Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 7 (18.2.1937)
- Date
- 1937-02-18
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus einem Prager Winkel / vonHiideMa« Der alte Pawlik hat schon eine ganze Menge erlebt. Er ist einer von den Juden, die Stunden um Stunden an der Altneuschul stehen, ein wenig nach vorne geneigt und die Hände auf dem Rücken verschränkt. Da warten sie, dass die Fremden, die durch Prag gehen, auf einmal staunend, gebannt stehen bleiben vor der zeitlosen Stille, die unsichtbar und doch fühlbar, wie eine gläserne Glocke, über einer Stelle der Pariser Gasse schwingt; unter ihr ruhen, mitten im Verkehr der Grossstadt, und doch wie aus ihm herausgeschält, die Altneuschul und der alte Judenfriedhof mit dem Museum. Und macht dann ein Fremder auf seinem Gang durch die Stadt an diesem Platz halt und kommt von der Pariser Gasse her die paar vertretenen Treppen zur Synagoge herunter, und er hat durstige Augen nach neuem Erleben, dann geht der alte Pawlik oder einer seiner Kollegen auf ihn zu und bietet seine Führerdienste an, die selten ausgeschlagen werden; ein paar Kronen sind nachher der Lohn für die Belehrung, die diese Männer schon im Schlafe herleiern können, und es ist doch ein kleiner Zuschuss zum kärglichen Leben. In diesem Beruf geschieht es schon, dass man mal ganz besonders dumme Fragen gestellt bekommt — oder auch genau umgekehrt: dass man etwa plötzlich in einem Fremden einen grossen Mann, einen Gelehrten entdeckt, dessen Ruhm auch bis zu den armen alten Juden nach Prag gedrungen ist. Aber das Seltsamste ungefähr hat doch der alte Pawlik erlebt. Es ist ein Spätnachmittag im April. Den ganzen Tag schon regnet es, und der alte Pawlik muss sich sehr eng an ein Stückchen Mauer der alten Synagoge drängen, damit ihm das Dach wenigstens ein bisschen Schutz gewährt. Eigentlich ist es unsinnig, in diesem Wetter hier herumzustehen. Die fremden Damen und Herren werden es vorziehen, jetzt in den hell erleuchteten Cafes beim Tee zu sitzen. Eigenartig muss das sein, denkt sich der alte Pawlik und versucht sich mit lässigen Gedanken diese unbekannte Welt bis ^ins kleinste auszumalen. Plötzlich wTendet er den Kopf. Sein geübtes Ohr hat auf der andern Seite des Baus jemanden die Stufen herunterkommen gehört. Er tritt in den Regen hinaus, und eben, als er nachsehen will, biegt etwas Leuchtendes um die Ecke. Er sieht weiter zuerst nichts als einen roten Mantel und einen grellblauen Schal und Hut und dazu den wundervoll weichen Gang einer jungen Frau. Sie hat den „heiligen Schritt", wie der alte Pawlik es nennt; er und seine Kollegen haben gelernt, vielleicht ganz unbewusst, die Menschen nach ihrem Hinschreiten zu den Dingen der alten Wunderwelt zu beurteilen: diese Frau ist eine von denen, die ihr ganzes Ich auszuschalten vermögen und nur mit heiligen Schritten eine weit geöffnete Seele vor sich hertragen, damit das Wunderbare in sie einsinken kann. Eben w7ill er den Mund öffnen zu seiner üblichen Frage: „Gnädigste wünschen die Schul zu besichtigen?", da kommt niglichen Akademie in Turin verliehen. Die Akademien von Berlin, München, Wien, Göttingen, Rom, Turin und Bologna, sowie viele andere gelehrte Gesellschaften wählten ihn zum korrespondierenden Mitglied, und die preussische Regierung verlieh ihm den Kronenorden. 