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Central-Verein-Zeitung · 1937-04-15 · 15 (15.4.1937) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
15 (15.4.1937)
Date
1937-04-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Nr. 15— Seite 6 C.-V.-Zeltung Donnerstag, 15. April 1937 emnchtungen der Künstler-Gesellschaft „Concordia" bestimmt. * „Victoria Regina", das dramatische Erstlingswerk von Andre Maurois, erzielte am Theätre de la Madeleine in Paris einen ausserordentlichen Erfolg. Gleichzeitig mit dem Stück hat Andre Maurois eine „Geschichte Englands" erscheinen lassen. * . * Im Schönbrunner Schlosstheater veranstaltete das Reinhardt- Seminar eine Aufführung von Lessings „Emilia Galotti" unter Oberleitung von Dr. Ernst Lothar. * Fritzi .Massar y, die seit dem Tode ihres Gatten Max Pallenberg sich von der Bühne ganz zurückgezogen hatte, beabsichtigt, in der nächsten Spielzeit wieder aufzutreten. Es ist ein Gastspiel am Theater in der Josefstadt und an der Scala in Wien in Aussicht genommen. x Ernst Lothars Roman ,.Romanze F-dur" wird in einer eigenen Dramatisierung des Verfassers zu Beginn der nächsten Spielzeit am Theater in der J osefstadt in Wien zur Uraufführung kommen. * Bruno Franks neues Drama „Young Madame Conti" wurde in New-York erfolgreich aufgeführt. * Am 18. April findet in der Wiener Staatsoper unter der Regie Lothar Wallersteins die Uraufführung der Oper „Die Fremde Frau" von Marco Frank statt. Dem Textbuch liegt Alex Bissons gleichnamiges Schauspiel zugrunde. * Bronislaw Hub er man und Arthur Schnab e 1 gaben in X e w - Y o r k einen Sonaten-Abend zugunsten des Palästina-Orchesters. Am 16. April, izy2 Uhr, singt Joseph Schmidt am Brüsseler Rundfunk. — In einem Schallplattenkonzert in Wien sind Joseph Schmidt und Gitta A 1 p a r am 22. April, 16 Uhr 5 Min., zu hören. # Richard Tauber singt am 17. April. 17 Uhr, und am 22. April, 22.20 Uhr, am Wiener Rundfunk, am 21. April, IS Uhr, am Brüsseler Sender. x. Im Rahmen eines Orchesterkonzertes sendet der Rundfunk H i 1 v e r s u m am 17. April, 22% Uhr, Musik aus dem „Sonimernachtstraum" von Mendelssohn. ¥ Alexander Iv i p n i s begibt sich Anfang Oktober für zwei Monate auf eine nordamerikanische Konzertreise. Er hat ausserdem ein Angebot erhalten, Anfang 193S in Australien eine Reihe von Konzerten zu geben, die vom australischen Staatssender übernommen werden sollen: die Entscheidung ist von den europäischen Verpflichtungen des Künstlers abhängig. # Der Pianist Bernhard A b r a m o w i t s c h . der vor kurzem von Hamburg nach Amerika ausgewandert ist, gab Ende März in Portland (Oregon) sein erstes Konzert in USA mit sehr grossem Erfolge. x Ralph Benatzkys „Andre verzaubert eine Stadt" — nach Gogols „Revisor" — soll im Herbst mit Max Hansen in der Hauptrolle in Wien zur Uraufführung gelangen. * Hans Gäi, dessen Ballettsuite der Berliner Kulturbund in seinem April-Konzert aufführte, bringt am 15. April mit der Wiener Madrigal-Vereinigung in den Wiener Musikvereinssälen Werke von Bach. Lasso, Raraeau. Brahms, Gäl und Bloch (Uraufführung'); am Klavier: Erna Gäl. j£ Issay Dobrowen wird demnächst an der Oper in Budapest Puccinis „Boheme" dirigieren. Er wurde ferner für die Leitung eines Konzerts in Brüssel verpflichtet. * , Die deutsche Oper in San Franz isco wird Anfang der kommenden Spielzeit „Fidelio" unter der musikalischen Leitung von Fritz Reiner zur Erstaufführung bringen. Ein neues musikalisches Lustspiel „Eva im Pelz" von Michael Krauss. Buch von Dr. Ludwig Herz, wird in Kopenhagen zur Uraufführung kommen. * Alexander Borovsky gab im Amsterdamer Concertgebouw ein Konzert mit Werken von Beethoven, Moussorgski, Stravinsky und Chopin. * In Hollywood wird ein Sarah-Bernhardt-Fi Im vorbereitet, der die Lebensgeschichte der Künstlerin behandeln soll. „Unzerstörtes Geheimnis. Eine Umdichtung des' Schir haschirim." Zu der Besprechung in Nr. 14 der C.