunten Schuljahres, d. h. des dem Volksschulabschluss folgenden Jahres. Einen wichtigen Beitrag zur Lösung dieser Frage bedeutet die von der Reichsvertretung eingerichtete Tagesschule für Berufsvorlehre in Berlin und Niederschönhausen. Auch die Mittelschule für jüdische Erwachsenenbildung steht in engster Verbindung mit der Schulabteilung. Damit haben wir den weiten Leistung&radius der Schulabteilung der Reichsvertretung durchmessen. Das Wort Martin Bubers, dass die Jugend die ewige Glückschance der Menschheit sei, gewinnt angesichts der durchgreifenden Wandlung, die sich innerhalb der jungen Generation in wenigen Jahren vollziehen musste, eine ernstere und vielleicht auch tiefere Bedeutung. Dass die jüdischen Stellen sich dieser besonderen jüdisch-geschichtlichen Verantwortung bewusst sind und sich zu ihrem Teil um die Lösung der Fragen bemühen, dafür ist der Schulbericht eine erneute Bestätigung. W. R-ek. Einem Siebzigjährigen Justizrat Bernhard Falk In diesen Tagen vollendete Justizrat Bernhard Falk in Köln sein 70. Lebensjahr. Ungewöhnliche Erfolge und Ehrungen kennzeichnen die Laufbahn dieses überaus begabten und hervorragenden Menschen. In dem nahe bei Köln gelegenen Städtchen Bergheim a. d. Erft geboren, erhielt er im Apostel-Gymnasium in Köln seine Schulbildung und liess sich im Jahre 1893 als Anwalt in Elberfeld nieder. Seit 1898 ist er am Oberlandesgericht Köln als Anwalt tätig. Falk wurde in Köln schon im Jahre 1908 zum Stadtverordneten gewählt und übte dieses ehrenvolle Amt, zeitweise auch als Vorsitzender der liberalen Stadtverordnetenfraktion 22 Jahre lang aus. Er wurde 1919 in den Rheinischen Provinziallandtag, 1920 in den Preussischen Staatsrat und wenige Jahre später als Abgeordneter in den Preussischen Landtag gewählt. Falk hat als Hauptmann der Landwehr am Kriege teilgenommen, zusammen mit zwei Söhnen, von denen der ältere im Jahre 1917 als Fliegerleutnant gefallen ist. Falk ist stets ein besonders eindrucksvoller Redner gewesen; eine Gabe, die ihm auch in seinem Beruf grosse Erfolge sicherte. Dem verdienten Manne, der sein Judentum stets hochgehalten, sind zu seinem Ehrentage aufrichtige Glückwünsche von allen Seiten zugegangen. Auch der Centrai-Verein, zu dessen treuen Mitgliedern Justizrat Falk seit Jahrzehnten gehört, wünscht ihm noch viele Jahre gesunder und ungebrochener Lebenskraft. H. C. Die Zahl der jüdischen Anwälte in Deutschland In der „Juristischen Wochenschrift" ist eine Uebersicht über die zahlenmässige Entwicklung der Anwaltschaft im Jahre halb, wenn schon sogar über die Ausdeutung tatsächlich vorhandener Menschen fast .immer Meinungsverschiedenheiten möglich scheinen, ganz ohne Frage über die Umrisse eines Idealbildes Erörterungen zulässig sein. Und die sind in diesem Falle um so notwendiger, als wir den Eindruck haben, dass das dort beschriebene Wunschbild etwas dürftig ausfallen müsste, wenn es n u r „produktive" Persönlichkeit zeigte. Sicherlich ganz unbewusst hat unser Gemeindeblattkollege, Macchiavell entsprechend, für seine Idealgestalt eine einzige Grundeigenschaft als ausreichend angesehen. Bei Macchiavell war es die „virtu", die Herrschertüchtigkeit, bei ihm ist der Begriff „produktiv" allumfassend. — Wir bitten diejenigen unserer Leser um Entschuldigung, die die Zusammenhänge bei Macchiavell nicht so genau kennen. Aber die Zusammenhänge in dem Gemeindeblatt, die wir an ihm zu erklären versuchen, können für jeden