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Central-Verein-Zeitung · 1937-03-25 · 12 (25.3.1937) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
12 (25.3.1937)
Date
1937-03-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 12 2. Beiblatt 25. März 1937 Kenner Frankreichs ein seines Nationalcharakters versichern uns immer wieder, dass inmitten einer Welt, die so stark mit der Auseinandersetzung über das Problem Individuum und Gemeinschaft beschäftigt ist, das französische Volk eindeutig für das Individuum Partei nehme. Der Franzose' sei und bleibe Individualist, ein Mensch, der wohl eine starke Empfindung für gemeinsame, alle einende Lebensgefühle habe, aber darüber hinaus niemals, kollektivistisch in dem Sinne sei, dass er von der Gemeinschaft her die bestimmenden Merkmale seines Wesens empfange. So ist denn auch für den alteingesessenen französischen Juden, der sich ganz seiner Umwelt angeglichen hat, das Judentum einer der Lebenskreise, in denen er sich bewegt, der ihn individualisiert, ihn als Franzosen besonders kennzeichnet. Und da der Franzose niemals gefühlsbetonte Werte zu Abstrakta macht, sondern sie mit greifbarer Anschaulichkeit erfüllt, so sind für den französischen Juden mit. dem Begriff Judentum immer gewisse familiäre Ereignisse verbunden: benediction nuptiale und pompes funebres — Hochzeit mit feierlicher Trauung und weihevolle Bestattung. Die Bindung an das Judentum geht über die Familie, die dem Franzosen erste Keimzelle des Sozialen ist. Die Auffassung vom Judentum als Gemeinschaft ist stark mit der französischen Vorstellung von der Familie und ihrer Tradition beeinflusst. In einem solchen Milieu ist alles jüdischpolitische Leben von vornherein auf einen Nenner zu bringen. Die jüdischen Gemeinden gruppieren sich um einzelne Familien, die sie erhalten; im französischen Judentum spielen einzelne Familien eine schon traditionell gewordene Holle. Durch ihr Vorhandensein ist das jüdisch-politische Leben in seinen Grundlinien für alle Zukunft vorgezeichnet. Tausend neue Ereignisse und Ideen können an das französische Judentum .herankommen, es wird .nie sei- .nen Hang _zur Statik aufgeben. Die Einrichtungen des französischen Judentums haben sich als so elastisch erwiesen, dass sie vom Beginn der Emanzipationsepoche Anfang des 19. Jahrhunderts bis heute so gut wie unverändert sich erhalten haben. Im wesentlichen geht diese Organisation auf Napoleon zurück, der im Jahre 1808 das sog. Konsistorialsystem einführte, das die jüdischen Gemeinden in zehn Konsistorien mit einem Zentralkonsistorium in Paris zusammenfasste. Nach der Trennung von Staat und Kirche in Frankreich im Jahre 1905 wurde die staatliche Zwangsorganisation der Gemeinden durch freiwillige Zusammenschlüsse ersetzt; sonst blieb alles beim alten. So bilden die Gemeinden aller religiösen Richtungen heute private Vereine, associations cultuelles. Eine Zwangszugehörigkeit zu ihnen gibt es nicht. Freiwillige Leistungen steilen die Ausübung des Kultus und die Aufrechterhaltung der Kultuseinrichtungen sicher. Die Mehrzahl der associations sind in der Association cultuelle de France et d7Algerie, dem Zentralkonsistorium, zusammengefasst, dessen Vorsitzender lange Jahre hindurch Baron Edmond de Rothschild gewesen ist, und dem jetzt Baron Robert de Rothschild vorsitzt. Bei dieser Zentralorganisation gibt es wie überhaupt bei den Juden Frankreichs keine erregenden Kämpfe und politischen Auseinandersetzungen. Die Kontinuität wird gewahrt; alles hat seine Marschroute, sein System, in das die Geschehnisse eingeordnet werden. Oberrabbiner von Frankreich ist Grand rabbin Israel Levy, Oberrabbiner von Paris Julien Weill. Die Gemeinden in Elsass- Lothringen haben die Konsistorialverfassung" beibehalten. Es bestehen drei Konsistorien