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Central-Verein-Zeitung · 1937-04-01 · 13 (1.4.1937) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
13 (1.4.1937)
Date
1937-04-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Luigi Luzzatti Ein italienischer Ministerpräsident In Luigi Luzzatti, dem Spross einer vornehmen jüdischen Gelehrtenfamilie, dessen Todestag sich jetzt zum zehnten Male jährt, erwuchs früh der Drang nach Wissen. Der zwanzigjährige Dozent der Nationalökonomie in Venedig wird bald Professor in Padua, später in Rom. Seine Wirksamkeit als Generalsekretär im Landwirtschaftsministerium eröffnet die erfolgreiche Lebensbahn. Fünfmal wird Luzzatti durch das Vertrauen des Königs als Finanzminister berufen, zuletzt wird er Ministerpräsident. In der Zeit, wo er der Regierung angehörte, führte er bedeutsame volkswirtschaftliche und sozialpolitische Reformen ein. Er hat als Anhänger Schultze-Delitzsch' das Genossenschaftswesen auf italienischem Boden heimisch gemacht, hat die erste obligatorische Alters- und Unfallversicherung eingeführt, bessere Wohnungsverhältnisse für die ärmeren Klassen geschaffen, .Volksuniversitäten ins Leben gerufen, die Lage der Arbeiter untersuchen lassen und der Landwirtschaft unschätzbare Dienste geleistet durch seine Bemühung, die Rechte des kleinen Grundbesitzers vor Uebergrifien zu wahren. Er hat dem Volksunterricht und der Besserung der Volkshygiene seine Sorge gewidmet. Luzzatti hat 24 Handelsverträge abgeschlossen und internationale Arbeiterabkommen vereinbart. Er war Begründer und Präsident der Nationalstiftung für die Söhne im Weltkrieg gefallener Bauern und Regierungsoberkommissar für die Kriegsflüchtlingshilfe. Trotz der verantwortlichen amtlichen Obliegenheiten entfaltete Luzzatti eine überaus fruchtbare publizistische Tätigkeit. Aus der Fülle der von ihm veröffentlichten Werke sei hier eine unter dem Titel ..Freiheit des Gewissens und Wissens" 1911 ins Deutsche übersetzte Schrift herausgehoben. „Diese Abhandlungen," sagt Luzzatti in der von ihm selbst in deutscher Sprache verfassten .Vorrede, „die ich zu verschiedenen Zeiten geschrieben habe, sind auf ein und dasselbe Ideal gerichtet, dem menschlichen Geiste, welcher lebt und fortschreitet, durch moralische und politische Erziehung zur Freiheit der Selbstbestimmung zu verhelfen . . . Die Menschheit sucht das Wahre und um es zu finden, hat sie zum einzigen notwendigen Mittel die geistige Freiheit, die sich in allen Formen und Verbürgungen, welche die Staatsverfassungen zu gewähren vermögen, zum Ausdruck bringt. Daher unbegrenzte Fähigkeit zur wissenschaftlichen Forschung, unbegrenzte Fähigkeit zur religiösen Entwicklung . . . Die verschiedenen Grade der religiösen Ungerechtigkeit in Sitten und Gesetzen . messen, das heisst soviel wie ins innerste Bewusstsein der Völker eindringen ... — Die angedeuteten Themen von höchster Wichtigkeit behandelt die vorliegende Schrift, die jetzt dem Urteil des grossen deutschen Volkes unterbreitet wird. Des Deutschen Seele ist mystisch und positivistisch zu gleicher Zeit... Der Deutsche ist zugleich der reinste Idealist und der geschickteste Kaufmann, der erfolgreichste Finanzmann. So vereinigt er in sich zwei wesentliche Eigenschaften, die gewöhnlich einander ausschliessen . . . Ein anderes Volk, das schottische, hat mich mit der Zustimmung zu meinen Ansichten beehrt, wie dies aus einigen Bemerkungen im vorliegenden Buche hervorgeht. Dies vergönnt mir die Hoffnung auf