Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 9 (4.3.1937)
- Date
- 1937-03-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Hr. 9 * IBeftfaflf Der Rahmen des jüdisch-politischen Lebens 4. Mörz 1937 III. Die englischen Dominions _ Das jüdisch-politische Leben in. den englischen Dominions Irland, Kanada, Australien, Neuseeland und Südafrika ist wie das allgemeine politische Leben in diesen Staaten durch zwei Umstände bestimmt: durch die- Verbundenheit mit dem Mutterland Grossbritannien, die in gleichen oder ähnlichen verfassungsmässigen Einrichtungen ihren Ausdruck findet, und durch die Neigung, einen eigenen und durch Eigenständigkeit bestimmten Rahmen des politischen Lebens zu entwickeln oder zumindest die Vorbilder hierzu nicht aus England zu nehmen. Diese Zentrifugalen und zentripetalen Kräfte sind auch im jüdischen politischen Leben der Dominions wirksam, soweit hier überhaupt von einem solchen "gesprochen werden kann. Denn in einigen dieser Dominions, wie z, B. Neuseeland und Australien, ist ein politisches Leben im jüdischen Bezirk nur in Ansatzpunkten vorhanden und zumeist von philantropisehen und religiösen Tendenzen überdeckt; in anderen wiederum sind' die Verbindungen mit dem Mutterland so eng, dass ein eigenes politisches Leben im Jüdischen nicht wachsen kann. Wo es aber vorhanden ist, da finden wir gewisse, schon seit vielen Zeiten bestehende Zusammenhänge mit den Juden des Mutterlandes, die zu einer einfachen Kopie der englischen Einrichtungen des jüdischen politischen Lebens geführt haben; und wir finden Institutionen, die aus den besonderen Voraussetzungen des betreffenden Dominions mit einem Seitenblick auf Amerika entstanden sind. Irland Zu der Kategorie der Dominions, in denen jüdisches Leben sich ganz an die Einrichtungen des Mutterlandes hält gehört Irland. Obgleich als Staat mehr und mehr vom Mutterland unabhängig und nur noch lose mit dem Empire verbunden, besteht eine enge Verflechtung zwischen den Juden Englands und Irlands. Schon die Zahl der Juden in Irland lässt ein aus eigenem Antrieb heraus gestaltetes Leben nicht zu: in Irland leben nur etwa 4000 Juden. So gehören die jüdischen Gemeinden in Irland dem Board of Deputies of British Jews in London an. Ihre Vertreter im Board werden einfach unter die übrigen aus England selbst stammenden Abgeordneten gezählt und nicht weiter als aus Irland kommend hervorgehoben. Das jüdische Leben in Irland zeigt die gleichen Züge wie das in England; meist sind auch die Organisationen gleich, d. h. sie umfassen von vornherein die Juden Irlands. Es darf noch erwähnt werden, dass kürzlich der Oberrabbiner von Irland, Rabbi Herzog, zum Oberrabbiner von Palästina gewählt worden ist. Kanada Ein anderes, eigenes Gesicht zeigt das jüdische Leben in Kanada. Mit ihren 160 000 Juden zeigt die jüdische Gemeinschaft in Kanada eine weitgehende Unabhängigkeit von den Juden Englands, dafür um so mehr eine weitreichende Uebereinstimmung mit den jüdischen Einrichtungen der Vereinigten Staaten. Zumindest sind diese Einrichtungen Vorbild bei der Organisation des jüdischen Lebens gewesen. Dies gilt für die Struktur der an 48 Orten bestehenden Gemeinden, die in gleicher Weise wie in USA organisiert sind. Dies gilt für die Spitzenvertretung der Juden Kanadas, den Canadian Jewish Congress, der zum ersten Male 1919 zusammengetreten ist und eine dritte Legislaturperiode Im Mai 1936 begonnen hat. Der Kongress, der dem American Jewish Congress entspricht, ist aus allgemeinen und direkten Wahlen hervorgegangen Ebenso wie in USA besteht in Kanada eine Zionist Organisation of Canada, als zionistischer Jugendverband Young Judaea, die Hadassa als Frauenvereinigung. Einzelne Rabbiner- und Gemeindeverbände sind mit den entspTechenden Vereinigungen in USA direkt verbunden bzw. umfassen die amerikanischen zugleich