in Metz, Strassburg und Colmar mit je einem Oberrabbiner an der Spitze. Ueber die Gemeinden hinaus bilden alle anderen jüdischen Organisationen eine Ergänzung, die an sich wieder allein unter französischen Gesichtspunkten betrachtet werden muss. Nichts ist kennzeichnender für die in ihnen herrschende Geisteshaitung als die vor einiger Zeit geäusserte Ansicht des Chefredakteurs der jüdischen Zeitschrift „Univers Israelite", Lambert. In einem Vortrage wies er darauf hin, dass es notwendig sei, das Judentum ausserhalb der Tageskämpfe zu stellen und es nicht mit sozialen und politischen Tagesfragen zu belasten. Das Judentum müsse unangreifbar gegenüber all diesen Dingen gemacht werden, indem es mit dem Gewissen des freien Menschen verschmilzt. Auf den ersten Blick sieht man das Eigenartig-Französische an dieser Diktion. Aus jedem Worte von Lambert spricht jenes französische Denken, das immer geneigt ist, die Dinge von der französischen Zivilisationsidee her zu betrachten. Es ist somit kein Wunder, dass gerade von dieser Seite her das französische Judentum seinen eigentlichen Beitrag zur Geschichte der Juden in der Welt geleistet hat und noch leistet, und dass es gerade von hier aus den geistigen Zugang zu allem Jüdischen findet, dass sich ausserhalb der Familie und Gemeinde und ausserhalb der französischen Grenzen, vor allem auch in Palästina, abspielt. Zum ersten Male äusserte sich dieser Zug im französischen Judentum sinnfällig bef der Gründung der Alliance Israelite Universelle im Jahre 1860. Ausserhalb Frankreichs geschehene Vorgänge wie die Blutbeschuldigung von Damaskus und die Zwangstaufe eines jüdischen Kindes in Bologna, Ereignisse, die die ganze damalige jüdische Welt in Erregung versetzten, gaben den Anlass zur Schaffung eines organisatorischen Gebildes, das die Arbeit für die Emanzipation der Juden im Osten und die Verbreitung des moralischen Fortschritts unter den Juden besonders im Orient sich zum Ziele setzte. Haupttätigkeitsgebiet wurde für die Alliance die Europäisierung der jüdischen Massen im Nahen Osten und in Afrika. Indem die Alliance diesen Menschen eine französische Bildung und französische Kultur vermittelte, ein grosses Netz von über hundert Schulen über Nordafrika und Vorderasien zog, stellte sie sich in den Dienst der französischen Zivilisationsidee und jener französischen Auffassung, die der französischen Zivilisationspropaganda einen so grossen Platz einräumt. Auch der französische Jude wünscht, wie jeder Franzose, dass seine Ideen als Menschheitsideen gelten können. Auch der französische Jude denkt, wie jeder Franzose, dass die französische Kultur nur nutzbringend und segensreich für andere, für nicht so hochstehende Völker sein kann. Heute ist die Alliance eine rein kulturelle französische Institution. Ihre Wirkungsmöglichkeiten gehen über das Schulwesen, in dem gerade die französische Kulturauffassung eine grosse Rolle spielt, kaum hinaus. Man hört wenig von der Alliance. Im vergangenen Jahre, 1935, starb ihr langjähriger Präsident, Professor Sylvain Levy. Gleich nach seiner Wahl starb auch sein Nachfolger, Professor Netter. Seitdem ist der Posten des Präsidenten noch nicht besetzt worden. Er wird von dem neügewählten Vizepräsidenten, Professor Oualid, verwaltet. Schon die Persönlichkeiten aller dieser Präsidenten zeigen, wie sehr die Alliance eine kulturelle Einrichtung ist. Der kulturell - zivilisatorische Gehalt französisch-jüdischer Anschauungen hat mit jüdischer Färbung in organisatorischen Gebilden einen besonderen Niederschlag gefunden, die über Frankreich hinausreichen. Die Gründung des Baron Moritz de Hirsch, die 1891 geschaffene Jewish Colonisation Association (JCA) gehört in diese Kategorie. Damals wollte Baron Hirsch grosse kolonisatorische Vorhaben in