Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 12 (25.3.1937)
- Date
- 1937-03-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Zwei Welten Pariser Eindrücke 1937 / Von Heinz Kellerixiann schaffen. Durch die 1925 gegründete Palesiine Colonisation Association (PICA), deren Präsident heute James de Rothschild ist, hat er seinerzeit die Siedlungsarbeil in Palästina reorganisiert. Heute ist die PICA an vielen Kolonien und industriellen Unternehmungen beteiligt und an neuen Siedlungsvorhaben interessiert. Direktor der PICA war der vor einigen Wochen verstorbene Henri Franck. Die Stellung des französischen Judentums zu Palästina und zum Zionismus wird überhaupt durch das kulturelle Moment aufs stärkste bestimmt. Ministerpräsident Leon Blum hat kurz nach seinem Amtsantritt einen Aufsatz veröffentlicht, in dem er die Vereinbarkeit zwischen Judesein und Franzosentum darlegt und insbesondere auf die Beziehungen französischer Juden zu Palästina eingeht. Es könne, so meint er, für Frankreichs Ansehen und Kultur nur nützlich sein, wenn es an der Hebräischen Universität vertreten ist; die Interessen der französischen Kultur werden gefördert, wenn Frankreich und seine Juden sich am Palästinaaufbau beteiligen. Sind diese kulturellen Motive für das Verhalten französischer Juden zu Palästina massgebend, so sind sie es erst recht für alle anderen Franzosen. Juden und Nichtjuden massgebender politischer Kreise, die am Palästinaaufbau interessiert sind, sind im Comite France-Palestine zusammengefasst, deren Vorsitzender der Senator J. Godart ist, und das unter der Schirmherrschaft des Präsidenten der Französischen Republik, Lebrun, steht. Sonst ist der Zionismus unter den zugewanderten französischen Juden viel stärker verbreitet als unter den alteingesessenen. Besonders auf der Palästinakonferenz französischer Juden und in der Zionistischen Landesorganisation, die unter dem Vorsitz von J. Naiditsch stehen, kommt dies zum Ausdruck. Auf einer Anfang des Jahres abgehaltenen Veranstaltung der Groupement Sioniste Francais et Pro Palestinien unter dem Vorsitz von Leonce Bernheim wurde erst wieder betont, dass nur die Gewinnung eingesessener französischer Juden dem Zionismus in Frankreich Bodenständigkeit und Bedeutung innerhalb der Zionistischen Weltorganisation geben könne und ihn über das rein Phüantropische hinausheben würde. Das Organisatorische ist unter der zionistischen Jugend viel stärker ausgeprägt. Die zahlreichen Jugendverbände haben sich erst vor kurzem in einem Zentralkomite der jüdischen Jugend zusammengeschlossen, das die zionistische Propaganda unter der jüdischen Jugend Frankreichs betreibt. Der Verband der jüdischen Pfadfinder (Eclaireurs Israelites de France) mit über 1000 Mitgliedern ist die grösste jüdische Jugendorganisation. Ihr Präsident ist der Dichter Edmond Fleg. Die stärkeren Bindungen der meist aus Osteuropa eingewanderten französischen Juden zu Judentum, Zionismus und Palästina kommen organisatorisch in der Vereinigung jüdischer Gesellschaften zum Ausdruck. Hier wird versucht, über das Konventionelle hinaus jüdisches Leben zu intensivieren. Die Vereinigung unter dem I- Das 16. Arrondissement ist der vornehme Stadtbezirk von Paris. Hier zelebriert der elegante Pariser äm Sonntag vormittag zu Fuss, zu Pferd, zu Pneu seinen Morgenspaziergang. Hier finden in der Südecke Auteuil seine Rennen statt. Hier wird im Mai 1937 die grosse Internationale Ausstellung eröffnet. Hier bevölkert man nachmittags auf den Champs- Elysees das Parkett der Stuhl- und Tischreihen der grossen Cafes, die, in Reih und Glied der Strasse zugewandt, einen erheblichen Teil des Trottoir beanspruchen. Auch jetzt im Vorfrühling sind