Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 8 (25.2.1937)
- Date
- 1937-02-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XVI. Jahrgang / Nr. 8 Berlin, 25. Februar 1937 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung, Anzeigenannahme. Vertriebsabteilnng): Berlin W 15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centralglauben, Berlin. Postscheekkonto: Berlin <0344. Die C.-V.-Zeitucg erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftestelle entgegen. Zustellnng erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den l ostboten erhebt. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebiihr) zuzügl. IS Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2,30 RM(umgerechnet, in die Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengebiihren: Preislist« o^güitig. Die 12gespaltene mm-Zeile 20 Rpf., für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ermäßigte Grundpreise s. Preisliste. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platjf " •—«u» v^Km^.eh^t. Assimilation, Dissimilation Auswanderung / Vom Dr. Merzfeld (Essen) i. Immer wieder, neuerdings in der südafrikanischen Aliens Bill,- begegnen wir den Begriffen Assimilation, Dissimilation, Auswanderung in ihren Zusammenhängen. Das Problem, das sie stellen, ist uralt. Es taucht regelmässig dort auf, wro Menschen verschiedener Abstammung und Art im gleichen Räume vereinigt sind. Dann entstehen Spannungen, Reibungen, Gegensätze, die zum Ausgleich drängen und bewältigt werden müssen. Das Ringen um die so beeinträchtigte Lebensordnung bildet einen gewaltigen Teil der Weltgeschichte. Mannigfach ist der Verlauf. Bald wird um die Macht, die Herrschaft im gemeinsamen Raum gekämpft, bald geht es um die Erhaltung der ererbten Eigenart. Oft, wenn auch keineswegs immer, stehen sich Mehrheit und Minderheit gegenüber. In der Regel fordert die Mehrheit eine weitgehende Anglelchung an sie oder gar ein vollständiges Aufgehen der kleineren Gruppe. Die Minderheit setzt sich zur Wehr. Sie will ihr Volkstum oder ihre überlieferte Religion, ihre angestammte Kultur und Sitte oder ihre Muttersprache nicht aufgeben. Mannigfach wie Schauplatz und Entstehung war auch der Ausgang dieser historischen Kämpfe. Zahlreiche Völker sind dabei spurlos untergegangen. So die zehn Stämme Israel, so auch die Cimbern, Teutonen, Langobarden und Normannen, die durch Kriege geschwächt in widerstandsloser Assimilation der Auflösung verfielen. Dagegen hat z. B. der amerikanische Schmelztiegel alle Einwanderer derart verändert, dass kaum noch feststellbar ist, wer sich assimiliert und wer sich durchgesetzt hat. Da es sich bei den uns bewegenden Fragen überwiegend um ein Minderheitenproblem handelt, sind wir Juden von jeher besonders durch sie betroffen. Schon vor Erlangung unserer staatlichen Selbständigkeit in Aegypten waren sie für uns gestellt. Und selbst unser palästinensisches Reich war, wenn wir auch in ihm die Mehrheit bildeten, nicht nur mit den zwölf Stämmen besiedelt. Neben ihnen lebten die Besiegten. Und nicht nur neben ihnen. Die Bibel berichtet von wiederholter In dieser 22seitigen Nummer finden unsere Leser u. a.: Die Aufsätze: Hans Freyhan: Die Persönlichkeit Mendelssohn-Bartholdys. — Bruno Weil: Peru. — Michael Fraenkel: Berthold Auerbach. — Kurt Julius Riegner: Koc bricht das Schweigen. — H. W—L: Die Organisation der Wirtschaft. — Dr. Kurt Siillschweig: Die jüdische Kulturautonomie Estlands. )ze Beilagen: Wirtschaft der Woche. Palästina-Umschau. - Kunst. — Schachecke. - Sportblatt. Buch und Uebernahme fremder Kulte. Ebenso fest steht, dass später die griechische Kultur und die