-V.-Zeitung vom 8. April ergänzen wir, dass die Uebersetzung von Meir Broser und das Geleitwort von Joachim Prinz stammt, von dem auch die Bezeichnung des Werkes als erste wirkliche Uebersetzung und „die kopernikanische Wendung der neuen Uebersetzung" herrührt. Jüdisches Leben—jüdischer Geist Semester-Beginn in der Lehranstalt Am 13. April eröffnete die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, Berlin, ihr diesjähriges Sommersemester mit einer kleinen Feier in der Aula der Anstalt. An Stelle des neuen Vorsitzenden des Lehrerkollegiums, Dr. Sister, der sich gegenwärtig auf einer Palästi-na-Reise befindet, hielt Professor Dr. Elbogen die Eröffnungsansprache. Er wandte sich in erster Reihe an die neueintretenden Hörer und Hörerinnen und führte aus, dass das Glück und die Auszeichnung, in der heutigen schweren Zeit einige Jahre an sich selbst arbeiten zu dürfen, durch fleiss-ige und intensive Arbeit verdient werden müsse. Gegenüber der in chaluzzischen Kreisen vereinzelt zutage getretenen Neigung, die Gebiete des allgemeineren Wissens zugunsten des nur für die praktische Arbeit bestimmten Lernens bewusst zu vernachlässigen, betonte Professor Elbogen die absolute Notwendigkeit einer gründlichen geistigen Durchbildung jenseits allen Spezialwissens. — Von den weiteren Mitteilungen interessierte insbesondere, dass an den allgemeinwissenschaftlichen Vorlesungen auch die Hörer des orthodoxen Rabbiner-Seminars teilnehmen werden: da diese aber die Räume der Lehranstalt nicht betreten wollen, ist nach langen Verhandlungen ein Kompromiss zustande gekommen, demzufolge die diesbezüglichen Vorlesungen weder in den Räumen der Lehranstalt noch in denen des Rabbiner-Seminars, sondern in solchen der Jüdischen Gemeinde, sowie der Mädchenschule, Auguststrasse, stattfinden werden. Anschliessend hielt Rabbiner Dr. Wiener die Festvorlesung über das Thema „Prinzipielle Bemerkungen zum Studium der jüdischen Theologie". Gü. Lo. An der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums und an dem Rabbiner-Seminar in Berlin werden im Sommer-Semester wieder allgemein wissenschaftliche Vorlesungen und Uebungen, insbesondere aus den Gebieten der Philosophie, Psychologie. Philologie, Geschichte und Soziologie stattfinden, die auch das Interesse weiterer jüdischer Kreise finden werden. Es werden u. a. lesen: Dr. Metzger: Einführung in die Philosophie sowie Uebungen über Piatos „Theätet" und Husserls „Logische Untersuchungen". — Dr. Friedländer: Leib und Seele; Uebungen zur Sprachphilosophie sowie über Grundfragen der Erziehung- und Unterrichtslehre. Dr. Rosenthal: Arabisch für Anfänger. — Dr. Grumaeh: Griechisch und Lateinisch für Anfänger, sowie Uebungen über Aristoteles „Xikomachische Ethik". — Prof. Dr. Täuhler: Der Antisemitismus im Altertum. — Dr. Liebschütz: Die Gesellschaftslehren der Antike und des Mittelalters: Uebungen über den Ursprung der Staatstheorie bei den Griechen und Einführungen in die lateinische Geschichtsschreibung des Mittelalters. — Dr. Rerney: Das Mittelmeer in der neuen Geschichte: Uebungen zur jüdischen Geschichte dos 19. Jahrhunderts und Colloquinrn über historische Grundfragen. — Dr. Stillschweig: Die Recht.stellnng der Juden Osteuropas. — Prof. Dr. Franz Oppen-Heller: Geschichte der Nationalökonomie sowie Nationalökonomisches Seminar. Das