Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 11 (18.3.1937)
- Date
- 1937-03-18
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 * 4. Beiblatt CMIeihinfl 18. März 1937 Erstaufführung des „Reubeni" in Berlin Ueber Idee und Aufbau, die der von Gerhard Walter -Rose n bäum vorgenommenen Dramatisierung von Max B r o d s „Reubeni" zugrunde liegen, haben wir aus Anlass der Uraufführung im Rahmen des Jüdischen Kulturbundes Rhein-Ruhr in Köln seinerzeit ausführlich berichtet (C.-V.-Zeitung, Nr. 1 und 3 von 1936). Die Berliner Premiere' war getragen vom Ensemble der Jüdischen Jugendbühne fast ohne Unterbrechung drei Stunden auf der Bühne stand, lernte man einen Schauspieler kennen, der seine Rolle nicht nur mit Theaterblut, sondern auch mit Geist zu erfüllen wusste. So gelang es ihm, der auch in der Dramatisierung nicht klaren Gestalt des Helden, eine feste und überzeugende Linie zu geben. Neben ihm der Molcho von Werner Hinzelmann, ein stürmischer Jüngling und ein überzeugender 6. Dezember v. J. von einer Tournee vor, die das junge Ehepaar Klein-Wallenberg durch das Land machte. Sie tanzt u. a. J. Strauss, Grieg, Moussorg'sky, Debussy, Gluck, Schubert, Rameau, acompanarä al piano il Maestro Fritz Wallenberg. Vom Orchester (unter Leitung des sehr tüchtigen Espin osa, eines rührigen Musikers, der in Deutschland studiert hat), von der Kammermusikvereinigung und dem neugegründeten Streichquartett, liegt eine Anzahl von Programmen vor, die zeigen, wie ernst drüben gearbeitet wird. Das Orquesta sinfönica national, dessen Ehrenpräsident das Oberhaupt der Republik ist, ist nach dem Namensverzeichnis über 60 Mann stark; eine Harfe hat es noch nicht. Das ansprechend ausgestattete und mit kurzen Einführungen versehene Programmheft des 4. Sinfonie-Konzertes enthält die Zweite von Beethoven, acht russische Volkslieder, für Orchester bearbeitet von Liadoff und das Klavierkonzert B-moll von Ischaikowsky. Im Programm des fünften Konzertes steigt u. a. Bachs Klavierkonzert in D-moll angezeigt. Im Streichquartett „Bogota" kommt zu den drei genannten jüdischen Musikern ein vierter, der Violinist Ephraim S u ä r e z, der zweite Konzertmeister; man spielte Mozart, Dvorak und Beethoven. Das Orchester soll in der nächsten Zeit weiter ausgebaut werden, vielleicht eröffnen sich da noch Möglichkeiten für Orchestermusiker. Vorläufig fehlt es nocb an Geld. Aber es gelang bereits, ein Subveniionsgesetz für diesen wichtigen kulturellen Körper durchzusetzen. Wenn es in Anwendung kommt, wäre der staatliche Zuschuss sichergestellt. Jedenfalls ist es einer Anzahl jüdischer Berufsmusiker geglückt, sich in weiter Ferne einen befriedigenden [Wirkungskreis zu schaffen. Dr. Oskar Guttmann. Salomo Molcho: Werner Hinzelmann; Dawid Reubeni: Fritz Melchior Fot. Abraham und fand im Rahmen einer Veranstaltung der Berliner Zionistischen Vereinigung statt. Die Aufführung mit den primitiven Mitteln der Jugendbühne und in den schwierigen Saalverhältnissen des Logenhauses Kleiststrasse bewies, dass es dem Bearbeiter tatsächlich gelungen ist, einen dramatischen Bilderbogen zu schaffen. Die Vereinheitlichung der Probleme und das Herausarbeiten der dramatischen Akzente geschieht naturgemäss auf Kosten des seelischen und dichterischen Gehalts von Max Brods Roman. Aber da das jüdische Theater in Deutschland unter dem Mangel guter Stücke leidet, so ist „Reubeni" bestimmt nicht der schlechteste Versuch, diese Lücke zu füllen. Der überragende Anteil an dem unbestreitbaren Erfolg der Aufführung, deren Besuch allerdings, und das gibt zu denken, zu wünschen übrigliess, kommt den vorzüglichen schauspielerischen Leistungen der Darsteller zu. Vor allem in Fritz Melchior, dem David Reubeni, der