Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 10 (11.3.1937)
- Date
- 1937-03-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Beiblan _CXImtmq__ Meldungen aus Wien Auslands-Nachrichten In. einer interessanten Entscheidung hat sich der österreichische Bundesgerichtshof mit der Frage des Staatsangehörigkeitsrechtes von 72 in Wien ansässigen Juden beschäftigt. Seit November 1935 ist der Erwerb der österreichischen Staatsangehörigkeit von der Bewilligung des Bundeskanzleramtes abhängig. Bei Erlass des Gesetzes befanden sich 72 Wiener Juden im Besitze einer Zusicherung, wonach ihnen die Heimatberechtigung in Wien gewährt werden sollte. Ohne Rücksicht darauf hat ihnen der Wiener Magistrat die Aufnahme in den Heimatverband verweigert. Der Bundesgerichtshof hob auf Beschwerde der betroffenen Juden diese Verfügung des Magistrats als gegen Treu und Glauben verstossend auf. Dennoch lehnte der Wiener Magistrat die Gewährung des Heimatrechtes neuerlich ab. Bei der Entscheidung über die zweite Beschwerde hat der Bundesgerichtshof nunmehr mit Rücksicht darauf, dass das neue Gesetz keine rückwirkende Kraft hat. erklärt der Magistrat könne zu einer anderen Stellungnahme nicht gezwungen werden, doch Verstösse seine Handlungsweise nach wie vor gegen Treu und Glauben. # Auf die Stellung der Juden im neuen Oesterreich werfen zwei Ereignisse, die sich vor kurzem vollzogen haben, ein bezeichnendes Licht: einmal hat der B u n d d e r J ü d i s c h e n Frontkämpfer Oesterreichs korpo- Der Kolonisations-Minister in Ecuador über die Einwanderung An die Regierung von Ecuador ist anlässlich eines bestimmten Falles von einem ihrer Generalkonsulate das Ersuchen um Bekanntgabe von Richtlinien für die Behandlung von Bewerbungen Staatenloser um einen ecuadorianischen Pass zwecks Niederlassung in Ecuador gerichtet worden. Der Minister für Kolonisation, A. Pesantes, hat die Anfrage mit einem Schreiben beantwortet, in dem es heisst: „Im vorliegenden Fall und. in weiteren ähnlichen Fällen habe ich die Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass unser Land seine Pforten nicht verschlossen hält und auch gar nicht verschlossen halten kann, wenn solche .Menschen ohne Vaterland' unter Anrufung des Gefühls menschlicher Brüderlichkeit auf der Suche nach einem Heim, nach einem Vaterland und nach Arbeit ihre Zuflucht in Ecuador nehmen wollen. Die moralischen Qualitäten des Gesuchsstellers, seine Arbeitswilligkeit und seine schöpferischen Fähigkeiten müssen den Gegenstand Ihrer Erwägungen bilden, und' wenn diese Prüfung positiv ausfällt, haben Sie die Pflicht, den Pass auszustellen. Staatenlosigkeit allein darf nicht der Grund sein, die Ausstellung eines Passes zu verweigern. Mein Ministerium vertraut auf die klare Einsicht der Konsularbeamten." Schliesslich wird in dem Brief mitgeteilt, dass die darin enthaltenen Weisungen an sämtliche Aussenvertretungen des Landes gegangen seien. rativ in die Staatsmiliz der Vaterländischen Front, also der tragenden politischen Bewegung des Staates, Aufnahme gefunden, und sodann haben Bundeskanzler Dr. Kurt S c h u s c h n i g g und andere Regierungsmitglieder an einer in Wien veranstalteten Kundgebung für Ausgleich der Rassengegensätze und kulturellen Minderheitenschutz teilgenommen; bei dieser Kundgebung wies der Hauptredner des Abends auf den Ewigkeitswert der ethischen Lehren des Judentums hin. Ein Mitglied des deutschösterreichischen Kulturausschusses erklärte es für notwendig, den in Oesterreich lebenden Minderheiten in Uebereinstimmung mit den Ueberlieferungen des Landes volle Freiheit und Rechtsgleichheit zu gewähren. * Für die innerjüdische Lage der Wiener Juden ist die. Nachricht bezeichnend, dass es anlässlich des diesjährigen Purimfestes zum erstenmal gelungen ist, alle politischen und nichtpolitischen jüdischen Organisationen zu einer gemeinsamen Feier zu vereinen. * Wie eine Statistik