Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 8 (25.2.1937)
- Date
- 1937-02-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Magister Kirsch «§e? süceLsäiör, Magister München ¥21 In. Berlin zu beziehen durch die Weingroßhandlung Ksrniüard Eraaer, Bargstr. 3 Tel. E1 Berolina 4340. Pendels ein. Die Juden starben als Märtyrer ihres Glaubens, oder sie wanderten nach Osten ab. Dabei nahmen sie die Sprache Walthers von der Vogelweide, die mit eigenen Elementen durchsetzt war, in die neue Heimat mit. Und sie bewahrten sie im sogenannten Jiddisch dort bis auf den heutigen Tag. V. Nicht grundsätzlich, wohl aber nach Art und Umfang verschieden, ist die schon kurz in anderem Zusammenhang gestreifte mittel- und westeuropäische Assimilation, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts einsetzte. Auf diese Epoche der Emanzipation sind heute vor allem die Augen gerichtet. Ihr Motto hat der Deputierte Clairmont-Tonnerre am 23. Dezember 1789 in der französischen Nationalversammlung gesprochen: ..Den Juden als Nation ist alles zu verweigern, den Juden als Menschen aber ist alles zu gewähren." In voller Uebereinstimmung mit diesem Grundsatz ist in Preussen die Emanzipation aus Gründen der Staatsnützlichkeit gewährt worden. Die massgebenden Erwägungen kennen wir aus dem Gutachten, das Wilhelm v. Humboldt erstattet hat, aus dem zweibändigen Buche von Dohm und zahlreichen anderen Quellen. Sie wurzelten in der Ueberzeugung, dass die Gleichberechti- . gung zur inneren Umstellung der Juden führen werde, mit dem Endergebnis, dass nach und nach die jüdische Bevölkerung aufgesogen und eingeschmolzen werden würde. Das Aufgehen der Juden war zwar nicht Bedingung, wohl aber Voraussetzung des Preussischen Edikts vom 11. März 1812. Die Verweigerung der restlosen Assimilation wurde als Widerspenstigkeit empfunden. Folgerichtig war während des ganzen 19. Jahrhunderts und bis zum Weltkriege die preussische, die deutsche Judenpolitik darauf abgestellt, die Juden durch Verschmelzung zum Versehwinden zu bringen. Wer diesem Staätsziel entsprach, wurde gefördert und belohnt. Wer unbeirrt Jude blieb, wurde zurückgesetzt. Wie der Staat verhielt sich die Gesellschaft. Dem Getauften standen ihre Türen offen. Das Heine-Wort, dass die Taufe das Entreebillett zur europäischen Kultur bilde, galt in weitem Umfange bis zum Kriege. Alle diese Faktoren wirkten im Zeitalter des Liberalismus mit wachsender Fallgeschwindigkeit. Die Abkehr vom Judentum, mit der man die Eingliederung in das deutsche Volk erkaufen zu können glaubte, nahm zu. Aber auch da, wo dieser letzte Schritt abgelehnt wurde, führte das Streben, dem Willen der Gesetzgeber gemäss die Eingliederung in die Umwelt möglichst weitgehend zu vollziehen, zu vielen Irrtümern und unorganischen Uebertreibungen. Allen diesen Erscheinungen widersetzte sich der Central-Verein seit seiner Gründung. Er war gewiss nicht dissimilatorisch eingestellt. Aber er war auf Steuerung, auf richtige Abgrenzung der Assimilation bedacht. Er unterschied sich scharf und deutlich von dem sogenannten „Assimilantentum", das nicht den Willen zum Judentum hatte. Dieser Pachtung hat der Centrai-Verein entgegengewirkt. Er hat vor allem die Abfallbewegung durch einen hinreichend starken Damm aufgefangen und zum Stehen gebracht. In voller Uebereinstimmung mit der damaligen staatsrechtlichen Auffassung und der fast geschlossenen öffentlichen Meinung gingen die Gründer des Centrai- Vereins von der Vorstellung aus, dass wir uns nur durch unsere Religion von der Umwelt unterschieden. Diese Annahme lag allzu nahe. Denn nach dem übereinstimmenden Verhalten von Staat und Gesellschaft schieden alle zum Christentum Uebertretenden endgültig aus der jüdischen Minderheit aus. Immer deutlicher aber wurde im Laufe der Entwicklung erkannt, dass angestammte Anlagen, überlieferte Werte sich in uns mit den nachhaltigen Eindrücken