als Mitglieder die Rabbiner oder Gemeinden in Kanada. Bemerkenswert ist in Montreal ein Jewish Community Council, das für die Koordinierung der Arbeiten der hier bestehenden 47 Synagogen vereine (Gemeinden) sorgt. Die gleiche Aufgabe hat für die Wohlfahrtsorganisationen die Federation of Jewish Philanthropies, der 23 Organisationen angehören. In dieser Beziehung hat man sich an das Vorbild Amerikas gehalten, das durch Koordinierungskomitees und Dachorganisationen ebenfalls den Auswüchsen der Zersplitterung entgegenwirken will. Von besonderer Bedeutung für Kanada als Einwanderungsland ist der kanadische Zweig der Jewish Colonisation Association (JCA), die für die Existenz der in Kanada bestehenden jüdischen Kolonien ausschlaggebend ist. Australien und Neuseeland Im australischen Staatenbund, dem Commonwealth of Australia, leben 25 000 bis 30 000 Juden. Von ihnen befinden sich allein 20 000 in den beiden Städten Sidney und Melbourne. In ihnen und in anderen elf Städten des Landes sind die vorhandenen Synagogengemeindon nach englischem Vorbild organisiert. Sie gehören, mit einer Ausnahme in Melbourne, dor konservativ-orthodoxen Richtung an. Ausser in den Gemeinden als private Vereine, spielt sich das jüdische Leben in Klubs ab. Eine zentrale Körperschaft für die Juden Australiens und Neuseelands besteht nicht. Allerdings sind seit langem Bemühungen im Gange, eine solche Gesamtvertretung zu schaffen. Im Board of Deputies in London sitzen einige Vertreter (insgesamt vier) von Gemeinden in Sydney, Melbourne, Perth und Adelaide. Die wenigen Juden in Neuseeland — es sind 2600 an vier Orten des Landes — haben für ihr jüdisches Leben keinen anderen Rahmen als die Juden des übrigen australischen Kontinents. Auch sie haben zwei Vertreter in den Board of Deputies nach London entsandt. Süd-Afrika Andere Ausmasse als in den übrigen Dominions zeigt das jüdische Leben in Südafrika. Hier hat eine relativ kleine jüdische Gemeinschaft von 90 000 Menschen ein intensives jüdisches Leben emporwachsen lassen, ein Leben, das nicht nur auf Philanthropie und Helfen eingestellt ist, sondern darüber hinaus seine Impulse spüren lässt. Von den 90 000 Juden in Südafrika sind die erdrückende Mehrheit Nationaljuden, die sich als solche selbst in amtlichen Zählungen bezeichnen. Die Juden Südafrikas stehen an zweiter Stelle unter den jüdischen Gemeinschaften der Welt, die für den Keren Hajessod die meisten Spenden aufbringen. Die South African Zionist Federation tritt bei jeder Gelegenheit als Hauptträger der Aktionen für Palästina hervor. Die südafrikanischen Juden haben in Palästina auch bedeutende Investitionen gemacht und lassen sich bei der Anlage von Kapital in Palästina vom South African Economic Committee for Palestine leiten, das genau so wie das American Economic Committee durch Sammlung der entsprechenden Unterlagen die Voraussetzung für eine Beratungstätigkeit bei Investitionen schafft. Es ist dem American Economic Committee angegliedert. Die Regierung der Südafrikanischen Union hat im übrigen einen ehrenamtlichen Beauftragten zur Förderung der afrikanisch-palästinensischen Handelsbeziehungen in der Person des Herrn Michael Haskeil, eines Juden, ernannt, der seinen Wohnsitz zwischen Kapstadt, Jerusalem und London teilt. Als Spitzenorganisation der südafrikanischen Judenheit ist der South African Board of Deputies anzusehen. Er ist im. Jahre 1912 gegründet worden und erfüllt die gleichen Zwecke wie der Board of Deputies in London, dem &r durchaus nachgebildet ist. Als Sprecher der Juden Südafrikas hat der Board jüngst zu dem neuen Einwanderungsgesetz und der ihm vorangehenden antijüdischen Strömung Stellung genommen. Im übrigen sitzen zwei Vertreter südafrikanischer Synagogengemeinden, von Kapstadt und Durban, im Londoner Board of Deputies. Auch sonst entspricht die