der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde ergibt, hat sich der Zahl der Selbstmorde unter den Wiener Juden im vergangenen Jahr gegenüber 1935 mehr als verdoppelt. Man geht wohl nicht fehl, wenn man diese' Entwicklung auf die stark anwachsende wirtschaftliche Not zurückführt. Jugoslawien Während einer Budgetdebatte in der Belgrader Skuptschina wies Kultusminister Svetkovic Angriffe des Abgeordneten Dr. Milan Banie zurück, die dieser gegen angebliche schädliche jüdische Einflüsse auf das jugoslawische Kulturleben gerichtet hatte. Er betonte, der Staat werde es nicht zulassen, dass sein Grundprinzip der vollen Gleichheit aller anerkannten Religionen und Rassen vor dem Gesetz im Parlament oder von der Presse mit Füssen getreten werde. Es sei bemerkt, dass die Gruppe Dr. Banics im Parlament nur mit drei Abgeordneten vertreten ist. T schechosloivakei Der Ministerrat verhandelte in Prag über das Gesetz zur Einführung der Zwangssonntagsruhe. Da durch seinen Erlass die orthodoxe Judenheit der Republik, deren Geschäfte bisher am Freitagabend und am Sonnabend geschlossen, am Sonntag dagegen geöffnet sind, wirtschaftlich empfindlich geschädigt werden würde, sprach der Abgeordnete Angelo G o 1 d s t e i n deswegen beim Fürsorgeminister N e c a s vor. Er wies vor allem darauf hin. dass in England, Holland, Skandinavien und andern Ländern diese besonderen Verhältnisse berücksichtigt würden. Der Minister erwiderte, dass die Regierung das Problem prüfen und befriedigend zu lösen versuchen werde. Türkei Durch das neue Wehrgesetz. das die Wehrhaftmachung aller Türken beiderlei Geschlechts im Alter von 16 bis (55 Jahren vorsieht, werden etwa 30 000 Juden erfasst. In den Schulen wurden bereits 1300 jüdische Mädchen militärisch ausgebildet. Der Zentralrat der Weltorganisation, A g u d a s J i s r o e 1, wurde für Sonntag, 7. März, und Montag, 8. März, zu einer Tagung nach Amsterdam einberufen. ¥ Felix W a r b u r g , der Vorsitzende des Joint Distribution Conmiittee und Mitglied der Jewish Agency, trifft Mitte März in London ein und wird sich mehrere Wochen in Europa aufhalten. Jüdische Arbeit in der Tschechoslowakei In einer Versammlung im Prager jüdischen Rathaus nahm der Oberste Rat der Jüdischen Kultusgemeindeverbände in den „historischen Ländern''' Böhmen, Mähren und Schlesien den Tätigkeitsbericht für das Jahr 1936 entgegen. Der Bericht erwähnt u. a. eine Audienz, die dem Präsidium des Obersten Rates vom Präsidenten der tschechoslowakischen Republik gewährt wurde. Es wird dann weiter eingehend die Tätigkeit geschildert, die der Oberste Rat im Zusammenhang mit dem neuergangenen Gesetz zur Ergänzung der Organisation der jüdischen Religionsgemeinschaft in Böhmen und Mähren—Schlesien entfaltet hat. Durch dieses Gesetz hat der Rat den Auftrag erhalten, die Verfassung der jüdischen Religionsgemeinschaft UNSERE VERKAUFSGESCHÄFTE. Berlin, TauentzlenstraSe 16 Essen, Am HauptbahnhoflO Hamburg, juaßfernstieg 43 Bochum, Kortumstrafee 67 Köln a-Hh.. Hohestra&e 115 Frankfurt a.M., Rofimarkt 15 Essen, Limbeckstra&e 10 Zentrale. Offenbach a.M Wuppertal-Elberfeld, Herzogstrafie 36 in diesen Gebieten binnen sechs Monaten auszuarbeiten. Der Bericht beschäftigt sich dann weiter mit den Massnahmen über die Heranbildung des Rabbineniachwuchses in einer eigenen Lehranstalt in Verbindung mit der philosophischen Fakultät der Prager Karlsuniversität, ferner mit den Arbeiten /.um Schutze der rituellen Einrichtungen und mit der sozialen Fürsorge. In den Staatsvoranschlag hat die Versammlung für die Jahre 1936 und 1037 je 50 000 tschechische Kronen als Beihilfe für den Obersten Rat eingesetzt. Schächt-Gesetzin Schweden vertagt In Schweden wurde der Entwurf eines neuen Tierschlachtungs-Gesetzes fertiggestellt, in dem die elektrische Betäubung der Schlachttiere vorgesehen ist, und jede andere Tötungsart unter Strafe gestellt wird. Auf Vorschlag des Justizministers soll das Inkrafttreten des