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Central-Verein-Zeitung · 1937-03-11 · 10 (11.3.1937) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
10 (11.3.1937)
Date
1937-03-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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2. Beiblatt zur C.-V.-Zeifung; Die jüdische Gemeinde Neue Folge der Judischen Allgemeinen Zeitung Stuttgart und Hl fiflli *• r Ibild zweier gemeinden ■Nr. 10 Ml. März 1937 Von Hans Oppenheimer i. In weitem Bogen senkt sich der Zug von den Höhen herab ins Tal. Hunderte und aber Hunderte von Lichtern, ein ganzes Firmament von blinkenden Sternen funkelt empor, ehe die Bahn in die Riesenhalle des Stuttgarter Bahnhofs einläuft. Durch die imposante Kühle der Empfangshalle, die breite Treppe hinab, tritt man hinaus auf den weiten Platz vor dem Bahnhof. Schnurgerade folgt der Blick dem hellen Band der Königstrasse bis zum Ende, wo der Turm des Tagblatt-Hauses leuchtet. Im spiegelnden Asphalt brechen sich die Lichter in vielen Farben. Die Schaufenster sind erhellt und die Läden strecken ihre Firmenschilder wie Wegweiser links und rechts über den Bürgersteig. Die Kaffeehäuser sind besetzt, die Kinos entlassen die Menschen auf die Strasse, die an diesem Sonntag abend dichtbevölkert sind. Mitten hinein in die behäbig bummelnde Menge zwTängt sich der Strom derer, die die letzten Züge nach Esslingen, nach Göppingen, nach Tübingen erreichen wollen, und derer, die mit Skiern und Trainingshosen als Touristen von der Alb, vom Schwarzwald, aus den bayerischen Bergen in den Alltag zurückkommen. Die Seitenstrassen ziehen ihre Lichtgirlanden ringsum empor auf die Höhen. Man könnte meinen, dass die Stadt nicht in den Talgrund gebaut sei, sondern an diesen Lichterketten aufgehängt im Räume schwebe. — Das Tageslicht am nächsten Morgen bestätigt diesen Eindruck. Zwar sind die Berge umher noch kahl, und an ■ manchen Stellen liegt noch der Schnee, aber in der Luft ist bereits ein Ahnen von Frühling, und es ist nicht schwer, sich Stuttgart, eingebettet in ein Meer von Blüten und Blättern, vorzustellen. Stuttgart, die ehemalige Residenz, die heutige Hauptstadt des Landes Württemberg, zeigt sich als modernes Gemeinwesen. Sie wirkt viel reger auf den Fremden als manche andere Stadt, die ebenfalls 400 000 Einwohner zählen mag. Das Stadtbild wird 'durch eine seltene Harmonie zwischen dem, was war, und dem, was wurde, bestimmt Die Türme im Tal und die Türme auf den Bergen sind Wegweiser für den, der Stuttgart und seine Umgebung besuchen will. Stadt und Land, Kunst und Handel, Wissenschaft und Bürokratie, Industrie und Heimarbeit, die dem ganzen Lande Württemberg in ihrem glücklichen Ausgleich das Gepräge geben, bestimmen auch das Leben Stuttgarts. Neben den modernen Sachbauten des Bahnhofs, des Zeppelinbaues, des Tagblatt-Hauses, des von Erich Mendelssohn erbauten Warenhauses Schocken, das repräsentative Landestheater mit seinen beiden Häusern, der grosszügige Schlossplatz, der Königsbau, die Winkel der Altstadt. Ueber die Königstrasse, den „Wall", kommt man am Barock des neuen Schlosses vorbei zur Hohen Karlsschule, zur Renaissance der Landesbibliothek mit der Das Kaufhaus Schocken in Stuttgart, erbaut von Erich Mendelssohn Fot. Oppenheimer Geh. Hof rat Ernst Ezechiel Pfeiffer Privatfolo berühmtesten Bibelsammlung der Welt und zum italienisch anmutenden Arkadenhof des alten Schlosses, das man nach dem Brand von 1933 wieder stilgerecht erneuerte, und schliesslich zum gotischen Marktplatz und der Stiftskirche im Zentrum der Stadt. Und hier beginnt auch die eigentliche Historie der jüdischen Gemeinschaft mit einem tragischen Akzent. Am 17. März 1737, also vor 200 Jahren, wurde Süss Oppenheimer aus Frankfurt, der als „J u d S ü s s", als ein anderer Shylock in die Geschichte und Literatur eingegangen ist, verhaftet und gefangen in Stuttgart eingeliefert. Von den zeitgenössischen Flugblättern, über