Argentinien für russische und polnische Juden durchführen; er schuf hierzu eine Organisation, die heute auch für die Juden aus Deutschland ihre ganz genau umrissene Bedeutung hat. Präsident der JCA ist der englische Jude Sir Osmond d'Avigdor Goldsmid. In ihrem Verwaltungsrat sitzen auch Juden aus Deutschland. Baron Edmond de Rothschild ist der „Vater" der palästinensischen Kolonisation. Durch seine finanzielle Hilfe und Initiative mit Hilfe der JCA wurden die Grundlagen des Palästinawerkes ge- Edmond Fleg Zeichnung von Alice Rosendorff, Paris Zu dem umstehenden Aufsatze Bekenntnis zur Einsamkeit Zu einem Roman Von Heine* Berggrün Wer versucht, innerhalb der modernen französischen Literatur gewisse gleichgerichtete Strömungen und Tendenzen aufzufinden, ohne in die Gefahr geraten zu wollen, forcierte Ein- und Ueberordnungen vorzunehmen, wird mit einiger Berechtigung feststellen können, dass die Neigung zum Bekenntnisbuch vorherrschend ist, oder, um es noch vorsichtiger auszudrücken, cass der Bekenntnisroman neben dem ..roman psychologique", wie ihn in moderner Form Paul Bourget mit seinem ..Disciple" geschaffen hat und wie er sich uns heute in raffiniertester Abwandlung etwa in der Romanserie „Les hommes de bonne volonte'' von Jules Romains präsentiert, einen ebenbürtigen Platz innehat. Die Geschichte des Bekenntnisbuches als spezifisch französische Parallelerscheinung zum deutschen Entwicklungsroman liesse sich, was hier nur angedeutet werden kann, durch die gesamte französische Literatur hindurch verfolgen,angefangen bei den„Confessioris** Jean Jacques Rousseau s über den Roman „Adolphe" und das „Journal intime'* Benjamin Constants, über die ..Confessions dun enfant du siecle" des Romantikers Alfred de Musset und die autobiographischen Aufzeichnungen seiner Freundin George Sand bis zu den gleichfalls als Bekenntnisse zu wertenden „Fleufs du mal" Baudelaire s. Aus der Gegenwart seien, um nur einige der bekanntesten und markantesten zu nennen, Georges Duhamel mit seinem schon durch den Titel programmatischen Roman „Confession de minuit", Werke von Andre Gide (vor allem „Les nourritures terres tres" und seine Tagebücher), ■ von M a u r i a c , von Fleg, aus jüngster Zeit des vor einigen Jahren mit dem Goncourt-Preis ausgezeichneten hochbegabten Louis-Ferdinand Ce - li ne („Voyage au bout de la nuit") angeführt. Sie alle, verschieden an Form, Gestaltungskraft, epischer Technik, sind verbunden durch ein Gemeinsames: das Bedürfnis zum Bekenntnis, das Bemühen um strengste, nackteste Ehrlichkeit, sie alle sind mehr oder weniger Ausdruck und Notschrei der Seele, SOS-Rufe Einzelner und Vereinzelter, die hinaustönen und doch nicht gehört zu werden scheinen von einer allem individualistischen Drängen sonderbar feindlich und gehässig gesinnten Umwelt der Kollektive und des Kollektivrauschs. An dem schöngeistigen Schrifttum Frankreichs innerhalb der letzten hundert Jahre ist allerdings, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, deutlich der Verzicht auf die Betrachtung des Individuums und die immer stärkere Hinwendung zur Beschäftigung mit den Problemen der Gruppe und der Masse festzustellen; lediglich der Symbolismus bildete für eine kurze Zeit eine stärkere Reaktion darauf — seine Wirkung aber war ausserhalb der französischen "Grenzen, in Deutsehland vor allem, weit spürbarer als in Frankreich selbst, wo im Grunde nur eine sehr schmale Schicht von ihm erfasst und beeinflusst wurde. In letzter Zeit regen sich nun — und dies darf wohl fraglos als ein sehr deutliches Sym-.ptom der Zeit und nicht nur als ein literarisches Symptom angesehen werden — heftiger und dringlicher als je die Stimmen derer in Frankreich, die in unserer Epoche, in der das Ich allmählich all seiner Einzelformen entkleidet wird, um