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Central-Verein-Zeitung · 1937-04-15 · 15 (15.4.1937) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
15 (15.4.1937)
Date
1937-04-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15 4 2. Beiblatt Oübitifm 15. April 1937 Die häuslichen Sabbatgesäm S'mirot Schabbat. Gesammelt und herausgegeben von Arno Nadel. Bücherei des Schocken- Verlags 73. Berlin 1937. Während in den vergangenen hundert Jahren —- der erste Band Schir Zion von Sulzer erschien 1S37 — in der Synagogengesangsliteratur Werk um Werk herauskam und damit die Bestrebungen zur Veredelung des musikalischen Teils unseres Gottesdienstes immer wieder dokumentiert wurden, stehen wir jetzt an der Wende, ja ich möchte sagen: am Beginn einer neuen Epoche dieses ganzen Kunstgebietes. Der Streit der Meinungen, hie Vergangenes hie Zukünftiges, der Wert des musikalischen Gehaltes, kurzum: die Kunstform als solche bedingt neue Wege. Ganz' abseits und bescheiden kommt ein kleines Büchlein und spricht eine so lebendige jüdische Sprache, klingt aus einer so grossen Fülle von variablen Melodienzu uns, dass wir diese kleine Schrift weit über das Niveau eines häuslichen liturgischen Gebrauchsbüchleins herausheben müssen. Wiederholt sprach ich an dieser Stelle von den häuslichen Semirot, jenen frommen Gesängen, die am Freitagabend und am Sabbat von unseren Vätern gesungen wurden und von unseren Kindern wieder gesungen werden. Im allgemeinen waren es aber wohl mehr die Texte, die zur Illustration der jeweiligen Besprechung herangezogen wurden. Von der Melodie konnten wir deshalb weniger reden, weil die Quellen spärlicher flössen. Es gab da mehr eine mündliche Ueberlieferung vom Vater auf den Sohn, von Geschlecht zu Geschlecht. Und nun hatte Arno Nadel den glücklichen Gedanken, das zu vollenden, was uns vielfach in letzterer Zeit in jüdischen Liederbüchern begegnet ist. Er fixiert, sammelt und ordnet eine nicht unbeträchtliche Anzahl häuslicher, religiöser Gesänge. Damit aber geht er weit über sein eigenes Vorhaben hinaus. Wir bekommen ein Stück jüdischer Musikgeschichte in die Hand. Blatt um Blatt, Lied um Lied, fesseln den Historiker immer mehr. Nadel greift mit vollem Recht auf die von vielen jüdischen Musikern durchaus sekundär betrachtete chassidische Weise zurück und zeigt sie uns als einen religiös künstlerischen Faktor auf, mit dem innerhalb "des gesamten Gebietes der jüdischen Musik durchaus zu rechnen sein wird. Nur derjenige, der wie wir einmal an einem Freitag und Sabbat im chassidischen Kreise um den Saddagorraer Rebben weilte, wird diese merkwürdige Mischung von religiöser Ekstase und anderseits wiederbringender Selbstbesinnung, melodiöse Sabbatbehaglichkeit und vertraulichen Zwiegesang — gleichsam Gott und Mensch — erfassen. Man muss die Anmerkungen Nadeis lesen, sein schlichtes Vorwort, um zu wissen, aus welcher Welt er stammt, und wie er gleichsam mit all seinem künstlerischen Wissen und Wollen durch ein Traumland geht, das ihn immer wieder in eine eigene schöpferische Sphäre führt. Wir schlagen das Buch auf, lesen ein Niggun ohne Worte auf den „unsterblichen Hymnus an die Priesterin des Hauses". Dazu schreibt Nadel „während der Rebbe den Text inbrünstig spricht, singt ein Chassid die folgende Weise". Singt? Nein: summt, trällert seufzt. Ein Begleitinstrument