Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1937-02-18 · 7 (18.2.1937) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
7 (18.2.1937)
Date
1937-02-18
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277516-2277523--11638-2281189
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Konzerte und Vorträge in Berlin und im Reich Alexander Kipnis setzt mit der Registerarie,ein, und schon bei den ersten Takten ist um ihn die Atmosphäre der Bühne und das besondere Fluidum der Don-Giovanni-Partitur. Kipnis singt die grosse Arie des Boris, und wir haben Gestalt und Situation vor uns. Dieser wahrhaft grosse Sänger erschöpft sich nie im Stimmtechnischen, wie so viele andere; all dieses, die leuchtende Höhe, die Linienführung von einer instrumentalen Glätte, der Farbreichtum der Register und was man sonst nennen könnte, es ist da, aber nicht als Selbstzweck, auch nicht als Voraussetzung, auf der sich erst ein Ausdruckswille aufzurichten sucht, sondern es ist mit diesem Ausdruckswillen zu einer unlöslichen Einheit verschmolzen. In dieses Bild fügt«' es sich, wenn Kipnis die fremdsprachlichen Texte vorher übersetzt, ja bisweilen Worte der Interpretation einstreut, um diese Einstellung auf seine Hörer zu übertragen. Es geht etwas wie Grandezza von diesem Künstler aus, so dass auch die jiddischen Lieder ihrer gewohnten Vertraulichkeit entkleidet werden und in neuartiger, aber keineswegs nachteiliger Beleuchtung erscheinen. Dem Publikum, das insgeheim einen „Reisser" erwartet, setzt Kipnis als Zugabe Lieder wie Schuberts „Wanderer" und Schumanns „Mondnacht" vor, und wenn bisweilen eine gewisse Akzentverlagerung ins Dramatische stattfindet, so wird man doch solch verinnerlichter Lieddarstellung bei Sängern, die von der Bühne kommen, nicht eben häufig begegnen. — Rudolf Schwarz war ein unaufdringlicher, überaus gewandter Begleiter. Angesichts der Verarmung, die unserm jüdischen Musikleben infolge der ständigen Abwanderung namhafter Künstler droht, werden wir lernen, Abende von diesem Format immer höher einzuschätzen. H. Fr. Der Berliner Kulturbundchor unter Berthold Sander brachte in einem Winterhilfskonzert der Hermann-Falkenberg-Synagoge verschiedene Glanzstücke seines Repertoires. Sander zeigte in zwei geistlichen Sätzen von Mendelssohn sorgsamste dynamische Arbeit. Man genoss die schwere Süsse der Liebesliederwalzer von Brahms und das Urwienertum der „Blauen Donau", die natürlich einen Beifallsorkan auslöste. Unter den jüdischen Gesängen .fand das anspruchsvolle Mägdlein, das sich in seinen Heiratswünschen nicht unter einem „Rebben" bescheidet, eine besonders liebevolle Aufnahme. Die donkosakisch-kräftige Horra „En se pele" von Petruschka entzündete eine Begeisterung, die zur Wiederholung nötigte. Der Energie, mit der man sich die Ausdrucksbezirke östlicher Chorkunst anzueignen bestrebt ist, ist der Erfolg nicht versagt geblieben. H. Fr. Das sechste Abonnementskonzert des Jüdischen Musik Vereins Breslau leitete für den erjkrankten Kapellmeister Havelland erstmalig Dr. Fritz B e r e n d. Schon nach den ersten Takten ergab es sich, dass er in wenigen Proben den unbedingt erforderlichen Konnex mit dem Breslauer Orchester gefunden hat. Längeres Zusammenarbeiten hätte gewisse Einzelheiten, besonders agogischer Art, noch schöner ausreifen lassen; doch der Gesamteindruck der Wiedergabe des etwas bunten Programms, 'dessen Barockwerke übrigens ein Cembalo erfordert hätten, war sehr befriedigend. Die raschen Fortschritte der zum Teil recht jungen Holzbläser konnte man in einem Händeischen Concerto grosso und in Rossinis