Organisation der südafrikanischen Judenheit der der englischen Juden. Die Synagogengemeinden sind genau so wie in England als private Vereine organisiert. In 89 Orten bestehen solche Gemeinden, in den grösseren Städten selbstverständlich mehrere. So gibt es in Johannesburg ausser der United Hebrew Congregation, die durch Verschmelzung mehrerer Gemeinden im Jahre 1915 gegründet wurde, noch zwölf Gemeinden, darunter neuerdings auch eine Gemeinde, die von Einwanderern aus Deutschland gebildet ist, die Gemeinde „Ez Chajim"; in Kapstadt bestehen vier Gemeinden. In jeder Stadt gibt es die verschiedensten Klubs und literarische und philanthropische Gesellschaften. Jüngst ist nach dem Vorbild des Jiddischen Wissenschaftlichen Instituts in Wilna (IWO) ein Südafrikanisches Jiddisches Wissenschaftliches Institut gegründet worden, das in vier Sektionen gegliedert ist, ist eine sozial - ökonomische, biologisch - psychologische und pädagogische sowie in eine historische und linguistische Abteilung, ahzg. In der gleichen Serie erschien bisher: Amerika f.Yr. 52 vom 24. 12. 1936) und England (Nr. 2 vom 14. 1. 1987). Wird fortgesetzt. Hilfsverein warnt vor Auswanderung nach Süd-Afrika Der Hilfsverein der Juden in Deutschland gibt folgendes bekannt: Aus dem Text des südafrikanischen Einwanderungsgesetzes, der nunmehr vorliegt, ergibt sich eine ausserordentliche Strenge der Einwanderungsbestimmungen. Trotzdem wird aus Süd-Afrika gemeldet, dass immer noch eine abnorm hohe Zahl von Einwanderern ankommt. Diese Einwanderer werden zu zeitweiligem Aufenthalt an Land gelassen. Aber es ist so gut wie sicher, dass fast alle von ihnen das Land wieder werden verlassen müssen. Unter diesen Umständen warnen die südafrikanischen wie die zuständigen Londoner jüdischen Stellen jeden vor Auswanderung nach Süd-Afrika, wer nicht schon Vor der Einreise die Genehmigung zu ständigem Aufenthalt erlangt hat. Der Hilfsverein kann sich dieser Warnung nur mit äusserstem Nachdruck anschliessen. Leere Räume im Empire . Unter der Ueberschrift „Leere Räume im Empire" veröffentlicht die „Kölnische Zeitung" vom 27. Februar eine Randnote, in der sie sich kritisch mit der englischen Auswanderungspolitik bezüglich der englischen Kolonialländer auseinandersetzt. In dem Artikel heisst es u. a.: „Nach einer Aufstellung, die der Minister für ' die Dominions, MacDonald, jetzt dem Unterhaus überreicht hat, sind nämlich 1936 nur 12 849 britische Untertanen aus England in die Dominions ausgewandert, aber 2i 029 Bewohner der Dominions nach England zurückgekehrt. Das Verhältnis ist besonders krass in Süd-Afrika, wo es gegenüber 5010 Rückwanderern nur 3594 Einwanderer gab, und vor allem in Kanada, das nur 2281 englische Einwanderer, dagegen 10 107 englische Rückwanderer zählte. In das riesige Gebiet von Kanada, das 9,5 Millionen Quadratkilometer umfasst — Deutschland hat ganze 471 000 Quadratkilometer —, aber nur 10 Millionen Einwohner zählt, sind im vorigen Jahr alles in allem nur 11643 Menschen eingewandert, davon 4876 aus 'den Vereinigten Staaten, also mehr als doppelt soviel wie aus England. Die Gesamtauswanderung nach diesem menschenleeren Dominion hat im letzten Jahr nur um 3,2 v. H. zugenommen!" Lösung der Judenfrage — ein internationales politisches Problem Der ehemalige Völkerbundskommissar für Auswandererfürsorge, James G. MacDonald, hielt im amerikanischen Rundfunk eine Ansprache. In ihr forderte er die Zusammenarbeit von Juden und Christen zur Lösung der Judenfrage, da diese ein Problem sei, das keineswegs ausschliesslich die Juden angehe und nicht von ihr allein gelöst werden könne. * Unter dem Vorsitz des Völkerbundskommissars Sir N e i 11 e Malcolm fand in Paris eine Beratung der Vertreter des Oberkommissariats für Auswandererfürsorge mit den Repräsentanten der bedeutendsten Hilfsorganisationen, wie