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Central-Verein-Zeitung · 1937-04-08 · 14 (8.4.1937) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
14 (8.4.1937)
Date
1937-04-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 14 * 1. Beiblatt CY2eitunq 8. April 1937 Kolumbien: Wirtschaft und Wanderung Sonderbericht für die C.-V.-Zeitung / Von Dr. BRUNO WEIL Englische Reifeprüfung im Landschulheim Florenz Das Landschulheim Florenz, Höhere Schule u. Internat, hat mit dem Beginn des Sommersemesters seinen bisherigen Aufgabenkreis erweitert. Bisher bereitete es u. a. auf das ital. Abiturium vor, das in zahlreichen Staaten durch Gegenseitigkeitsverträge anerkannt wird. In Zukunft kann in Florenz auch die ■englische Reifeprüfung ■ Schoo! Certificate Examinafion | abgelegt werden, und zwar vor der von der Cambridge-Universität eingesetzten Kommission. Die Schüler haben damit die Möglichkeit eines Examens, das in England und vielen andern Ländern zum Universitätsbesuch berechtigt. Der Unterricht wird von engl., ital. und deutschen Lehrkräften erteilt. Au Bord der Santa Clara, Ende Februar. Kolumbien ist das einzige Land der Welt, das Smaragde in grösserer Menge hervorbringt. Aber man sieht sie nirgends weniger als in Bogota. Denn die Regierung hat ein Monopol auf ungeschliffene Steine. Die Kunst des Schleifens ist noch ganz unentwickelt, und die schönen grünen Steine werden nach Europa gebracht und dort erst geschliffen. Kolumbien ist der Produktion nach das zweite K a f f e e 1 a n d der Erde. Es wird rein mengenmässig nur von Brasilien mit seinen mehr als 20 Millionen Sack übertroffen. Aber der brasilianische Kaffee ist von den milderen Sorten verdrängt worden, und bei der milderen, weit teueren Sorten steht Kolumbien an erster Stelle. Der Wert seines für Kaffeeanbau genutzten Bodens wird auf eine Milliarde Mark geschätzt. Mehr als 95 Prozent dieses Grund und Bodens sind in kolumbianischen Händen. Von dem Export des Kaffees hat bisher nahezu die ganze Wirtschaft des Landes, die Aufrechterhaltung seiner Währung, die Bedienung der ausländischen Anleihen und nicht zuletzt die Frage abgehangen, was an industriellen Produkten eingeführt und zur Hebung der Lebenshaltung verwandt werden kann. Zum Glück für das Land ist hier eine seit 1922 fast ständig steigende Kurve festzustellen. Damals wurden 1,7 Millionen Sack ausgeführt, 1934 3,08, 1935 3,78, und derhöchste Satz überhaupt wurde, wie gerade in diesen Tagen berechnet worden ist, im Jahre 1936 mit 4,1 Millionen Sack erreicht. Zum ersten Male in der Geschichte des Landes wurde die Viermillionengrenze überschritten. Dadurch hat der Kaffee 91 Millionen kolumbianische Pesos, also 150 Millionen Mark, erbracht. Die Gesamtausfuhr 1935 beträgt 170 Millionen Mark, 1926 ist sie auf 210 Millionen Mark gestiegen. Von den europäischen Ländern steht seit zwei Jahren Deutschland an erster Stelle des Handelsverkehrs. Im vorigen Jahre hat Kolumbien 880 000 Säcke Kaffee nach Deutschland geliefert, also mehr als ein Fünftel seiner Produktion. Die Vereinigten Staaten stehen allerdings bei weitem an erster Stelle. Kolumbien führt nach ihnen fünfmal so viel aus wie nach Deutschland. Auf der anderen Seite hat Deutschland aber noch mehr Ware nach Kolumbien geliefert, als es Kaffee oder andere Produkte dieses Landes bezog. Damit trat der im deutschen Aussenhandel ziemlich vereinzelt dastehende Zustand ein, dass sich ein starker Äktivsaldo zu deutschen Gunsten ergab, der für 1935 und 1936 zusammen nicht viel weniger als zehn Millionen Mark betragen mag. Von den übrigen Exportgütern Kolumbiens muss noch besonders das Petroleum genannt werden, das sich in ganz Südamerika zu einer immer überragenderen Stellung aufschwingt. Hier beträgt der Wert der Ausfuhr über 30 Millionen Pesos, also ein Drittel des Wertes der Kaffeeausfuhr. Kolumbien ist der zweite Weltproduzent an Platin und führt für über drei Millionen Pesos