der Umwelt paarten. Das war der Sinn der von Eugen Fuchs gelehrten Synthese zwischen Deutschtum und Judentum. Der Centrai-Verein begann das jüdische Gemeinschaftsbewusstsein planmässig und erfolgreich zu p'flegen. Er stärkte und hob das Gefühl der jüdischen Verpflichtung. Es ist festzustellen, dass es seinem Einfluss gelang, das Interesse an jüdischen Werten zu vermehren und den Sinn für die Ehre unserer Gemeinschaft in weiten Kreisen neu zu wecken. Nach dem Kriege ist diese Arbeit des Centrai-Vereins umfangreicher und tiefer fortgesetzt worden. In den letzten VA Jahrzehnten vor der nationalsozialistischen Machtergreifung ist im innerjüdischen Kreise über Sinn und Inhalt unseres Judeseins lebhaft gestritten worden. Es ging vorwiegend um die durch die geistigen Zeitströmungen ausgelöste Streitfrage: Sind wir ein Volk wie alle anderen Völker? Oder eine Gemeinschaft eigener Art, eine Religions-, Stammes¬ oder Schicksalsgemeinschaft? In dieser- Auseinandersetzung mit dem nationaljüdischen Standpunkte lehnte der Centrai- Verein es ab, die Juden in die Reihe der anderen Völker einordnen zu lassen. Er bestritt, dass es unser Ziel sein solle, zur Normalität, zur Eigenstaatlichkeit zu gelangen. Er wies darauf hin, dass bei einem lokalisierten Leben die Judenheit wie andere staatliche Gemeinwesen aus der Zeit ihrer Entstehung längst untergegangen wäre. Aus den geschichtlichen Erfahrungen zog er den Schluss: Nicht die Wiederherstellung des vor 2000 Jahren gescheiterten jüdischen Staates, sondern das Leben in der Diaspora sei jüdisches Lebensgesetz. Als höchster Gedanke aber leitete ihn immer die Erhaltung des Judentums. Das, was man im jüdischen Lager mit dem Schimpfwort „Assimilantentum'' bezeichnete, hatte nie einen Platz im Centrai-Verein. Im Gegenteil: Taufe, Mischehe und den jüdischen Indifferentismus, also die hauptsächlichsten Erscheinungsformen des Assimilantentums, hat er stets energisch bekämpft. Die Folge war, dass im Kreise der wirklichen Assimilanten die Zugehörigkeit zum Centrai-Verein als „zu jüdisch" galt und verfemt war. vi. . Mit dem 30. Januar 1933 begann für uns Juden in Deutschland ein neuer Geschichtsabschnitt. Eine weitgehende Umstellung des Centrai-Vereins wurde unvermeidlich. Sein Gründungsziel, die Erlangung der uneingeschränkten Gleichberechtigung, erwies sich als undurchführbar. Auch sonst musste der grundlegend veränderten Auffassung der Staatsleitung sowie der Umwelt Rechnung getragen werden. Neue Aufgaben meldeten sich. Vor allem war die notwendige Auswanderung der auswranderungsfähigen Kreise durch die entsprechende Haltung im Innern vorzubereiten, planmässig . zu ordnen und zu finanzieren. Neu und radikal anders stellte sich die Frage-„Assimilation oder Dissimilation". Sie war unabweisbar, nachdem die Staatsrührung und die Nationalsozialistische Partei sich für die . Dissimilation entschieden hatten. Zu dieser von aussen her kommenden Triebkraft gesellte sich unser eigenes seelisches Erlebnis, dessen Stärke den Nichtbetroffenen unvorstellbar ist. Wie ein schwerer Schock hat dieses Erlebnis uns in der Tiefe unseres .Wesens getroffen. Beide Ursachen, die äussere wie die innere, wirkten in gleicher Richtung. Sie zwangen uns, unsere geistige Situation zu überprüfen und uns neu zu orientieren. Es konnte schon auf Grund der gefühlsmässigen Reaktion kein Zweifel darüber herrschen, dass der Weg der Assimilation für uns Juden in Deutschland zu Ende war. Die Träger der Verantwortung durften nicht im Affekt handeln. Sie hatten zu prüfen, was zu tun war, was geschehen konnte. Sie durften da^mit rechnen, dass ihre Gefolgschaft willens war, sich aus den Kräften des Judentums eine eigene Welt aufzubauen. Diese Willensrichtung galt es zu stärken, zu festigen und ihr konkrete Ziele zu setzen. Kein Verantwortungsträger hat sich dieser Pflicht entzogen. In nicht geringem Umfange stimmten alle