wohlwollende Aufnahme meiner Arbeit in die Sorgen werden am Eingang abgegeben ... dort nimmt sie Zerberus in Empfang... Meine Damen und Herren, hier im Elysium trägt man leichtes Gewand . . . Chiton und Himation .. . Meine Herren Diplomaten ... nicht im Frack ... nehmen Sie die Chlamys — Meine Herren im Orchester, darf ich bitten, die Festouvertüre — diese Stelle — ich singe sie — bitte, das Cello zartestes Flageolet — hier gibt es kein Rubato — alles jubelt, der Chor mehr Bewegung — mehr Extase — Freude — Offenbach hatte sich hochgereckt und jetzt trat Dr. Chamaud mit Bertrand ein: „Darf ich bitten. Herr Direktor, geben Sie mir die Hand, ich möchte nur den Puls fühlen . . „Wozu den Puls, er schlägt gut. ich bin Flamme, ich bin Blitz — lassen Sie mich in Ruhe, ich bin im Taumel der Inspiration . . „Ja, ja, gewiss, Direktor — nur einen Augenblick, der Puls geht etwas zu rasch . .. eine kleine Indisposition . . . ich werde Sie in meinen Wagen nehmen und nach Hause fahren . . ." Offenbach war sofort wieder bei sich, er loderte: „Nach Hause, was denken Sie sich, Dr. Chamaud . .? Sie sind toll. Jetzt nach Hause, mitten aus der Probe — das Orchester wartet auf mich, ich habe nur eine kleine Pause gemacht, um mich auf mein neues Werk zu stürzen. Sie verstehen Künstler nicht, sonst würden Sie so etwas nicht sagen, Doktor . . . Ich bin im Rausch der Gestaltung, und Sie sagen: Nach Hause! Sie armer Philister! Ich verzeihe Ihnen den Irrtum, wenn Sie mit mir auf die Probe kommen, hören Sie sich meinen Hoffmann an . . ." Der Arzt sah ein, dass er ohnmächtig gegen diesen Kobold war, er machte gute Miene zum Spiel: „Gut, ich gebe mit Ihnen» yrenn Sie sich Deutschland . . . Mit dieser Hoffnung nehme ich Abschied von den Lesern, die sich in Deutschland für die hier berührten politischen und religiösen Fragen erwärmen und mein Buch mit ihrer Aufmerksamkeit beehren wollen." Ein aufschlussreiches Kapitel ist Spinoza „Einem Heiligen der Philosophie als Verkünder der Freiheit des Gewissens und Wissens'' gewidmet. Dort lesen wir: „Das Werk Spinozas ist einfach und klar geschrieben; es hat nicht die tiefsinnigen Dunkelheiten seiner .Ethik'; jedermann kann es verstehen. Nur ein Genie kann so klar sein, wem es klar sein will. Die Gedankenfülle bleibt durchsichtig. Man stellt sich gern den Denker vor, wie ihn Auerbach in seinem bekannten Roman schildert, in der Werkstätte, wo er, ganz in der Arbeit mit optischen Gläsern versunken, über die tiefsten Probleme des Unendlichen nachdenkt. — Jener .Theologisch-politische Traktat' hat zwei originelle Errungenschaften aufzuweisen. Im ersten, dem theologischen Teile, wird die Wissenschaft der Bibelkritik begründet, in dem zweiten, politischen, wird eine Begründung der Gewissensfreiheit von unvergänglichem Werte für das Rechtsbewusstsein gegeben. Wie herrlich ist das Schaffen eines solchen Genies! Neue Wahrheiten werden ausgestreut, ohne dass der Urheber sich seiner Tat bewusst wäre, in der Art, wie die Natur schafft. Spinoza, der selbst durch seine jüdischorthodoxe Erziehung mit der Bibel früh vertraut war. zog aus der Philosophie nicht die Geringschätzung, sondern die Bewunderung der Heiligen Schrift. Er lehrte, sie im historischen Sinne zu deuten und sie menschlich, aber nicht der Weihe beraubt, erscheinen zu lassen. Er ist einer der Begründer der Tübinger Schule der deutschen Theologen geworden, durch die die natürliche menschliche Geschichte der Bibel in einer unermüdlichen Arbeit des