dieses gesuchten Artikels aus. Bei Bananen steht es am dritten Platze; sie nehmen mit neun Millionen einen noch bedeutenderen Rang in seiner Zahlungsbilanz ein. Das Land hat ferner eine recht erhebliche Goldproduktion, in Südamerika die grösste. Mit 20 Millionen Pesos in 1935 hatte sich die Gewinnung dieses Edelmetalls in den letzten vier Jahren vervierfacht, und die Steigerung hat auch im Jahre 1936 noch angehalten. Dtis Gold ward nur zum Teil exportiert, zum anderen dient es der Vergrösserung der Goldreserven, die bei der Staatsbank allein im letzten Jahre um fast fünf Millionen Pesos auf über 23 Millionen bei einem Notenumlauf von 57 Millionen gestiegen sind. Die Golddeckung beträgt also über 40 Prozent. Aus den angeführten Daten, die natürlich nur einen Teil der Produktionswirtschaft umfassen, ergibt sich, dass Kolumbien ein Land mit grossen Möglichkeiten ist. Auch hier befindet sich der Verwertungsprozess noch im Anfang. Auch Kolumbien hat Kapitalbedarf. Er macht sich aber viel weniger dringend bemerkbar, als dies in anderen südamerikanischen Ländern der Fall ist. Ein gewisser Kapitalzustrom hat sich in letzter Zeit angekündigt. Das Land steuert auch zielbewusst auf seine Industrialisierung zu. Wenn es trotz seiner reichen natürlichen Schätze nicht weiter gekommen ist, so sprechen einmal die Schwierigkeiten der Verkehrsbedingungen mit. Es gibt Fälle, bei denen die Einfuhr von Produkten auf dem Seeweg billiger ist als die Gewinnung im eigenen Lande plus den Kosten der Verbringung. Das Land hat ferner eine sehr hochstehende Währung, und die Arbeitskräfte in den umliegenden Ländern mit niedriger Währung sowie die gesamten Kosten der Lebenshaltung erlauben anderswo erheblich billiger zu fabrizieren. Die wichtige Petroleumproduktion ist ganz in nordamerikanischen Händen, und sie bringt wegen der bestehenden Verträge dem Land weit weniger Vorteile, als e9 mit Recht aus seinen reichen Vorkommen erwarten konnte. Erwägungen; weitere Konzessionen zu vergeben, schweben auch hier. Schliesslich gibt es eine ganze Reihe von Berufszweigen, für die ordnungsmässig vorgebildete Arbeitskräfte überhaupt fehlen. Es gibt andererseits noch eine Reihe von Geschäftszweigen, die überhaupt nicht oder in ganz bescheidenen Anfängen vertreten sind, und bei denen ein Ausbau möglich und von der Regierung auch sicher unterstützt würde. Bier, Mineralwässer und sonstige Getränke, Schokolade, Zigarren, Zigaretten, Streichhölzer werden in ausreichendem Umfang im Lande produziert, also merkwürdigerweise gerade Gegenstände, die im allgemeinen nicht zu den Schlüsselindustrien gehören, sondern schon einen gehobeneren Lebensstandard zur Voraussetzung haben. Landwirtschaftlich ungenutztes, aber gut nutzbares Land ist in geradezu ungeheuren Mengen vorhanden. Ich weiss nicht, ob die mir angegebene Ziffer von 750 000 Quadratkilometer (Deutschland hat etwa 450 000) stimmt. Jedenfalls aber ist Land in einem solchen Umfange vorhanden, dass es überhaupt kein Problem ist, von der Regierung gut nutzbares Terrain zu erhalten, sondern nur, dass dabei Klima und Höhenlage, sowie vor allem die Frage der Verkehrsmittel und Erreichbarkeit und die Nähe von grösseren Siedlungen zu prüfen sind. Die gesetzlichen Bestimmungen für die Einwanderung in dieses Land sind im September 1936 neu geregelt worden. An sich bleibt die Einwanderung auch weiter in unbeschränktem Umfange erlaubt, soweit die besonderen hierzu aufgestellten Bedingungen von den Einwanderern erfüllt werden. Diese Bedingungen sind nun verschieden gestaltet, je nach der Staatsangehörigkeit der in Betracht kommenden Personen. Die Regierung hat zwei Listen aufgestellt. Die Angehörigen der in der Liste A aufgeführten Staaten brauchen nur einen Einreisebetrag von 250 Pesos, etwa 400 RM für jede über 17 Jahre alte Person zu hinterlegen. Für die Liste B beträgt diese Hinterlegung 1000 Pesos, also 1600 RM. Die Staaten, deren Angehörige die