Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 13 (1.4.1937)
- Date
- 1937-04-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 * 2. Beiblatt CYZeltunq Julius Moser / e« vergessener jüdischer Maler Von Professor Dr. Franz Landsberger, Direktor des Berliner Jüdischen Museums In keinem jüdischen Nachschlagewerk ist Julius Moser zu finden. Und doch war er ein Jude und blieb es, in jenen frühen Jahren der Emanzipation, da mancher den Glauben wechselte, um sich der ihm erschliessenden Umwelt inniger zu verbinden. Auch in den allgemeinen Künstlerlexiken sind über Moser nur ein paar 'dürftige Zeilen zu finden. In dem letzten von ihnen, dem von Thieme-Becker, bleiben Geburtsjahr und -ort schwankend; das Todesjahr fehlt. Doch lassen sich diese Daten seinem Grabstein auf dem Friedhof der Schönhauser Allee entnehmen. Danach ist er am 25. November 1805 in Gumbinnen zur Welt gekommen und am Abb. 1 24. Mai 1879 in Berlin verschieden. Die Sterbeurkunde ergibt,dass seinVater derKauf mannMoses Jacob Moses gewesen ist; erst unser Künstler hat diesen Namen in Moser abgeschliffen. Die Beschaffung dieses urkundlichen Materials danke ich dem Leiter des Gesamtarchivs der Juden in Deutschland, Dr. Jakob Jacobson. Auch Dr. Marie-Louise Ackermann war mir bei der Erforschung seines Lebensganges in freundlicher .Weise behilflich. In Königsberg besuchte er das"" Gymnasium. Dann wurde er nach Berlin geschickt, um Medizin zu studieren. Aber hier, wo im Aufgang des 19. Jahrhunderts das Kunstleben zu immer stärkerer Entfaltung kam und auch Juden an ihm Anteil zu nehmen begannen, wuchsen seine künstlerischen Neigungen zu solcher Stärke, dass er beschloss, Maler zu werden. Er besuchte seit 1S31 die Kunstakademie und fand hier seinen Lehrer und späteren Freund in Wilhelm H e n s e 1, den Sohn eines protestantischen Geistlichen, dem Gatten von Fanny Menidelssohn, der im gleichen Jahr an die Akademie berufen wurde, um das Fach der Historienmalerei zu vertreten. So mag sich auch Moser als Historienmaler versucht haben. Doch dürfte gerade Hensel, der selbst ein vorzüglicher Porträtzeichner war, in dem jungen Künstler die Liebe zum Bildnis geweckt haben. Ein in Kreide gezeichnetes Frauenbildnis von 1832 (im Besitz von Frau Professor Blaschko), die früheste uns bekannt gewordene Arbeit des Künstlers, zeigt ihn bereits in erstaunlicher Reife. 1836 wurde ihm auf Grund eines biblischen Bildes — Rahel und Jakob schneiden bunte Stäbe — das Stipendium zuteil, welches Michael Beer, der Bruder von Meyerbeer, für Künstler jüdischer Religion gestiftet hatte, um ihnen eine Studienreise nach Rom zu ermöglichen. Doch ist er damals offenbar noch nicht nach Italien gekommen, denn aus Skizzenbüchern, von denen eines vor kurzem dem Berliner Jüdischen Museum geschenkt wurde, lässt sich schliessen, dass er 1836 bis 1837 in Paris weilte. Diese Stadt begann ja mehr und mehr, eine hohe Anziehungskraft auf die Künstler Deutschlands auszuüben. Die Familientradition lässt ihn bei keinem geringeren als bei Delacroix, dem Haupt der romantischen Schule, in die Lehre gehen. Erst von 1840 an ist sein Aufenthalt in Italien belegt; dieses Land behauptete sich immer noch als das eigentliche Zentrum der Kunst. Nun wirbt er, wie der von ihm gemalte Jakob um Rahel, sieben Jahre um die Ewige Stadt. Dabei wird über seinen ernsten Bemühungen das gesellige Leben der damaligen Künstlerschaft nicht vergessen. Moser wird Mitglied der sogenannten Ponte-Molle-Gesellschaft, der er sogar für einige Zeit präsidierte, und des 1845 aus ihr hervorgehenden „Deutschen Künstlervereins", dem er den Schriftführer stellte. Seine Vereinsberichte zeichneten sich durch besonderen Humor aus; diese Gabe liebenswürdiger literarischer Aeusserung ist auch späterhin in manchem Scherzgedicht zu Worte gekommen. 