bedeutsam werden. Wenn wir uns nun um eine zeitgenössische Ergänzung der Wesenszeichnung der erhofften jüdischen Führung in Deutschland bemühen, so wird das jeder begrüssen, der weiss, welche Fülle an Missverständnissen aus Macchiavells Deutung des Wesens der Fürstenpersönlichkeit entsprungen sind. Aus ihm glaubte man ganz zu Unrecht ableiten zu dürfen, dass bei einem Fürsten, sofern er nur die „virtu", die Herrschertüchtigkeit, besitze, alle sonstigen verborgenen oder offenbaren Mängel nachgesehen werden müssten. Es dürfte also nützlich sein, neben die Qualität „produktiv" schon heute eine ergänzende Eigenschaft zu setzen, wobei wir uns keineswegs schmeicheln, dass damit jenem jüdischen Bildnisentwurf die letzte Feinheit und Vollkommenheit gegeben würde. Es ist bei einer jüdischen Betrachtung nichts näherliegend, als in unserem eigenen Schrifttum nachzulesen, wie dort die 1936 veröffentlicht. Im gesamten Reich gab es am 1. Januar 1937 18 004 Rechtsanwälte, von denen 2273 jüdisch und nichtarisch waren (12 Prozent). Nach einer früher veröffentlichten Statistik gab es am 1. Januar 1936 im Deutschen Reich 2552 jüdische und nichtarische Anwälte. Die meisten jüdischen und nichtarischen Anwälte waren im Bezirk der Rechtsanwaltskammer Berlin zugelassen. Am 1. Januar 1937 waren es 934 unter insgesamt 2858. Am 1. Januar 1936 waren es 34,4 Prozent d. h. 1036. Am 31. Dezember 1933 waren in Berlin unter den Anwälten 1152 Nichtarier oder rund 40 Prozent. Bei den übrigen Rechtsanwaltskammern waren am 1. Januar 1937 in Frankfurt a. M. unter 451 Anwälten 115, in Hamburg unter 885 112, in München unter 908 105 und in Breslau unter 1002 213 jüdisch und nichtarisch. Im übrigen bewegen sich die Zahlen der jüdischen Anwälte in den anderen Rechtsanwaltskammerbezirken unter 100. Am Reichsgericht sind unter 25 zwei zugelassen. TagungderForschungsabteilung Judenfrage Vom 12. bis 14. Mai tritt im Grossen Senatssaal der Universität München das Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands zur zweiten Jahrestagung seiner „Forschungsabteilung Judenfrage" zusammen. Die erste Tagung fand, wie erinnerlich, vom 19. bis 21. November 1936 in München mit dem Thema ..Die Judenfrage als wissenschaftlicher Stoff statt, über die wir in Nr. 48 der C-V-Zeitung vom 26. November 1936 ausführlich berichteten. Bei dieser zweiten Jahrestagung werden nach dem geschäftsführenden Leiter der Forschungsabteilung Judenfrage, Dr. Wilhelm Grau, sprechen: der Präsident der Physikalisch-technischen Reichsanstalt, Professor Dr. Johannes Stark (Berlin) über „Das Judentum in der Naturwissenschaft"; Professor Dr. Otmar Freiherr von Verschuer (Frankfurt a. M.) über „Das biologische Problem der Judenfrage"; Generalstaafsarchivar Professor Dr. Ludwig B i 11 n e r (Wien) über „Die Judenfrage und die Archive"; Professor Dr. Max Wundt (Tübingen) über „Das Judentum in der Philosophie"; Professor Dr. Hans Alfred G r u n s k y (München) über „Baruch Spinoza"; Dozent Dr. Karl Georg Kuhn (Tübingen) über ..Weltjudentum in der Antike"; Professor Dr. Gerhard Kittel (Tübingen) über „Das Konnubium mit Nichtjuden im antiken Judentum"; Professor Dr. Hans Bogner (Freiburg) über „Philon von Alexandrien als Historiker"; Professor Dr. Hans Koch (Berlin) über „Goethe und die Juden"; Dr. Wilhelm Stapel (Hamburg) über „Kurt Tucholsky"; Professor Dr. Kleo P 1 e y e r (Königsberg) über „Das Judentum in der kapitalistischen