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Central-Verein-Zeitung · 1937-03-18 · 11 (18.3.1937) · page 6

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
11 (18.3.1937)
Date
1937-03-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Schüler abhängt. Und Weltgeltung ist die einzige wirkliche „Sicherheit", die wir heute noch in uns tragen. Ich fragte kürzlich einen Amerikaner, der einen guten Ueberblick über die Wanderung unserer Zeit hat: „Wenn die Vereinigten Staaten ein Dutzend junger Menschen von uns aufzunehmen bereit sind, und sie haben die Wahl, zwölf hervorragende Köpfe zu erhalten oder zwölf Menschen, die liebenswert sind, aber den Amerikanern nicht zu scharfe Konkurrenz machen werden: wen würden Sie vorziehen?", antwortete er ohne einen Augenblick des Besinnens: „Die zwölf hervorragenden." Dieses Wort mag als Beleg gelten für den eingeschränkten Optimismus, den ich in diesen Zeilen vertreten habe. Was sollen Mädels tun? Vom Irene Eger, Wohlfahrtspflegerin bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, Abteilung Berufsausbildung Jede Darstellung des Berufsproblems mues heute von zwei Gesichtspunkten aus erfolgen: 1. Welche Ausbildungsmöglichkeiten bestehen für Jüdinnen in Deutschland oder im Ausland? 2. Welche Berufe sind einerseits im Ausland aussichtsreich, andererseits für Palästina zertifikatsfähig? Diese beiden Vorbedingungen erfüllt der Beruf der Siedlerin, der die Ausbildung in der Land- und Hauswirtschaft erfordert. Die Mädchen, die für die Auswanderung nach Uebersee entschlossen sind, erhalten ihre Ausbildung in dem Auswandererlehrgut Gross- Breesen i. Schlesien, Lobitten i. Ostpreussen, in den überbündischen Stellen (wie Ahlem, Neuendorf, Werkdorf am Wieringer Meer) oder in Einzelstellen auf verschiedenen Gütern Deutschlands; die Paläsiina-Anwärterinnen werden auf besonderen landwirtschaftlichen Gemeinschaftsstellen ausgebildet. Für die Mädchen, die nach der Schulentlassung weltanschaulich noch unentschlossen oder körperlich und seelisch berufsunreif sind, kommt zunächst als Vorbereitung für die eigentliche Berufsausbildung der Besuch einer Haushai t s s c h u 1 e oder eine Teilung dieses ..Hauswirtschaftsjahrs" zwischen Privathaushalt und Haushaltsschule in Betracht. An diese „Vorlehre" kann dann noch eine Spezialausbildung, z. B. in der Milchwirtschaft, Geflügelzucht, Obst- und Gemüsekonservierung oder Diätküche angeschlossen werden. Den Mädchen, die ins H o t e 1 f a c h übergehen wollen, ist eine Ausbildung in den Hotelfachschulen Meran. Marienbad und Strasbourg anzuraten. An einem ständigen Mangel an tüchtigen Wirtschaftskräften leiden die Grossbetriebe, wie Kinder-, Altersheime, Krankenhäuser usw. Diese Wirtschaftsbeamtinnen absolvieren ihre Ausbildung, die mit einer staatlichen Prüfung abschliesst im Haushaltspflegerinnenseminar, Frankfurt a. M., Quinckestrasse 20, die Wäschebescbliesserinnen in der Haushaltschule in München, Antonienstrasse 7. Abgesehen davon, dass jedes Mädchen, das sich im Ausland eine Existenz gründen will, und jede Hausfrau, die ihren Haushalt ohne Hilfe rationell führen muss, gründliche hauswirtschaftliche Kenntnisse braucht, machen die sozialpflegerisehen Berufe die Zulassung zur Ausbildung von der hauswirtschaftlichen Schulung abhängig: Dazu gehört in erster Linie die Kindergärtnerin, die im Kindergärtnerinnenseminar, Berlin W. 15, Meinekestrasse 22, zwei Jahre ausgebildet wird und nach einer staatlich anerkannten. Prüfung zur Leitung eines Kindergartens berechtigt ist. Die in den jüdischen Kinderpflegeschulen erfolgende, bereits den schulentlassenen Jugendlichen zugängliche Ausbildung entspricht dem 1931 durch Ministerialerlass staatlich anerkannten Kinderpflegerinnnen beruf. Der Name der Ausgebildeten, „Kinderpflege- und Haushaltsgehilfin", zeigt den Rahmen ihrer Tätigkeit. Als besonders aussichtsreich für In- und Ausland ist der Beruf der Krankenschwester anzusehen. Auch hier ist