menschlicher Stimmen umgibt die Seele des Rabbi, geht mit dem Text, dient dem Rabbi und seinem Text. Solcher Gesänge gibt es mehrere in diesem Büchlein. Man vermeint, oEt Gleiches zu hören in diesem lächelnden Moll, in dieser inbrünstigen Hingabe an Gott, der heute zum Sabbatfreund wird, und für den man doch wieder so oft in diesen Texten den gigantischen Ausdruck „Zur", Fels, Hort, Weltrückgrat, Ewiges, Gewaltiges findet. Der Brauch, Vorsinger und Chor, wird 'in jüdischen Häusern vielfach in den häuslichen Kult verlegt, so bei diesen Liedern, wie ja auch markant am S e d e r. Nach der fesselnden Einleitung wortloser chassidischer Niggunim bringt Nadel verschiedene Wechselgesänge des bekannten Sabbatgrusses „Schalom Alechem". Dankbare Aufgabe für jüdische Chöre, diese fünf verschiedenen Gesänge, die zum Teil selbstverständlich die musikalische Freitagabendweise des Mogen-Owautsteigers in sich bergen, vor breiter Öffentlichkeit aufzuzeigen. Der nächste Sang „Kol mekadesch schewii" ist schon wieder in den vertrauten Lern-Niggun eingehüllt, um mit der Haftara-Melodie zu sc'hliessen. Alle diese Lieder, von gottbegeisterten Dichtern verfasst, sind selbstverständlich vom Geiste der Tora und der Schriften erfüllt. Es ist nicht immer der Charakter des Gemeinschaftsgesanges, so z.B. ist der erste „Jah ribbon alam'* ein"chasonisches Kabinettstück, während der zweite Sang desselben Textes aus Kindermund erklingen müsste. Zarte Stimmen, die „den Weltenschöpfer preisen" sollten. Zum wortlosen Begleitgesang gesellt sich die rhythmische Marschmeiodie" mit ihrem Lala, wie wir sie auch so oft in französischen Volksliedern vernehmen. Der von Tora-Vorlesung und Mussaf-Gottesdienst Erfüllte singt die Sabbat-Tageslieder in dieser Erinnerung. Er spinnt die Melodie weiter aus, anlehnend an einen Jozar-Niggun, an die übliche Gebetweise und dann wieder aus einer fremden Welt anklingend, mystisch, unnennbar, heilig. Dieses ganze Melodienbuch beweist uns wieder, wie weit wir vom choralartigen Charakter entfernt sind. Die Mittel der Kunst, die hier in das Wort gestellt sind, bleiben, sieht man von den verschiedenen Melismen ab, ungemein musikalisch bescheiden. Kommt hierbei das rein Religiöse zu kurz? Keinesfalls, im Gegenteil: diejenigen, die heute am Werk sind, unsere kultische Musik zu erneuern und ihr einen eigenen Charakter zu geben, sollten auf diese Lieder zurückgreifen. Sie würden ihnen mannigfache Anregung für ihr Wirken geben. Zu einzelnen Melodien hat der unvergessiiche Eduard Birnbaum einen musikalischen Satz geschrieben. Am besten ist hier wohl der zweite Gesang geglückt, wro die Variante des Lern-Nigguns in die originelle Harmonisierung einbezogen wird. Nadeische Sammlung sollte^ in keiner Schule und in keinem Kreise fehlen, wo echt jüdischer Geist herrscht. Magnus Davidsohn. sehen Bühnen in den Vereinigten Staaten, das Deutsche Theater in Buffalo, und kehrt dann in die Heimat zurück. Halberstadt ist die nächste Station, von dort geht es nach Köln und über Bonn und Düsseldorf nach Mainz. 