Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 11 (18.3.1937)
- Date
- 1937-03-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2277379-2277516-2277527--11714-2281269- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 11 * 2. Beiblatt CYTejtung 18. Marz 1937 Die Zukunft unserer jungen Generutimn Was macht der jüdische Abiturient? Von Professor Otto Toeplitz (Bonn) Leiter der Hochschulabteilung der Reichsvertretung der Juden in Deutschland Die meisten unserer Jungen, die jetzt ihr Abiturientenexamen ablegen, haben sich längst überlegt, welchen Beruf sie ergreifen, insbesondere ob sie studieren sollen, und was sie studieren sollen. Immerhin sind die Verhältnisse so sehr im Fluss, dass auch sie es vielleicht begrüssen werden, ein allgemeines Wort darüber zu hören. Ueberdies ist jetzt Ostern nicht bloss Reifeprüfung für die beiden Primen, sondern Versetzung für alle Klassen der höheren Schulen. Und jede Versetzung stellt die Eltern erneut vor die Frage: sollen wir unser Kind weiter die höhere Schule besuchen lassen? Auch hier fehlt es vielleicht dem einzelnen von seinem ortgebundenen Blickfeld aus an Uebersicht, und er wird wissen wollen, wie sich die Frage vom Ganzen aus gesehen darstellt. Im wesentlichen verfügt das Judentum in Deutschland heute nur über zwei akademische Berufe: Rabbiner und Lehrer. In ganz geringem Masse werden mit der Zeit einige andere dazutreten: man-wird vereinzelte Lehrer an den höheren jüdischen Schulen brauchen, vereinzelte Aerzte an den jüdischen Krankenhäusern, vereinzelte Sozial- und Verwaltungsbeamte in den Gemeinden; heute hat man dafür noch ein unerschöpflich scheinendes Reservoir von Bewerbern; wenn aber die jetzigen Abiturienten mit dem Studium fertig sind, wird man den einen oder den anderen doch gebrauchen können, falls er wirklich tüchtig ist. Für die Gesamtheit 'dieser Berufe, die auf einen Dienst in der jüdischen Gemeinschaft innerhalb Deutschlands abzielen, dürfte es sich nur verantworten lassen, wenn sich ihnen höchstens ein Fünftel der diesmaligen Abiturienten widmet. Wer sich von unserer Jugend sonst einem akademischen Beruf zuwenden will, muss seine Zukunft, d. h. die spätere Ausübung seines Berufs, im Ausland suchen. Und hierüber sei alsbald ein aufklärendes "Wort gesagt, das nicht überflüssig zu sein scheint. Kein Land mit vollwertigen Hochschulen ist heute bereit, unserer Jugend ein Verbleiben und ein Arbeiten über das vollendete Studium hinaus zu gewähren, mit Ausnahme der Vereinigten Staaten; und dort ist ein anderes Hindernis aufgerichtet: wem es selbst gelingen sollte, das Visum für dauernden Aufenthalt in diesem Lande zu erhalten, der wird in den meisten Fällen noch lange nicht seine Studien beginnen können, weil seine Eltern nicht entfernt die nötigen Mittel dazu transferieren können, während dies für Italien, die Schweiz und die Tschechoslowakei möglich ist. Man muss also entgegen einer weitverbreiteten Meinung feststellen: ein Studium ist möglich, und zwar sowohl in Deutschland als auch in einer Reihe von anderen Ländern, deren Hochschulen den deutschen gleichwertig sind. Aber die Berufsaussichten nach vollendetem Studium sind so ungewiss und eingeengt, dass vorsorgliche Eltern verständlicherweise fragen, ob sie ihre Kinder einer derart unsicheren Laufbahn anvertrauen und darauf womöglich ihre letzten Mittel verwenden sollen. Und trotzdem muss gesagt werden, dass in den letzten vier Jahren bei uns eine allzu grosse Flucht aus den intellektuellen Berufen erfolgt ist, dass viele erhebliche Kräfte nicht zur Entfaltung gelangt sind, weil der einzeln® aus Mangel an Sicherheiten für die Zukunft und aus Mangel an Ueberblick nicht