1848 nach Deutschland zurückgekehrt, fand er, von gelegentlichen Reisen abgesehen, in Berlin seinen dauernden Wohnsitz und das Feld seiner Tätigkeit. Was er hier an Historien- und Genreszenen gemalt hat, ist zumeist verschollen. Einziges Beispiel, das bisher zum Vorschein kam, die unter einem Weindach spinnende Italienerin, ein kleines freundliches Bild (im Besitz von Dr. Ernst Berliner, Berlin), erst 1858 gemalt, aber gewiss auf Reisestudien zurückgehend. Doch lässt das Gruppenbild der Familie Mannheimer (im Besitz von Frau Professor Blaschko) vermuten, was er seiner Ausbildung als Historienmaler verdankt, nämlich die Fähigkeit, eine vielköpfige Gruppe geschickt zusammenzufügen. Auf diesem Bild hat er sich übrigens selbst porträtiert, neben dem Hausherrn stehend. Offenbar wrar er der Lehrer des am Tische zeichnenden Sohnes. Man erblickt ein langhaariges, schwarzbärtiges Künstlergesicht mit feinen und sanften Zügen. Seine eigentliche Aufgabe, ihm von dem wohlhabend gewordenen jüdischen Bürgertum immer wieder gestellt, blieb das E i n z e 1 b i 1 d - nis. Seine frühen WTerke tragen noch einen zeichnerischen Charakter, und die Farbe ist dann nur wie eine bunte Füllung in die Konturen hineingetragen, ohne die Klarheit des Details zu verwischen." Das ist jene, dem Biedermeier eigene Maiweise, die sich am Anblick des Kleinen und Kleinsten erfreut. Besonders reizvoll in dieser Hinsicht ist das Rundbild der kleinen Toni Liebermann, 1852 gemalt (siehe Abb. 1). Seine Entstehung dankt es offenbar einem Festtage, denn auf dem weissen Bande zwischen den Händen des Kindes steht neben dem Datum ein ..Toni gratuliert". Auch das ist Biedermeier, solch ein Bild als Geschenk zu wählen, denn der rege Familiensinn gibt auch dem Kind seinen Wert. Und biedermeierisch ist endlich die bunte, ein wenig glasige Farbengebung: das weisse Spitzenkleid" der schottische Gürtel, der Feldblumenstrauss. der grüne Vorhang und die dahinter liegende Landschaft, die, dem herbstlichen Datum folgend, die Bäume in rötlichen Tönen zeigt. Von ähnlichem Reiz ist ein Kinderbild, im Besitz von Frau Arnheim, zum Gedächtnis an den frühen Tod eines kleinen Mädchens gemalt. Neben den Kindern werden die Greise geehrt; sie. die nach des Lebens Arbeit das Alter in behaglicher Stille gemessen. So sitzt Frau Cäcilie Reichenheim neben den von ihr aufgezogenen Hyazinthen in ihrem gepolsterten grossen Lehnstuhl, das Haar an den Schläfen immer noch zu sorgfältigen Zöpfen geflochten, das feine Spitzentaschentuch in den Händen, und lächelt den Betrachter freundlich an (Abb. 2). Die Farben sind hier etwas schwerer genommen, der Schal in ein dunkles Grün, der Lehnstuhl in ein warmes Rot getaucht, zwischen denen Haube, Gesicht, Hände und Taschentuch eine helle Vertikale ziehen. Als Probe seiner Fähigkeit, auch dem Manne gerecht zu werden, sei das Bildnis des Herrn Abb. 3 Fol. (3) Grete Karplus Sommerfeld (im Besitz von Dr. W. Sobernheim) vom Jahre 1854 gewählt (Abb. 3). Hier ist bereits die Buntheit des Biedermeiers der ernsten Farblosigkeit moderner männlicher Kleidung gewichen. Das freundliche Gesicht mit den altvaterischen Koteletten entbehrt nicht kraftvollen Ernstes und tätiger Strenge. Dabei ist die Verteilung der schwarzen und weissen Partien des Bildes wohl ausgewogen. Es sind die fünfziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, welche diese und eine Anzahl anderer, in Berliner Privatbesitz verstreuter Bildnisse hervorbringen. Sie sind offenbar der Höhepunkt seines Können. Die beiden folgenden Jahrzehnte fügen seinem künstlerischen Charakter keine neuen Züge hinzu. Mit dem Aufhören der Farbenfreude werden seine Porträts koloristisch zusehends monotoner und in