Vorlesungsverzeichnis ist beim Sekretariat, der Lehranstalt Berlin N. 4, Artilleriestrasse 14, erhältlich. Nähere Auskünfte werden dort (Tel.: 41 02 16) und beim Sekretariat des Rabbiner-Seminars Berlin N. 4, Artilleriestrasse 31 (Tel.: 42S4 30) erteilt. Dr. Vogelstein, Breslau: Lebendige Religion. Im Liberalen Gemeindeverein in Hamburg behandelte Rabbiner Dr. Vogelstein (Breslau) die „Lebendige Religion" in einem grossangelegten Vortrag. Nicht aus Zeitgründen, nicht aus Religions- oder Gedankenlosigkeit sei der Reformwille entstanden; er erwachse stets dem tiefen religiösen Empfinden, sei das Wollen zur Prüfung, zur Deutung und Wandlung des Uebernommenen; sei das Herüberführen von der Vergangenheit in die Gegemvart und das Hinüberführen in die Zukunft; sei das Bewusstsein der Lebendigkeit der Religion. Treue in Wandelbarkeit, Wandelbarkeit in Treue sei das Motto der religiösliberalen Richtung; Erneuerung festige stets die Kraft unserer Religion, beweise immer wieder seine Stärke und Widerstandsfähigkeit. N. J. Carlebach, Hamburg: Hiob. Im Rahmen der Arbeitsgemeinschaften der Franz - Rosenzweig - Gedächtnis - Stiftung sprach Oberrabbiner Dr. J. Carlebach in Hamburg über das Thema „Hiob, das Symbol Israels". Er verknüpfte die Deutung des Hiob-Schicksals mit einer Sinndeutung des jüdischen Schicksals, des menschlichen Daseins überhaupt. An der inneren und äusseren Vervollkommnung der Welt zu arbeiten, ist des Menschen Aufgabe. Je grösser die Aufgabe ist, die Gott ihm steilt, je schwerer die Prüfung durch das Leid. Es wird erst überwunden sein, wenn der Messias kommt. Aber mit dieser Messias-Vertröstung, dieser Glücksverheissung, enden die hohen Gedankengänge des Buches Hiob nicht. Der Epilog zeigt, wie Gott das Leid, das Er schickt, auch wieder bannen, die Wunden wieder heilen kann, die Er schlägt. S. E. Dr. Hans Epstein, Frankfurt: Die jüdische Bildungslage. Auf Einladung des Lehrhauses der Gemeinde München sprach der Leiter der Frankfurter Grundlehre, Dr. Hans Epstein, über die jüdische Bildungslage unter besonderer Berücksichtigung der Schulfrage und der Fortbildung der Schulentwachsenen. In der vom'Vorsitzenden des Lehrhaus-Kuratoriums. Gemeinderabbiner Dr. L. B a e r w a 1 d, geleiteten Aussprache wurden Fragen des 9. Schuljahrs, der Vorlehre, der jüdischen Mittelschule und der Ausbildung in Fremdsprachen geklärt. Am Samstagnachmiltag hatte Epstein mit den Jüngsten der Bünde einen Omeg-Schabbat über Laienspiele gehalten und am Sonntag auf Einladung der Mittelstelle, des Lehrhauses und des Ortsrings einen sehr instruktiven Schulungskurs für Jugendführer über Jugendliteratur. —mm. Neue Anfängerklassen für Hebräisch eröffnet die Hebräische Lehranstalt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Grosse Hamburger Strasse 27 und Klopstockstrasse 58, in der Schule Grosse Hamburger Strasse 27 Mittwoch, 14. April, 20.30 Uhr (Unterrichtszeit: Montag und Mittwoch, 20.30 bis 22 Uhr); in der Schule Klopstockstrasse 58 Donnerstag, 15. April, 18.45 Uhr (Unterrichtszeit: Dienstag und Donnerstag 1S.45 bis 20.15 Uhr). — Der Unterricht, der auf der Grundlage von Hören und Sprechen und in sephardischer Aussprache erteilt wird, führt in systematischer Erweiterung der Elementarkenntnisse zu den Quellen der hebräischen Literatur, der Bibel, der nachbiblischen und der modernen Literatur und zur Zeitschriftenlektüre. Auf die Erlangung der Fertigkeit im Sprechen und Schreiben und gesicherter grammatischer Kenntnisse wird grosses 'Gewicht gelest. Das Schulgeld beträgt für Erwachsene 2 RM. monatlich, "für Jugendliche bis zu 20 Jahren und Erwerbslose 1 RM. monatlich. In