hellenischen Lebensformen starken Einfluss auf das jüdische Volk ausgeübt haben. Ganz besonders aber nach dem Verlust der staatlichen Selbständigkeit, also seit dem babylonischen Exil, erlangte die Frage — Assimilation oder Dissimilation — für die Juden, wo auch immer sie lebten, überragende Bedeutung. Und dabei ist es bis zur Gegenwart geblieben. IL Bevor wir näher auf die historischen Erscheinungsformen der Assimilation eingehen, ist Wesen und Art des Vorganges klarzustellen. Das Wort Assimilation stammt aus dem Lateinischen und heisst wörtlich übersetzt: An ahn elung. Der Begriff der Assimilation diente ursprünglich zur Kennzeichnung biologischer Entwicklungen. Wenn ein Organismus sich veränderten Verhältnissen anpasste, so sprach man von Assimilation. Später wandte man die Bezeichnungen auch auf die Beziehungen zwischen Individuen und Gemeinschaften an. Leben sie mit oder auch nur nebeneinander im gleichen Räume, so findet eine Beeinflussung statt. Sie hängt u. a. von der Beschaffenheit des Erdbodens, seinem Reichtum oder seiner Armut, dem Klima, der Ernährung und Beschäftigung ab. Zu diesen materiellen Umständen gesellen sich als Motive der Anähnelung psychische Tatbestände. Hier ist zunächst an den menschlichen Nachahmungstrieb zu denken, dessen sichtbarste Erscheinungsform die Mode ist. Ungleich wichtiger als diese mehr äusserliche Anpassung ist, ob beim Zusammenleben von einander unterschiedener Gemeinschaften die Eigenart im Denken, Wesen und Handeln geändert oder ganz preisgegeben wird. Man muss wohl zunächst zwei Gruppen von Assimilationsvorgängen auseinanderhalten. Die zwangsläufige und die freiwillige, die gewollte Assimilation. Wenn auch die Grenzen nicht immer scharf sein mögen, so fördert diese Trennung doch unsere Untersuchung. Wie weit die unvermeidliche Anpassung sich erstreckt, ist durch Zeit und Ort bedingt. Unter primitiven Verhältnissen ist, zumal bei Gruppensiedlungen, die Einwirkung der Umwelt gering. Dagegen ist in der Gegenwart die Möglichkeit, unbeeinflusst zu bleiben, ganz erheblich kleiner. Wer die Sprache seiner Umwelt in Wort und Schrift nicht wenigstens leidlich beherrscht, findet keine Lebensmöglichkeit. Sprechen kann man aber bekanntlich erst, wenn man nicht mehr übersetzt, sondern in der. Sprache denkt, wenn man.sich allen aus der Sprache unwillkürlich auf den Sprecher überströmenden Einflüssen geöffnet hat. Wer kann sich ferner der Wirkung der Presse, des Radios, des Films, der Kunst und schliesslich der Mode entziehen? Sehr in sich gefestigte Naturen werden vielleicht weniger beeindruckt werden als Durchschnittsmenschen. Allein das sind nur quantitative Unterschiede. Alle diese Faktoren haben dazu geführt, dass in der ganzen zivilisierten Welt die Lebenshaltung, die Lebensformen und in nicht geringem Ausmasse die Lebensinhalte der auf gleichem Räume lebenden Gemeinschaften auch verschiedenen Ursprungs sich stark angeähnelt haben. Diese Art der Anpassung, die mit Hilfe aller zivilisatorischen Mittel vor sich geht, wird man im ganzen als zwangsläufig ansehen müssen, mag auch der Widerstrebende von ihr weni- ger als der willig Mitgehende beeinflusst werden. Dieser — unvermeidlichen — Assimilation sind die Juden infolge ihrer Ausbreitung besonders stark ausgesetzt gewesen und noch unterworfen, zumal in den Ländern, in denen sie nur eine kleine, zerstreut lebende Minderheit bilden. Daher sind die Juden in Mittel- und Westeuropa sowie in Amerika weit mehr assimiliert als die'Juden, die in den geschlossenen Siedlungen des Ostens ein von der Umweit stärker abgegrenztes Dasein führen. III. Der subjektive Wille einer Gemeinschaft