sie gut besetzt. Den Besucher wärmen die zwischen den Tischen aufgestellten Oefchen die ständig durchnässten Füsse. Hier im 16. zwischen Etoile und Place Victor-Hugo befindet sich in der Rue Copernic der Tempel der „Union Liberale Israelite". Ein einfaches, unansehnliches Wohnhaus, von aussen eigentlich in nichts als Synagoge kenntlich. „Liberal" — das bedeutet in Paris Reform, unsere liberalen Synagogen würden in Paris nach Inhalt und Form des Gottesdienstes als konservativ gelten. Wobei zu bemerken ist, dass konservativ keineswegs gleichbedeutend ist mit orthodox. Orthodoxe Gemeinden gibt es ausserdem. Aber assimiliert sind sie alle. Auf dem Wege nach Paris fuhr ich mit zwei kleinen beleibten Herren zusammen, die das Coupe mit den lebhaften Temperamentäusserungen typischer Südfranzosen erfüllten — — — bis sie sich dann einesteils als „Grand Rabbin rAssociation Culturelle Sepharadite de Paris", andernteils als Syndikus der gleichen Vereinigung zu erkennen gaben. Doch dies nur in Paranthese. In der Synagoge in der Rue Copernic, die wie gesagt, sogar nicht wie eine Synagoge aussieht, öffnet sich ein grosses Holztor nach einem dunklen Hausflur zu. Man durchschreitet ihn und wird am Ende von einem höheren Würdenträger in Uniform und mit Zweispitz in Empfang genommen. Vorsitz von I. Jefroikin besteht schon über zehn Jahre und umfasst über 20 000 Familien (!) in 80 Gruppen. Sie unterhält Volksschulen und Bildungsanstalten. Unter den sonstigen zahlreichen kulturellen Organisationen, die unter Beteiligung eingesessener französischer Juden ihre Arbeit tun, ist die Gesellschaft für landwirtschaftliche Interessen der Juden Le Renouveau zu nennen. Zu ihrem Ehrenpräsidium gehören Henri Bodenheimer, Albert Cremieux u. a. bekannte französische Juden. So ist der Rahmen des jüdisch-politischen Lebens mehr nach der gesellschaftlich-kulturellen Seite hin orientiert als nach der eigentlich politischen wie in anderen Ländern. Von Machtkämpfen, Fifty- Fifty-Prinzip und dem Hin und Her der Er überreicht ein Gebetbuch, geleitet an den Platz und erst aus der Art dieser Verrichtungen schliesst man, dass es sich um eine höhere Gattung der Schammesim handelt. Der Eindruck bestätigt sieh, als er den Kidduschbecher dem Chason überreicht. Es ist Freitag abend. Der nicht sehr grosse, betont nüchterne, weissgekalkte saalartige Raum ist noch recht leer. Ich zähle dreissig bis vierzig Besucher, gut 80 Prozent sind Frauen.- Erst im Laufe des Gottesdienstes füllt es sich, sogar während der Predigt kommt man noch herein. Zum Schluss mögen es etwa siebzig bis achtzig Menschen sein, überwiegend ältere Damen. (Beim Sonntagsgottesdienst kann ich freilich meinen "Eindruck korrigieren. An diesem Tag ist das männliche Geschlecht zahlreicher erschienen, wenn auch noch immer nicht in gleicher Stärke wie die Frauen. Frauen und Männer sitzen übrigens zusammen. Auch Militär ist vertreten.) Grösstenteils scheint es sich um wohlsituiertes bürgerliches Publikum zu handeln, nicht anders nach Aussehen und Auftreten als das Publikum, das vor 1933 auch unsere Synagogen füllte. Das gute Gleichmass von innerem Stil und äusserem Aussehen ist eine schöne und schmerzliche Erinnerung zugleich. So ruhig, selbstbewusst und sicher haben auch wir einst — vor wieviel Jahrzehnten eigentlich? — in unseren Bänken gesessen — und viel mehr waren wir auch , nicht an Zahl. In einem durchaus positiven Sinne spürt man, wie sehr Religion hier noch Privatsache, richtiger: wie wenig Judentum „Massenartikel" ist. Hier ist Gemeinschaft noch freiwillig, Bekenntnis der einzige Zugang und eine pietätvolle phüantropische Religiosität ihre alleinige Verfassung. Geschichte ist Erinnerung, nicht