innerjüdischen Richtungen diesem einheitlichen Programm zu. Alle erkannten die Notwendigkeit, die jüdische Substanz anzureichern. In stattlicher Zahl wurden Xehrhäuser eröffnet und fleissig besucht. Die zahlreichen Arbeitsgemeinschaften, die sich in ihrem Rahmen bildeten, leisteten Produktives. In kurzer Zeit wurden die jüdischen Kulturbünde in Gang gebracht. Es ist zuzugeben, dass sie in der Wahl ihrer Stoffe nicht immer glücklich waren. Aber derartige Anlaufsschwierigkeiten sind unvermeidlich. Die von. Juden für Juden geschriebenen Zeitungen und Zeitschriften trugen der veränderten Lebenslage Rechnung. Nicht nur die Schriftleitungen, sondern auch die Leser unterstützten die notwendig gewordene Entwicklung mit ihrer Bereitschaft und ihrem Verständnis. Diese unsystematisch herausgegriffene Aufzählung ist bei weitem nicht erschöpfend. Sie soll nur die Festigkeit und Ernstlichkeit des Entschlusses veranschaulichen. VII. Die Kernfrage war: Ist es möglich, und inwieweit ist es möglich, eine in der Vergangenheit vollzogene Anähnelung rückgängig zu machen? Leidenschaftliches Nachdenken und gewissenhaftes Abwägen führten zu der Erkenntnis, dass selbst dem energischsten Wollen hier unüberwindbare enge Grenzen gezogen sind. Das Hemd und den Anzug kann man mühelos wechseln. Was aber die Seele aufgenommen, sich wirklich angeeignet hat, ist unausrottbar. Einhundertfünfzig Jahre lassen sich nicht streichen. Die Erlebnisse von fünf aufeinanderfolgenden Geschlechtern hinterlassen tiefe Spuren. Wer so lange die deutsche, die europäische Kultur liebte und verehrte, kann nicht plötzlich verbrennen, was ihm bisher viel bedeutete. Ein Zurück zu dem im 18. Jahrhundert gesprengten Ghetto ist unmöglich. Darüber gibt es unter jüdischen Meeschen keine Meinungsverschiedenheit. Was noch umstritten ist, ist allein der Sinn und Inhalt unseres Judeseins, wie ihn die Zunkunft gestalten soll. Dabei gehen die Wege auseinander. Wir Nichtzionisten erkennen freimütig an, dass der Zionismus eine jüdische Kraftquelle von realer und seelischer Bedeutung ist. Aber wir teilen seine Weltanschauung nicht, weil sie allzu einseitig auf Palästina gerichtet ist, und weil die nationale Grundlage des zionistischen Programms uns geschichtswidrig erscheint. Wir sind der Ueberzeugung, dass die Zukunft unserer Gemeinschaft, die Jahrtausende überdauert hat, nur auf der Grundlage jüdischer Religion, jüdischen Wissens und einer genauen Kenntnis unserer einzigartigen Geschichte weiter gesichert werden kann. Die Frage „Assimilation oder Dissimilation" greift in diesen Richtungsstreit nicht ein. Sie ist weder für die nach Palästina Uebersiedelnden — Zionisten wie Nichtzionisten — noch für die in Deutschland Zurückbleibenden akut. Von Bedeutung ist sie freilich auch in der Gegenwart für die Frage der Auswanderung . Von den rund 110 000 jüdischen Menschen, die in den letzten vier Jahren Deutschland verliessen, hat nur etwa ein Drittel seine neue Heimat in Palästina gefunden. Die weit überwiegende Mehrheit hat sich nach anderen Ländern gewandt und ist dort untergekommen. Sie setzt die Diaspora-Existenz fort. Dass das kleine und erst im Aufbau begriffene Palästina zur Heimat einer so stattlichen Zahl wurde, wird gern und dankbar anerkannt. Wie weit künftig seine Tore offenstehen werden, bestimmt die 'englische Mandatsmacht. Dass sie ein Ansteigen des Einwandererstromes zulassen wird, ist schwerlich zu erwarten. Eher ist eine Verlangsamung des Tempos zu befürchten. Es müssen also alle Ansiedelungsgelegenheiten, wo immer in der Welt sie sich bieten, genutzt werden. Denn selbst wenn alle diese Möglichkeiten ausgeschöpft werden, wird lediglich eine begrenzte Abwanderung erfolgen können. Veranstaltungen im C.