Eiferer seines Glaubens. Die zahlreichen übrigen Darsteller und der Regisseur Ernst Rosenbaum, die sämtlich am Erfolg des Abends beteiligt waren, müssen sich mit einem Gesamtlob begnügen. Haas Oppenheimer. Jüdische Musiker in Kolumbien Vor etwa einem Jahr zog eine kleine Anzahl jüdischer Musiker aus Deutschland nach Bogota, der Hauptstadt der südamerikanischen Republik Kolumbien, um dort als Lehrer an der staatlichen Musikadamie, als führende Mitglieder des Staatsorchesters und als Kammermusikspieler tätig zu sein. Zwei Berliner waren darunter, der Kulturbundgeiger Gert Rothstein und der Cellist und Pianist Fritz Wallenberg, ferner aus Saarbrücken der Violinist Herbert Froehlich und die „famosa bailarina alemana de la Opera de Berlin'", Erika Klein. Mir liegt ein Tanzprogramm vom Alexander Granowsky In Paris starb, 47 Jahre alt, Alexander Granowsky. der weltberühmte Regisseur des einstigen Moskauer Jüdischen Akademischen Theaters. Der hochgewachsene, kahlköpfige, kluge Mann, der so gern und ausgiebig schwieg, ist nun für immer aus seinen ehrgeizigen Plänen gerissen, die ihn schnell zur Höhe führten, ihn aber auch während der letzten Jahre in seiner Schaffenskraft hinderten. Granowsky entstammte einer ..assimilierten"', gebildeten, russisch-jüdischen Familie; er pflegte zu erzählen, dass er erst Jiddisch lernen musste, als er den Plan seines jüdischen Theaters* verwirklichen wollte. Nachdem in Russland die Revolution gesiegt hatte, schwebte nämlich Granowsky die Idee vor. als Gegenstück zur hebräischen Habima, auf das jiddische Theaterspiel, das entweder in ganz primitiven Anlangen steckengeblieben oder durch die „Wilnaer" zu einem Realismus in der Art Stanislawskys entwickelt war, jenen damals zeitgemässen expressionistischen Stil übersteigerter Bewegung und Farbigkeit anzuwenden. In zäher Energie verwirklichte Granowsky seinen Plan, mit Hilfe von fanatischen, in Schauspiel, Gesang und Akrobatik ausgebildeten Darstellern und — mit Die besten Chopin-Spieler Bei der Dritten Internationalen Chopin-Konkurrenz haben jüdische Pianisten den ersten und zweiten Preis errungen. Die Preisträger sind der 23jährige Jakow Zak und die 16jährige Rosa Tamarkin. Auch unter den nachfolgenden fünf Preisirägern befinden sich drei Juden: Jan Eker, Olga lliwicka und Tatjana Goldfarb. Am Wettbewerb beteiligten sich insgesamt 105 Künstler aus 24 Staaten. Das Preisrichterkollegium war gleichfalls international zusammengesetzt.!lllii!ll!!!!liiil!llil!l!lli!i!l!!lil!^ Hilfe des Staats; denn diese Truppe wurde 1918 mit Staatsmitteln als Jiddisches Kammertheater gegründet und noch im gleichen Jahre nach Moskau verpflanzt, wo sie unter dem Namen Moskauer Jüdisches Akademisches Theater spielte. Aber weder dieser steife, würdige Titel noch das klassische Repertoire, das zunächst wirklich nur aus alten, bewährten jiddischen Stücken bestand, dürfen irreführen. Denn Granowsky spielte das temperamentvollste, entfesseltste Theater unter all den damals wild experimentierenden russischen Truppen. Er spielte „Die Hexe" von Goldfaden, dem „Täte", dem Begründer des jiddischen Theaters überhaupt; er spielte „Die Nacht auf dem alten Markt" von Perez; Mendele Mocher Sforims „Reise Benjamins III.": Scholem Mecherns „200 000". Aber er inszenierte das alles so phantastisch und so phantasievoll, so ins Groteske oder Schaurige, zugleich Bildmässige und doch Wildbewegte übersteigert, dass manche Missverstehenden behaupteten, er verhöhne das Ghetto, während er in Wirklichkeit das jüdische Geschehen voll Träumerei, Humor, Messias-Sehnsucht durch diesen Stil ins Symbolhafte erhob, ins Allgemein- Menschliche vertiefte. Es ist hier nicht Raum, eine Darstellung des Granowskyschen Theaters