Mut genug aufgebracht hat. Der alte Standpunkt einer bürgerlich gesicherten Zeit freilich ist hin, der die akademische Berufswahl unter dem Zeichen klarer Zukunftsgarantien vornahm. Aber wenn man daran denkt, es wäre unter unseren diesmaligen Abiturienten ein künftiger Ehrlich oder Haber, und seine Gaben blieben verschüttet, weil die Eltern nicht genug Sicherheiten für die Durchführung seines Studiums und für seine Lauf- , bahn in der Hand haben, so wird man zu der Forderung gelangen, dass unsere akademische Berufsentscheidung unter dem Zeichen einer neuen Einstellung erfolgen muss, nämlich nur unter dem Gesichtspunkt der Befähigung. Menschen mit wirklich starker Befähigung werden sich irgendwo in der Welt immer noch durchsetzen, wenn sie viele in dieser Richtung bestehende Vorurteile abschütteln und ohne irgendeinen anderen Anspruch in die Welt hinausgehen als den, ihre Fähigkeit auswirken zu können. Abiturienten, die auf der Schule nur Durchschnittliches geleistet haben oder, genauer gesagt, deren Leistung nicht unzweideutig und erheblich über den Durchschnitt hinaustrat, sollen von jedem akademischen Beruf absehen; in der heutigen Situation haben sie kein Recht mehr auf ihn. Ebenso gehören Schüler der niedrigeren Klassen, die nur das Durchschnittliche leisten, und erst recht solche, die nur mühsam versetzt wrerden, heute nicht mehr auf die höhere Schule; sie werden besser jetzt Ostern abgemeldet. Natürlich sind gute Schulzeugnisse noch lange keine Garantie für starke Leistungen im Leben; aber doch ist die weitverbreitete Meinung, dass alle wahren Genies sehlechte Schüler waren, ein Märchen. Von den diesmaligen Abiturienten wollen ausser dem Fünftel, das Rabbiner oder Lehrer werden will, schätzungsweise weitere zwei Fünftel studieren. Das ist bei weitem zuviel; auch hier wäre höchstens ein Fünftel zu verantworten. Das bedeutet, dass die Hälfte unserer diesmaligen Abiturienten, die ein Studium planen, diesen Traum aufgeben muss. Viele glauben, das Problem dadurch umgehen zu können, dass sie auf einen Beruf abzielen, der jetzt überall praktisch verwendbar erscheint. Es muss deshalb hier ausgesprochen werden, dass ein jüdischer Arzt, Chemiker oder Ingenieur von normaler Tüchtigkeit damit rechnen muss, später in dem akademischen Proletariat irgendeines Landes unterzugehen. Um sich durchzusetzen, muss man weit mehr besitzen: starke Begabung. Besitzt man sie, so wird man sich auch durchsetzen. Es spielt bei diesen Entscheidungen ein Irrtum mit, der weit verbreitet ist, und der davon ausgeht, dass das Reifezeugnis nur das eine Ziel habe, als Berechtigungsschein für den Hochschulbesuch zu dienen. Der Besuch der höheren Schule verleiht jedem Menschen, auch wenn er nicht studiert, durch die Bildung, die er vermittelt, eine grosse Stärke. Es war ein grosser Fehler, dass bei uns viele mässige Jungen die Schulbänke druckten, um eine Berechtigung zu erlangen, die nur bei einer ganz äusserlichen Lebensbetrachtung wertvoll erscheint, und dass zugleich viele unserer Eltern wirklich dazu fähigen Jungen diese Bildung der höheren Schule vorenthalten haben, weil ihnen die damit verbundenen „Berechtigungen4* keine Anwendung versprachen. Es ist sicher eine verantwortungsvolle Sache, die ..Begabung" eines jungen Menschen festzustellen. Es wird aber oft vergessen, dass man mit ziemlicher Sicherheit die grosse Masse derer feststeilen kann, denen sicher keine starke Begabung eignet; nur für den kleinen Rest ist es heikel, eine Garantie zu übernehmen, dass er wirklich einmal etwas Besonderes leisten wird. Und man muss den harten Satz danebenstellen, dass die eigenen Eltern die ungeeignetsten sind, um die Begabung