1903 übernimmt er die Direktion des Frankfurter Schumann-Theaters. Der Weltkrieg: stellt auch an Nothmann neue Anforderungen. In Lille leitet er das Deutsche Theater; dann richtet er verschiedene Frontbühnen ein und erfreut überall die Feldgrauen durch seinen urwüchsigen Humor. Dieser Humor ist ihm bis zu seiner jetzigen „Station", dem Berliner Jüdischen Kulturbund, erhalten geblieben. G--L- Emil Nothmann 70 Jahre Dieser Tage konnte Emil Nothmann seinen 70. Geburtstag und zugleich sein oOjähriges Bühnenjubiläum feiern. Aus A'nlass dieses Ehrentages veranstaltet die Künstlerhilfe einen Sonderabend. Wer Nothmann auf der Kleinkunstbühne, an der er das erstemal wirkt, sieht, merkt, mit welcher Frische er seine Rollen spielt. Nothmann, blutjung und stets optimistisch, beginnt am Variete, gründet eine der ersten deut- Konzerte und Vortrag Oberkantor L. Goldberg -Gollanin gleicht ein wenig dem stattlichen „Rebben" seiner Heimat, von dem er uns zu Beginn seines Jüdischen Liederabends in Berlin erzählte; mit der Liebe und Besinnlichkeit, mit der jener den kleinen Kindern im Cheder das Alef-beis beibringt, leitet Gollanin in deutendem Wort, in Gesang und Geste seine Hörer zum jiddischen Lied. Dabei bestätigt es sich wieder einmal, dass die Interpretation dieser Stücke nur dem gelingen will, der demselben Boden entstammt. Wer anders könnte jene urwüchsige östliche Vitalität in so echter Weise offenbar werden lassen, wie es hier geschah? Gollanin wirbt in seinen einleitenden Worten auch für die Schönheit der jiddischen Sprache, und man lässt sich an diesen Texten gern überzeugen. Das Programm ist sinnvoll gestaltet. Aus einigen Stücken spricht eine tiefe, gläubige Heiterkeit. Die Bearbeitungen tragen freilich zum grossen Teil den Stempel "des westeuropäischen Kunstliedes; hier bieten sich dem Schaffen der Gegenwart noch dankbare iVufgaben! Erstaunlich ist die Frische, die sich der wenigstens den Jahren nach nicht mehr ganz junge Künstler bewahrt hat. James Roth stein gibt am Flügel eine diskrete Untermalung. Herzlicher Beifall nötigte zu Zugaben. H. Fr. Ein gut besuchtes Sonder-Konzert des Frankfurter ~ Kulturbundorchesters zum Besten der Musikerhilfskasse zeigte den Ton- .körper in bester Verfassung, machte durch die prächtige Wiedergabe des — hier schon besprochenen — Concerto grosso von Ernest Bloch und die klangfrohe und zugleich beherrschte Art, wie Kompositionen von Dvorak, Liszt und Tschaikowsky erstanden, den Abschied von der Saison schwer. Man dankte dem ständigen Dirigenten, Professor Julius Prüwer, der sich wieder als trefflicher Pianist bewies, herzlich für diesen Abend und so manchen vorausgegangenen, und man dankte Richard K a r p für die eindringliche Erfassung der Tschaikowsky-Serenade. In dem an sich unbedingt zu langen Programm hätte man auf die Mitwirkung von Paula Salomon- Lindberg gewiss nicht verzichten wollen: ihr warmer pastoser Alt und die Eindruckskraft ihres Vortrages kamen in berühmten Arien und in zwei Mussorgsky-Liedern voll zur Geltung. Als Zeugen eines ehrlichen, der Spätromantik zu nahestehenden Empfindens und durchaus gekonnter, dem Wohlklang dienender Satzkunst fanden Lieder und Opernszenen von Rosy Geiger- K u 11 m a n n in einer Veranstaltung der Jüdischen Tonkünstler Frankfurts dankbaren Widerhall. Die Komponistin selbst begleitete am Flügel und spielte einleitend einen kurzen, rhythmisch sehr lebendigen und melodiösen Bauerntanz. Käte E111 i n g e r (Sopran), Hans Assenheim (Bariton) und Rolf Sander (Tenor) waren die geeigneten Interpreten des vokalen Teils, denen sich im Verlauf des Abends noch Dr. Willy Salomon als oft bewährter Partner