zu geben, das merkbar auf das Theater in aller Welt eingewirkt hat. Aber wer die Vorstellungen, die Granowsky zu Ende des vorigen Jahrzehnts in Berlin gab, gesehen hat, der muss sagen, dass die grausige Vision des Totentanzes in der „Nacht auf dem alten Markt", der hierzu kontrastierende idyllischmärchenhafte Humor in der „Reise Benjamins III." (beide Stücke getragen durch die unverwüstliche Beweglichkeit der Schauspieler Michoels und Suskin) zu den erregendsten und haftendsten Eindrücken gehören, die das europäische Theater während der letzten drei Jahrzehnte zu geben hatte. Durch seinen Erfolg in Berlin und anderen Städten gelockt, ging Granowsky nicht wieder nach Russland zurück. Er blieb einige Jahre in Berlin, wo er Stücke und Filme inszenierte. Aber es geschah etwas Merkwürdiges: seit sich Granowsky von seiner jüdischen Truppe getrennt hatte, blieb ihm der grosse Erfolg, auch die grosse Leistung versagt. So blieb es zunächst auch, als Äfl eÄnen« Siklktmczeichus 1937 Buchhandtuns Martin Salomon, Berlin NO43 IVeue Künfgrstrasse 79 ptr. E 3 2«35 zwischen Alexanderplatz und Königstor ^JACQUES OFFENBACH VON ALFRED AUERBACH^ I. Dies geschah in der Rue des Martyrs in einer Mansarde. Es war schon hellichter Tag. Die Kirchenglocken von der Notre Dame schlugen die "Mittagsstunde. Auf dem harten Bett der kleinen Stube, die Offenbach mit seinen Freunden bewohnte, lag der dürre, junge Mensch und räkelte sich. Er gähnte und pfiff darauf einen Walzer aus seinem „Divertimento über Schweizerlieder." Die Freunde sahen ihn spöttisch an. „Du hast heute nacht im Schlafe eine Melodie gepfiffen, Jacques/' Mit einem Satz war Offenbach aus dem Bett: „Habt Ihr's aufgeschrieben? Wie war's? Walzer oder Romanze? Wieviel Takte?" Georg sagte: „So, jetzt ist er wach, der " Maestro. Die Beine streckt er wie ein Gespenst — er sieht aus, wie eine Spinne, der Monsieur." Georg pfiff eine Weise, und Offenbach rief: „Wo ist mein Taschentuch, ich will die Melodie notieren — Notenpapier habe ich keins mehr — wo ist mein neues Taschentuch?" Aber das Taschentuch war bereits mit Noten überkritzelt. „Gib mir dein Taschentuch, Georg. Ihr sollt, auch mit mir dinieren dürfen. Es gibt: Garcon . . . was habt Ihr heute? Hors d'oeuvre — Austern! Nein, nein, das ist mir nicht vornehm .genug. -Wenn Sie nichts Besseres haben, gehen wir wo anders hin, nicht wahr, Amelie? Kommt Kinder . . .!"■ So sprach Jacques, während er die Noten auf ein Tuch schrieb. Freund Ernst war mit dieser Beantwortung der Hungerfrage nicht einverstanden: „Was du faselst--mein Magen hat nicht so viel Phantasie, wie dein Gehirn. Er gibt sich mit Gewitzel nicht zufrieden. Er knurrt: Futter her —" „Oh, wie unmusikalisch ist deine sterbliche Hülle —" „Ich kann nichts dafür, Jacques — ich wiege nun einmal das Doppelte, wie du, Gespenst — hast du keinen Sou?" Offenbach nahm eine majestätische Pose ein: „Einen Sou? Oh, ich habe Millionen!... Gehe hin und begib dich zu dem Herrn Verleger in der Rue Rivoli, bringe ihm meinen neuen Walzer, den ich gestern vor dem Frühstück komponiert habe."' Die Freunde hörten ihn trällern und sahen ihn Walzerbewegungen machen: Hilaire' sagte: „Ich danke! Er wird mich vor die Türe weisen: „Was bringen Sie wieder für ein verrücktes Zeug von dem jungen Mann, der Synagogenweisen verwalzert. — Sagen Sie ihm, sein Notengekritzel sei ein frecher Dilettantismus — er soll seine Scherze auf sein Cello kratzen, aber nicht Papier verschwenden ..." Offenbach rümpfte die beträchtliche Nase und sah aus w:ie ein Faun: „Die alte Sache — Ohrfeigen dem Genie!!" Dann schrumpfte er zusammen und schüttelte sich, er fror vor Hunger: „Komm, Hilaire, wir wollen uns erwärmen, wir spielen! Einen Takt du, einen " Takt ich, immer schneller." Die Freunde ergriffen ihre Instrumente und iiedelten toll darauf los. —.! Sie lachten und nahmen den Beifall der Zuhörer als Anreiz zu immer rasenderem Kratzen. Endlich waren sie müde und — warm. Offenbach war sogar entflammt, er rief: „Ich möchte einen Musenwalzer schreiben!" — Er fiedelte sogleich ein Motiv von recht zweifelhaftem Charakter, danach hätten sich die Musen nur in einem Pariser Tanzlokal drehen können. Die Freunde mimten Entrüstung: „Wie frech du bist. Jacques."' „Oh, Hilaire, wenn ich ein Theater hätte, ich würde sie alle durcheinanderwirbeln, sie müssten alle nach meinem Taktstock hüpfen —: die Könige und Götter, die Bettler und die Millionäre, die Damen der Halle und die Herren Professoren des Konservatoriums — ich würde rufen: es lebe der Karneval —" „Du möchtest alle Welt ärgern, Jacques." „Nein! Ich möchte aller Welt Spass machen! Sie braucht ihn, sie ist griesgrämig, ein Alpdruck liegt auf ihr. Ich möchte ihr den Spiegel vorhalten, in dem sie ihr verdrossenes Gesicht sieht! Ein paar Melodien von mir, und der Zauber beginnt zu wirken, sie lacht — sie ist fidel. Wozu auch das Jammern! Ich glaube, ich bin zur Welt gekommen, um. ihr den Bajazzo zu machen. Köln hat mir den Hanswurst in die Hände gedrückt, meine Väter haben mir den Witz als Trostpülverlein vererbt, und Paris wird mir die Grazie verleihen: Paris will sich amüsieren, es soll lachen über seine eigene Fratze. Aber, ich weiss, es will sich nicht selbst erkennen! Gut. so mag sie der Spuk belustigen, ich werde Gespensterdirigent sein! . . . Macht keine so bedenklichen Gesichter, ich bin noch ganz bei Trost. Hilaire, ich werfe dir meinen Fiedelbogen an den Kopf, wenn du eine so ängstliche Visage machst. Lustig Kinder — ich lade euch zum Mahle ein . . . Einer von von uns wird jetzt gehen, Kartoffeln einkaufen. Dann gibt es zuerst: Kartoffelsalat ä la romaine ohne Essig und Oel, Man braucht eine Steigerung der Genüsse . . .! Dann kommt der zweite Gang, Pommes frites, wie sie die Leute auf dem Montmartre essen! Wir backen sie vornehmer — ohne Fett. Wir wollen uns bei schlanker Figur erhalten ... wie es sich für Bohemiens ziemt. Zum Abschluss gibt es Kartoffelschalen — als Dessert . . . excellent! Wer geht einholen? Bei der entzückenden Fruitiere, bei Suzette, der kleinen Grisette — dem Püppchen?" Die Freunde waren nicht begeistert von dem Gedanken, mit dem Korb in der Hand, gegen Versprechungen, nicht mit Bargeld einzukaufen. Hilaire sprach: „Du gehst, Jacques, du bist der Jüngste."' „Mein Freund . . . ich bin der Jüngste an Alter, der Aelteste an Erfahrung und Weisheit, ausserdem habe ich bereits einen. Titel. Ich heisse ,der tolle Affenbach-' . . .*< Ich bleibe hier oben auf meinem Aste sitzen und schaue auf die Ereignisse herab. Ich darf mir nichts an Würde vergeben. Ich muss aufpassen und die Melodien zu dem Theater pfeifen, das sie da unten für mich spielen . . . Ha, eben geht mein Kompositionsprofessor vorbei: „Bon jour, Monsieur le professeur — comment ca va-t-il?" Er schaut böse herauf: „Sie unbegabter Bursche, Monsieur Jacques, Sie haben mich enttäuscht, ich bedauere Ihren Herrn Vater, dass er ein solches Individuum auf die Welt gesetzt hat, oh — Sie oberflächlicher Hanswurst, ohne Sinn für Linie und Kontrapunkt — oh, quel malheur —!" Offenbach spielte den Freunden eine Komödie, die sie mit schallendem Lachen begleiteten, er mimte mit einer Begabung, die unwiderstehlich war. Nun klopfte es an die Tür. Jacques hoffte auf Geld. Er glaubte dabei immer an das Wunder. Aber der Briefträger legte nur einen Brief von Köln auf den Tisch und ging mit dem Grusse: „Au revoir, Monsieur Hoffenbach." Die" Empfindungen Jacques, als er den.