-V. Groß-Berlin Ober „Grundgedanken und praktische Aufgaben jüdischer Gemeinschaftsarbeit" sprechen Rabbiner Dr. Werner van der Zyl, Amtsgerichtsrat a.D. Dr. Fr. Goldschmidt am 2. März, 20 Uhr 30 Min., in der Ortsgruppe Weißensee, Taubstummenanstalt, Parkstraße 22 Rabbiner Dr. Manfred Swarsensky, Syndikus Dr. Hans Reichmann am 3. März, 20 Uhr 30 Miii., in der Ortsgruppe Nordosten, Osten, „Berolina - Festsäle", N. 58, Schönhauser-AJIee 28. Diejenigen, die nicht in Palästina Einlass erhalten und deren Wunsch nach einer anderen Heimat in Erfüllung geht, müssen sich auch gesinnungsmässig weiter dem Leben in der Welt erschliessen. Ihre neuen Heimatländer fordern Einordnung. Sie machen, wie die bereits erwähnte südafrikanische Alliens-Bill, Assimilationsf ä h i g k e i t oder, wie das jüngst verabschiedete Schweizer Gesetz, Assimilationswillen zur Voraussetzung. Um diese Tatsachen ist nicht herumzukommen. Bei der Schulung der Jugend, bei ihrer Vorbereitung zur Uebersiedelung muss darauf Rücksicht genommen werden. Gewiss bemühen wir uns unserer alten Richtung gemäss nach Kräften, unsere Jugend jüdisch zu befestigen, ihr jüdisches Wissen zu vermehren, ihre Liebe und Treue zum Judentum zu vertiefen. Aber wir müssen sie auch einwanderungs fähig machen. Dazu gehört, dass sie mit dem festen Vorsatz zum Wanderstab greift, nicht eine Episode zu beginnen. Eine traurige Zukunft wäre ihr beschieden, wenn sie nicht fest entschlossen wäre, im neuen Erdreich W7urzel zu schlagen. Eine Erziehung, die dem nicht Rechnung trägt, wäre unverantwortbar. Sie würde nicht nur die Auswanderungsfähigkeit herabsetzen, sondern auch eine schrittweise Linderung der Judennot in der ganzen Welt, die der unterschiedslose Wunsch alier jüdischer Richtungen ist, an entscheidender Stelle gefährden. Heldengedenktag 1937 Am 21. Februar fanden auch in diesem Jahr in allen jüdischen Gemeinden Deutschlands Feiern zum Gedächtnis der 12 000 Juden statt, die im Weltkrieg, in den Reihen des deutschen Heeres gefallen sind. Diese Gedenkstunden wurden fast überall vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten veranstaltet. Uns liegen unter anderem Berichte aus München, wo Rabbiner Dr. Baerwald, aus Hamburg, wo Oberrabbiner Dr. Carleb a c h epraeh, aus Breslau, Dresden, Frankfurt, Hannover, Magdeburg und W o r m s vor. Die Berliner Feiern begannen mit einem Gedenkgottesdienst in der Neuen Synagoge in der Oranienburger Strasse. Der untere Raum war für die Frontkämpfer freigehalten, die in einem über 2000 Mann starken Zug einmarschierten. Die vorderen Reihen waren für die Kriegsbeschädigten reserviert, die Emporen für die Kriegermütter, Kriegswitwen und Kriegswaisen. Der nkhtarische Kriegerverein war durch eine starke Abordnung vertreten. Nach Orgelmusik und Kranzniederlegung hielt Rabbiner Dr. W. van der Zyl die Gedenkrede. Alle jüdischen Organisationen hatten zu dieser Feier ihre Vertreter entsandt — für den Centrai-Verein war Rechtsanwalt Ferdinand Samoje erschienen — wie auch zu der Heldenehrung, die am Nachmittag auf dem Heldenfriedhof in Weissensee stattfand. Dort sprach als ehemaliger Feldrabbiner Dr. W i nt e r. Hauptmann a. D. Dr. Leo Löwenstein legte als Bundesvorsitzender des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten einen Kranz nieder. Der Abmarsch erfolgte in geschlossener Formation bis zum Ausgang des Friedhofs. Hauptschriftleit^t: Dr Alfred Hirschberg; Stellvertreter und verantwortlich für die Aufnahme von Bildein: Dr Margarete Edelbeim Verantwortlich für Spott: Dr Ernst G. L fi w e n ( h a 1 , «ämtlich in Berlin. Für Rücksendung unverlangter Einsendungen ist Freiumschlag beizufügen. Leiter der Anzeigen Abteilung und verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Friedrieb Nathan, Berlin. D4 IV. Vj. 40 000. PI. 5. Verlag: Jüdischer Centrai-Verein e. V.. Berlin W 15, Emser Strasse 42. Druck der Buch- und Tiefdruck Gesellschaft mbH, Berlin SW 19. Besichtigen Sie unsere sehenswerte GAB MW EN-SC BA U fTtTs) fcr\ Neue Dekorationen und Stoffe in gjo^sf r A u s w ahl (QdTFibP ££&ifg2&