Wirtschaft"; Dr. Otto Lorenz (Berlin), Leiter des wirtschaftspolitischen Referats in der Reichsjugendführung, über „Karl Marx"; Oberregierungsrat Dr. Wilhelm Z i e g 1 e r (Berlin) über „Walther Rathenau"; Oberst a. D. Walther Nicolai (Berlin), ehemaliger Abteilungschef in der Obersten Heeresleitung, über „Das Judentum während des Weltkrieges im Blickfeld des Nachrichtendienstes". Zum Schluss der Tagung wird Gauleiter Julius Streicher in einem grossen Vortrag von versammelten Wissenschaftlern aus den grossen Persönlichkeiten unserer Geschichte charakterisiert werden. Je mehr wrir uns auf unsere Eigenart und unsere urtümlichen Kräfte besinnen, um so wesentlicher muss es werden, dass diejenigen unter uns, denen die Vorsehung bedeutsame Aufgaben für ' unsere Gemeinschaft zuerkennen sollte, dem Massstabe nahekommen, den uns unsere geschichtlich überlieferten Gestalten liefern. Niemand wird sich an die übermenschlichen Erscheinungen der Erzväter, eines Moses, der Propheten, heranwagen. Aber eine Gestalt, wie die des Königs Josia. dürfte mit allem bescheidenen Abstand beispielhaft verwendet werden. Im Sinne unserer die Betrachtung des Gemeindeblattkollegen ergänzenden Bemühung ist es nun keineswegs unwillkommen, dass über Josia nirgends eine Charakterisierung erfolgt, die man etwa mit produktiv übersetzen könnte; es soll ja auch ein moderner jüdischer Mensch gezeichnet werden. Aber wir finden eine in ihrer Knappheit hinreissende Zeichnung Josias bei Jeremias, der dem Sohn des Josias vorwirft, dass sein Sinn nur auf Gewinn gerichtet sei, und auf Druck und Erpressung, und ihm das leuchtende Bild des Vaters vorhält: „er übte Recht und Gerechtigkeit, da war ihm wohl; er führte die Sache der Armen und Elenden, da ging es ihm wohl". Um die Prophetenworte in eine unserem Verständnis näherliegende Fassung zu prägen: Jeremias stellt das Bild der moralischen Persönlichkeit auf der Grundlage und aus den Kräften jüdischen Geistes hin. Wir nehmen keineswegs an, dass in jenem Aufsatz, der uns Anlass zu unserer Betrachtung gibt der Begriff „produktiv" nur mechanisch-praktisch und alle anderen Eigenschaften ersetzend oder ausschliessend gemeint gewesen sei. Aber die Spuren Macchiavells schrecken, und jüdische Zeitungen werden gelegentlich auch ausser- Hättet Be&§hm Metatt JtePMl praktischen Erfahrungen des Kampfes gegen das Judentum sprechen. Der Präsident des Reichsinstituts der Geschichte des neuen Deutschland, Professor Dr. Walter Frank, wird die Tagu*£ mit einer kurzen Rede über die Judenfrage auf Deutschlands Hochschulen beschliessen. Aus der wissenschaftlichen Welt Der hervorragende jüdische Historiker und Nestor der sephardischen Gemeinde von New York, Rabbi Henry Pereira Mendes, feierte am 13. April seinen 85. Geburtstag. Zahlreiche führende amerikanische Persönlichkeiten, unter ihnen Staatsgouverneur Herbert H. Lehman und der New Yorker protestantische Bischof Dr. M a n n i n g. haben den Jubilar herzlich beglückwünscht. Rabbi Mendes ist im Jahre 192(f als Rabbiner der New Yorker spanischen und portugiesischen Judengemeinde m den Ruhestand getreten. Er befasste sich seither ausschliesslich mit wissenschaftlicher Arbeit. An seinem Geburtstag gab er bel&nnt, dass er zurzeit an einer neuen Bibelübersetzung arbeite. * Im Alter von 92 Jahren starb in Wien der em. Universitätsprofessor Dr. Samuel Klein, der auf dem Gebiet der Augenheilkunde Bahnbrechendes geleistet und durch seine