Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 12 (25.3.1937)
- Date
- 1937-03-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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bittet um Kundschaft. Doch nie hat man ihn etwas verkaufen sehen. Aber ewig mit den gleichen langsamen Bewegungen sucht er einen Käufer für die drei Zitronen, die niemand haben will. Der Kolonialwarenladen schräg gegenüber, in dem die getrockneten und frischen Knoblauchstauden — ein Speisezusatz nach französischem Geschmack übrigens — in dicken Knollen von der Decke herabhängen, hat den grösseren Kredit. Dies Gleichnis macht uns stumm. Ahasver lebt immer noch. An den zugigen Ecken aller Weltstädte bezieht er sein Quartier. In Paris hat er drei Zitronen in der Hand. Vor einem Laden hängen jüdische Zeitungen aus allen Erdteilen. Wir nehmen uns eine herunter und gehen in den Laden hinein, um zu bezahlen. Es dauert eine geraume Zeit, bis wir Licht und Finsternis zu unterscheiden vermögen. Aber es gelingt uns in dem Wirrwarr nicht herauszufinden, was Ware und was Inventar ist. Die beiden Burschen, die sich im Hintergrund über den Ladentisch lehnen, scheinen eine Grammophonplatte erstehen zu wollen. Erst ist nur ein blechernes Gerassel zu hören, dann füllen plötzlich das rhythmische Geschepper und die stereotypen Flötenlaute einer Beduinenkapelle den Raum mit ihren orientalischen Disharmonien. Verkäufer und' Käufer sind gleichermassen versunken und beachten uns gar nicht. Erst nach unserem mehrmaligen Räuspern blickt der Ladenbesitzer flüchtig auf und macht sich schlürfend auf den lästigen Weg zu den neuen Kunden. Einen Blick hat er für uns nicht, nur langsame, gleichgültige Bewegungen, mit denen er das Geld einstreicht und sofort wieder zum arabischen Tanz zurückkehrt. Unser Gruss bleibt unerwidert. — Orient! Durch den Käuferstrom schlängeln wir uns hindurch. Schon werden die Zwischenräume breiter, die Strasse leerer und plötzlich — es geht uns wie dem Wils Holperson, als er^Vineta besuchte —, wir biegen um eine Ecke, und spukartig ist das Ghetto verschwunden. Wir stehen wieder auf der Rue de Rivoli, unmittelbar vor dem Hotel de Ville. Mit dem Autobus fahren wir zum 16. Bezirk. Das dauert eine knappe halbe Stunde. Für den Mann mit den drei Zitronen ist es weiter. Er würde ein halbes Jahrhundert brauchen — aber wahrscheinlich würde er den Weg verschmähen. Aber eines Tages werden möglicherweise die Enkel seiner Enkel durch die Strassen von St. Paul gehen, vielleicht ebenso neugierig wie wir und vielleicht schon genau so fremd . . . rungen der Vernunft nicht mehr vereinbar seien. Er habe selten Menschen gefunden, die so frei von den Fesseln der religiösen üeberüeferung seien, wie die französische jüdische Intelligenz. Daher, meinte er, sei es nicht möglich, ein jüdisches Dogma zu formulieren. Er spricht dann von abergläubischen Familienbräuchen, die lediglich aus Ehrfurcht vor den Ahnen gehalten würden, bezeugt aber doch, dass die Juden tiefgläubig seien. Auf die Frage, was dieser Glaube sei, wenn es doch kein religiöser Glaube ist, antwortet er: „Er ist durch und durch rationalistisch; er läset sich mit einem Wort definieren: es ist der Glaube an die Gerechtigkeit." In diesem Sinn führt-Blum das Gespräch weiter, indem er den Juden den Weg in die Zukunft weist. Mag man mit ihm in dieser Auffassung einig sein oder nicht, amüsant ist es auf alle Fälle, dieses Jugendwerk Leon Blums zu lesen. Dr. med. et phil. Arnold Sack. Neue Gespräche Goethes mit Eckermann Eine Jugendarbeit von Leon Blum Der jetzige französische Ministerpräsident Leon Blum hat sich in seiner Jugend eifrig mit Goethe beschäftigt und in seine Geisteswelt einzudringen versucht. Um die Jahrhundertwende schrieb er als Folge dieser Studien ein höchst originelles Buch „Nouyelles conversations de Goethe avec Eckermann 1897/1900, Editions de la Revue blanche, Paris 1901". Leon Blum schrieb damals unter dem Namen Bloum und gehörte zu den