Erschütterung, nicht Leben. Der Gottesdienst hat noch nicht begonnen. Vorn, auf dem Alnomor, sitzen der Prediger des heutigen Abends, Aime P a 11 i e r e, der bekannte und hier mit besonderem Stolz genannte Konvertit, und Fraktionen und Gruppen ist das französische Judentum mehr verschont worden als Juden irgendwo sonst. Das französische Judentum ist vielleicht gar nicht politisch, wenn man es mit der Judenheit anderer Länder vergleicht. Dafür ist aber auch das Judentum kaum je so einheitlich und anhaltend unter kulturellen Gesichtspunkten gesehen worden, wie bei den französischen iJuden. Der französische Jude betrachtet das Judentum mit französischen Augen. Er ist darin ganz Franzose, dem die Politik und das Gesellschaftliche nicht Wesenselement, wohl aber eines der Mittel zu kultureller Ausprägung sind. ahzg. X. Dieser Aufsatz Ist der fünfte Beitrag unserer Serie: Der Rahmen des jüdisch-politischen Lebens. der Vorbeter. Jetzt erscheintder Rabbiner M. Germain-Levy. Er" kommt von rückwärts, durchschreitet feierlich die Reihen in schwarzem Ornat. Auf dem Kopf trägt er den grossen runden Filzhut mit breiter Krempe. (El wurde mir übrigens versichert, dass die Amtstracht der Pariser Rabbiner in allen Synagogen die gleiche ist.) Die Gemeinde erhebt sich. Der Rabbiner betritt den Almemor und spricht ein kurzes einleitendes französisches Gebet. Chor und Orgel setzen mit dem Mali tauwo ein. Die Melodie klingt fremd. Im übrigen aber lehnt sich die Liturgie mit grossen Kürzungen stark an unseren Freitagabendgottesdienst an. Sie entspricht weit mehr dem hiesigen liberalen Gottesdienst als — und dies schon angesichts des sehr aktiven Chason — dem der hiesigen Reformgemeinde. Der konservative Gottesdienst ist dafür wieder um ein weniges formenstrenger als unser liberale. Eine kleine Verschiebung nach rechts lässt sich im ganzen französischen Kultwesen feststellen. Kurz vor der Predigt tritt plötzlich eine Pause ein. Einige Damen aus dem Publikum erheben sich und gehen mit einem Beutel von Platz zu Platz." Jeder wirft eine kleine Münze hinein. Die Predigten selbst — sowohl die von Aime Falliere wie die von Germain-Levy, die ich am Sonntag höre — sind ausgezeichnet disponierte, abstrakte, durchaus nicht leicht verständliche religionsphilosophische Abhandlungen, die an Fassungsvermögen und Aufmerksamkeit der Gemeinde schon einige Anforderungen stellen. Trotzdem scheint man nach Schluss der Ansprache sehr befriedigt, und mehr noch, sehr angeregt. Niveau von Kanzel und ZuhörerschafThalten sich wohl durchaus die Waage. Es finden übrigens Gottesdienste allwöchentlich statt: am Freitagabend, am Schabbes selbst und am Sonntag. Am Sonntag wird die Tora zwar ausgehoben, aber im Gegensatz zum Schabbos nicht verlesen. Stark in der Gemeinde, weniger stark im Gottesdienst ist die Jugend vertreten, der JLI (sprich: Jili) Jeunesse Liberale Israelite umfasst etwa 60 bis 70 Mitglieder. Die Jungen und Mädel tragen die Abzeichen, die seinerzeit dem JLI in Deutschland gehörten. Einige Menschen des hiesigen ehemaligen JLI sind Mitglieder des JLI (Paris). Die Aelteren arbeiten auf Heimabenden, in Gruppen, die nach sachlichen Themen eingeteilt sind (Geschichte, Soziologie, Liturgie, Philosophie des Judentums), die Jüngeren sind in Scoutform organisiert. Ich besuchte einen Heimabend, auf dem ein gut ausgearbeitetes Referat über „das soziale Leben der Juden im Mittelalter" gehalten wurde. Der Heimabend beginnt und schliesst mit einem kurzen Gebet — Im grossen und ganzen ähneln Arbeitsinhalt und Arbeitsmethoden viel stärker der jüdischen Jugendbewegung in Deutschland als etwa den gesinnungsverwandten Gruppen in England. II. Zwei Tage später fahren wir mit