Wiederaufbaues der Texte klar geworden ist. Die meisten kennen nur zwei Stellungnahmen zum religiösen Problem: die abergläubische und die gleichgültige. Diese beiden Lösungen sind vulgär. Spinoza hat durch seine Bibelforschung den Weg zu einem höheren Verständnis gewiesen: der geschichtlichen Entwicklung des Göttlichkeitsbewusstseins, wro die Form sich ewig ändert und das "Wesen bleibt." Das humanitäre segensreiche Wirken Luzzattis war der Ausfluss seines Innenlebens. Es war von unendlichem Mitgefühl für die Armen und Bedrückten erfüllt, ein Erbeitl seiner Abstammung, der er sich unlöslich verbunden fühlte. Im fünften Bande seines Hauptwerkes „Gott in der Freiheit" schildert Luzzatti ausführlich die Verfolgungen, denen die Juden in Rumänien und Polen ausgesetzt waren, und seine Bemühungen, ihnen zu helfen. Oft erhob er im Parlament seine Stimme zur Verteidigung der unterdrückten Juden in Rumänien, Marokko und anderwärts. Er hat die Lage der Juden in verschiedenen Ländern studiert und Hilfsgesellschaften organisiert. In den letzten Jahren seines Lebens bekundete Luzzatti ein lebhaftes Interesse für den Palästinaaufbau und für die hebräische Universität in Jerusalem. Er starb kurz nach Vollendung des 86. Lebensjahres. Der König und Mussolini lohnten seine Verdienste mit einem Staatsbegräbnis. Sein letzter den Pelz umlegen lassen . . Offenbach lehnte ab: „Unsinn, ich bin heiss, ich schwätze — ich dürste nach Tönen, nach Klängen, kommen Sie rasch--" Er rannte nach dem Dirigentenpult: „Kinder, ich bin wieder da . .. ich dirigiere — ich leite die Probe — warum schaut ihr mich so entsetzt an . . . warum macht ihr solche Augen? Ich bin kein Gespenst! Nach der Premiere, Kinder, feiern wir zusammen ein Fest — Champagner soll fliessen ... da soll es hoch hergehen . . . Ihr wisst, ich knausere nicht . . . Dann kommt etwas neues: „Das Elysium"! ... Ich bin nicht verrückt, seht nicht so hierher — ich bin trunken in der Erwartung — Rausch der Musik! Das Finale. Los-- Und Offenbach hob den Stab und war nervig, wie noch niemals. — Die Musiker spielten in Ergriffenheit, und die Darsteller trafen das Finale des dritten Aktes unheimlich! Offenbach nickte ihnen zu, der Arzt Dr. Chamaud flüsterte: „Ein Totentanz!" Eine Liebhaberausgabe Stefan Zweigs historische Miniatur „Georg Friedrich Händeis Auferstehung", die in dem Band „Kaleidoskop" der neuen grossen Gesamtausgabe von Zweig im Herbert Reichner Verlag (Wien, Leipzig, Zürich) nicht mehr als 20 Se. :en einnimmt, bringt nun der gleiche Verlag in einer reizvollen Liebhaberausgabe gesondert heraus. Mit viel Geschmack ist diese Sonderausgabe, von der nur 350 numerierte Exemplare gedruckt wurden, ausgestattet. Illlustrationen und Vignetten aus der Meisterschule Viktor Hammer in Grundlsee sind ganz dem Charakter dieser straffen Erzählung von der letzten und gewaltigsten Periode des Händeischen Lebens und Schaffens angepasst, — das Büchlein, für das der Verlag einen kostbaren Einband, dazu ein edles holländisches Büttenpapier wählte, bedeutet eine kostbare, in äusserer Ausstattung wie im Gehalt gleicherweise wertvolle bibliophile Gabe. H. B—n, Wunsch, an der Seite seiner Eltern auf dem jüdischen Friedhof in Venedig begraben zu werden, fand Erfüllung. Michael Fraenkel, Breslau. Um Mussolinis Lybienreise Der Gouverneur von Tripolis. Luftmarschall Balbo, hat sich bei dem Empfang, den er anlässlich des Besuches Mussolinis in Tripolis für die Auslandspresse veranstaltete, in einem Gespräch mit