eines Menschen zu beurteilen. Am glücklichsten sind diejenigen Jungen daran, die eine ausgesprochene Spezialbefähigung, einen unbezwinglichen Drang zu einer bestimmten Wissenschaft haben: der geborene Mathematiker, das spezifische Sprachtalent — der Bau von Radioapparaten ist noch keine Gewähr für physikalisches Genie! Ihnen sei gesagt, dass sie sich nicht durch zuviel Bedenken vor Zukunftssicherheiten hindern lassen sollen, ihrer Veranlagung zu folgen, sondern dass sie sich in dieser schwierigen Entscheidung nur von inneren Gesichtspunkten leiten lassen dürfen. Sie sollen die Beurteilung durch einen echten Fachmann ihres Gebietes anstreben, anstatt zum Berufsberater zu gehen. Noch schwieriger ist die Entscheidung für diejenigen Jungen, die mehr allgemein das Zeug zu sehr tüchtigen Menschen haben, die Besonderes leisten wurden, ob sie Philologen oder Juristen oder Chemiker werden. Wenn sie sich dem Rat desjenigen Schulmannes anvertrauen, zu dem sie sich unter ihren Lehrern am meisten hingezogen fühlen, und dem sie am meisten Blick und Wärme des Urteils zutrauen, werden sie immerhin einen Anhalt haben. Die Zeitverhält- Än einen unschlüssigen Freund Lieber Rolf! Ich hätte Dir auch dann auf Deinen Brief geantwortet, wenn Du mir nicht in schwungvoller Weise die Verantwortung vorzuführen versucht hättest, die, wie Du sagst, jeder trägt, der heute in dieser Lage irgend einen Rat gibt. Denn — ganz abgesehen davon, dass ich täglich mündlich und schriftlich diese Frage gesteilt bekomme: Soll man denn noch auf der Schule bleiben? — es ist eine ganz irrige Ansicht, dass diese Verantwortung in vollem Masse von dem Ratenden getragen wird. Mein Lieber, drücke Dich nicht um die Verantwortung herum^, die doch nur Du tragen kannst Gewiss, ich will Dir raten und versuchen, Dir das für Dich Gute zu sagen — das grosse „Aber" darf hier jedoch weniger übersehen wrerden als irgendwo sonst: nur Du allein trägst die Verantwortung für das, was Du tust. Mein Rat soll dazu dienen, Dir Uebersicht über Möglichkeiten und Tatsachen zu verschaffen, damit Du verantwortlicher entscheiden kannst. Dir auch nur in irgend einer Hinsicht die Entscheidung abnehmen kann ich nicht und will ich nicht. So magst. Du die folgenden Sätze auffassen und auslegen. Als Deine Eltern Dich von einer privaten Schule abmeldeten, um Dich auf einer staatlichen anzumelden, hatte ich — ich besinne mich gut darauf — eine Unterhaltung mit ihnen. Es ging damals darum, ob man Dich auf eine Volksschule oder auf eine höhere Schule geben sollte. Deine Eltern waren von einer Abneigung gegen die Volksschule erfasst, denn 6ie glaubten, Du könntest dort nicht genug lernen. Es ist unsinnig, diesen Wunsch nicht nur Deiner, sondern fast aller Eltern, ihren Kindern möglichst viel Bildung zukommen zu lassen, zu verurteilen oder sich heute, nachdem wir von den Ereignissen in mancher Hinsicht belehrt worden sind, als den Wissenden hinzustellen, der diese Ziele nur belächeln kann. Das Verhalten Deiner Eltern w^ar bestimmt von den Vorstellungen ihrer Gesellschaftsschicht, und wir beide sind ja wohl noch nicht zu der Ansicht gekommen, dass zu viel Wissen von sehr grossen Nachteilen, wenn nicht gar Schäden begleitet sei. Aber nicht im Recht sind Deine Eltern, wenn sie heute meinen, Du könntest mit der Obertertia die Schule verlassen, da Du ja in dieser Zeit mindestens so viel, vielleicht schon viel mehr auf der höheren Schule gelernt hast, als Du auf der Volksschule gelernt hättest. Ein weit verbreiteter Irrtum, und wenn Deine Eltern nun Deinen jüngeren Bruder auf eine Schule geben, mögen sie es bedenken. Die Volksschule nämlich vermittelt in ihrer Art ihren Schülern