Joint, ICA, HICEM, Alliance, Joint Foreign Committee und der verschiedenen Hilfskomitees statt. In einer EntSchliessung wird auf die Notwendigkeit hingewiesen, dass das bisher in Frankreich und Belgien ratifizierte Genfer Abkommen über den Rechtsstatus der Ausgewanderten auch von den übrigen Staaten ratifiziert werden müsse. Hugo Sonnenfeld 1927 — 3. März - 1937 Zehn Jahre sind gerade vergangen, seitdem Justizrat Hugo Sonnenfeld seine Augen zum ewigen Schlummer schloss. Unerwartet früh raffte ihn der Tod hinweg und setzte diesem arbeitsreichen Leben das Ziel. Arbeit, Kampf für Recht und Wahrheit, unbeugsame Entschlossenheit und Willenskraft in der Verteidigung dessen, was er für recht und gut erkannt hatte, waren der Inhalt dieses Lebens, das sich mit nie versagender Bereitwilligkeit uneigennützig in den Dienst zu Unrecht verfolgter, bedrohter und bedrückter Nebenmenschen stellte. Früh in die Reihen der liberalen Parteien eingetreten, machte er seinen Namen weithin bekannt uDd berühmt, als er im Konitzer Mordprozess die Verteidigung der Angeklagten übernahm. Was er damals an Ausdauer und Beharrlichkeit, an Scharfsinn, an Mut gegenüber persönlicher Bedrohung geleistet hat, erwarb ihm bei allen, die dieses Trauerspiel verfolgten, Bewunderung und Dankbarkeit. Ein solcher Charakter musste in dem Centrai-Verein den Boden finden, auf dem er fortan der Sache, die ihm heilig war, mit allen Gaben seines Geistes und Herzens diente. An drei Jahrzehnte hat er erst als Mitglied des Vorstandes, dann als Stellvertreter des Vorsitzenden mit uns und für uns gestritten, mit ruhiger Klarheit seine Ratschläge begründend, mit sicherem Blick auch in den schwierigsten Fragen das Wesentliche erkennend und heraushebend, mit kluger, bisweilen scharfer, immer von gründlicher Sachkenntnis getragener Rede die Freunde überzeugend, die Gegner gewinnend. Nie müde, nie versagend. So haben wir ihn bis zu seinem vorzeitigen Ende in unserer Mitte wirken sehen in stets hilfsbereiter Arbeitslust, in unerschütterlichem Glauben an die siegende Kraft des Rechts und der Wahrheit. Am 6. März fuhr ich zu seiner Beisetzung nach Weissensee hinaus, zusammen mit Dr. Paul Nathan — zwei Wochen später fuhr ich denselben Weg, um Paul Nathan zur letzten Ruhestätte zu geleiten: in eine m Monat zwei harte, schwere Verluste für den Centrai-Verein, für das gesamte deutsche Judentum. Professor Dr. Julius Schneider. Umgestaltung des Joint Foreign Committee Der Board of Deputies nahm in seiner letzten Sitzung in London einsn Antrag von P. Horow i t z an, der auf einen Umbau der Zusammensetzung und die Aenderung der Arbeitsweise des Joint Foreign Committee abzielt. Das Joint Foreign Committee setzt sich zurzeit zu gleichen Teilen aus Mitgliedern des Board und der Anglo Jewish Association zusammen und bearbeitet cKeccmann <Ka$mann e r r e n '. n d Damen' Ausstattung e n Berlin SW, Friedrtchstr. 50-51 die Probleme der jüdischen Gemeinschaften im Ausland. Nunmehr soll eine Untersuchungskommission gebildet werden, um sich mit der allgemeinen Untätigkeit des Joint Foreign Committee, die in der jüdischen Oeffentlichkeit starke Unzufriedenheit hervorgerufen hat, zu beschäftigen. Ziel der Arbeit soll eine vollständige Reorganisation sein. Leonard G. Montefiore, der Vorsitzende des Joint Foreign Committee, hatte sich gegen die Annahme dieses Antrages gewandt. Die MazzotVersorgung in Russland gefährdet Paris, 28. Februar. (J. T. A.) Aus Russland eintreffende Berichte besagen, dass die religiös gesinnte jüdische Bevölkerung der Sowjetunion tief darüber deprimiert ist, dass die Sowjetregierung in diesem Jahr den jüdischen Synagogengemeinden verboten hat, die traditionell vorgeschriebene Mehlart zur Herstellung von Mazzot zu verwenden oder solches Mehl an Gemeindemitglieder zu liefern." Durch dieses Gardinen uBe Schau