dem JTA-Vertreter in Rom über die Lage der Juden in Italienisch-Nordafrika geäussert. Ich zähle, erklärte Marschall Balbo, viele Juden zu meinem engsten Freundeskreis. Wie Ihnen vermutlich bekannt ist, gibt es in meiner Heimatstadt Ferrara eine angesehene jüdische Gemeinschaft, für die ich höchste Achtung empfinde. In Tripolitanien habe ich in den drei Jahren meiner Amtstätigkeit versucht, das jüdische Handwerkertum zu organisieren und die körperliche Entwicklung der Juden durch die jüdische Sportbewegung zu fördern. Die hiesige jüdische Bevölkerung lebt jedoch in Verhältnissen, die gegenüber den unsrigen um 2000 Jahre rückständig sind. Es gibt viel Aberglauben und Rückständigkeit, insbesondere die alte Generation will die Notwendigkeit von Reformen durchaus nicht einsehen. Auf die Frage der JTA-Vertreters, ob die Bestimmungen, die das Offenhalten der jüdischen Geschäfte im Zentrum der Städte Tripolis und Bengasi vorschreiben, gemildert werden würden, gab Marschall Balbo keine positive Antwort. Ich finde, erklärte er, dass es ein grosser Schaden für die jüdischen Geschäftsinhaber wäre, die Geschäfte an zwrei Tagen in der Woche geschlossen zu halten; mit den Bestimmungen war auch beabsichtigt, dem zentralen neuen Stadtteil von Tripolis einen moderneren Charakter zu geben. # Die jüdische Gemeinde der Hauptstadt der C y r i n a i k a, Bengasi, hatte zum Andenken an den Besuch Mussolinis einen Betrag von 20 000 Lire für Wohltätigkeitszwecke ausgeworfen. Dem Gemeindevorstand ist nunmehr mitgeteilt worden, dass dieser Betrag nach dem Wunsch Mussolinis hilfsbedürftigen jüdischen Gemeinden in der Cyrinaika nach dem Ermessen des Gemeindevorstandes von Bengasi gegeben werden soll. Aus Anlass von Mussolinis Libyenfahrt fand im antiken römischen Theater zu Sabratha eine Festaufführung des „König Oedipus" von Sophokles statt. Die musikalische Leitung hatte Professor Ferdinando L i u z z i, die choreographische Fidelio F i n z i. Mussolini dankte Professor Liuzzi persönlich für sein» künstlerische Leistung. Adv. Carlo Alberto Viterbo ist von der Studienreise, die er im Aurtrage des Verbandes der jüdischen Gemeinden Italiens nach Abessinien unternommen hat, wieder nach Rom zurückgekehrt. Er hat in Addis Abeba und Diredaua jüdische Gemeinden gegründet und die Lage der Falaschas eingehend studiert und einen genauen Reisebericht ausgearbeitet, der dem Kolonienminister Lessona nach dessen Rückkehr aus Tripolitanien unterbreitet werden wird. Orientalische Juden Die neue hebräische Literatur ist in Russland und in Galizien entstanden. Smolenskin, Lilienblum, Mendele Mocher Sforim, Achad Haam und Bialik, schliesslich Agnon, Onechi, Tschernichowski, Schimonowilz und manche andere sind die Namen, die aus diesem Bereich bekannt geworden sind. Jehuda Burla ist der erste Jude aus dem sefardischen Kreis, der in dieser Literatur auftaucht. Er entstammt einer alten, seit mehreren Generationen in Jerusalem ansässigen Rabbinerfamilie und ist von Beruf Lehrer, als Dichter ist er seit dem Ende des Weltkrieges hervorgetreten. Die Erzählung „In den Sternen geschrieben", die der Schockenveriag als 74. Bändchen seiner Bücherei in der guten Uebersetzung Emanuel bin Gorions dem deutsch lesenden jüdischen Publikum vorlegt, vermittelt einen aufschlussreichen Einblick in die fremdartige Welt der orientalischen Juden in der Jerusalemer Allstadt. Wovon leben diese Menschen in den überbauten Gassen, in den winkligen Höfen, in denen eine Wohnung über der