am Flügel zugesellte. Auch Max W o 1 f f, der mit Chansons, Duetten und Terzetten aus einer selbstverfassten Operette „Das Urteil des Paris" zu Gehör kam. wurde mehrfach hervorgerufen. Es sind liebenswürdige „Musiken" des leichteren Stils, gelegentlich auch mal an einen bekannten Schlager anklingend, aber spritzig und mit Grazie geschrieben. Manche dieser Walzer und Zwei- Viertel-Tanzstücke, die den Vortragenden angenehme Aufgaben stellen, werden das Programm heiterer Abende bereichern können. —tt. Zum ersten Male wurde im Leipziger K u 1turbund eine grössere Oper als Gastspiel des Berliner Kulturbundes zur Aufführung gebracht. Nicolais „Lustige. W e i b e r v o n "W i n d. s o r" erwiesen sich in der sorgfältigen Einstudierung von Kurt Singer unter musikalischer Leitung von Rudolf Schwarz als ein voller Erfolg. Die abgerundete Aufführung, bei der sich Walter Ries, Wilhelm Guttmann, Rita A 11 a s z und Susanne L ö w e n s t e i n besonders hervortaten, verdient starke Anerkennung. K. S. Die jüdische Kullurgemeinschaft Heilbronn vermittelte in den Wintermonaten ihren Mitgliedern ein reichhaltiges, abwechslungsreiches Programm. Beatrice Wag h alter sang Lieder in verschiedenen Sprachen, Wilhelm Guttmann und Emmy Lussheimer gaben einen Lieder- und Dueitenabend. Die Kleinkunstbühne mit Max Ehrlich gastierte mit der Revue „Vorhang auf", das' Stuttgarter Kammermusiktrio Haas mit der einheimischen Harfenistin Else Rypinsky vermittelte Kammermusik. Dela Lipinskaja brillierte mit Kabinettstücken ihrer erprobten Kleinkunst. Eine Kinderoper (Musik: Joachim Popelka, Text: Arthur Wetzig; Leitung: Else Rypinsky und Oberlehrer Krämer), deren Reinertrag der Jüdischen Winterhilfe zufloss, gab etwa 50 mitwirkenden Kindern Gelegenheit, mit der Unbefangenheit und Unbeschwertheit des Kindergemüts tänzerisch, singend und sprechend die Herzen der Besucher einzufangen. Theater, Musik, Film Die Jüdischen Künstlerspiele in Wien konnten das Jubiläum ihres 10jährigen Bestehens feiern. * Im Deutseben Theater in Prag ging Shakespeares „Macbeth" mit Tilla Durieux und Fritz Valk in den Hauptrollen in Szene. Das Tschechische Staatstheater in Prag spielt zurzeit u. a« Ferdinand Bruckners „Napoleon". # Vom 15. bis 19. April findet in Wien die Versteigerung' von Ludwig Karpaths Nachlass statt. Neben seltenen Partituren und Autogrammen finden sieh auch zahlreiche Photos, darunter eines, das Bismarck und Pauline L u c c a auf einer Platte zeigt. Der Erlös ist u. a. für die Wohltätigkeits- Das Märchen vom musikalischen Schneider Es war einmal . . . aber nein, die Andersen- Märchen fangen ja ganz anders an. Was ich nämlich erzählen will, ist eine Art Andersen- Märchen, eineArt, sage ich, denn ganz stimmt es nicht. Nur ein „fast"-Märchen und nur fast von Andersen, aber weil es nun einmal eine ein bisschen märchenhafte Geschichte ist und ausserdem gerade in Kopenhagen spielt, fiel mir der Name Andersen ein, und wenn ich es zu Ende erzählt haben werde, wird man mir zugeben, dass mit ein klein wenig Phantasie — und zu welchem Märchen brauchte man sie nicht? — man meinen könnte, Chaim Ritterband sei gar nicht der Schneidermeister vom 0sterbro, bei dem die feinen Leute aus Kopenhagen ihre Anzüge machen lassen, sondern eine Puppe, die mitternachts lebendig wird und auf Tischen und Stühlen in dem kleinen Zimmer herumtanzt, in