der psychologischen Ausdeutung konventioneller und glatter. So wird man sich an seine Hauptzeit halten müssen, um seine Werke zu loben. Im Biedermeier lebt er und ist hier neben Gustav Hertz und dem früh getauften Eduard Magnus der dritte Berliner Porträtist jüdischer Abstammung und gewiss nicht der schlechteste. Die Ausstellung „Das jüdische Plakat" im Berliner Jüdischen "Museum ist nur noch am Sonntag, den 4., Montag, den 5., und Dienstag, den 6. April, von 10 bis 14 Uhr zu besichtigen. Im Jüdischen Museumsverein spricht Montag, den 5. April, 2OV2 Uhr (Jüdisches Museum, Oranienburger Strasse 31), Dr. Lutz Weltmann an Hand von Lichtbildern über: „Alexander und Samuel Cooper Weltgeschichte im Spiegel jüdischer Bildnisminiatur/' Gäste herzlich willkommen. Das Sekretariat für Bildende Kunst eröffnet eine neue Ausstellung am Sonntag, den 4. April, mit Arbeiten der Münchener Künstler: Rudolf Ernst, Marie - Luise Cohn und Elisabeth Springer. Die Ausstellung ist täglich (ausser Sonnabends) von 11 bis 14 Uhr geöffnet. \* Ö^UE ^JACQUES OFFENBACH VON ALFRED AUERBACH^? 2. Fortsetzung und Schluss III. Der Maestro bereitet die Premiere zu „Hoffinanns Erzählungen" vor. In einer der letzten Proben wird er ohnmächtig. Der getreue Bertrand leitet den Fiebernden in eine Garderobe und lässt ihn sich ausstrecken, er bestellt den Arzt und schickt die Trauernden und Klagenden weg, die an der Türe den von ihnen verehrten Meister beobachten. Wird er ins Dasein zurückkommen? Bertrand kennt Jacques Offenbach, niemals wird der Maestro auf der Bühne sterben, er wird dort immer wieder aufflackern, die Bühne gibt ihm unheimliche Kräfte. Darum will Bertrand auch keinen "Wagen holen lassen. „Seht — sst — gehen Sie doch, Herrschaften! Er wird sich gewiss erholen! Er soll gar nicht wissen, dass er in Ohnmacht fiel! Bitte, gehen Sie. SSttt!" Offenbach schlägt die Augen auf, er schaut um sich: „Bertrand!" „Ja, hier bin ich, darf ich dem Herrn Direktor eine Tasse Kaffee besorgen? Sie waren müde und etwas erschöpft... Sie sehen blass aus..." „Unsinn, Bertrand, ich wrar nie so frisch, wie jetzt — ich habe mich nur über die Choristen geärgert, sie stehen-leblos — die Einsätze sind ungenau..." Er beginnt zu husten, aber er unterdrückt den Anfall und scherzt: „Geben Sie mir einen Spiegel, Bertrand — was w'ollen Sie, ich sehe aus, wie ein junger Mensch, so etwa zwanzig ... nicht wrahr, Bertrand?" Bertrand kann darauf nicht eingehen, er schluckt die Silben: „Ja, Maestro — Sie sehen — Sie haben noch immer das — Feu — er in den Augen, das . . . aber die Wangen sind schmal —" Offenbach hört nur das Bejahende: „Die Wangen, Bertrand, das macht der Bart... ich sollte ihn abrasieren lassen... aber dann wrürde man mich nicht wiedererkennen, den Offenbach, den alle Welt kennt, den man überall abgebildet hat — ich darf nichts an dem berühmten Bilde ändern. Denke dir, Monsieur Paul wollte den Hoff mann in meiner Oper in meiner Maske spielen... ich habe es ihm verboten...? Meinetwegen kann der Spalanzani meinen Bart tragen — er passt besser zu dem Zauberer! Nicht w7ahr? — Gib mir den Pelz ein w~enig um die Schultern, ich friere doch ein wenig..." Ein neuer Hustenanfall, der nicht zu unterdrücken war, schüttelte den Maestro. Aber — er begann zu pfeifen, eine neue Melodie — und sah den trostlosen Blick des Bertrand mit Aerger. „Warum machst du wieder solch ein Gesicht, du weisst, ich mag das nicht, sei fidel, Bertrand —! Es steht alles gut, wie noch nie, ,Hoffmanns Erzählungen', oh, sie werden erkennen, was in mir steckt, jetzt endlich werden sie merken, dass ich nicht der Farceur bin, als den sie mich abgestempelt haben... Mein Ruhm wird in den Himmel wachsen! Die Herren Meilhac und Halevy werden es bereuen, dass sie