anderen aufsteigt, bis schliesslich das letzte schmale Treppchen auf das freie Dach hinausführt, das der Bläue des Himmels offenliegt? Wovon leben sie? Chacham Gedalja Aboab, dessen Geschichte von Burla erzählt wird, lebt „vom Gottvertrauen", von der allgemeinen Sympathie, „vermittels welcher er bei den einen zu borgen pflegt um den anderen zu bezahlen" und schiiesslich davon, dass ihm „die Schlüssel zu vielen heiligen Gräbern anvertraut waren, dazu noch das Vorsteheramt in der Synagoge und die Verwaltung des Tauchbades". Es ist reines Luftmenschentum, was uns hier entgegentritt, wenn es auch aus der Düsterkeit des galizischen und ukrainischen Städtchens unter die hellere Sonne des Südens versetzt ist. Während aber in dem jüdischen Luftmenschentum des europäischen Ostens bis in die letzte Generation hinein eine intensive Geistigkeit herrschte, scheint das orientalische Judentum, das uns Burla vorführt, völlig erstarrt zu sein — geistig und seelisch. Welcher Unterschied zwischen den von innen her gläubigen chassidischen Menschen Agnons und der abergläubisch bemühten Bussübung Gedaljas am Grab Schimeons des Gerechten! Dabei ist zu eagenä dass die Daxetellimg Burlas von Rezitationsabende In Berlin sprach im Klubheim des Jüdischen Frauenbundes Erna Leonhard-Feld drei jüdische Dichterinnen und Dichter, die weit entfernt sind von dem heute vielvernommenen gutgemeinten Dilettantismus. Erich Lachmann (Gest) kommt von Stefan Georges Formstrenge her. Fülle der schönen Bilder "und edlen Worte. Vokalklang und Versmelodie beherrschen seine Gedichte, die immer dicht gefüllt sind vom Erlebnis des Menschen und der Landschaft. Zarter und inniger ist Nelly Sachs, die in ihren neuen Dichtungen gegen ihre früheren, manchmal allzu romantiRch-zerflatternden Gebilde Festigung und Sammlung zeigt. Man hörte ein Stück aus ihrem Kinderbuch jChelion", schildernd den Abend eines gepflegten kleinen Mädchens mit Garten, Puppen. Kindermädchen, Hund und Lied, sowie „Melodien der Bibel": zu blühender, schwingender Lyrik umgedichtete Motive aus dem jüdischen Altertum. Den Beschluss machte Gertrud Chodziesner mit ihren lyrischen Balladen aus den Sammlungen .,Tierträume", „Preussische Wappen", „Weibliches Bildnis", — sicherlich die tiefste und weiteste Begabung unter den heute in Deutschland lebenden jüdischen Dichterinnen. Ihre Poesie ist nicht immer leicht zugänglich, denn hier geht Lyrik ins Mytische über; die Wirklichkeit: Tiere, Frauen, Stadtwappen, werden unversehens zu geheimnisreicher Unwirklichkeit, zum deutenden Symbol. Es bedeutet eine anerkennenswerte Tat, dass Erna Leonhard-Feld, die sich seit manchem Jahr für neue Dichtung eingesetzt hat, einen ganzen Abend solcher hohen, schweren Kunst widmete. Sie las jeden der drei Dichter in seiner Art, seine Eigenart im Worte nachgestaltend. Die Zuhörer erkannten durch Beifall Ernst und Wert der Darbietung an. —us. In der' Berliner Zionistischen Vereinigung rezitierte Max Koninski Lyrik und Prosa jüdischer Autoren. Koninski ist ein ausgezeichneter Sprecher, der klar zu akzentuieren und dem Wort' seinen bestimmten Rhythmus wie seine innere Melodie zu geben weiss. Er besitzt überdies genügend gestaltende Phantasie und Einfühlungsgabe, um "den dichterischen Vorgang in Anschauung oder Empfindung umzusetzen. Einzelne Stücke des Programms wurden erst durch die Kunst der Wiedergabe lebendig: bei anderen durfte man feststellen, dass die ältere jüdische Dichtergeneration (von den Ostjuden Bialik und