gelesensten Pariser Schriftstellern. Er war Mitglied der Jungen Sozialistischen Kohorte, die, obschon politisch stark aktivistisch, sich durch eine Fülle des Wissens und besonderen Adel der Sprache auszeichnete. Das erkennt man auch in diesem über 300 Seiten starken Buch Blums, das an sich ein recht keckes literarisches Unterfangen darstellte. Identifizierte er sich doch darin gewissermassen mit Goethe, indem er diesem seine eigenen Gedanken in den Mund legte und ihn so als Kritiker der gesamten geistigen, literarischen, politischen und sozialen Situation des Frankreich und der übrigen zivilisierten Welt der Jahre 1S97 bis 1900 "hinstellte. Das Buch geht von der Fiktion aus, als ob Goethe um diese Jahrhundertwende noch gelebt habe und nun seine berühmten literarischen Gespräche mit Eckermann fortführe. Es zerfällt in zahlreiche mit Zeitdaten versehene Abschnitte, genau wie „Eckermanns Gespräche", die ja jedesmal tagebuchartig nach einer Unterhaltung mit Goethe eingetragen wurden. Auch Färbung und Stil der Eckermannschen Originalaufzeichnungen sind — wenn auch auf französisch — gewahrt, nur der Inhalt der Gespräche ist natürlich abweichend. Sie handeln eben von der damaligen Zeitgeschichte. Es waren die Jahre, in denen die Wiederaufnahme des Dreyfuss-Prozesses alle Gemüter in Frankreich zum Sieden erhitzte; so ist es selbstverständlich, dass Blum an manchen Stellen von diesem Prozess und seiner Auswirkung auf das öffentliche Leben Frankreichs spricht. Allerdings erwähnt er dabei kaum die Judenfrage. Schon damals war er, wie er sich kürzlich selbst charakterisierte, „Europäer, Franzose und Jude zugleich und in Einem", und deshalb glaubte er wohl, das Bestehen einer Judenfrage in Frankreich nicht anerkennen zu dürfen. So ging er an der Nervosität, die damals das französische Judentum durchschüttelte, vorüber und stellte lediglich fest, dass Dreyfuss ein unschuldiges Opfer der Generalstabsintrigen war. Wenn in einem Prozess, so meinte sein Goethe, der geringste Rechtsbruch begangen worden ist, so ist die Verurteilung nicht aufrecht zu halten, denn höher als die Ungerechtigkeit steht die Ordnung. An einer anderen Stelle macht er im Zusammenhang mit den Kränkungen, die jüdische Offiziere zu erdulden hatten, breite Ausführungen über die Rolle, die die jüdische Bourgoisie in Frankreich spielte und erteilte ihr manche klugen Ratschläge. Er empfiehlt ihr, anstatt ihre gesellschaftliche Eitelkeit zu befriedigen oder zu überspannen, sich stärker der geschichtlichen Mission des Judentums zu erinnern. Sie sollten sich nicht nach höheren Beamtensiellen drängen, sondern sich ihrem wahren Wesen gemäss individualistisch ausleben; ihr ausgeprägtes kritisches Vermögen befähige sie, die Traditionsformeln zu verlassen, wenn sie mit der Wirklichkeit und den Forde- Josef Bonsirven S. J.: Juifs et Chretiens. Flammarion, Paris 1936. Edmond F1 e g hat einmal — in einem Beitrag zu dem Sammelwerk ,,Le theälre juif dans le monde" — von dem in Frankreich sehr bekannten Jesuitenpater J. Bonsirven gesagt, er kenne „die Juden, ihre Ideale und ihre innere Tragik besser als die meisten jüdischen Schriftsteller Frankreichs". An dieses Urteil über Bonsirven wird man erinnert, wenn man sein jüngst erschienenes Buch liest: „Juifs et Chretiens". Der Verfasser gibt in seiner Veröffentlichung ein Bild von Sinn, Aufbau und Ziel der katholischen Missionstätigkeit in Frankreich, soweit sie sich auf die Juden erstreckt. Einzelfälle und Einzelbeobachtungen liefern ihm das Material für seine historische Darstellung und für seine apologetischen Betrachtungen, aber auch für die Folgerungen, die er auf Grund seiner Kenntnisse für die weitere und zukünftige Arbeit der katholischen Mission am Judentum zieht, und für die Bestrebungen der Kirche, in Frankreich zu dem zu gelangen, was er „la fraternisation entre les Juifs et les Chretiens" nennt, wobei er Vorteil und Grenzen einer solchen Angleichung zwischen den Bekenntnissen erkennt und