Ouvertüre „Die Italienerin in Algier" beobachten. Paula S a 1 o - mon (Lindberg), die Solistin des Konzerts, hörten wir hier zum ersten Male. Ihre prachtvoll kultivierte Stimme begeisterte die Zuhörer ebensosehr wie der stilistisch überlegene und dabei doch sehr dezente Vortrag italienischer, jüdischer und russischer Gesänge, deren Klavierbegleitungen Dr. Berend selbst betreute. Hff. Im Jüdischen Kulturbund Düsseldorf stellte, sich die Geigerin Annie Steiger- B e t z a k mit einem anspruchsvollen Programm. Mit technischer Zuverlässigkeit formt sie jeden Ton schlackenrein, gross und edel; ihr Vortrag ist stark verinnerlicbt und überzeugend. Selten hörte man die Bacb-Sonate in G-moll so stilrein und klar gegliedert im Aufbau; eine alle Wünsche erfüllende Leistung. Die Düsseldorfer Pianistin Irma Pulver mann war der Geigerin bei der Tartini-Teufelstrillersonate eine anerkennenswerte Partnerin. Bei der Kreutzer-Sonate, die dem Klavierpart volle Selbständigkeit und eigenes Nachschaffen zudiktiert, Hess sie leider das notwendige kammermusikalische Gefühl vermissen; hier war die Geige mehr hemmend als mitreissend. Draufgängertum ist noch kein Ausdruck für Leidenschaft. So fehlte die grosse Linie, und die Sonate erblühte nicht zu der aufwühlenden Leidenschaftlichkeit, die diesem Werk den klassischen Stempel aufdrückt. Immerhin, ein gewinnbringender Abend, für den das zahlreich erschienene Auditorium herzlichst dankte. — An einem anderen Abend begeisterte Alexander Kipnis die Zuhörer wiederum durch seine grosse Gesangskunst. In Liedern von Haydn, Schubert und Schumann, jüdischen und russischen Volksliedern gab er mit dem Wohllaut seiner Stimme und seinem lebendigen, sinnvoll akzentuierten Vortrag, wie immer, ganz Bedeutendes. In den Beifall konnte sich Kapellmeister Erwin Palm, der den Sänger wundervoll begleitete, mit Recht teilen. J. C. Im Kulturbund für Ostwestfalen und angrenzende Gebiete (Sitz Herford) sprach Otto Bernstein aus Werken von Buber, Cohn und Perez. Das grosse Können des Künstlers schuf 'hier eine Wiedergabe, die einen nachhaltigen Eindruck hinterliess. W. H. In Bielefeld fand eine Veranstaltung zum Besten der Jüdischen Winterhilfe statt, in der Charlotte Salomonsky-Rosen (Violine), Berlin, Hilde Marx (Rezitation), Berlin, Ciaire Weiss (Klavier), Bielefeld, und Waldemar Liachowski (Klavier), Berlin, mitwirkten. Die Veranstaltung war sehr gut besucht, so dass ihr Zweck voll erreicht wurde, und der Beifall spontan. Im Rahmen des Kulturbundes Rhein-Ruhr gab Walter Herz (Hertner) einen Rezitationsabend. Das Programm enthielt den Prolog zu Beer-Hofmanns „König David'*, das erste und achte Bild aus Stephan Zweigs „Jeremias" und drei Stücke aus Israel Zangwills „König der Schnorrer". Das Publikum ist Zangwills Humor heute besonders aufgetan. Hertner rechnet damit und hält sich in der Wiedergabe sehr zurück. Er erzählt. Persönlich tritt er da mehr hervor, wo die Möglichkeiten sprachlicher Entfaltung grösser sind. Beer-Hofmann rührt in seinem Prolog an die Wurzeln dramatischen Schaffens überhaupt. Es sprechen der Dichter, seine Frau, ein 13jähriger Knabe und Stimmen aus dem Publikum. Die Diskussion geht um „Wort"- oder „Bilddrama". Der Dichter entscheidet sich für das Wort, das so stark sein muss, dass es dem Hörer, ohne ihn abzulenken, Bild wird. Mit grosser Intensität, dabei beherrscht, sprachlich Bilder bauend, spricht Herz die Szene, in der Jeremias flüchtig, verzweifelt, verlassen und Gott leugnend zu seiner Sendung zurtckfindet tm3 im Elend" seine GlauSensb'rüd'er zur Tat aufruft. L. S. In der Aachener" Synagoge boten