Vorzugsbehandlung geniessen, sind alle mittel- und westeuropäische, dazu die Angehörigen Englands und des grössten Teils seines Weltreichs. Auf der Liste B, die die kürzere ist und daher vollinhaltlich wiedergegeben wrerden mag, stehen Aegypten, Bulgaren, Chinesen, Esthen. Griechen, Inder, Letten, Litauer, Libanesen, Marokkaner, Palästinenser, Polen, Rumänen, Russen, Syrer, Türken und Jugoslawien. Schon die etwas bunt wirkende Zusammenstellung der Listen beweist, dass hier irgendwelche mit der jüdischen Frage zusammenhängende Erwägungen kaum mitgespielt haben können. Und doch trifft die Auswirkung der Liste B, soweit Osteuropa in Betracht kommt, fast ausschliesslich die jüdische Einwanderung. Es sind in den letzten zehn Jahren vielleicht 2000 Ostjuden nach Kolumbien gekommen. Die letzte Statistik gibt insgesamt 602 Rumänen, 903 Polen, 50 Litauer, 359 Palästinenser an. Die jüdischen Organisationen, mit denen ich diese Fragen in Bogota erörtert habe, sind der Meinung, dass diese fremden Staatsangehörigen fast durchweg Juden seien. Sie ergeben auch ungefähr die Einwanderungszahl 2000. Mit dem Erlass der neuen Bestimmungen ist die ostjüdische Einwanderung fast vollständig zum Stillstand gekommen. Denn die nach dem Gesetz erforderlichen Mittel, 1000 Pesos für das Familienoberhaupt, 500 für die Ehefrau, 250 für jedes Kind zwischen 10 und 20 Jahren, in der Regel also für eine mehrköpfige Familie ein Betrag zwischen 2000 und 3000 Pesos, also 1200 bis 1800 nordamerikanische Dollars, sind von den jüdischen Organisationen bisher nicht aufzubringen gewesen. Die Einwanderung von Juden deutscher Reichsangehörigkeit unterliegt nach bisher unbestrittener Auslegung keinen weiteren Schwierigkeiten, sie gehören zur Liste A. Der Hilfsverein, der unter der tatkräftigen Leitung von Dr. Halberstädter steht, ist zurzeit mit einer Statistik über die Zahl der eingewanderten Juden beschäftigt. Dr. Halberstädter, der den sehr ehrenvollen Auftrag der Reorganisation der kolumbianischen Verwaltung nach europäischem Muster hat. versicherte, dass es auf keinen Fall mehr als 250 Eingewanderte dieser Kategorie gäbe und dass auch heute die Zahl der Juden nicht über insgesamt 2500 für ganz Kolumbien läge. Es bestand auch Einmütigkeit in allen jüdischen Kreisen (die Hicem steht unter der Leitung eines sephardischen Arztes, Dr. Benchetrit, der das ausserordentliche Verdienst hat, die Lepra aus Kolumbien fast ganz verjagt zu haben), dass eine weitere Einwanderung nach Kolumbien in langsamem Tempo bei vorsichtiger Auswahl der Personen stattfinden könne. Auf bestimmte Zahlen konnte sich niemand festlegen. Kolumbien ist der letzte der eigentlich südamerikanischen Staaten gewesen, den wir besuchen wollten. Uns führt die Reise weiter. Die letzte Station vor der Heimreise ist Panama, dem, auch wenn man es nicht zu Südamerika in völkerrechtlichem Sinne sollte rechnen können, wegen seiner Lage als Durchgangspunkt für so viele Wanderer mein letzter Artikel gelten soll. Neugestaltung Mitteleuropas In der Zeitschrift ..Deutsches Volkstum4' (19. Jahrg., Nr. 4) hat Karl Anton Prinz Roll an soeben einen geschichtlich tiefgreifenden Aufsatz „Grundfragen der Neugestaltung Mitteleuropas" veröffentlicht, aus dessen reichem Inhalt nachstehende wesentliche Gedankengänge mitgeteilt seien. Prinz Rohan versteht unter Mitteleuropa ein Gebiet eigener sozialer und ökonomischer Struktur, das im Westen an den atlantischen Hochkapitalismus und im Osten an den Bolsehewis- \\.