betont. Es ist wesentlich, dass Bonsirvens Betrachtungen nicht auf älterer „Confessionen" und Berichten von Konvertiten beruhen; sein Ausgangspunkt sind vielmehr die psychologischen Beobachtungen auf dem von ihm bearbeiteten Gebiet im Frankreich der letzten zwanzig Jahre. Der Verfasser des trotz — oder vielleicht gerade wegen — seiner Einseitigkeit und dogmatischen Gebundenheit ausserordentlich interessanten und aufschlußreichen Buches ist sich klar darüber, dass es ein falscher Ausdruck ist, von „der jüdischen Bekehrung" zu sprechen, „als ob alle derartigen Uebertritte den gleichen Typus darstellten"; aber er glaubt, dass es eine spezifisch jüdische Art des Üebertritts zum katholischen Glauben als seelisches Erlebnis gibt. Dass vom jüdischen Standpunkt aus, d. h. jüdischen Erlebnis aus, dem Buche mit ausserordentlicher Kritik zu begegnen ist, bedarf kaum einer Rechtfertigung. Als Jude wird man die Voraussetzungen der Gedankengänge Bonsirvens ablehnen. Man wird vieles anders sehen und sehen müssen als der gläubige Katholik, und man wird vieles vermissen, was in dem Buche unausgesprochen, um nicht zu sagen unbeachtet bleibt. E. Fr...l. aus Chlor und Jahrmarktsparfüm riecht, in der Richtung Paris-Ost. An der Station St. Paul steigen wir nach oben. Wir stehen mitten in Paris, im Lärm und Gewirr der Rue de Rivoli, links zur Seite der massige Komplex des Hotel de Ville, rechts im Hintergrund die Place de la Bastille — Grossstadt, 20. Jahrhundert; einige Schritte vorwärts, in eine dunkle Seitengasse hinein und wir sind im Mittelalter. Zeit, Sprache, Stadtbild und Menschen haben plötzlich gewechselt. Die Strassen sind eng und dadurch dunkel. Der schmale Bürgersteig reicht für den lebhaften Verkehr bei weitem nicht aus". Zudem ist er durch Auslagen, Karren, Pferdewagen zum Teil noch verstellt. Die Menschen sind klein, untersetzt, dunkel, bärtig und von unheimlicher Geschäftigkeit. In den Lärm drängen sich die Käufer, die sich teilweise selbst bedienen. Ich bemerke durch das Fenster einer Fleischerei einen Kunden in Gehrock und schwarzem Hut, der sich selbst das Fleisch abschneidet und wiegt. Niemand hindert ihn daran. Jiddische Gesprächsfetzen nehmen wir auf, statt der französischen Schilder kleben dicke hebräische Blockbuchstaben über den Ladentüren an kleinen, engbrüstigen, winklig geneigten Häusern. Hebräisch entziffere ich Charcutier auf dem Aushängeschild einer Metzgerei. Aber auch mittelhochdeutsche Worte lese ich — ganz so wie in Whitechapel. Hier ist nicht mehr Frankreich. Man kommt mit Deutsch besser voran als mit Französisch. Vor vielen Läden prompt das Bild eines behäbigen Rabbi im Ornat, darunter heisst es, dass der also Abgebildete,. Grossrabbiner seines Zeichens und aus Polen stammend, demnächst einen Vortrag in der Synagoge zu halten gedenkt. Dort ist sie auch schon, mit finster verschlossenen Toren. Ueber einen Gemüsewagen, der sie verbarrikadiert, hinweg, erkämpfen wir uns den Zugang zum Portal. Es ist zu. Auch unser hartnäckiges Klopfen gegen alle Türen und Fenster lockt keinen Menschen herbei. Jetzt ist nicht Schul-, jetzt ist Geschäftszeit. Gerade ist die Schule aus. Zahllose Kinder strömen aus dem Gebäude, das der französische Staat mit seinem Geld and mit jüdischen Lehrern zur Erziehung der jungen jüdischen Generation unterhält. Ein agent de police steht breitbeinig vor dem geöffneten Schultor und betrachtet mit Gleichmut und Wohlwollen die Kinder des Ghetto. Sie sind in Kleidung und Aussehen schon entschieden europäisierter als ihre Väter und Mütter. Die Grossväter trugen noch Pejes und Kaftan und sprachen nur jiddisch. Die Väter, schwarz bebärtet, schwarz behütet und schwarz bekleidet, sprechen mitunter schon ein schauderhaftes Französisch. Die Kinder verständigen sich bereits fehlerlos und akzentfrei auf französisch. Das ist auch schliesslich die geringste Gegenleistung, die sie dem toleranten Frankreich schulden. Mitten auf dem Damm steht ein alter Jude. Er