besonderen Fällen wird Ermässigung gewährt. Aus der wissenschaftlichen Welt Auf Einladung der Universität Dorpat wird in der Universitätsäula eine akademische Feier für Don Isaac Abrabanel stattfinden. Die einleitende Ansprache wird Professor Gulkowitsch, Inhaber des Lehrstuhls für jüdische Wissenschaft, und den Festvortrag über „Die historische Bedeutung Don Isaac Äbrabanels" wird Paul Goodman aus London halten. In Verbindung mit der Feier wird ein Festgottesdienst in der Synagoge stattfinden. Paul Goodman wird vom estnischen Staatspräsidenten und vom Bischof von Estland, Professor Dr. Rahamägi, empfangen werden. Der Professor für englische Literatur. Anis Oras, hat Paul Goodman gebeten, vor der akademisch-englisch-estnischen Gesellschaft zu sprechen. Der Senat des Trinity- College in Dublin hat einen eigenen Lehrstuhl für Hebräisch errichtet und Professor Dr. Jacob W e i n g r e e n auf ihn berufen. Professor Weingreen ist der erste Jude, der eine ordentliche Professur in Irland erhielt. Das Paulus werk in Wien kündigt eine Reihe von Vorträgen an. die das Judenproblem behandeln sollen. Es w7erden sprechen: Universitätsprofessor Dr. Dietrich v. Hildebrand (Wien) über „Die Juden und das christliche Abendland", Professor Dr. Eduard Pant (Kattowitz) über „Die Juden und die soziale Ordnung", P. Franziskus M. S tratmann (G. P. Rom) über „Die Juden und wir Christen", Kooperator Johannes Oesterreicher (Wien) über „Die Juden und das Reich Gottes", _ L, _ Georg Förster in G-leiwitz wurde anlässlich' seines 70. Geburtstages für seine vielfachen Verdienste um die Gemeinde und insbesondere für seine ehrenamtliche Tätigkeit in der Wirtschaftshilfe ein Ehrenplatz in der Synagoge auf Lehenszeit verliehen. Schuhmachermeister J. Berliner und Frau (Köln) begrasen am 11. April das Fest der Goldenen Hochzeit. Gleichzeitig konnte der Schuhmachereibetrieb des Jubilars sein öOjähriges Bestehen feiern. Am 1. April waren 25 Jahre verflossen, seitdem Max Wachs mann das Amt eines Chordirigenten der .Juriischen Gemeinde in Berlin übertrafen wurde. Lange Jaure wirkte er an der Synagoge Levetzowsrrasse um dann später das gleiche Amt des Chordirisrenten am •neden-teinpel zu übernehmen. Srhon in frühen Jahren hatte er als G<-?er bedeutsame Erfolge. Können und Wissen wiesen ihn auf das Gebiet der kompositorischen Arb.ut. ni der er mit mancher eigenen Komposition und insbesondere sehr geschickter Bearbeitung alter religiöser lotsen starke Beachtung fand. Jlö-en diesem stillen und bescheidenem Menschen seine Erfolge Ansporn zu weiterer künstlerischer Arbeit sein. Levy-Brühl 80 Jahre Luden Levy-Brühl, Professor an der Pariser Sorbonne, feierte am 10. April seinen 80. Geburtstag. Sein Name hat Weltklang: er gilt als der bedeutendste französische Soziologe, doch die Ergebnisse seiner Arbeit strahlen über dieses Gebiet hinweg noch weit in* philosophische Grundfragen aus, die er erneut zur Diskussion gestellt hat. Das Kerngebiet Levy-Brühls ist die Völkerkunde. In einer ganzen Reihe von Büchern, die in alle Kultursprachen übersetzt sind, hat er an Hand eines riesigen Materials das Leben der Völker beschrieben, die wir „Primitive" nennen. Das Werturteil des Unentwickelten und Unzulänglichen, das in diesem Ausdruck liegt, bestätigte sich ihm an den Tatsachen nicht. Man hatte angenommen, der menschliche Verstand arbeite grundsätzlich immer gleichartig, nur eben verschieden intensiv auf verschiedenen Entwicklungsstufen. Aus der Tatsache, dass früher Sprachen kein Wort für „Messer", wohl aber je ein ganz verschiedenes Wort für „langes Messer", „krummes Messer". „Opfermesser" usw. haben, leitete