ist bisher nur beiläufig als Hinderrungswille, der den ererbten Kern umhegt und schützt. Zwischen diesen Extremen liegen vielfach abgestufte Möglichkeiten. Tietz hat richtig erkannt, dass es in der Praxis nicht leicht ist, die in der Theorie klare und scharfe Scheidelinie festzuhalten. Die Verantwortung dafür hat er den Lehrern und Führern auferlegt. Die ihnen zugeteilte Aufgabe ist schwer. Nur starke Persönlichkeiten können sie meistern. Und nicht jedes Geschlecht hat Führer und Lehrer von hinreichendem Ausmass, Lehrer und Führer, die der erzieherischen Arbeit am spröden Menschenmaterial gewachsen sind. Man denke nur einmal an den uns am nächsten berührenden Sonderfall des Judentums in Deutschland, wie es im 18., 19. und dem ersten Drittel des 20. Jahrhun- derts geformt wurde: Eine Minderheit von knapp einem Prozent wuchs in der Sprache der Umwelt auf. Sie wurde in den Schulen der Mehrheit erzogen. Um sie herum flutete ein reiches, buntes Leben. Nur ein sehr starker Selbstbehauptungswillen konnte unter solchen Umständen an der richtigen Stelle haltmachen. Viel hing von der Ein- JÜDISCHER CENTRAL-VEREIN E.V. Kundgebung Geist und Gestaltung jüdischer Arbeit Donnerstag, 4. März 1937, abends 8.30, genau Grosser Saal des Brüder-Vereinshauses, W 62, Kurfürstenstrasse 115/116 Es sprechen: Dr. LeO Baeck Präsident der Reichsvertretung der Juden in Deutschland Heinrich Stahl Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin Dr. Herzfeld (Essen) Vorsitzender des Jüdischen Central-Vereins E. V. nis, als Bremse der Assimilation erwähnt worden. Von diesem — dissimilatorischen — Willen wird noch zu sprechen sein. Vorab muss der Wille in seiner positiven Richtung, die ganz überragende Bedeutung der freiwilligen, der gewollten Assimilation klargestellt werden. Der assimilatorische Wille kann auf zwei verschiedene Ziele gerichtet sein, die sich durch die Willens r i c h t u n g, das assimilatorische Ziel voneinander unterscheiden. Der uns viel zu früh entrissene Dr. Ludwig Tietz hat am 10. Februar 1928 in diesen Blättern richtig ausgeführt: „Es ist zu unterscheiden zwischen Assimilation im Akkusativ und im Dativ, ob ich mich oder mir assimiliere. . Jene ist S e 1 b s t m o r.d, diese ist nichts anderes als das L e b e n selber. Alles Wachstum ist beständiges Assimilieren. Aufnehmen. So hat auch das Judentum jederzeit die seinem ursprünglichen Wesen gemässen Elemente der Umwelt (sibi) assimiliert. Es ist die Aufgabe seiner Lehrer und Führer, zu verhüten, dass es sich (se) assimiliere und auflöse." Damit sind die polaren Gegensätze aufgezeigt: Bewusste Preisgabe oder Beharstellung der Umwelt ab. Da sie zeitweise ein Aufgeben der Minderheit geradezu .verlangte, den Uebertritt, die Preisgabe des V.ätererbes belohnte, wurde die Abwehr ausserordentlicherschwert. . - IV. Die Lehrmeisterin Geschichte liefert uns Juden aber auch sonst recht bunte Illustrationen zu diesen Erkenntnisseh. Die Entwicklung ist, ähnlich wie'bei manchen anderen welthistorisch bedeutsamen Problemen, nicht gradlinig verlaufen. Perioden mit weit erstreckter Assimilation wechsein mit. Abschnitten kräftiger Dissimilation. Als Schulbeispiel einer hochassimilierten Epoche in der Römerzeit ist die alexandrinische bekannt. Später erreichte das Judentum im arabischen Spanien einen Gipfel der Assimilation. Im frühen Mittelalter haben sich die Juden in Westdeutsehland weitgehend assimiliert. Aber sie widerstanden dem Drängen der damals schrankenlos herrschenden Kirche. Sie lehnten es ab, durch die weit geöffnete Tür in die kirchliche Gemeinschaft einzutreten/ Mit den Kreuzzügen setzte der Rückschlag des