Gesetzes bis zum 1. Januar 1938 zurückgestellt werden, damit ein sofortiges Verbot der "rituellen Schlachtung vermieden wird und die Möglichkeit besteht, die gegenwärtig durchgeführten Versuche einer elektrischen Betäubung, durch die die jüdischen Religionsgesetze nicht verletzt würden, fortzusetzen. Juden-Kartei bei der Reichsstelle für Sippenforschung Wie in einem Aufsatz im „Iserlohner Kreisanzeiger" mitgeteilt wird, ist innerhalb der Reichsstelle eine Kartei eingerichtet worden, bei der auf die Erfassung sämtlicher fremdblütiger Einschläge im deutschen Volk besonderer Wert gelegt wird. In der Kartei sind bisher etwa 300 Ö00 Juden und jüdische Mischlinge enthalten. Ferner bestehen einige kleinere Sonderkarteien u. a. über Familienanzeigen aus jüdischen Zeitungen. Rasse und Recht Am 16. Februar 1937 nahm der Reichsrecbfsführer, Reichsminister Dr. Frank, in einer Rundfunkrede zu dem Thema „Rasse und Recht" Stellung, über die in der „Juristischen Wochenschrift", 1937, S. 602, berichtet wird. Nach <JCecanann Stahmann Herren- und Damen- Ausstattungen Berlin SW, Friedrichsir, 50-51 Paul Nathan zum Gedächtnis Von Dr. Ernst Feder Es ist schwer zu fassen, dass schon zehn Jahre verstrichen sind, seit "Paul Nathan von uns gegangen ist, so lebendig steht er vor uns — und zugleich ist es nicht leicht zu begreifen, dass erst zehn Jahre verstrichen sind, so gross ist die Wandlung, die sich inzwischen vollzogen hat. Sein Wirken ist unvergessen in Europa und in Palästina. Jede Not oder Verfolgung der Juden in Russland, in Rumänien, in Bulgarien, in anderen Ländern Osteuropas, rief ihn persönlich auf den Plan, zu persönlichen Verhandlungen, zu persönlicher Hilfe, und mit Recht dankte eine bei solchem Anlass ihm überreichte Adpesse „dem Manne, der für sein Volk zu den Königen spricht". Paul Nathan tot. Hedi Schiff Seiner Anregung und Idee entsprang der Hilfsverein der Juden in Deutschland, der 1901 nach langen Verhandlungen mit dem Auswärtigen Amt begründet worden ist, und den er ein Vierteljahrhundert lang zusammen mit seinem ünvergesslichen Freunde James Simon und so hervorragenden Mitarbeitern wie Bernhard Kahn, geleitet hat. Die ursprüngliche Idee war, nach deutscher Methode ein jüdisches Schul werk im Ottomanischen Reich, besonders in Palästina, zu schaffen, das die einheimischen orientalischen Juden intellektuell und moralisch heben und das Land, falls Amerika versagte, für die Einwanderung aufnahmefähig machen sollte. Eine gründliche Studienreise durch Palästina, auf der ihn der ausgezeichnete Orientalist Eugen Mittwoch begleitete, ging voran. So entstand das „gigantische Werk", wie ein besonderer Sachkenner, der deutsche Generalkonsul in Jerusalem, Schmidt, den grossartigen Organismus nannte, der vom Kindergarten bis zum Technikum in Haifa alle Erziehungsstufen und Bildungsmöglichkeiten umspannte. Hebräisch war die Unterrichtssprache. Von den 28 Anstalten des Hilfsvereins waren 22 reinhebräisch, die übrigen sechs hatten einen hebräischen Unterbau und einen vorwiegend hebräischen Lehrgang. Paul Nathan war niemals Zionist. Aber nach seinem Tode feierte auch die zionistische Executive Palästinas seine „grossen Taten" und bekannte offen: „Nie wird vergessen werden, dass er der Erste war, der in Palästina hebräische Kindergärten gegründet, der in hohem Masse die Wiederbelebung unserer Sprache gefördert hat." Noch wenige Monate vor seinem Tode unternahm er eine Reise nach Russland, um die Möglichkeiten einer dortigen Ansiedlung von Juden zu prüfen. In die Politik hatte ihn in jungen Jahren sein väterlicher Freund Ludwig Bamberger eingeführt, der als Revolutionär von 1848 ins Ausland gegangen und nach zwanzigjährigem Exil heimgekehrt war, um in der vordersten Reihe des Liberalismus und in persönlicher Verbindung mit Bismarck an dem grossen nationalen Einigungswerk mitzuarbeiten. Paul Nathan war den besien Persönlichkeiten des Liberalismus freundschaftlich