man die Fähigkeit zur Begriffsbildung als Kennzeichen höherer Kulturen ab, während die niederen sozusagen den Wald vor Bäumen nicht sähen. Demgegenüber beschrieb Levy-Brühl diese „primitiven" Kulturen als nicht unlogisch, sondern vor logisch, oder, wie er positiver sagte: magisch. Dinge und Vorgänge werden nicht als solche, nicht „sachlich", sondern als Einwirkungen mystischer Kräfte erfasst. deren Gunst man sieh bedienen, deren böse Einwirkung man vermeiden muss, um eigene Zwecke zu erreichen. Nach allen Seiten seine These ausbauend, hat Levy-Brühl nun aber von dieser Feststellung aus die ältere Auffassung von der Einheitlichkeit menschlicher Verstandesstruktur überhaupt bekämpft und sieht im menschlichen Denken nicht eine absolute Fähigkeit, wie die alte Metaphysik es tat, auch nicht die Vererbung erworbener Eigenschaften wie Spencer, sondern eine Umweltfunktion, eine soziologische Bildung. Ueber diese Folgerungen aus seiner Arbeit, deren wissenschaftliche Bedeutung unbezweiielt feststeht, sind die Akten noch nicht geschlossen, wie es in der Art wissenschaftlicher Hypothesen liegt: sie brauchen nicht, endgültig wahr zu sein und können doch im Fluss der Diskussion ihre Bedeutung bewahren. Einer jüdisch-lothringischen Familie entstammend, selbst schon in Paris geboren, hat Levy- Brühl. seiner Zeit und der Art des französischen Judentums entsprechend, sich mehr nur theoretisch als Jude gefühlt, so wenig er sich etwa seiner Abstammung schämte. Er sei in der jüdischen Welt stets ein Aussenseiter gewesen. Ihn hätten andere allgemein-menschliche, humanitäre Probleme stets mehr in Anspruch genommen, sagt der rüstige Mann mit dem Knebelbart französischer Demokraten, der etwas an seinen AltersgenossenSigmund Freud erinnert. Die Ereignisse der letzten Jahre haben auch ihn für jüdische Fragen aufgeschlossener gemacht, doch zu einer grundsätzlichen Wendung fehlte ihm in französischer Umgebung der Anlas»: der Forscher baut weiter an seinem Werk. —a— seinen Forschungen hat Deissmann selbst wiederum stets mit besonderer Erschlossenheit die Forlschritte der Wissenschaft vom Judentum verfolgt und sich zu eigen gemacht. Aber hinler dem allen, und das machte diesen Mann so eindrucksvoll, sland die sittliche, die religiöse Persönlichkeit. Für Deissmann waren wissenschaftliche Arbeit und wissenschaftliches Lehramt nicht zuletzt Angelegenheit und Aufgabe des Charakters. Schon dadurch erhielt seine Persönlichkeit etwas Universelles; er sah über Schranken, welche gewordene Verhältnisse errichtet hatten, hinaus, er hatte den Blick für das grosse Ganze, vor allem für das der Religion. Einheitsbestrebungen waren ihm Sache des Herzens, alle die ökumenischen Bemühungen im Christentum, besonders im Protestantismus fanden in ihm den Vorkämpfer und Führer. Sie haben ihn schon früh vornehmlich mit Männern der englischen Kirche zusammengebracht, in deren Kreisen er hohes Ansehen genoss. Für ihn war es eine Wirklichkeit: ..Gottes ist der Orient — Gottes ist der Occident." Wer diesen aufrechten, graden, vornehmen Mann gekannt hat, wird sein Bild in dankbarer Verehrung bewahren. Adolf Deissmann Mit Adolf Deissmann ist ein Mann heimgegangen, in dem sich in seltener Weise der Gelehrte und der Charakter einten. Die wissenschaftliche Welt ist ihm zu bleibender Dankbarkeit für seine Arbeiten verpflichtet, die sich vor allem der sprachlichen Erforschung der griechischen Bibel zugewandt hatten, und in die er, besonders von der griechischen Volkssprache her, die in Ostraka und Papyri durch Ausgrabungen vor den Blick geführt worden waren, selbständig neue Wege