^J'Uxkßf^% ALLIGATOR1^ d o s $i nd gute L e der wo r e n UNSERE VERKAUFSGESCHÄFTE. Berlin. Tauentrienstr&ise 16 Eaaen. Am HauptbahnhoflO Hambur j. Jaogfernatieg 43 Bochum, Kortumstrafee 67 Köln a.Rh., Hohestra&e 115 Frankfurt a.M„ Rofimarkt 15 Esten. LlmbeckstraJ&e 10 Zentrale, Offenbach a. M _Wuppertal-Elberfeld. Hencogstrafie 36 Nathan Birnbaum Nathan Birnbaum ist, 73 Jahre ait, in Amsterdam gestorben. Er w^ar seit Monaten schwer leidend, doch ungebrochen, ein Zeit seines Lebens merkwürdiger, feuriger, schwieriger und grandioser Mann — und wir stehen mit dem beklemmenden Gefühl an seinem Grabe, dass er uns noch etwas Grosses, das Letzte zu sagen hätte, sagen müsste und nie mehr sagen wird. Er ist alt geworden, er war immer tätig, er war der meistgewandelte Geist des neueren Judentums, der Odysseus unserer wesentlichsten Erkenntnisse und politischen, kulturpolitischen, religiösen Positionen, Prototyp unserer Gesamtentwicklung, nur eben dieser um ein Lebensalter und um die restlose Verlebendigung voraus, immer voraus. Das Eigenartige an diesem Mann war nicht nur die Richtigkeit und Konsequenz der Gedanken, die er vor anderen hatte und faszinierend zu formulieren wrusste, sondern auch die Absolutheit, mit der er diese Gedanken ad absurdum führte und verliess, sobald sie auch anderen einzuleuchten begannen; seine Totalität, seine vollkommene Hingabe an jede Phase seiner vielfachen Wandlungen und zugleich seine radikale Einseitigkeit, mit der er den jeweiligen Standpunkt streitbar fundierte und verliess. Er "ft'ar im grossartigsten Sinne einseitig, immer unbedingt und darum im tragischsten Sinne einsam: zeitlebens der „Acher", der Andere, wie er sich in seinen früheren Schriften nannte. Ursprünglich Freigeist und Atheist, schliesslich der beste und ausdrucksmächtigste Kopf der Orthodoxie, einer der ersten westeuropäischen Zionisten und einer der ersten und radikalsten Kritiker des Zionismus, hat er nicht nur in der beissendsten Kritik all dieser Positionen Bedeutendes geleistet, sondern vor allem von Idee zu Idee und von den Ideen zur verwirklichenden Lebenshaltung Brücken geschlagen wie kaum ein anderer. Ein Westjude mit allen geistigen Vorzügen seiner Herkunft gestaltete er sein teben zum Vorbild und Vorspiel des gesamten westlichen Entwicklungsganges, soweit dieser jüdisch bewusst und verantwortlich war, nur allerdings auch mit so fanatischer Entschlossenheit und gewissermassen Blitzesschnelle, dass die Allgemeinheit selbst seinen Ideen nicht wie etwa denen Franz Rosenzweigs nachfolgen konnte. Kaum zwanzigjährig — 1883 — gründete er u. a. mit Perez Smolenski in Wien den ersten Studentenverein „Kadimah". Als aber bald darauf die „Kadimah" zur farbentragenden Verbindung wurde, trennte sich Birnbaum von ihr, solche studentischen Gebräuche widersprachen seiner jüdischen und freiheitlichen Konzeption. Denn das Besondere an ihm war schon damals, dass er eine eigene, eine jüdische und freiheitliche Konzeption hatte. Der Name „Zionismus" stammt von Nathan Birnbaum, der lange vor Theodor Herzl Z ionist war, politischer Zionist war und bereits 1893 auch eine jüdische Staatsidee formuliert hatte: „Hat auch der einzelne Jude ein Vaterland, das jüdische Volk hat keines", heisst es in der „Nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Lande": die bürgerliche Gleichberechtigung in den Ländern, wo sie erreicht wäre, habe nur eine örtliche und zeitlich begrenzte Wirkung, es sei völkerrechtliche Gleichstellung notwendig. Diese sei nur möglich, wenn zwar nicht alle Juden in einem Lande konzentriert würden, aber doch ein einheitliches Zentrum für die gesamte Judenheit geschaffen werde. Sogleich nach Herzls Auftreten schloss sich Birnbaum der entstehenden politischen Bewegung an und vollzog — wras uns heute noch wesentlicher erscheinen mag als den Zeitgenossen — zugleich eine tiefgehende Auseinandersetzung mit Marx und dem historischen Materialismus, dessen Verfechter Birnbaum zuvor gewesen war. Gegen diesen Internationalismus stellte er den Nationalismus und betonte die geschichtsbildende Kraft der Nationen und Rassen. Aber sehr bald wendet er sich, nachdem er zur zionistischen Ideologie mancherlei beigetragen und auf dem ersten Kongress das Kulturreferat gehalten hatte, von Herzl ab, dessen politische, besser: taktische, diplomatisierende Methoden ihm nicht der Sache gemäss erscheinen. Er