Perez, von den Westjuden vor allem Franz Werfel) gegenüber der jüngeren noch immer ihren Rang" behauptet, und dass etwa Werfeis schicksalhaftes Elternlied in seiner gedrungenen dichterischen Symbolkraft eine ganz andere Gegenwartsnähe besitzt wie das „aktuelle" Schlusskapitel aus dem Roman „Die unsichtbare Kette" von Herbert Friedenthal. Herbert Grünbaum, als jugendlicher Charakterspieler bewährt, las im Berliner Kulturbund „vor", ohne dass das Wort individuellen Umriss, sinnlichen Glanz oder dynamische Bedeutung annahm. Und auch die Kunst des Gestaltens blieb hinter der Lebendigkeit, Beweglichkeit und Wirklichkeitsnähe weit zurück, die gerade Grünbaums Stärke auf der Bühne ausmacht. In dem knapp gefassten Programm, das sonst noch eine allegorische Kurzgeschichte von Perez sowie eine Episode aus dem neuen Roman „Noah Pandre" von Salman Schneur brachte, gelang dem Vortragenden noch am besten die Erzählung „Kinder von heute" aus Scholem Alejchems ..Tewje, der Milchhändler": hier suchte er die religiösbetrachtsame, schlichte Innigkeit und den menschlichen, tragikomisch gefärbten Humor des östjüdischen Erzählers in einem wohltuend gedämpften Ton der Zurückhaltung aufklingen zu lassen. H. L. ergreifender Schönheit und in der lebendigen Sprache unserer Zeit geschrieben ist. Dass wir alle im Glück und im Unglück gedankenlos nebeneinander herleben, dass kein Mensch den anderen versteht, dass niemand selbst im Herzen derjenigen, die ihm am nächsten stehen, zu lesen weiss und dass eben dann die Worte fehlen, wenn jede Ader an uns spre- ■ chen sollte, das ist eine Wahrheit, die überall gilt. Burla erweist sie neu an dem unfassbaren Geschick der Bussa Reina, der Frau des Chacham Gedalja, die, nach einem Leben von reiner Gerechtigkeit, plötzlich erblindet und dem Druck ihres schweren Schicksals schliesslich erliegt. Chacham Gedalja steht diesem Geschehen ohne jedes Verständnis gegenüber und das magische Hilfsmittel, das er, um ihm zu begegnen, zur Anwendung bringt, hat in seiner völligen Beziehungslosigkeit zur Welt der Tatsachen etwas unendlich Rührendes. Zwischen kindlicher Freude und trostloser Niedergeschlagenheit hat kein geistiges Begreifen die Brücke geschlagen. Es ist traurig, feststellen zu müssen, dass diese südliche jüdische Welt, Erbe so vieler Traditionen, noch weit haltloser ist als unsere eigene, ein mürbes Knochengerüst, ein „morsches "Felsgestein". Mit gröberer, ätzenderer Realistik, aber im selben Sinn wie Burla, spiegelt ein hochbegabter französischer Erzähler, Albert Cohen, in "seinem vor einigen Jahren erschienenen Roman „Solal" diese ausgehöhlte Welt. Dort geht es um das Schicksal eines Mannes, der sich der schwatzhaften und tatenlosen Geschäftigkeit im Ghetto der griechischen Insel Kephalonia entwindet und der nachher am Gift des vergötterten Paris zugrunde geht, weil seine jüdische Substanz nur noch in skurriler Unterirdischkeit fortwirkt und keine Kraft mehr hat, im vollen Licht des Tages zu bestehen. Jehuda Burla hat neulich auf einer sefardischen Kulturtagung in Tel-Aviv das Wort genommen und darüber Klage geführt, dass so viele sefardische Gemeinden des nahen Ostens, insbesondere in der Türkei, alle Zeichen des Verfalls und des schliesslichen Untergangs an sich tragen. Er sah eine Möglichkeit der Rettung in der neuen Wirklichkeit der hebräischen Sprache. Vielleicht auch liegt ein Hoffnungsschimmer in seiner eigenen Person, f Jyerner CahnmaniL .

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