Paula S a 1 o m o n - Lindberg (Berlin) und der Aachener Oberkantor Bernhard A11 in einem gemeinsamen Konzert erlesene Genüsse. Trotz der Gleichartigkeit der Stimmlage (Alt-Bariton) ergänzten sich die Stimmen der Künstler grossartig, weil beide die gleiche seelische Intensität des Tones mitbringen, die den Zuhörer so warm anspricht. Die gleiche Anerkennung wie die beiden Solisten fand auch ihr Begleiter Hans Dusch, der Organist der Aachener Synagoge. Die Jüdische Winterhilfe der Gemeinden Bayreuth und Bamberg veranstalteten gemeinsam einen „Bunten Abend". Die Tänzerin Hede Kaufmann, Bayreuth, eine vielversprechende junge Künstlerin, erntete stürmischen Beifall. Kantor Scheuermann, Nürnberg, brachte mit klangvollem Bariton Werke von"Mendelssohn, Schubert, Wolf und Grieg wirkungsvoll zu Gehör. Klothilde Levy, Nürnberg, begleitete verständnisvoll. In Konstanz sprach Josef Pikard, Konstanz, über „Jüdische Kunst und jüdische Künstler", besonders über Gestaltung jüdischen Kunstschaffens und seiner Beeinflussung durch die Kulturen der umgebenden Völker aller Zeiten. Hanna Schiff, "Karlsruhe, behandelte „Das Judentum an der Wende des 18. und 19. Jahrhunderts". Lotte B ä r - L e v y, Wiesbaden, erfreute die Konstanzer Gemeinde mit genussreichen Rezitationen, worunter eine der neuen Novellen Jakob Picards besonderen Anklang fand. Stg. Der Karlsruher Verein für jüdische Geschichte und Literatur (Kulturbund) setzte die Reihe seiner Veranstaltungen mit Konzerten des Winawerchors und des Mendelssohn-Trios fort. Beides beifallsfreudig, wenn auch leider von keinem allzu zahlreichen Publikum aufgenommene Veranstaltungen. Zwischen den Darbietungen des Winawerchors sprach Edith Herrnstadt-Oettingen in eindrucksreicher Weise einige Rezitationen. Hans A s s e n h e i m, begleitet von der Karlsruher Pianistin Martha Leyser, sang zwischen den Kammermusikvorträgen des Mendelssohn- Trios einige Lieder, darunter auch solche des Karlsruher Komponisten Richard Fuchs. Stg. Die Wiedergabe der beiden heitren Singspiele „Das Mädchen von Elizondo" von Ottenbach und „La serva padrona" von Pergolesi bedeutete für den Jüdischen Kulturabend Hannover etwas Neues und künstlerisch Wertvolles. In frohester Laune wurden die melodiösen Werkchen von Rita Atlasz und den Herren Dresdner, Pechner und R a h m e r gespielt und gesungen. Nicht wenig zum Gelingen des Ganzen trugen die von dem einheimischen Kunstmaler Edwin Oppler geschaffenen reizvollen Bühnenbilder bei. Ein Streichquartett fungierte als flott begleitendes Miniaturorchester, das Kapellmeister Dr. Fritz Berend vom Flügel aus leitete. Er betreute auch die graziös-humorvollen Aufführungen mit überlegener Sicherheit und wurde mit seiner Künstlerschar stürmisch umjubelt. Dieselbe Veranstaltung fand einen gleich starken Erfolg im Braunschweiger Kulturbund. In Frankfurt a. M. hatte das Gastspiel Max E h r 1 i c h s mit seiner Revue „Vorhang auf!" (die hier früher schon ausführlich gewürdigt wurde) durchschlagenden Erfolg. Max Ehrlich und Fritz Tachauer hatten wieder den Löwenanteil an dem starken Beifall. Werner B a e r leitete den musikalischen Teil und brachte den Melodien Willy Rosens den verdienten Beifall. Cläre Arnstein und Edith Eisenheimer trugen das ihre zum Gelingen des Abends bei. Max Ehrlich gastierte mit „Vorhang auf!" auch in den Kulturbünden Mannheim, Hannover (zugunsten der Jüdischen Winterhilfe) und Hildesheim mit grossem Erfolg. In einem Abend unterhielten Max Ehrlich und Fritz Tachauer die Mitglieder des Kulturbundes Baden-Baden und ernteten starken Beifall. 