schliesslich bis zur Unkenntlichkeit zu verblassen, sich enttäuscht und angeschreckt auf sich selbst besinnen und allein in der konzessionslosen Abkehr von den uniformierenden und verdünnenden Erscheinungen schematisierender Kollektivität diejenigen Kräfte und Formen aufzuspüren imstande sind, die ihr Leben im eigentlichen bestimmen. Bei dieser Abkehr ist nichts von einer romantisierenden, wehmutgetränkten Weltschmerzstimmung zu finden, nichts vom „mal du siecle". Diese Haltung hat ihren Ursprung allein in dem sehr nüchternen, selbstbesinnlichen Bewusstsein, dass nur der zähe Widerstand gegen die verschlingend-brutalen Kräfte der Umwelt es vermag, dem Ich nicht seine einmalige Prägung zu nehmen. In bemerkenswerter Schärfe und Intensität werden die hier nur flüchtig skizzierten Gedanken und Empfindungen in dem Bekenntnis-Roman eines jungen französischen Erzählers entwickelt, der in diesen Wochen in deutscher Uebersetzung erschienen ist: „Der Unwiderstehliche" von Andre Fraigneau. (S. Fischer Verlag, Berlin.) Fraigneau schildert die Eindrücke und Erlebnisse eines jungen französischen Rechtsstudenten in einer Provinzstadt Südfrankreichs. „Fremd in Murs, wie vom Himmel gefallen, Einheimischen und Fremden gleich unbekannt, war er jeder Einordnung entgangen . . . Aus einer Art natürlicher Antipathie heraus weigerte er sich mit dem gleichen unwillkürlichen bösen Willen ,aufzugehen\ den etwa ein weisser Dominostein einem zerstreuten Gast beweisen würde, der ihn für ein Stück Zucker genommen und heftig in seiner Tasse schwarzen Kaffees umgerührt hätte." — Vergebens versucht der begabte Francoeur, zu den Kommilitonen, zu der Stadt, zu den Menschen dieser Stadt eine innere Beziehung zu finden. Er ist nkht etwa unsicher oder ungewandt, im Gegenteil: höchst geschickt, „er gehörte nicht zu denen, die den weichlichen Weg der Träume aufsuchen", sein Blick für die Umwelt, für ihre Schwächen ist scharf, vielleicht allzu scharf, er aber bleibt in jedem Fall abseits, für sich, isoliert. Durch Zufall lernt er einen Ausländer kennen, einen Slawen. Er spürt Gemeinsames, er hat Respekt vor dem Stil, vor dem Adel dieses Fremden, der mit lässiger Ueberlegenheit berichtet, dass seine Familie, verschiedenen Kulturen anvertraut, über die ganze Erde „zerstreut" sei. Und so, wie ihn dieser Fremde anzieht, so lockt ihn alles Exzentrische, alles Fremde, alles Unbekannte. Immer wieder — und wie sollte es auch nicht! — kehrt in seinen Erinnerungen der eigentümliche Selbstmordversuch wieder, den er nach Absolvierung der Schule verübte, dieser Versuch, zum „Abitur des Todes" zugelassen zu werden, der dann scheiterte. Francoeur, sensibel bis zum äussersten, („Er bewohnte sich selbst mit feinfühliger Zurückhaltung", heisst es einmal) — willenlos sich treiben lassend und doch von dem einen Willen beseelt, nicht zum Willenswerkzeug der andern zu werden, begegnet — nach dem Slawen Rolf ist dies die zweite entscheidende Begegnung — einer Frau, Sabine, — auch bei ihr findet er das „Wesenhafte", das er sucht, und das die andern so rasch abgestreift haben, auch sie ist auf der Flucht vor.-der.Umwelt, vor der Einordnung, vor dem Verblassen. Spontan spüren sie beide .während der kurzen Strecke, die sie in der Eisenbahn zusammenfahren, dass sie einander verbrüdert sind, „Landsleute" — und doch trennen sie sich, es dem Zufall überlassend, sie wieder zueinander zu führen. So lebt Francoeur „als Einzelner, gleich weit entfernt von allen" und doch mitten unter ihnen, gleichmütig das Leben eines Rechtsstudenten in dieser Provinzatmosphäre weiter, teilnehmend an den Scherzen der Kameraden, an den Freuden mit kleinen Mädchen. Die Beziehungen zu Proust, von Francoeur nur angedeutet, darüber hinaus

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