hält drei Zitronen in der Hand und bietet sie den Vorübergehenden an. Seit Jahren steht er an der nämlichen Ecke, dreht sich langsam im Kreis und Und dann ist von Gurau die Rede, dem Politiker, Deputierten und Journalisten, der in einer sehr charakteristischen Mischung von Idealismus und persönlichem Ehrgeiz sich eine grosse Zukunft träumt. — Von den jungen Menschen der Ecole Normale, die wir besonders lieb gewonnen haben in den vorausgehenden Bänden, weil ihr guter Wille wohl der reinste ist, erfahren wir in diesem Band nichts; wie denn auch manche andere vorher angelegte Gruppe diesmal nicht auftritt. Auf den Schluss dieses Bandes fällt der 1. Mai 1909. (Das ganze Werk hat bekanntlich am 6. Oktober 1908 begonnen.) Es finden Streiks und Kundgebungen der syndikalistischen Arbeiter statt; gar nichts besonders Grosses und Aufregendes, aber doch eine etwas unheimliche Atempause — eine Mahnung und Drohung für all die, die jetzt so im Aufstieg, Glück und Erfolg stecken. — Ich sagte schon, wir sind noch mitten auf dem Wege, wTir haben noch nicht einmal die Mitte des Werkes erreicht, wir müssen abwerten, welche Bedeutung all diese Teile einmal durch den Blick über das Ganze erhalten werden. Aber dass es sich lohnt zu warten, dass uns der Weg nie verdriessen wird, das ist durch die Fülle ausgezeichneter Beobachtung und treffsicheren Ausdrucks verbürgt, den dieser Band wie alle vorherigen uns zeigt. Julius Bab Edmond Fleg über seine Stellung zum Judentum Von Prof. Dr. Wetzlar, München Edmond Fleg hat kürzlich ein Werk erscheinen lassen, betitelt „Israel et Moi" (Paris 1936, Gallimard). Drei grössere Abhandlungen enthält das Buch, von denen zwei bereits früher veröffentlicht und auch ins Deutsche übersetzt wurden: „Warum ich Jude bin" (1927 geschrieben) und „Mein Palästina" (1931 geschrieben). Die dritte Arbeit trägt den Titel „Dien 1936". Wie die beiden anderen ist sie an den „noch nicht geborenen" Enkel des Verfassers gerichtet. In dieser Arbeit behandelt Fleg zunächst ausführlich Fragen jüdischer Zukunftsgestaltung, vor allem auch im Hinblick auf Palästina. Dabei gibt er seiner tiefen Enttäuschung Ausdruck. Er hatte gehofft, mit der Beendigung des Weltkrieges werde auch der Judenhass unter den europäischen Völkern verschwinden, da doch Juden für alle Völker gekämpft hätten und für alle Nationen gefallen seien. Aber das messianische Reich ist nicht gekommen, „noch sehe ich nicht", sagt er, „die Hand, die die Fahne erhebt, um die Leidenden Jakobs aus allen Teilen der Welt zurückzuführen, noch weidet nicht auf den Rasen, die sich entlang des Genfer Sees hinziehen, das Lamm mit dem Wolfe, immer noch erwarte ich den Industriellen, der die Spiesse in Gartenmesser und die Schwerte in Pflugscharen umarbeitet". Aber auch die Rückkehr der Juden unter dem Schutze englischer Bajonette ist ihm nur ein „betrügerisches Nachbild der Heimkehr" wie ihm dieser Frieden nur „ein Betrug des Friedens" ist. Die Frage nach der „Auserwählung (Sendung) Israels", der sich Fleg nun zuwendet, hatte er schon früher in der Gedichtssammlung: „Höre Israel" behandelt. Aehnlich wde damals, wo er die Mission des Judentums als die einer friedenstiftenden Macht und die Religion Israels als Religion der wahren Menschlichkeit dargestellt hatte, bezeichnet er hier Israel als eine menschliche Familie, die allen anderen offen steht als Trägerin eines für alle gleichbedeutenden Gesetzes, einer Sendung, deren Dienst sein sollte, den Völkern und den Jahrhunderten zuzurufen im Schmerz, in der Schmach, in der Sünde und in der Busse: „Der Ewige unser Gott ist einzig, und der Mensch, sein Eebenbild, soll einzig sein, wie der Ewige!'