1 Im Februar-Orchester-Konzert des Frankfurter Kulturbundes interessierte das von Professor Julius P r ü w e r vom Klavier aus geleitete, sehr transparent und beschwingt vermittelte Concerto grosso von Ernest Bloch, eine slark vom Rhythmischen her bestimmte, dabei an Einfällen durchaus nicht verlegene Komposition. Starken Beifall fand ebenso die unverwelkt frische Londoner Sinfonie Haydns, deren Wiedergabe vielleicht noch um einige Grade abgetönter sein konnte. Herzlich geleiert wurde die früher in Frankfurt a. M. heimisch gewesene Kölner Altistin Ruth Kisch- Arndt, die u. a. mit prachtvollem Vortrag ein Solo aus Mendelssohns „Walpurgisnacht" und, vom Dirigenten feinsinnig und ebenbürtig begleitet, eine" Reihe Goethe-Lieder von Hugo Wolf in vornehmer klanglicher Wiedergabe zu Gehör brachte. —tt. Wilhelm Guttmann (Bariton) und Erna Klein (Klavier) gaben in Halberstadt ein ausgezeichnetes Konzert. Guttmann sang mit seiner vollen, schlackenfreien Stimme, die gleich gut im forte wie im piano anspricht, Arien und Lieder. Erna Klein war sowohl als Begleiterin wie als Interpretin einiger Klaviersoli eine sichere und immer geschmackvolle Pianistin. — Die beiden Künstler boten auch den Mitgliedern der Gemeinde Rathenow einen genussreichen Abend. Der Jüdische Kulturbund Halle veranstaltete einen Lieder- und Duettenabend. Es sangen Cilly Zuckmann-B isony (Sopran), Berlin, und Dr. Leo Barczinski (Bariton), Berlin. Am Flügel Leo Schönbach, Halle. Man hörte Lieder und Duette von Dvorak, Schumann, Tschaikowsky, Chopin, Brahms, Mozart, Rossini. Hedi H a a s e , begleitet von Rudi Lehmann, brachte im Kulturbund Plauen i. V. einen „Heiteren Abend". Die Chansons und Szenen von Gestern und Heute (mehr von gestern als von heute!) fanden freundliche Aufnahme des zahlreichen Publikums. Der Begleiter spielte mit brillanter Technik Werke von Chopin und Liszt. Neue Sehallplatten Electrola bringt in ihrem Dezember-Programm eine technische Neuaufnahme des von Fritz Kreisler gespielten D-dur-Konzertes von Beethoven. * Artur Schnabel spielt auf His Masters Voice-Platten (Serie: Piano Sonata Society vol. 10) Beethovens Hammerklaviersonate. * Aus dem erfolgreichen Lustspiel „Axel an der Himmelstür" von Paul Morgan und Max Hansen, das in Wien bereits über 100 Aufführungen erlebte, bringen Columbia und Odeon je zwei Aufnahmen. * Die englische Schallplattenfirma His Masters Voice bringt an Novitäten u. a. Schumanns Klavierquartett mit Arthur Schnabel (unter DB 2387 bis 2390), ferner Brahms' Violinkonzert, gespielt von Fritz Kreisler (unter DB 2915—19). Der Jüdische Kulturbund Berlin weist besonders darauf hin, dass die Sonderveranstaltung von „Mensch e n i n Weiss" vom 2. März auf Sonntag, 28. Februar, 20.15 Uhr, im Kulturbundtheater vorverlegt Das Oratorium „Elias" von Felix Mendelssohn- Bartholdy wird durch die K ü n s 11 8 r h i I f e der Jüdischen Gemeinde Berlin in Gemeinschaft mit der Jüdischen Chor- und Orehester- Vereinigung am 9. März, 20 Uhr, in der Neuen Synagoge, Oranienburger Strasse 30, einmalig zur Aufführung gebracht. Solisten: Julius Peissachowitsch, Susanne Loew enstein, Emmy L u s s - h e i m e r. Alice Hannes. Max M a n s f e 1 d, Werner B a e r (Orgel). Musikalische Leitung: Leo Kopf. Ein Teil des Reinertrages fliesst der Jüdischen Winterhilfe zu. Ein altes Lied verteidigt sich In dieser Zeitung wurde vor kurzer Zeit ein Lied, das beinahe an die hundert Jahre alt ist, von einem Kritiker grimmig am Schopf gefasst' und ob seiner fröhlichen Trivialität arg geschmäht. Beileibe soll das Recht der Kritik nicht angetastet werden; nur von. der Historie des Liedes sei