Wilhelm Hauff, Paul Kornfeld, führt diese Reihe bis zu Eugen Ortner in unsere Tage. Jede Zeit hat diese Gestalt nach ihrer Art betrachtet. Dokumentarisch wurde sie von Selma Stern- Täubler geschildert. Eines ist unzweifel haft erwiesen: die Politik und die Geschäfte, die Jud Süss geführt hat, entsprangen im wesentlichen dem Willen seines fürstlichen Herrn Karl Alexander. Er war es, der als erster den Versuch machte, Württemberg wieder zu Rang und Macht im Kreise der deutschen Fürsten zu verhelfen. Als Männer der Barockzeit stehen Karl Alexander und Süss Oppenheimer vor den Augen des Historikers. Ob das Schicksal Schuld und Sühne gleichmässig verteilt hat, wird wohl nie von der Nachwelt erforscht werden. Eines ist sicher: Prozess und Galgentod des Jud Süss brachten über die jüdische Gemeinde Stuttgarts neue Not. Nach der ersten entsetzlichen Judenaustreibung des Jahres 1348 mussten sie, die sich zu neuer kleinerer Gemeinschaft zusammengefunden hatten, abermals die Stadt verlassen. Bis zum Jahre 1800, also fast 500 Jahre, hatten nur wenige Juden als Hof juden die Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Unter ihnen Moses Jäcklin (1434), Abraham Golorni und Maggino Gabrieli (um 1600), Low Amsterdam, David U11 - mann, S e 1 i g m a n n aus Frankfurt, Süss Oppenheim er "* (um 1700); Nathanael Seidel war um 1760 Münzdirektor, und die Brüder Aaron und Elias Seligm a n n pachteten um die gleiche Zeit den Salzhandel. Als Friedrich Eugen im Jahre 1797 der Witwe des Hoffaktors Kauila aus Hechingen die Niederlassung erlaubte, war der Grundstock zur heutigen Gemeinde gelegt. Bald folgten ihr Verwandte und Freunde, Männer" und Frauen, deren Namen noch heute in Stuttgart und Württemberg Klang besitzen. Die Benedict und Oppenheimer, die Dreyfuss und Uhlmann, die Pfeiffer und Hausmeister. Im Jahre 1770 zählte man vier Familien mit 20 Seelen, 1808 sind es 109, 1835 bereits 211, 1856: 547, 1865: 1500, 1910: 3792, 1925: 4508. Auf diesem Stand hat sich die Gemeinde bis heute fast halten können. Die Binnenwanderung, die auch die württembergischen Juden erfasst hat, hat bisher den Ausfall an Auswanderung fast aufgewogen. Die Wanderungsbewegung der Gemeinde Stuttgart im Jahre 1936 Männei Frauen Kinder Zusammen unter 16 1. Verstorben ... 31 33 1 65 2. Austritte .... 4 6 3 13 3. Binnenabwanderung 101 140 19 260 4. Nach dem Ausland . 153 150 75 378 289 329 98 716 dayon nach: Nordamerika . . 42 44 31 117 Palästina ... 22 33 16 71 Argentinien . . 4 — — 4 Brasilien .... 6 3 — 9 Chile..... — 1 1 2 .. Kolumbien ... 2 2 2 6 Peru..... 2 — - 2 übrigesSüdamerika 2 — — 2 Südafrika ... 12 9 5 26; England .... 4 9 2 15 ' Frankreich ... 5 4 — 9 Holland .... 4 3 ' 3 10 Italien .... 4 8 4 16 Jugoslawien . . 1 1 — 2 .;-;Liechtenstein . . 2 2 1 5 Luxemburg . . . — 1 — 1 Oesterreich . . — 1 — 1 Polen..... 2 — — 2 Portugal .... 1 2 — 3 Schweden ... 1 — — 1 Schweiz .... 5 8 5 18 Spanien .... — 1 — 1 Syrien .... 2 1 — 3 Tschechoslowakei 6 2 1 9 Ungarn .... 1 1 — 2 Unbekannt ... 23 . 14 4 41 Binnenzuwanderung . 190 285 48 523 Eintritte i.d. Gemeinde — 2 — 2 Geboren . . . . . 10 6 — 16 200 293 48 541 .Verlust: 175 Personen- Stand am 1.1.1936 : 4586, am 1.1.1937: 4411. Während die Historie der Gemeinde in ihrem Wechsel von auf und ab das allgemeine jüdische Schicksal in Deutschland widerspiegelt, hat die neuere Geschichte der jüdischen Gemeinden Württembergs ein durchaus eigenes Gesicht. Diese Tatsache wird einem auf besondere Weise bewusst. Im Hause Königstrasse 82, im Zentrum der Stadt also, in einem Bürohaus, hat der „Oberrat der israelitischen Religionsgemeinden Württembergs" seinen Sitz. An den Wänden hängen Bilder und Dokumente der „Oberkirchenbehörde", denn so hiess der Oberrat von seiner staatlichen Gründung im Jahre 1831 bis zum Jahre 1924. Ihr Sitz war im Ministerium des Innern. Durch Verordnung vom 27. Oktober „1831 war diese Behörde eingesetzt worden. Ihr stand