verbunden. Den stärksten Einfluss auf ihn übte Theodor Barth, der Begründer und Herausgeber der ..Nation", an der Paul Nathan, der geborene Journalist, der Meister des geschriebenen wie des gesprochenen Wortes, zwanzig Jahre lang als Redakteur gewirkt hat. Paul Nathan war, wie sein Vater, in Berlin geboren. Seine Mutter stammte aus Dessau, wie sein Onkel, der bekannte Baron Moritz v. Cohn, der Bankier Kaiser Wilhelms I., dem er in Dessau ein Denkmal errichtet hat. Paul Nathan liebte die Geselligkeit, und die Plauderstunden in seinem Hause Altonaer Strasse 26, das er mit persönlichem Geschmack und feinster Kunst geschmückt hatte, werden seine Freunde nicht vergessen. Er besass die Gabe, die an Bamberger eine Freundin rühmte, noch in vorgeschrittenen Jahren neue Freundschaften zu knüpfen. Hinter seinem Schreibtisch hatte er sich mit den Photographien von Theodor Mommsen und Theodor Barth, Bamberger und Homberger, Jacob H. Schiff, Herzog und Aldemhoven, Schräder, Roesicke und Alexander Meyer, Ludo Harlmann und Hugo Preuss. eine Freundesecke geschaffen, von der ein Strom von Liebe und Erinnerungen zu dem Arbeitenden hinüberging. Er war ein Kulturmensch im vollen Sinn des Wortes, ein Humanist. Eine Reihe feingeschliffener Schriften und jene sozialen Schöpfungen, die er angeregt oder durchgeführt hat. zeugen von seinem Wert. Aber sie geben keine volle Vorstellung von seiner Persönlichkeit. Er gehörte in besonderem Masse zu jenen Naturen, die mit dem zahlen, was sie sind. Das lebendige Interesse an allem Wissenswerten, die aus Leben und Beobachtung ebenso wie aus Büchern schöpfende Kenntnis, die Höflichkeit des Herzens, die nichts Angelerntes oder Künstliches, sondern das ihm Naturgemässe war, verband sich mit dem Pflichtbewusstsein des Mannes, dem die Menschenhilfe, das Eintreten für Bedrängte und Leidende als selbstverständliche Aufgabe erschien. Diese Hilfsarbeit war ihm kein Bürodienst, keine Aktenarbeit, sie war eine heilige Unruhe des Herzens, die nicht rastete, bis die Hilfe geleistet, der Arbeitsplatz gefunden, der Schmerz gelindert war. Noch drei Tage vor seinem Tode, schon von dem Schlage getroffen, von dem er sich nicht mehr erholte, diktierte er einen Brief, seinen letzten, an den ihm sinnesverwandten Hamburger Freund M a x War bürg, in welchem er sich für eine geplante Hilfsaktion persönlich zur Verfügung stellte: „Also ich rechne auf Ihr Kommando unter dem Gesichtspunkt, welches Vorgehen das wirkungsvollere ist. Ich kann mich durchaus Ihren Vorschlägen anpassen." Vor zwanzig Jahren, zu seinem sechzigsten Geburtstag, strömte ihm der Dank und die Anerkennung der Vielen entgegen, wie sie Ausdruck fanden in dem Briefe eines der Tausende, die durch die von ihm gegründeten Erziehungsanstalten gegangen sind, eines heute in Florenz lebenden Nationalökonomen, der ihm damals schrieb: „Noch fühle ich in meinem Werdegang Ihre geistige Kraft fortwirken. Ihrem stützenden Arm, Ihrer leitenden hilfreichen Hand verdanke ich meine ganze Ausbildung und Erziehung. Eine Schar von tausenden jugendlichen Herzen beglückwünschen Sie an diesem Tage als ihren geistigen Vater." So bleibt Paul Nathan allen denen, die ihn gekannt und die von ihm gelernt haben, ein wertvoller Besitz und zugleich ein Mahner. A. H. Ein Erinnerungswort an Paul Nathan an dieser Stelle wäre unvollständig, wenn nicht auch seine Arbeit im C.V. erwähnt würde. Paul Nathan ist erst nach 1918 dem C.V. nähergetreten, und es ist sehr bemerkenswert, dass er, der bald zum stellvertretenden Vorsitzenden neben Hugo Sonnenfeld gewählt worden war, den Versuch machte, den C.V. im Sinne seiner politischen Vorstellungen zu einer jüdisch-politischen Organisation zu inachen. Die C.-V.-Tradition, wie sie gerade in der vorliegenden Nummer der C.-V.-Zeitung im Referat des Vereinsvorsitzenden dargestellt ist, widerstand diesem Versuch, und Paul Nathan legte nach einigen Jahren sein Amt als stellver-