berichtet. Es handelt sich um den sog. „fröhlichen misemelech". Was hat es damit für eine Bewandtnis? In Paris lebte zu gleicher Zeit Halevy, Rossini — und der jüdische Kantor Naumbourg. Herzliche Freundschaft verband diese drei grossen Geister. An einem schönen Sommer fuhren sie gemeinsam in die Provence. Dort hörten sie ein fröhliches Erntelied; es wurde mir nicht berichtet, ob es während der Weinlese oder der Getreideernte war. Aber die fröhliche Weise dieses Liedes klang in ihnen. Irgendwie sollte sie einmal irgendwo aufleben. Als die ernsten Feiertage für den jüdischen Kantor vorüber waren und er heiteren Gemütes dem Simchat tora entgegensah, regte sieh in ihm der Gedanke, ein fröhliches Lied für den Teil des 24. Psalms zu schreiben, der beim Einheben der Tora gesungen werden sollte. Er berichtete davon seinem treuen Freunde und Verwandten Halevy. Beide gingen nun begeistert an die Arbeit, sie gedachten der fröhlichen Weise aus der Provence und benutzten sie unbedenklich für den heiteren, lichten Tag — es war ja Simchat tora, jener Tag, der die fröhlichsten Lieder im Osten und Westen zeitigte, ja, der selbst den Tanzrhythmus an heiliger Stelle für die Chassidim klingen liess. Und diese fröhliche Weise aus dem Naumbourgschen Werk zog in die ganze Welt, wird in zahllosen Synagogen am Simchat tora gehört. Da, fast hundert Jahre später, begibt es sich, dass der junge Dirigent eines Chores, den er „Jüdische Sängerknaben" nennt, und der mit der Bezeichnung „Synagogenchor" mindestens ebensogut seine künstlerische Aufgabe gelöst hätte, den fröhlichen Psalm, den er yieUeicht in der Synagoge gehört hat, an' der sein Vater wirkt, in einer Aufführung zu Gehör bringt. Wollte ich einem alten Juden in Saarbrücken, Strassburg oder Paris, in Prag oder Gleiwitz erzählen, welch starkes Aergernis der hiesige Kritiker an dem „fröhlichen misemelech" genommen hat, er würde mich, weiss Gott, nicht begreifen. Er würde es schwer übelnehmen, wenn er am nächsten Simchat tora auf Grund der Kritik den heiteren Sang nicht mehr hören würde. Die Kritik aber regte zum Nachdenken an, ob es da nicht auch geeignet wäre, so manch andere Komposition, die vor ungefähr hundert Jahren entstanden ist, aus dem Repertoir der gottesdienstlichen Gebrauchsmusik verschwinden zu lassen. Ich denke z. B. an Rossinis D-dur Ez chajim, der auch in vielen Synagogen gesungen wird und ob seines Charakters auch keine Gnade vor dem jungen Kritiker finden würde. Ja, ich denke daran, ob man dann nicht das ganze Naunibourgsche Werk mitsamt seinen Kompositionen von Halevy und Rossini in die Ecke werfen müsste. Da aber wären noch andere Folgen, nämlich die, fast die gesamte westliche Synagogengesangliteratur in den Bann zu tun. Fragt sich bloss, ob Tausende von Juden damit einverstanden wären? Der Kritiker hat so unrecht nicht, der „fröhliche misemelech" klingt wirklich wie ein Soldatenchor aus einer Oper des Jahres 1850. Vielleicht — o, Entsetzen — hat Bizet, bekanntlich der Schwiegersohn Halevys, dessen Soldatenchor aus „Carmen" uns ja recht fröhlich in die Ohren klingt, auch an diesem Chor mitgearbeitet. Und nun im Ernst, man kann wirklieb das eine tun und braucht das andere nicht zu lassen. Wir alle sind mit heiligem Ernst und Eifer bestrebt, den echt jüdischen und doch wahrhaft künstlerischen Stil unserer gottesdienstlichen Musik zu läutern und zu veredeln. Ehe wir jedoch darangeben, alte Gesänge, die vor hundert Jahren entstanden sind, zornwütig abzutun, ist es notwendig, sich sehr genau mit der Geschichte der Synagogenmusik vergangener Zeiten vertraut zu machen, damit