dem Hans Christian Andersen in Dänemarks Hauptstadt so viele seiner schönen Geschichten gedichtet hat. Aber ich will hübsch säuberlich der Reihe nach erzählen. Eines Tages — das liegt nun schon 25 Jahre zurück — kam ein kleiner ostjüdischer Schneidergeselle namens Chaim Ritterband in Kopenhagen an. Er stammte aus einem Dorfe Polens in der Nähe der ostpreussischen Grenze, hatte viele Geschwister, die nun mittlerweile in alle Himmelsrichtungen der Welt verstreut sind, und wreil es den Eltern zu Haus nicht gut ging, schrieb man an. die Verwandten nach Amerika, und dann kamen auch prompt Fahrkarten, um hinüberzufahren, aber es waren nicht genug, für Chaim ^ar jedenfalls keine mehr dabei. Darauf nahm er kurz entschlossen seine Kleider, schnürte sie zu einem. Bündel und zog nach Königsberg. In Königsberg waren Freunde aus der Heimat, ttan setzte sich zusammen und beriet über die Zukunft, Existenzfragen, Möglichkeiten. „Kopenhagen!" sagte einer, „das ist eine Stadt! Kennt ihr sie? Oben im Norden. , c — und er machte eine unbestimmte Handbewegung — „ich sage euch, eine Milch- und Honigstadt des Nordens!" — „Gut", dachte Chaim Ritterband, ..also Kopenhagen!", nahm wieder sein Kleiderbündel und fuhr mit langsamen Zügen, oft die Reise unterbrechend und bei irgendeinem mildtätigen Juden übernachtend, hinauf in die dänische Residenz. Mit 60 0re in der Tasche (so behauptet er jedenfalls, aber selbst wenn es 6 Kronen gewesen sind, macht es keinen grossen Unterschied) kam er an der Vesterbrogade an, ein kleines Schneider!ein, jung und arm und den Kopf voll Melodien, grad so wie einige Jahrzehnte vor ihm in derselben Stadt der Märchendichter aus Odense angekommen war, dessen Kreatur er hätte sein können. Chaim Ritterband besass den Ehrgeiz und die zähe Arbeitsenergie des ostjüdischen Menschen. Fehlte es nicht an gelernten Schneidern in der Stadt, und hatte er nicht in seinem Heimatdorf eine tüchtige Ausbildung als Schneider erhalten? Bald fand er eine bescheidene Stellung, bald fand er Lob und Anerkennung, und bald — zehn Jahre mochten seit seiner Ankunft inzwischen vergangen sein — hatte er sogar Geld genug, um ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Und nun geschieht das Besondere: eines Tages, als seine Kinder von einer Chanukkafeier heimkommen und traurig sind, weil sie das Lied vergessen haben, das dort gesungen wurde, schafft ihnen der Vater ein neues, erst summt er es leise vor sich hin, dann singt er es, kräftiger, voller, jubelnder, mit Worten, die ihm kommen, ohne dass er recht weiss, wie — alle Musikalität, die jahrelang in ihm schlummerte, bringt er in diesem Lied zum Ausdruck, die Kinder und die Frau stehen fassungslos und beseligt daneben, Vater dichtet ein Lied, ein jüdisches Lied. Dem Schneider selbst ist es sonderbar zumute. Den heimlichen Wunsch seiner Kindheit, Musiker zu werden, hatte er nie verwirklichen können, immer musste man erst an den Broterwerb denken. Und jetzt nun, da er sich und der Familie eine Existenz geschaffen hat. da es die unmittelbare Brotsorge nicht mehr gibt, da bricht es wieder heraus, lässt sich nicht länger mehr halten, der Musiker darf Musiker sein, Chaim Ritterband darf Lieder dichten. Als er eine Pause macht, bitten ihn die Kinder, das Lied zu wiederholen. Von neuem beginnt der Schneider. Aber manche Variation, manche Form