eine vorherige hauswirtschaftliche Ausbildung unbedingt anzuraten. Die Krankenschwestern machen in einigen jüdischen Krankenhäusern Deutschlands das Staatsexamen nach zweijähriger Ausbildung, entweder als ordentliche oder als zusätzliche Lehrschwester. Die Säuglingspflegerin kann im judischen Krankenhaus Berlin nach einer ebenfalls zweijährigen Ausbildung das Staatsexamen ablegen oder ein sogenanntes Hausexamen nach einjähriger Ausbildung im Säuglingsheim in Berlin-Niederschönhausen oder im Heim des Jüdischen Frauenbundes in Isenburg und im „Kinderhaus der weiblichen Fürsorge" in Frankfurt a. M, (Als zusätzliche Ausbildung zur Säuglingspflege sei noch das Säuglingsturnen erwähnt, das eine jüdische ehemalige Schülerin der Neumann-Neurode-Schule in Berlin lehrt.) Ausserdem muss als Zusatzausbildung noch auf den dreimonatigen Wochenpflegekursus am Jüdischen Krankenhaus Berlin hingewiesen werden, der aber natürlich nicht als Ersatz für die Hebammenausbildung gewertet werden kann, die für Jüdinnen in Deutschland nicht mehr möglich ist. Sie kann in Frankreich, in der Tschechoslowakei und in England durchgemacht werden, jedoch stösst die Niederlassungsgenehmigung für Ausländerinnen in diesen Ländern auf Schwierigkeiten. In enger Verbindung zu diesen Berufen stehen die im Zusammenhang mit der Medizin zu nennenden Berufe, die im Ausland als aussichtsreich gelten, aber für Palästina nicht zertifikatsfähig sind: die technische Assistentin, d. h. Röntgenologie Laborantin, Zahntechnikerin usw. Die Ausbildung für Laborantinnen kann in Berlin in einem jüdischen Laboratorium erfolgen. Für Südamerika und Südafrika gilt als aussichtsreich der Beruf der Orthopädin, der aber angeraten werden muss, zur Erweiterung ihrer Möglichkeiten als zusätzliche Ausbildung ausser der Heilmassage und Heilgymnastik noch Kosmetik, Pediküre, Maniküre, Elektrolyse usw. hin zuzunehmen. In . diese Kategorie gehört der Beruf der F r i - s ö r i n , der in Uebersee für handgeschickte Mädchen Chancen hat. Die Ausbildung in Deutschland ist für Jüdinnen jedoch nur in gelegentlich genehmigten Kursen (nicht als Erstausbildung) oder als Lehrling bei jüdischen Friseurmeistern möglich. Der Vollständigkeit wegen soll bei den mit der Medizin im Zusammenhang stehenden Berufen noch die M o u 1 a g e u r i n genannt werden, die Zeichnungen und Wachsmodelle von erkrankten Gliedern und Organen zu Lehrzwecken anfertigt. Die Ausbildung ist ausserordentlich teuer und erfordert hervorragende zeichnerische Begabung und Farbensinn. Dieser Beruf leitet uns über zu der Gruppe der künstlerisch Begabten, die sich der Dekorationskunst, dem Mode- und Reklamezeichnen und der Photographie widmen wollen. Die zurzeit an einigen Privatschulen gegebenen Ausbildungsmöglichkeiten sollen erweitert werden durch die in Berlin, beabsichtigte Kunstlehrwerkstätte, deren Gründung aber noch nicht feststeht. Diese künstlerische Ausbildung aber muss auf einer entsprechenden handwerklichen Schulung aufgebaut werden. Und damit sind wir bei den Berufen angelangt, mit denen eine Frau, die über Handgeschick und Geschmack verfügt, sich stets ernähren kann: der Schneiderei und dem Putzfach. Vorbedingung sind natürlich tüchtige Leistungen, die ausser auf der Eignung in der Hauptsache auf gründlicher Ausbildung beruhen. Am besten erfolgt diese bei der Meisterin in der Einzellehrstelle. Bei der Knappheit der jüdischen Lehrstellen bilden die privaten Schneiderschulen einen willkommenen, aber als Erstausbildung nicht ausreichenden Ersatz. Daher ist die Gründung der Schnei-derlehrwerkstätte in Hamburg aufs lebhafteste zu begrüssen. Für die Niederlassung als selbständige Handwerkerin sei eine zusätzliche Ausbildung in der Buchhaltung empfohlen. Hierbei taucht das Problem der Erstausbildung im kaufmännischen Beruf auf. Wenn auch zurzeit noch tüchtige Buchhalterinnen, Stenotypistinnen etc. im Inland unterzubringen sind, so ist doch zu erwarten, dass der kaufmännische