bahnte und neue Einsichten brachte. Der Wissenschaft vom Judentum hat er damit wertvolle Dienste auch geleistet. Sein Buch „Licht vom Osten", in welchem er die Ergebnisse dieser Arbeit zusammenfasst, ist eine unentbehrliche Hilfe für jeden, der die Denkmäler einer entscheidenden geschichtlichen Zeit, in der Osten und Westen zueinand erkamen, verstehen will. In diesen Die Gesellschart für Jüdische Familienforschunj!; veranstaltet gemeinsam mit dem Verein für Jüdische Geschichte und Literatur am Mittwoch, 21. April, 21) Uhr 15 im Logenhans Klciststrasse 11), einen Vortragsabend, der uns in das Kulturleben unserer Ahnen führen soll. Dr. Bertha B a d t - S t r a u s s „Werktag und Feierstunde im Hanse unserer Ahnen". Die Altistin Agnes Leimdörfer - Lcnb ach und der Pianist J e i d e 1 s bringen unbekannte Kompositionen von Fanny Honsel, der Schwester von Felix Mendels- *ühn-Bartholdy. Der Reinertrag des Abends ist für bedürftige Schriftsteller und Künstler bestimmt. Eintrittskarten ' 2 RM (kein Verzehrszwang), hei der Jüdischen Buehvcreinigung, Pariser Strasse 7 (Tel.: 02 06 815), dem Philo-Verlag, Pariser Strasse 4-1 Tel.: 02 13 75), der Buchhandlung Kedem, Dahlmannstrasse 8 (Tel.: 961141) und an der Saalkassc. Eintritt nur gegen Kulturbundausweiskarte oder R.-Karte. Die Gesellschaft für jüdische Volksbildung e. V., Frankfurt a. M., veranstaltet am IS. April. 20 Uhr 30 Min., eine religiöse Weihestunde. Rabbiner Dr. Jakob Horovitz spricht anlässlich des 300. Todestages von Rabbi Josef Hahn, des Verfassers von „Josif Omcz", über dessen Leben und Werk. Hörsaal Unterlindau 21. Die „Titanic" Zum 14. April 1937 In diesen Tagen jährt es sich zum 25. Mal, dass eine Schreckensnachricht durch die Welt liei:^ Im Nordatlantik war die ..Titanic", ein Schiff, das für die Ewigkeit gebaut zu sein schien, auf seiner ersten stolzen 'Fahrt an einem Eisblock zerschellt. Fast 2000 Menschen hatte es in die eisige" Flut und das ewige Schweigen mitgerissen. Wenn heute nach einem Vierteljahrhundert in der ganzen Welt noch einmal jenes furchtbaren Tages gedacht wird, -dann sei auch das Andenken an den heldenmütigen Tod zweier jüdischen Menschen zurückgerufen. Als das Kommando ertönte: „Frauen und Kinder in die Rettungsboote!" und in wildem Entsetzen Kinder ihre Eltern, Mütter ihre Kinder suchten, alles in die Boote drängle und jeder nur den Gedanken an die eigene Rettung hatte, wreigert sich eine alte Frau, der ein "Offizier zuruft: „Retten Sie sich, wir sinken!", das Boot zu besteigen. Sie will ihren Mann nicht verlassen. „Frauen und Kinder zuerst!" Die Frau eilt auf ihren Mann zu und schlingt die Arme um seinen Hals: Das letzte Boot wird herabgelassen, ein älterer Junge versucht noch hineinzukommen. Da stösst ihn ein Matrose zurück: „Frauen und Kinder zuerst!'' Die alte Frau bückt sich, hebt einen zertretenen Mädchenhut vom Boden auf und setzt ihn dem Jungen auf den Kopf. Nun wird er nicht mehr zurückgehalten . . . Tief neigt sich das Schiff in die Wogen, ein alter Mann und seine Frau stehen eng umschlungen auf den sinkenden Planken. Das letzte Rettungsboot stösst ab — im gleichen Augenblick bäumt sich das Schiff kerzengerade auf, ragt eine Sekunde in die Luft hinein, mit einem letzten furchtbaren Schrei der Ueberlebenden versinkt es in die Tiefe! Eine Ueberlebende der Katastrophe, die selbst zwei junge Söhne verloren hatte, hat uns die Geschichte berichtet. Kein Heldenlied ist ihnen gesungen wrorden, den beiden alten Menschen — und' doch waTen sie Helden der Liebe und der Treue: Isidor und Ida,Strauss. Dr. E. Fr—I.

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