* Im letzten Kapitel seines Buches: „Dieu Perpetue" (Gott fortbestehend), beschäftigt sich Fleg mit der Frage, ob nicht alles, was er seinem Enkel gelehrt habe, falsch sei, ob er sich nicht geirrt habe, ob nicht eine andere Bibel, die die Sünde nicht kennt, die die Reue verurteilt, das Mitleid verhöhnt, wahrer sei als die Gesetzeslehre vom Sinai. Er fragt sich, ob es noch einen Wert habe, die Gebote des Dekalogs immer wieder zu wiederholen, da die menschliche Gesellschaft doch nicht unterlasse zu rauben, zu hassen, zu töten und selbst über Gott zu spotten, da ja sogar, wie die Geschichte lehre, das jüdische Volk selbst nicht immer das Beispiel des Friedens und der Gerechtigkeit gegeben habe. Vielleicht, meint Fleg, hätten doch diejenigen recht, die behaupten, die Botschaft des jüdischen Volkes sei nur eine Falle, die der Schwache dem Starken stelle, sein (Israels) Gott ist einzig, und der Mensch, sein Ebenbild, heute die Welt. Zur Widerlegung seiner Zweifel bedient sich Fleg einer Vision. Er sitzt vor seinem Radioapparat, plötzlich hört er ein Dröhnen und Surren und glaubt die Stimme Gottes zu hören, der ihn Vorwürfe macht, dass er es wage, mit dem Zirkel des Augenblicks die Wege der Gottheit zu messen. Er (Gott) habe nie gesagt, das Volk, dem er sein Wort übergeben, sei ohne Schuld und Fehler. „Wenn Tausende von Nationen und Geschlechtern die Wahrheit Gottes leugnen würden, so wird sie dennoch die Wahrheit sein, wenn Miriaden von Jahrhunderten und Welten sie Lügen strafen sollten, sie muss doch Wirklichkeit sein. Warum willst du also einen Zweifel auf deine Nachwelt vererben? Belebe die Erde neu zu jeder Stunde und der Mensch wird vollenden, was Ich begonnen habe." Unter dem Eindruck der Vision, die er eben empfangen hat, macht sich Fleg heftige Selbstvorwürfe. ,,. . . Ich habe die Rückkehr, die Sendung (Israels), den Frieden verraten. Wer wird mir verzeihen, kann i c h mir verzeihen?" Er wendet sich an seinen Enkel mit der Frage, ob er den vorübergehenden Schrei seiner Beunruhigung vergessen könne und immer der ewigen Stimme folgen werde, die ihn (den Grossvater) verdammt habe. Da antwortet der Enkel mit einer Erzählung aus dem Talmud, nach der alle Generationen am Sinai mit Moses geschworen hätten zu tun, zu hören, zu glauben und auszuführen, was Israel ihm (den Gross- "vater) gelehrt hatte für Israel und die Welt. Deshalb solle der Grossvater nichts fürchte,n. Die jüdische Jugend — deren Sprachrohr der Enkel ist, erklärt, dass sie sich selbst und ihrem Judentum treu bleiben werde, treu bleiben der jüdischen Lehre und der jüdischen Hoffnung auf das Reich des ewigen Friedens. Geschichte einer jüdischen Jugend in Frankreich Julien Bendas Autobiographie Man wusste, dass Julien Benda Jude ist, er hat es wohl auch nie verleugnet, obwohl er es auch nie sonderlich betont hat. Julien Benda wird in der französischen Literatur seit Jahrzehnten als einer der vornehm kritischen Köpfe geschätzt, er ist ein Aristokrat in der Rechtschaffenheit nicht nur seines noblen Stils, sondern auch des verantwortlichen Denkens, durchaus kein den Erfolgen des Tages nachjagender Vielschreiber, und eben darum erregt sein neues Buch „Jeunesse d'un clerc" Erstaunen und Aufsehen: das ist ein Stück Autobiographie, worin sich der angesehene Mann mit schönem Freimut zu seinen Vätern bekennt und sagt: Ich bin Jude, juif — während man allenfalls vermutet hätte, in ihm einen Israeliten zu finden. Man muss zuvor die Bedeutung kennen, die Julien Benda für das französische Denken hat; man muss ihn eigentlich einen Kulturphilosophen nennen, denn obwohl vor allem seine Essais ihn bekannt gemacht haben, so spiegelt sich diese seine deiikerische Grundhaltung doch auch nicht minder in seinen erzählenden Schriften, von denen der Roman „Die Berufung" auch in deutscher Sprache vorliegt. Hier überall ist er gewissermassen der Verfechter des lateinischen Erbes, der Verteidiger geistiger Tradition gegenüber der Glorifizierung des Ungeistes, der Leidenschaften, des Instinkts und der Macht, als deren hervorragendsten Vertreter er Henri Bergson bekämpft. Bergson, der bekanntlich ebenfalls Jude ist, hat den „Intellekt" diskreditiert, den Benda in seinen Pamphleten „Le Bergsonisme", „Les Sentiments de Critias'\ 2,Belphegor"2 „Lettres a