Beruf in absehbarer Zeit für jüdische Mädchen in Deutschland keine Verdienstmöglichkeit mehr bieten wird. Da im Ausland mit einer rein kaufmännischen Ausbildung kaum etwas anzufangen ist, so kann diese nur in den seltenen Fällen einer besonderen Begabung und Neigung angeraten und vielleicht noch den Mädchen empfohlen werden, die aus besonderen — z. B. gesundheitlichen — Gründen nicht auswanderungsfähig sind. Eine Ausnahme hiervon bildet vielleicht der Beruf der fremdsprachigen Korrespondentin, wenn eine ausgefallene, etwa eine Sprache des Fernen Ostens, erlernt wird. Als zusätzliche Ausbildung empfiehlt sich — selbstverständlich neben der hauswirischaftlichen Schulung — die Erlernung von Schreibmaschine und Stenographie für den Beruf, bei dem die Existenz am wenigsten gesichert erscheint: bei der Künstlerin. Trotzdem braucht einem künstlerisch begabten Mädchen keine zu düstere Prognose gestellt zu werden. Die jüdische Künstlerhilfe Berlin fördert die Ausbildung -von Talenten — allerdings nur von überragenden nach eingehender Prüfung und glaubt mit Sicherheit, dass sie sich im Auslande durchsetzen werden. Der Beruf der Klavierlehrerin allerdings ist völlig aussichtslos, während der Beruf der wissenschaftlichen Lehrerin zu empfehlen ist, insbesondere wenn sie das Abitur hat und daher auf dem Würzburger und dem Berliner Seminar nur eine dreijährige Ausbildung benötigt. Auch die Gymnastiklehrerin hat in Uebersee gute Aussichten, weniger die Sportlehrerin. Dieser Beruf ist nur in Verbindung mit der Haushaltspflegerin oder evtl. auch mit der Werklehrerin anzuraten. Ein Lehrgang für jüdische Werklehrerinnen ist in Deutschland geplant; zurzeit ist eine Ausbildung zu diesem Beruf nur im Ausland möglich. Neben all den besprochenen Ausbildungen hat selbstverständlich eine gründliche Erlernung fremder Sprachen einherzugehen. Im Vorstehenden hat nur ein kurzer Ueberblick über die wesentlichen Frauenberufe gegeben werden können. Ueber die Berufs wähl muss sich nun jedes Mädchen auf Grund seiner Eignung und Neigung selbst klar werden. Die Abteilung Berufsausbildung der Reichsvertretung der Juden in Deutschland ist aber jederzeit bereit, über die jüdischen Kollektivausbildungsstellen und die Erfordernisse der Berufe im allgemeinen Auskunft zu erteilen, während die Berufsberatung des einzelnen und die Lehrst eilen Vermittlung zur Zuständigkeit der behördlichen Arbeitsämter gehören. Soll man Kaufmann werden? Vom ©f. Hanns Heissnei*. Mitglied der Geschäftsieitung eines Gross- und Einzelhandelshauses Die Fragestellung, ob ein junger Mensch sich der kaufmännischen Berufsausbildung widmen solle, setzt voraus, dass er sich ihr auch widmen könne, dass er überhaupt die Freiheit der Wahl habe. Und zwar die Freiheit von aussen und von innen. Freiheit von aussen, das heisst, dass er eine Lehrstelle findet; denn anders als in der handwerklichen und landwirtschaftlichen „Hachschara" gibt es für den kaufmännnischen Beruf keine reinen Lehrbetriebe. Vielmehr muss der kaufmännische Lehrling mit einem Satz von der Schule in ein wirkliches Unternehmen hinein. Handelsschulen stellen nur eine Ergänzung neben der Lehre dar. Höchstens für junge Mädchen bietet sich dort die Möglichkeit der übungsweisen Erlernung des primitiven Handwerkszeuges: Stenographie, Schreibmaschine und der kaufmännischen Buchführung. Die Freiheit von innen aber besagt, dass der junge Mann sich für die kaufmännische Laufbahn berufen fühlen solle. Irren wir uns nicht, so steht sie allerdings in der Wertung unserer ' Jungen zurzeit nicht sehr hoch im Kurse. Die bündische Erziehung, die sie während der Schulzeit erfahren haben, legt folgerichtig besonderes Gewicht auf die Ausbildung des Gemeinschaftsbewusstseins. Der kaufmännische Beruf ist aber nun einmal das Feld, auf dem sich gerade der einzelne zu bewähren hat. Der Kaufmann muss tatsächlich in freier Verantwortung handeln, gewiss unter Beachtung der Gesetze kaufmännischer