man nicht einen Kampf gegen Windmühlenflügel austrägt, Magnus Davidsohn. Theater, Musik9 Film Bei den diesjährigen Venetianischen Festspielen wird Shakespeares „Kaufmann von Venedig" in der Inszenierung Max Reinhardts, die bereits in den beiden letzten Jahren mit grossem Erfolg gespielt wurde, auf dem Campo San Trovaso abermals aufgeführt werden. Reinhardts italienischer Assistent Guido Salvini wurde auch diesmal als Regisseur verpflichtet. * „Das Postamt" von Rabindranath Tagore, das zurzeit im Berliner Kulturbund gespielt wird, ist soeben am Theätre des Mathurins in Paris unter dem Titel „Amal et la lettre du roi" zur Erstaufführung gelangt. Die Uebersetzung stammt von Andre Gide, die Musik von Darius M i 1 h a u d. # In Johannesburg gastierte eine jüdische Theatertruppe mit Scholem Alei eherne „200 000". # Die Wiener Sinfoniker spielen 'am 24. Februar, 19 Uhr 35 Min., im Wiener Rundfunk u. a. Gustav Mahlers Sinfonie G-dur, Nr. 4. # Der tschechische Sender K a s c h a u bringt am 25. Februar, 17 Uhr 40 Min., eine Sendung mit dem Titel „Purim — eine jüdische Faschingsmontage mit Liedern". * Emanuel Feuermann ist am 18. Februar, 16 Uhr 15 Min., in einem Konzert des englischen Nationalsenders zu hören. * Während eines Sinfoniekonzertes in Athen, bei dem Fritz K r e i-s 1 e r als Solist mitwirkte, wurde der Künstler von König Georg IL persönlich mit den Insignien des Komturkreuzes des Ordens Georgs I. ausgezeichnet. Kreisler, dem das Publikum stürmische Ovationen darbrachte, verzichtete auf seine gesamte Einnahme aus dieser Veranstaltung zugunsten des Athener Konservatoriums und der Pensionskasse arbeitsloser Musiker. # Schallplatten von Fritz K r e i s 1 e r sind am 19. Februar, 15 Uhr 15 Min., im Radio Warschau und um 19 Uhr im Radio Paris P.T.T. zu hören. Der Gründer des Palästina - Sinfonieorchesters, Bronislaw Huberman, hat für den 25. Februar ein Konzert im Amsterdamer Conzertgebouw angekündigt. Für dieses Konzert, bei dem Werke von Mozart, Schubert und Mendelssohn aufgeführt werden sollen, besteht in Amsterdam starkes Interesse. Huberman wird von dem Orchester des Conzertgebouw begleitet. X Die Cembalistin Alice Ehlers wurde eingeladen, im April die Coolidge Chamber Festival in W a s h i n g t o n zu eröffnen und mit dem Philadelphia-Orchester in zahlreichen amerikanischen Städten Bachs 5. Brandenburgisches Konzert aufzuführen. # Lothar Wallerstein, der Oberregisseur der Wiener Staatsoper, wird Ende Februar an der Mailänder Scala Glucks „Iphigenie auf Tauris" inszenieren; die musikalische Bearbeitung stammt ebenfalls von L. Wallenstein. # Im Wiener Rundfunk gelanst das Kammerstück von Karl Wiener (Berlin) am 21. Februar zur Aufführung. # Die Pianistin Käte F i s c h 1 e r gab auf Einladung des Lyzeumklubs in R o m einen Klavierabend und fand, wie die Zeitungen berichten, besonderen Beifall. * Die Staatsoper in Wien bereitet eine Neueinstudierung von Jaromir Weinbergers „Schwanda der Dudelsackpfeifer" vor. Warner Bros, verfilmt die Operette „Boys meet girls" von Erik C h a r e 11, die in N e w - York eine lange Serie von Aufführungen erlebt hat. Ein neuer Gitta-Alpar-Film „Die schuldige Stimme" gelangte in Wien zur Vorführung. Die Musik schrieb der Schlagerkomponist Nikolaus B r o d z k y. * Oscar Straus trat am 15. Februar eine mehrmonatige Tätigkeit in Hollywood an; er ist mit der Komposition mehrerer Filmmusiken beauftragt, u. a. zu einem Lubitsch- Film; schliesslich ist eine Verfilmung seiner Operette „Eine Frau, die weiss, was sie will" in Aussichi genpmme*.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.