Erfolge Weltruhm erlangt hat. Sein Lehrbuch über die Augenheilkunde cehört zu den Standardwerken der*Medizin. Im' Laufe der Jahre hat Professor Klein 5000 Staroperationen ausgeführt. Das religiöse Problem in der jüdischen Wanderung Diesem Thema widmete die jüdische Gemeinde einen Gemeindeabend, zu dem sie ihre Mitglieder in die Synagoge Fasaneiistrasse eingeladen hatte. Als e'rster. Redner entwarf Manfred Swarsensky in grossen Zügen das Bild der jüdischen Geschichte, in der das Wandern immer einen wesentlichen Platz einnahm. In seiner Ursache wirtschaftlich bedingt, ist die Wanderung doch in starkem Masse auch ein menschliches Problem. Die Haltung aller Juden auf ihren Wanderungen war die gleiche: mit ihnen zog die Thora. So^liegt es an uns, auch diese Wanderung der Juden aus Deutschland zu einer jüdischen Wanderung zu gestalten, damit sich die Wandernden mit Recht zurufen können: „Es gibt eine Hoffnung für Deine Zukunft." Dr. Alfred Klee machte als Mitglied des Gemeindevorstands die Zuhörer mit der Arbeit des Dezernats für Palästina und Wanderung bekannt, deren Bedeutung nicht in wirtschaftlicher, sondern in seelischer Hilfe liege. Auch er unterstrich die Bedeutung, die die Lösung der religiösen Frage unserer Zeit für das Gelingen der jüdischen^Wanderung besitzt. In eindringlichen Worten appellierte Klee an die Mitglieder der Gemeinde, die Grösse der Stunde zu erkennen und sich ihrer würdig zu zeigen. Die Kantoren Karl Neumann und Leo G o 11 a n i n trugen unter Begleitung von P. Lichtenstern Psalme und Stücke aus dem Abendgebet vor und schufen so eine schöne Umrahmung des Vortragsabends. G. F. halb der jüdischen Reilren zitiert. Da möchten wir — und wir fühlen uns dabei der Zustimmung des Gemeindeblattkollegen sicher —, dass das Moralische, wie sehr es sich auch bei den für die Führung jüdischer Gremien in Betracht kommenden Persönlichkeiten von selbst versteht, auch ausdrücklich genannt sei. Wir wissen aus unserer Geschichte, die an ernsten und schweren Abschnitten nicht arm ist, wie selten die überragende Persönlichkeit ist, in der sich alle Hoffnungen und Kräfte, alle Zuversicht und alles Vertrauen zusammenfinden. Und trotzdem erfuhr unsere Geschichte keine Unterbrechungen, weil immer, wie auch heute, in genügender Zahl Menschen guten Willens und sachlicher Fähigkeit vorhanden waren, die für die Gemeinschaft wirkten und ihr ihr Schicksal tragbar machten. Kulturexperiment Ein Sonderheft der Monatsschrift „Der Morgen" fand kürzlich eine eingehendere Wertung in einer Bremer Zeitung. Der nähere Zusammenhang bleibe für unsere heutige Betrachtung * ausser Erörterung. Wenn wir sie erwähnen, so geschieht es, weil ein Satz daraus verdient, nicht nur den wenigen Juden in Bremen bekannt zu werden. Da wird nämlich, fast in Parenthese, bemerkt, wie sehr die geringe Auflage dieser Zeitschrift — 1100 — im Widerspruch zu dem von den Juden sich selbst nachgerühmten Kulturniveau stehe. Niemand wird übersehen, dass Zahlen und Daten nur sehr äusserliche Massstäbe für kulturelle Wertungen darstellen. Unzählige andere Faktoren kommen hinzu, finanzielle, stimmungsmässige, politische. Zu Lebzeiten von Goethe und Schiller hat beispielsweise ein Stück von Kotzebue die höchste Aufführungsziffer erreicht, und die Auflagen der Ritter- und Räuberromane v-on Christiane Goethes Bruder haben die der „Wahlverwandtschaften" des grossen

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