Standesehre und indem er sich innerbetrieblich auf ein reibungsloses Ineinander der gesamten Mitarbeiterschaft verlässt. Aber das Ziel der Berufsausbildung des jungen Kaufmanns soll doch nicht sein, dass er Schalterbeamter in einer staatlichen „Trafik" wird und auf Verlangen monopolisierte Markenartikel vom Regal holt, sondern dass er kaufmännische Initiative entwickle. Und das muss er, auch wenn er nur als angestellter Mitarbeiter im Unternehmen seinen Platz richtig ausfüllen will. Der zum Kaufmann Geborene soll so ein ausgesprochenes Selbstverantwortungsbewusstsein mitbringen oder zumindest sich aneignen; denn für manche jungen Menschen besteht ja nicht einmal die Freiheit der Wahl; sie müssen den Kaufmannsberuf ergreifen, sei es, weil sie körperlich nicht geeignet sind, Handwerker oder Landwirt zu werden, oder sei es, weil die Sorgepflicht für nahe Angehörige sie dazu zwingt. Gerade wer diese Erwägung anstellt, beweist damit schon ein Stück des Selbstverantwortungsbewusstsein, das er auch als Kaufmann einmal benötigen wird; denn vielfach wird es auch denkbar sein, die Fürsorge für die Angehörigen von ihm selbst auf die Wohlfahrt oder die Gemeinde zu verlagern. Wer dies von ihr anzunehmen wagt, müsste für handwerkliche oder landwirtschaftliche Betätigung vielleicht eine solche Leidenschaft mitbringen, dass man ihn geradezu mit dem Massstab künstlerischer Besessenheit messen könnte. Ja aber, wird mancher Jugendliche einwenden, die Leidenschaft des Kaufmanns hat . doch unter den obwaltenden Umständen gar keinen Sinn. Der eine hat bereits zugesehen, dass ein Geschäft sich aus wirtschaftlichen oder weltanschaulichen Gründen nicht mehr halten konnte. Der andere hat aus Gesprächen am elterlichen Tisch aufgeschnappt, dass die berufliche Fachorgansaiion aus zwingenden Gründen die Erlaubnis zum Gewerbebetrieb verweigern oder entziehen könne, dass Ueberwachungsstellen und Devisenzwangsbewirtschaftung den Betätigungsdrang der Einzelfirma fesseln, dass die Handelsspanne durch staatliche Preisgesetze beschnitten werde, und dergleichen mehr. Und doch Kaufmann? Ja, denn ohne ihn hätte der Landwirt keinen Abnehmer und der Handwerker keinen Lieferanten. Gerade eine Jugend, die an spätere Auswanderung denken muss und die dieses schwere Los in der Gemeinschaft leichter zu bezwingen hofft, muss sich klar sein, dass in Uebersee der Kaufmann oft der eigen!« liehe Pionier der Ansiedlung ist, zumindest aber, dass er als dienendes Glied auch eines Gemeinschaftsvorhabens kaum entbehrlich ist. Der Kaufmann als Strassen- und Bahnbauer, der Kaufmann als Pflanzer, der Kaufmann als Abnehmer, als Lieferant und als Bankier. In der Weitläufigkeit des überseeischen Raums ohne einen Binnenmarkt wie das alte Europa wären der Landwirt und der Handwerker auf die Dauer zum primitiven Vegetieren verurteilt, würde der Kaufmann sie nicht mit der Welt verbinden. Freilich genügt es dazu nicht, sich als Kaufmannsgehilfe Warenkenntnisse angeeignet zu haben, die gerade für eine dörfliche Gemischtwarenhandlung oder den genossenschaftlichen Konsumladen ausreichen. Der Pionier-Kaufmann muss seine Ware, ihre Herkunft, Erzeugung und Zusammensetzung umfassend erlernt haben, er muss Sprachen beherrschen, kaufmännisches Rechnen, Handels-, Vertrags-, Zoll- und Devisenrecht sich gründlich angeeignet haben, wenn er sich nützlich machen will. Und nur die Erwartung, dass er sich als nützliches Bindeglied in den Wirtschaftskreislauf später einmal eingliedern kann, rechtfertigt heute seine Berufswahl. Will er diesen Ansprüchen nach und nach gerecht werden, muss er allerdings neben dem Willen zur Selbstverantwortung und -behauptung noch mehr mitbringen: zähe Geduld und Energie. Denn das Rüstzeug der Kenntnisse sich aneignen, dauert seine Zeit, nicht anders freilich als eine gediegene. Ausbildung zum Landwirt oder Handwerker. Es mag für den jungen Menschen, der auf manchem Heimabend um ein geistiges Weltbild gerungen