von mir abgefallen sind und zu Herrn Lecocq überliefen, zu dem ,Meyerbeer der Renaissance'... Solch ein Pfuscher! Oh, die Herren werden noch auf den Knien vor mir rutschen und um Gnade betteln, aber ich bin nicht mehr der gute Offenbach von früher, jetzt bin ich ganz Energie. Wissen Sie Bertrand, dass ich gestern meinen Spazierstock auf der Probe entzweigeschlagen habe!" „Ich weiss, ganz Paris erzählt die Sache." „Haha! Das ist recht. Bertrand, die Leute waren mir zu lau, die Figuranten schliefen, der Chor schleppte — ich hielt es nicht mehr aus, als ich zuhörte — ich warf meinen Pelz ab, ich machte einen Satz aus dem Parkett auf die Bühne, ich nahm meinen Stock und hieb auf die Tasten des Klaviers, die Herr Clement mit der Langweiligkeit einer Schnecke überkroch ... mein Stock zerbrach ... ich nahm die eine Hälfte als Taktstab."..! Die Leute sahen mich entgeistert an... sie staunten — sie erbleichten — ich hob den Stock und das Finale klang, wie noch niemals. Haha! Ich habe meinen Stock zerbrochen, aber das Finale gerettet, ich werde Herrn Lecocq zerbrechen und meinen Ruhm auf seinem Sturze wiederaufrichten, ich wrerde —" Wieder ein Hustenanfall und Bertrand sah den kranken Mann mit Grauen an... „Was hast du denn, lass doch diese Jammerei ... wegen des bisschen Sichräuspern, hast du noch nie einen Katarrh gehabt? Das bisschen Kitzel hier, pa . . . Ihr tut gerade, als ob ich wirklich krank wäre... Ich will das nicht, ich bin nicht krank, die Melodien strömen mir zu, wie noch nie, aus Tief en, die noch unerschlossen waren." Vor dem Maestro erschien nun — in der allgemeinen Bestürzung unangemeldet und von dem Portier unbeachtet — der Direktor der Folies dramatiques. Offenbach bemerkte ihn sofort, er richtete sich auf: „Ah, Monsieur le directeur — Sie kommen, um mich um die Partitur zum ,Cabaret des Lilas' zu bitten, ich bin noch nicht ganz fertig damit. Sie begreifen, die vielen Proben zu .Hoffmanns Erzählungen'... Ich werde, mich eilen.-die Einfälle kreisen um mich... die Melodien brausen in mir... es wird ein ganz grosses Werk werden." Der Kollege von den Folies dramatiques stand bewegungslos. Er sah Offenbach etwas mitleidig an, und gab dann endlich langsam zur Antwort: „Es tut mir leid, Ihnen die Operette zurückgeben zu müssen... es ist nicht deshalb, wreil wir nicht an die Musik glaubten, aber der Text ist doch zu schwach, Herr Toche hat da eine ganz mittelmässige Arbeit geleistet — darf ich mich verabschieden?" Offenbach wurde bleicher, als er schon war, er keuchte: „Es hat mir noch niemand einen Entwurf zurückgegeben, zu dem ich die Musik schaffen wollte —! Sie werden nach dem Triumph meines Hoffmann wiederkommen und um eine Oper betteln, aber Sie sind für mich erledigt — ein toter Mann — ein Niemand — gehen Sie ..." Offenbach stammelte noch einige Worte und brach dann wieder zusammen... Bertrand schrie: „Maestro, — — wäre der Arzt doch schon da . . . Maestro ...!!!" Bertrand rannte hinaus, um nochmals den Arzt um Eile bitten zu lassen... Offenbach lag und fieberte: „Wer sagt, dass ich fiebre — Halunken... Ihr wollt mich erledigen . . . haha, so geht das nicht, ich stehe vor dem Zenith meines Ruhmes . . . ich glühe — oh, ein neuer Einfall . . . ich wTerde gleich nach dem Hoffmann eine neue Oper schaffen . ..: Elysium! Alle Grossen im Elysium — alle, die da waren — ich dirigiere — ha, sie reissen mir die Notenblätter aus den Händen. Majestät — Ruhe — Sie werden das Duett mit der Kaiserin Elisabeth bekommen . . . Ja, Herrschaften, Ihr werdet alle beschäftigt sein . . . alle tanzen ... Es gibt kein Publikum, alle sind auf der Bühne — Herr Janin, was wollen Sie? Für Sie die Hölle! Hier gibt es keine Kläffer mehr, alles ist Eintracht und Versöhnung . . . Bitte, bitte