ist ihm entschwunden, das Lied ist nicht mehr ganz dasselbe, vielleicht schöner, vielleicht nicht so schön — plötzlich unterbricht er sich, eilt zum Telephon, läutet den Kantor an, der sein Freund ist. „Hast du Notenpapier?" ruft er ihm durch den Apparat zu, „gut, dann hol' es rasch heran, mir ist eben ein Lied eingefallen, das sollst du aufschreiben, bevor ich's vergesse." Und dann singt er noch einmal das ganze Lied ins Telephon hinein, und am anderen Ende sitzt der Kantor und schreibt eifrig nieder, was ihm der Freund diktiert. So entstand das erste Lied Chaim Ritterbands. Und nach und nach entstanden viele andere, fast immer auf die gleiche oder ähnliche Weise. Mitten bei der Arbeit fällt ihm eine Melodie ein, beim Zuschneiden oder bei der Anprobe — „Moment mal," sagt er zu dem Kunden, geht zum Telephon im Nebenraum, ruft den Kantor an, pfeift rasch die Melodie in den Apparat und kommt wieder zurück, als wenn nichts geschehen wäre. Nie hat er eine musikalische Ausbildung gehabt, ein Noten-Analphabet durch und durch, der nichts, nicht das Elementarste an Musikgesetzen, an Musiktheorie gelernt hat. Schneller, als er es ahnt, wird er bekannt und berühmt. Draussen in der Welt, in New-York und in Warschau, in Paris und am Schweizer Sender, wo seine Lieder von den grossen Interpretinnen volksliedhafter Weisen als beste Proben ostjüdischer Volksliedkunst gesungen werden, weiss man nicht, dass ihr Verfasser, ein gewisser Chaim Ritterband, wie der Programmzettel zeigt, ein Schneidermeister in Kopenhagen ist, der die Lieder auf Eingebung hin und nur so, neben und bei seiner Arbeit dichtet (schreibt wäre zuviel gesagt; denn er kann ja selbst nicht Noten schreiben, nicht einmal lesen). In Dänemark ist es die bekannte Diseuse Engel L u n d, die seine Lieder immer wieder und mit riesigem Erfolg zum Vortrag bringt. Ihr hat er auch den Band „Jidische Melodier" gewidmet, der vor zwei Jahren in einem Wilnaer Verlag herauskam und 45 seiner schönsten Kompositionen enthält. Schlichte, volksliedhafte Weisen sind es, in Klangcharakter und Melodik echtester Ausdruck ostjüdischen Empfindens, von bezwingender Reinheit und Molltiefe zugleich. Erst ganz kürzlich hatte die bekannte Vortragskünstlerin Chajele Grober im Adelphine Theatre in New-York starken Erfolg mit seinen Liedern. Voller Stolz zeigt Chaim Ritterband das Album, das Artikel in allen möglichen Sprachen der Welt enthält, in denen seine Kompositionen besprochen und gelobt werden. „Ich freue mich," sagt er, „dass ich mit meinen Liedern andern Menschen in der WTelt Freude mache. Und ich freue mich, dass es gerade jüdische Lieder sind, mit denen ich ihnen diese Freude bereite." — Dann greift er wieder nach dem Kreidestift und dem Massband und eilt, eine kleine Melodie summend, in die Koje nebenan, in der ein dänischer junger Mann schon ungeduldig und keineswegs ahnend, dass die Lieder, die er vor drei Tagen im Kopenhagener Rundfunk hörte, von seinem Schneider waren, auf die Anprobe wartet. Heinz Berggrün Paul Morgan arbeitet gemeinsam mit Max Hansen an einem Lustspiel mit Musik, betitelt „Franz im Glück"v Alle Ihre Bücher von der Buchhandlung am Zoo Fritz Ring Charlottenburg, Joachimsihaler 5fr. 43-44 Mitglied der jüdischen Gemeinde Telefon: 91 6506 Zusendung nach allen Siadtleilen

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