verlangte organische, natürliche Entwicklung, während er künstliche Bemühungen vorfand. Es war nur natürlich, dass Birnbaum eine geistige, eine kulturelle Vertiefung der jüdischen Renaissance fordern und fördern musste, dass er, der erste Westeuropäer, Achad Haam entdeckte, dass er Hebraist wurde und dass er auch diese Phase seiner Entwicklung so rasch liquidierte, wie er ihre fruchtbaren Keime in sich aufgenommen hatte. Er hatte zeitlebens eine unheimliche Sensibilität gegenüber allem, was in Organisation, Betrieb und statutenhafte Ideologie oder Doktrinarismus ausartete, und sicherlich ist aus solcher Empfindlichkeit und intellektueller Redlichkeit am ehesten seine Wandelbarkeit zu erklären, hinter der niemals Eigennutz, Originalitäts- oder Effektsucht stand. Hatte er in seinen materialistischen Anfängen, den historischen Vorgängern und Vorgängen gemäss, die Masse als das geschichtsbildende Element angenommen, so kam er allmählich ihrer geformten Gestalt: dem Volk immer näher und dem nur Geistigen und nicht Volksmässigen immer ferner. Und „Volk" verlor für ihn immer mehr den Charakter meiner Idee, einer Abstraktion, er sah sich in der bedingungslosen Konsequenz seines leidenschaftlichen Charakters immer radikaler dem wirklichen, lebendigen Volk gegenüber. Infolgedessen entfremdete es ihn, der als einer der ersten praktische Palästina-Arbeit gefordert hatte, um so mehr vom nur-zionistischen Projekt mit der utopisch vorgeschriebenen Marschroute, und er proklamierte 1903, man dürfe „dem jüdischen Volke auch nicht eine einzige von den vielen Kulturmöglichkeiten, deren es neben- und nach- ' einander fähig ist, absprechen". Somit war ihm also Zion nur mehr ein Zentrum, nicht mehr das Zentrum. Mit schärfstem Eifer begann er dann für die jiddische Sprache einzutreten. Er sali in den, Ostjuden >-•■ die Nomenklatur- Ost^ und Westjuden stammt von Birnbaum — das lebendige jüdische Volk, das „urgewachsene", „wahre" jüdische Volk, siedelte nach Galizien über, organisierte die erste denkwürdige jiddische Sprachkonferenz in Czernowitz 1908, entdeckte und übersetzte jiddische Literatur und proklamierte nun radikal Jiddisch gegen Hebräisch und also Nationalismus gegen blutleeren Zionismus. Birnbaums letzter Schritt war die Wandlung zur Orthodoxie. Während des Krieges zog er diese letzte aller Konsequenzen. 1917 erschien sein Buch „Gottes Volk", später weitere flammende Bekenntnisschriften, zuletzt, nach dem Umschwung, in Holland seine Zeitschrift „Der Ruf". Birnbaums „plötzliche Umkehr" vom Freigeist, vom „Acher" zum frommen Altgläubigen ist in der jüdischen Geschichte ohne Vorbild. Mit seiner ganzen Entschiedenheit hat er sich umgestellt und fortan alle Gebote des Gesetzes verfochten und erfüllt. Während er zuerst noch in streitbaren, prachtvollen Sätzen gegen die „Heidenjuden" zu Felde zog, auch zur Agudas Jisroel überging und an ihrer Spitze amtlich wirkte, konnte er es doch nicht lange bei der Trennungsorthodoxie aushalten, und sein letztes Wort war etwa ein nationalreligiöses Judentum. Hier schliesst sich der Kreis, und Birnbaum ist nach seiner letzten Lebenshaltung jenen grossen und schlichten Frommen zuzuzählen, die seit den frühen Zeiten die Besten unserer Volksgemeinschaft waren. Und doch scheint es uns, als hätte dieser machtvolle Mann uns noch etwas zu sagen gehabt. Keine seiner geistigen Wendungen und Wandlungen war eine Flucht, jede eine Antwort, in jeder. steckten die besten Elemente unserer Gesamtentwicklung, und doch ist es erstaunlich, dass seine letzte Antwort auch seine ersten Fragen und Forderungen völlig überwunden haben soll. Wenn es ihm auf eine praktische Lösung aller Judenfragen, auch der sozialen und ökonomischen ankam — und er war auch der ausdrücklichste Gegner des Grossstadtmrwesens, der eifrigste Vorkämpfer jüdischen Landlebens sQ-erscjiien auch das jkm.-al§ TCpgiöaei J

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