hat, nicht einfach sein, aus sich heraus jahrelang immer wieder diese Geduld und Energie zu schöpfen und mit unbeugsamem Willen sich durchzusetzen. Es wäre aber ein Fehler, zu glauben, dass der Handwerker oder der Landwirt es in einer dieser Beziehungen auch nur um einen Deut leichter haben würden als der Kaufmann. Und ebenso falsch ist die Annahme, dass eiwa der Kaufmann in seinem Beruf weniger Erfüllung erfahren könne als der Handwerker oder der Landwirt. Kaufmännische Betätigung ist kein Schachern um Prozente und kein Ausnutzen der Not oder der Dummheit des Abnehmers. Ueberlegt der Kunde einmal, weshalb er zu dem Einzelhändler, Lieferanten oder Bankier immer wiederkehrt, so einfach, weil er sich auf den Mann verlässt, weil der Name, die Firma für ihn der Inbegriff gleichbleibender getreuer und wertvoller Bedienung ist. Der Kaufmann als der eigentliche Fachmann ist der Treuhänder des Kunden, er wählt für' ihn, und dieser; muss seinem Rat blindlings vertrauen können. Zwar gibt es auch Markenfabrikate, die schon der Fabrikant unter seinem eigenen Namen bringt* die umfassendere Handelsmarke ist und bleibt aber die kaufmännische Firma. Sie ist der eigentliche Kreditträger in Handel und Wandel, die, indem sie ihren Namen herleiht* Räume und Zeiten überbrückt, Erzeuger und Ab* nehmer verbindet, Bedürfnisse weckt und be-* friedigt. Auch das kann die Erfüllung einer selbstgesetzten Lebensaufgabe bedeuten. Dergleichen Ansichten erscheinen vielleicht seltsam in einem Augenblick, wo noch immer jüdische Angestellte in Deutschland mit dem Uebergang ihrer Arbeitsstätte ihre derzeitige Existenz verlieren und an Umschichtung denken müssen. Sie, die gewiss ihren Beruf so ernst genommen haben wie nur einer, werden es leicht wie einen Hohn empfinden, wenn hier von so grossen Worten wie „Lebensaufgabe" die Rede ist. Vielleicht muss auch die Jugenderziehung zunächst mit vereinfachenden Begriffen arbeiten unddas gewiss notwendige Neue, nämlich Handwerk und Landwirtschaft, als das einzig Richtige in den Vordergrund rücken. Die Anpassung an die Wirklichkeit wird schon in der Wirklichkeit vor sich gehen. Aber die Wirklichkeit der modernen Wirtschaft besagt wohl, dass die Anforderungen an die Vorbildung und die Leistungsfähigkeit des einzelnen immer höhere werden, dass es immer schwieriger wird, in den arbeitsteiligen Betrieben den Blick fürs Ganze zu erwerben und zu bewahren. Dies Ganze jedoch ist einfach nicht mehr denkbar ohne den Einsatz kaufmännischer Phantasie, kaufmännischer Energie, kaufmännischer Geduld, mit einem Wort: kaufmännischen Pioniertums. Darum können wir unserer Jugend ausser der innigen Hoffnung für ein gutes Gelingen ihrer handwerklichen und landwirtschaftlichen Ausbildung keinen ehrlicheren Wunsch mit auf den Weg geben als den, dass aus ihren Bünden zugleich auch die Charaktere hervorgehen mögen, die imstande sind, von Gruppe zu Gruppe wirtschaftliche Bande zu knüpfen. Handwerker! Vom Ingenieur Leopold Kuh, Leiter der Umschichtungsstelle Berlin-Niederschönhausen Eine planmässige Berufsschichtung darf nicht übersehen, dass auch die handwerklichen Berufe nicht ohne weiteres anzuraten sind. Es bestehen auch für Handwerker nur bedingte Möglichkeiten der Auswanderung, und auch hierbei wieder nur für den, der wirklich über erstklassige Kenntnisse verfügt. Eine Auswanderung ist zwar hauptsächlich nur auf Grund einer handwerklichen. — oder landwirtschaftlichen — Ausbildung möglich, aber wir müssen uns davor hüten, nur dieses Vorteils wegen die Jugendlichen auf Posten zu stellen, zu denen sie nicht geeignet, sind und die sie später einmal nicht ausfüllen können. Handwerker kann nur der werden, der technisches Verständnis hat, manuell begabt, intelligent, energievoll und ausdauernd ist. Wir können uns nicht mit einer durchschnittlichen Handwerksleistung zufrieden geben. Gerade wir müssen darauf bedacht sein, Höhe-

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