ein abgeschlossenes Pensum, wie es auch die höhere Schule versucht. Wer den Lehrgang der höheren Schule unterbricht, hat «ich nur ein völlig lückenhaftes Wissen erworben, und wer die Volksschule frühzeitig verlässt, im gleichen Masse. Wer aber die eine der Anstalten ganz besucht, wird sich immer einen in sich geschlossenen Bildungsbesitz erworben haben. Wer also die Volksschule ganz besucht hat, ist einem höheren Schüler, der mit der Obertertia die Schule verliess, überlegen. Hier haben wir also den ersten Grund, warum ich Dir sehr abrate, Ostern schon die Schule zu verlassen. Du hast eine Grundbildung, lieber Rolf, erst dann erworben, wenn Du den Lehrplan Deiner Schule ganz durchgearbeitet hast. Nun sagt man Dir, dennoch sei das folgende Jahr verlorene Zeit, denn man müsse darauf achten, schnell zu verdienen. Die Zeiten, heisst es, seien zu ernst, als dass man sie auf der Schule verbummeln kann. Lieber Freund, das ist ja gerade so, als sei das Geldverdienen die leichteste Sache auf dieser Erde! Man braucht ja „nur" einen Beruf zu erlernen, ein Handwerk natürlich, wenn möglich, und schon verdient man sein Geld. Stelle Dir das doch nicht so einfach vor! Nicht nur, dass das Geldverdienen gelernt sein will, auch rein menschlich gehört eine gewisse Reife dazu, in einen Beruf zu gehen, und diese Reife will erworben sein. Der Beruf fordert einen ganzen Menschen, und es ist gut, wenn Du Deine Berufsausbildung erst mit einer gewissen menschlichen Reife beginnst. ' Diese Reife erwerbe man sich ja nicht auf der Schule — hältst Du mir entgegen? Gewiss nicht nur, aber in der Schulzeit hast Du die genügende Zeit, durch Deine Nebenbeschäftigung, Deine Lektüre und all das, was Du später aus Zeitmangel nicht mehr wirst tun können, Dir diese Reife anzueignen. Jetzt kommen wieder die Besser-Wisser und erzählen Dir, Du habest eine Verpflichtung Deinen Eltern gegenüber, möglichst schnell „fertig" zu werden. Gewiss hast Du sie. Aber das ,.Fertig-Werden", das ist wirklich mehr als nur die berufliche Ausbildung. Und denke doch weiter, dass es schon jetzt kaum genügend Lehrstellen für die gibt, die wirklich zur Schulentlassung kommen, um wieviel weniger erst kann für Menschen wie Dich eine Stellung besorgt werden, die noch besser ein Jahr in der Schule blieben? Nein mein Lieber, rechne Dir das alles einmal zusammen: Du hast kaum das Recht, denen einen Arbeitsplatz, fortzunehmen, die ihre Schulausbildung abgeschlossen haben; Du hast die Möglichkeit, Dir ein abgerundetes Grundwissen und eine menschliche Haltung anzueignen, die Dir jede Berufsarbeit erleichtern werden; Du kannst, wenn Du auswandern willst, doch nicht eher fort — jedenfalls in den meisten Fällen — als bis Du IS Jahre alt bist, und wenn Du nicht gleich auswandern kannst, musst Du eine mindestens so gute Vorbildung haben wie Deine Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt. Ueberlege Dir das alles einmal — und dann zeige einen Ansatzpunkt Deiner Reife, und entscheide Dich selbst. Herzlichst Dein Günter Friedländer Englische Reifeprüfung im Landschulheim Florenz Das Landschulheim Florenz, Höhere Schule u. Internat, hat mit dem Beginn des Sommersemesters seinen bisherigen Aufgabenkreis erweitert. Bisher bereitete es u.a. auf das ital. Abiturium vor, das in zahlreichen Staaten durch Gegenseitigkeitsverträge anerkannt wird, in Zukunft kann in Florenz auch die I englische Reifeprüfung Schoo? Certificate Examinatlon abgelegt werden, und zwar vor der von der Cambridge-Universität eingesetzten Kommission. Die Schüler haben damit die Möglichkeit eines Examens, das in England und vielen andern Ländern zum Universitätsbesuch berechtigt. Der Unterricht