der Metro, in der es immer nach einem Gemisch Prousts Einfluss auf den Autor selbst, sind unverkennbar: proustisch ist Francoeurs Feinnervigkeit, sein Beobachtungsvermögen — hier führen übrigens auch die Verbindungsfäden zu dem Seelenzergliederer Stendhal — proustisch ist die Art, bei bestimmten Gerüchen und Anblicken assoziativ eine ganze längst versunkene Erinnerungskette ins Gedächtnis heraufzubeschwören, proustisch ist schliesslich auch die überwach-morbide Ahnung von den Grenzen alles Seins. Im Gegensatz aber zur resignierendenMüdigkeit des verehrtenDichters bricht bei Francoeur immer wieder das Temperament, der Tatendurst des jungen Menschen durch. Ueberschwang, Kraft, wohin damit? Wo sie einsetzen für wen? Oft sprach er mit Rolf darüber. Aus Unternehmungslust kaufen sie ein Motorrad. Sie fahren in die Nacht hinaus, saugen den Wind in sich ein, trinken die Schnelligkeit, verlöschen übermütig-verwegen den Scheinwerfer und erkennen die Welt „an ihrem Gewebe". Daneben aber geht, herausfordernd nüchtern und geschehenlos, der Alltag weiter. Man tanzt, arbeitet, flirtet, liest, betreibt eine Art „tätigen Schlaf". Francoeur ist überall beliebt, ein hübscher Kerl, ein gescheiter und gewandter Gesellschafter, ein Junge mit tadellosem Benehmen und tadelloser Gesinnung. Er wird umworben, man bemüht sich um ihn, in alle Kreise, zu allen Festlichkeiten lädt man ihn ein, und immer weiss er, dass er nur dann so bleiben wird, wie er ist, so aufrichtig, so unabhängig, so allem empfänglich, wenn er Widerstand leistet, sich selbst nicht verliert. Die schwerste Bewährungsprobe steht noch bevor: Sabine, die Brüderliche, der zu begegnen er immer wieder vermeidet, aus Angst, der Widerstand könnte gebrochen werden. Dann aber trifft, er sie, von neuem und stärker noch als das erstemal betört von dieser seltsamen Schönheit, „die zur Neige geht", ihr verfallen und doch im beginnenden Abwärtstaumel sich selbst auffangend. Es ist die erregendste Stelle des Buches. Zum erstenmal ist Francoeur bei der Geliebten, in der Silvesternacht. Sie erzählen Kindheitserinnerungen. Dann sagt Sabine: „Mitternacht. Wir werden trinken, indem wir die Augen schliessen, jeder wird seinen geheimsten Wunsch leise für sich tuu." — 'Und als sie ihn dann später nach dem Neujahrswunsch fragt, den er für sich gedacht hat, da erwiderf Francoeur: „Also, ich habe gewünscht, das heue Jahr möge mir noch einmal den Mut verleihen, allein zu bleiben, mehr allein als je!" — So trennt er sich von ' Sabine, um seine „unglaubliche Ausschweifung ins Nichts" fortzusetzen. Aber immer wieder, mit allen Tücken versucht man, ihn aus seiner Isolierung herauszureissen, die ihn einsam macht und doch zugleich froh, immer wieder lockt ihn, in Augenblicken der Selbstvergessenheit, das „andere", — er ahnt, dass sein ganzes Leben eine Kette von Versuchungen sein wird, er selbst ein gehetzter Flüchtling, wie ein vermeintlicher Missetäter fliehend, eine offene Tür einrennend, sie wieder schliessend, sich an den Flügel pressend, die Augen schliessend und sieh Zeit lassend, „unberechenbare, lachhafte, unendlich lange Zeit zwischen zwei Schrecken". Das aber weiss er: dass seine Form zu leben die persönlichste ist, die wahrhaftigste, die tapferste. Und dass die Hartnäckigkeit, mit der er, der „Unwiderstehliche", allen Schwankungen und Lockungen Widerstand leistet, bei aller Vertiefung der Vereinsamung dazu angetan ist, das „Gefühl der Festigkeit" in ihm zu sichern und zu stärken. Vielleicht wird jemand fragen, weshalb das Buch von Fraigneau, dessen meisterhaft plastische und Typisches treffende Schilderungen französischen Provinziallebens und französischer Jugend absichtlich nur gestreift