die Ernennung der Rabbiner, Lehrer, Chorsänger usw. zu, deren Gehälter durch eine Umlage bei sämtlichen jüdischen Kirchengemeinden erhoben wurde. Jeder Jude musste einer Gemeinde angehören. An der Spitze stand ein Regierungskommissar, dem vier jüdische Beisitzer — darunter ein Theologe — beigeordnet waren. Dieses Prinzip hat sich mit Abwandlungen bis zum Jahre 1924 erhalten. Die Fortschritte der Entwicklung zeigten sich in Gesetzen des Jahres 1912, die der Oberkirchenbehörde einen Rat zur Seite stellte, der aus einem Rabbiner und sieben Abgeordneten der Gemeinden bestand. Noch immer aber war ein Staatsbeamter an der Spitze. Erst am 18. März 1924 wurde die israelitische Religionsgesellschaft eine Körperschaft öffentlichen Rechts, die ihre Angelegenheiten selbständig unter Staatsaufsicht verwaltete. An Stelle der Oberkirchenbehörde trat der israelitische Oberrafc, dem 17 Vertreter der Gemeinden, ein Lehrer und ein Rabbiner angehörten. Fünf christliche Präsidenten hatte die Oberkirchenbehörde in den Jahren 1829 bis 1924. Dann folgten bis 1930 als Präsidenten des Oberrats Dr. Karl N ö r d- 1 i n g e r, bis 1933 Dr. Otto Hirsch und seitdem Dr. Siegfried Gumbel. Die theologischen Mitglieder, also' die Rabbinen, waren in dieser Zeit: Kirchenrat Dr. Joseph von Mai er (1831—1851), Kirchenrat Dr. Moses von Wassermann (1873—1892), Oberkirchenrat Dr. Theodor K r o n e r (1894—1922). Ihm fehlt das „von", dafür hatte er den „Ober". Seit 1923 ist Dr. Paul Rieger Mitglied des Oberrats, den Lesern der C.-V.-Zeitung aus manchem Beitrag bekannt, nunmehr schlicht Stadtrabbiner genannt. Es gab, dann noch die Oberkirchenvorsteher, die Beamten der Oberkirchenbehörde usw. Man wird zugeben, ein etwas verwirrender Eindruck für den, der zum erstenmal aus der Nähe diese Dinge sieht und von ihnen hört. Dr. Siegfried Gumbel und Oberrechnungsrat Julius Wissmann sind jedoch unermüdlich, um dem „Greenhorn" diese Tatsachen klarzumachen. Darüber werden aber die Aufgaben der Gegenwart nicht vergessen. Man legt mir den Etat des Oberrates vor: Eine sechsstellige Zahl. Der straffe Aufbau der Verwaltung und diese jahrzehntelange Schulung als staatliche Behörde macht sich in allen Zweigen der jüdischen Verwaltung wohltuend bemerkbar. Sie hat auch eingewirkt auf die Geschäftsführung der mehr oder minder privaten jüdischen Institutionen. Wo man auch hinkommt, man hat den Eindruck einer planvollen, gewissenhaften und darum auch sparsamen Wirtschaft. Von diesen Stellen, die \sich fast alle in der Gegend der Einmündung der Hospitalin die Gartenstrasse -konzentrieren, soü;nuhmehr die Rede sein, soweit sie die Gemeinde Stuttgart betreffen oder in Stuttgart ihren Sitz haben und soweit sie sich von der Tätigkeit der gleichen Institutionen im übrigen Reich unterscheiden. In der Hospitalstrasse ist der Sitz der jüdischen Gemeindeverwaltung. Am einen Ende der Strasse die Synagoge, am anderen die Hospitalkirche aus dem 15. Jahrhundert, in der Johannes Reuchlin, der grosse Humanist, geboren zu Pforzheim 1455, gestorben 1522, nach einem Leben des Kampfes zur letzten Ruhe gebettet wurde. Er war der Erwecker der hebräischen Sprache in Deutschland, der Verfasser des „Augenspiegels", der Rechtfertiger des hebräischen Schrifttums, der Kämpfer gegen die „Dunkelmänner", der Verteidiger des Talmud gegen Pfefferkorn. Diese Nachbarschaft möchte man symbolisch werten. In Nr. 36, in einem wunderschönen alten Bau aus dem 14. Jahrhundert, der seit 1860 im Besitz der Gemeinde ist, in achtzehn Räumen und in drei Stockwerken ist der Gemeindeapparat untergebracht. Karl L e v i ist der Vorsteher der Gemeinde. Die Verwaltungsgeschäfte führt Dr. Martin C ohn. Er wird hierbei unterstützt von dem früheren Gemeindepfleger und jetzigen Mitglied des Gemeindevorsteheramtes Öberrechnungsrat Blick aus dem Gemeindehaus auf Schule und Synagoge in Stuttgart Fot. Oppenheimer

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