wird von engl., ital. und deutschen Lehrkräften erteilt. nisse geben den Menschen mit ausgeprägter Begabung eine stärkere Chance — das müssen wir hinnehmen. Mädchen sollen unter den heutigen Umständen jedes Studium, dessen Ziel eine produktive wissenschaftliche Betätigung ist, unterlassen. (Wir können der Meinung des Verfassers in der von ihm gewählten apodiktischen Form nicht ganz beipflichten. Hervorragend begabte Mädchen sollten auch heute den Wettbewerb mit männlichen Bewerbern aufnehmen. Die Schriftleitung.) Für den Beruf des Lehrers und des Rabbiners scheint das Gesagte weniger zu gelten: hier scheinen eher „Sicherheiten" zu bestehen, greifbare Aussichten, nach so und so vielen. Jahren der Ausbildung eine Stellung zu finden. Auch diese Sicherheit ist trügerisch. Allerdings ergibt eine Abschätzung des künftigen Bedarfs an Rabbinern und Lehrern in Deutschland und ein Vergleich mit der Anzahl der Zöglinge, die pro Jahr die drei Rabbinerausbildungsstätten und die Lehrerausbildungsanstalten in Berlin, Würzburg usw. beziehen, zahlenmässig die Wahrscheinlichkeit, dass jeder dieser Kandidaten einmal angestellt werden wird. Aber das trifft nicht den Kern der Sache. Zum Lehrer — um es für diesen Beruf auszuführen — muss man geboren sein. Die breilere Oeffentlichkeit kennt den schlechten Lehrer nur von der Schule her als die komische Figur, als die man ihn als Schüler täglich vor sich gesehen hat. Die Oeffentlichkeit weiss weniger davon, wieviel Unglück, wieviel Lebensresignation sich hinter der Maske dieser komischen Figur verbirgt; sie weiss es nicht so genau, dass mancher Lehrer die Jugend 'quält und schindet, um dadurch zu verdecken, dass er ihr nichts Anregendes, nichts innerlich Förderndes zu geben vermag. Eltern, die ihre Kinder dem Lehrerberuf übergeben, sollten sich das erst einmal in seiner ganzen Tragweite vergegenwärtigen. Ein guter Lehrer muss originell und selbständig denken können, muss genug Temperament haben, um eine ganze Klasse dauernd zu fesseln. Das sind Grundqualitäten, die man schon bei einem ISjährigen ganz gut erkennen kann. Fehlen sie. so soll man gewiss davon absehen, ihn zum Lehrer zu machen. Der Arzt braucht nicht notwendig dieses Mass von Temperament, dafür die Fähigkeit, sich auf einen einzelnen Patienten, der ihm gegenübersteht, seelisch einstellen zu können — eine ganz andere Fähigkeit, die im Ansatz auch schon bei dem ISjährigen erkennbar ist. Noch von einem anderen Gesichtspunkt aus erscheint diese Betonung der inneren Berufung dringend. Alle Abschätzungen können uns nicht gewährleisten, dass der Bedarf an Lehrern und Rabbinern innerhalb Deutschlands nicht eines Tages stark sinkt. Was dann? Auch hier kann man eine optimistische These aufstellen, auch hier gibt es Hoffnungen, wenn man nur beachtet, welche Werte an diesen Berufen von bleibender Art und weder ortsnoch zeitgebunden sind. Sprechen wir diesmal vom Rabbinerberuf. Die Juden Deutschlands waren lange führend in gewissen Teilen jüdischen Wissens, führend ohne Zweifel in der „Wissenschaft des Judentums". Wenn unsere Rabbinerausbildungsstätten ihre hohe Tradition zu erhalten, ihr Niveau weiter zu erhöhen vermögen, werden ihre Studenten in der ganzen Welt begehrt sein und dort eine Zuflucht finden, falls sie ihnen hier schwindet. Der Aussenstehende weiss vielleicht nicht so genau, wie sehr das Niveau einer Lehranstalt durch ihr Studentenmaterial bedingt ist. Jeder neue Student, der starkes jüdisches Wissen und echte geistige Begabung oder wenigstens eins von beiden mitbringt, ist ein Gewinn für die Anstalt, jeder andere ein Ballast, eine Verminderung des Standards der Anstalt, von dem die Weltgeltung ihrer