wurden, um die Betrachtung ganz auf die Person des jungen Francoeur zu beschränken, einer so ausführlichen Analyse unterzogen wurde. Nicht massgebend waren die schon erwähnten höchst bemerkenswerten Einflüsse des Halbjuden Marcel Proust. Nicht entscheidend war auch, dass der junge Pole Rolf manche Züge birgt, die eine sehr deutliche Beziehung zu denen des jüdischen Menschen aufweisen. Das alles konnte wohl mitbestimmend sein, aber ausschlaggebend war allein dieses: dass das Buch von Fraigneau ein überzeugend aufrechter Aufruf, ein lauteres, männliches Bekenntnis zum Alleinsein, zur Einsamkeit, im Grunde mithin zum Individuum ist, ein Buch, das — allzu spärlich in unserer Zeit zu finden — den einen Halt gebietet und den andern Halt gewährt: „Halt!" gebietet denen, die erschöpft und mutlos hinabgleiten in den Strudel kollektiven Versinkens, Halt gewährt denen, die abseits stehen mitten unter den andern und doch am Rande, ungebeugt, stolz, in ruheloser Einsamkeit, — all denen, für die das Wort Rilkes gilt, das er an den jungen Franz Xaver Kappus gerichtet hat und das, so scheint es, bis in die kleine Stadt Murs, bis zu Francoeur, zu Rolf, zu Sabine gedrungen ist: „Aber Ihre Einsamkeit wird Ihnen auch inmitten sehr fremder Verhältnisse Halt und Heimat sein, und aus ihr heraus werden Sie alle Ihre Wege finden/' Der neue Jules Romains „Die guten Willens sind'6 — fünfter Teil Von dem grossen Romanwerk des Franzosen Jules Romains ist ein neuer Band erschienen. Bereits der fünfte, aber wir haben immer noch den Eindruck, dass wir im Anfang stehen. In der deutschen Uebertragung des Verlages Rowohlt, Berlin, führt dieser Band den Titel „Die Hochmütigen". Man könnte meinen, dass damit das französische „Les süperbes" etwas zu scharf, etwas zu negativ wiedergegeben ist. Die Menschen, von denen in diesem Buche hauptsächlich die Rede ist fühlen sich, sie sind auf der Höhe, in stolzer Entfaltung, einigermass^n sicher und sorglos; aber jenes Kalte und Abschliessende, das wir „Hochmut" nennen, ist ihnen eigentlich gar nicht eigen. Da ist vor allen Dingen von dem Unternehmer Haverkamp die Rede, den wir als Gründer eines Grundstücksbüros schon kannten, und der jetzt in geschäftliche Beziehungen zu den kirchlichen- Kreisen kommt, die Häuser und Gelände der Orden, die die antiklerikale Gesetzgebung bedroht, in Sicherheit bringen wollen. Und mit Hilfe dieser Kreise entriert Haverkamp auch ein sehr grosses Geschäft, die Gründung eines neuen Badeortes in der Nähe von Paris aus einer alten, fast verfallenen Heilquelle. Er ist mächtig im Aufstieg und mit ihm sein junger Gehilfe, der kleine Pariser Schlingel Wazemme. — Ein anderer Hauptteil dieses Bandes (man erinnert sich der kinoartigen Technik, die in stets abreissenden Kapiteln eine grosse Zahl ganz verschiedener Handlungen vorwärts führt) gehört dem Petroleum-Magnaten Sammecaud, der mit seiner Bewerbung um die Gräfin Champcenais nun entscheidend zum Ziel kommt. Eine Ehebruchsgeschichte wie andere mehr; aber durch die Schärfe und Feinheit der Details, gerade wie Haverkamps Bädergründung, fesselnd und menschlich bedeutsam. Andere der bisher angesponnenen Handlungen werden in diesem Bande wenig oder gar nicht gefördert. Von dem Buchhändler Quinette, diesem. Mörder aus purer Neugier und Sensationslust, erleben wir hier nur einen Abend, den er mit Estrachard verbringt, jenem kleinen Beamten und poetisch-musikalischen Amateur, den er mit seiner revolutionären Gesellschaft neuerdings bespitzelt. — Auch der Abee Mionnet, der zu den aristokratischen Kreisen, die wir kennen lernten, in Beziehung steht, taucht einmal auf — wir wissen noch nicht recht, wekü9 Rolle er im Ganzen dieser .Weit spielen wird.