1932 erhielt das neuerbaute Institut für Schwingungsforschung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in Berlin den Namen „Heinrieh-Hertz-Institut". H. v. Helmholtz schreibt in einem Empfehlungsschreiben am 9. Septemb. 1888: „Für den talentvollsten und an originalen Ideen reichsten unter den jüngeren Physikern glaube ich Professor Hertz in Karlsruhe ansehen zu müssen ... Er ist ebenso befähigt, die abstraktesten mathematischen Theorien zu beherrschen, wie die daraus hergeleiteten Fragen experimenteller Art mit grosser Geschicklichkeit und grosser Erfindungsgabe in den Methoden zu lösen. Seine letzten Untersuchungen über Fortpflanzung der elektrodynamischen Wirkungen durch den Luftraum zeigen ihn als einen Kopf ersten Ranges." Hertz litt seit dem Jahre 1892 an einer qualvollen Knochenkrankheit und erlag am 1. Januar 1894 einer Sepsis. Helmholtz hat ihm in dem Vorwort zum 3. Band der Gesammelten Werke „Die Prinzipien der Mechanik" ein einzigartiges Denkmal gesetzt und in dem am 9. Dezember 1893 von Hertz geschriebenen Worten können wir erfahren, wie man sich zu dem vielleicht unfasslichen frühen Tode dieses „einzigen Mannes" richtig zu stellen hat. „Wenn mir wirklich etwas geschieht, so sollt Ihr nicht trauern, sondern sollt ein wenig stolz sein und denken, dass ich dann zu den besonders Auserwählten gehöre, die nur kurz leben und doch genug leben. Dies Schicksal habe ich mir nicht gewünscht und gewählt, aber wo es mich getroffen, muss ich zufrieden sein, und wenn mir die Wahl gelassen wäre, würde ich es vielleicht selbst gewählt haben,"- Suse Michael. schon die Fremde ganz nah zu ihm heran, fasst ihn leicht am Arm, dreht den ganzen Mann mit sich herum und deutet auf den kleinen Eingang zur Schul: „Warum ist dieser Mögen. Dovid über der Tür nur halb?" „Abgebrochen", sagt der alte Pawlik und wundert sich über die eigenartige tiefe Stimme der Fremden. „Abgebrochen —" wiederholt sie in einem Ton, als ob nicht ein Ornament, sondern eine Welt zerbrochen wäre. Der Alte findet es an der Zeit, nun doch seine berufliche Frage anzubringen; aber wieder kommt er nicht dazu. Die Fremde zeigt auf das frühere Judenrathaus gegenüber der Schul: „Guter, alter Mann, ich weiss selbst, warum hier oben der Stern Davids mit dem Schwedenhut geziert ist. Ich weiss auch, dass hier die Wöchnerinnensynagoge stand, und dass man sie Händelsuppensynagoge nannte wegen der kräftigen Hühnersuppe, die die Frauen dort bekamen. Ich kenne die Geschichte der Juden und die Geschichten um diesen alten Winkel. Sie brauchen mir keine Erklärungen zu geben; sie sollen mich nur begleiten, weiter "will ich nichts." Der alte Pawlik findet die Sache eigenartig, aber er ging mit. Auf den Zehenspitzen betritt die Fremde den Raum, und als ein Mann ihr zugleich mit der Eintrittskarte einen Teller mit einigen Münzen drin entgegenhält, gibt sie ihm "aus der Manteltasche einen Schein, der den Mann zu einer tiefen Verbeugung veranlasst. Dem alten Pawlik ist es nicht ganz klar, ob die Fremde nur zu sich selbst spricht oder ob sie gar ihm etwas erklären will; er hört sie einiges sagen von den gotischen Rippen des Gewölbes, zu deren Vierzahl schmückend eine fünfte gefügt worden war; er hört sie lächelnd davon sprechen, welch tiefer Sinn darin ruhe, dass durch die zwölf Fensterohen, wie von den zwölf Stämmen Israels ausgehend, das Licht in dieses Gotteshaus einfällt. WTieder berauscht der Alte sich an der Stimme, und ein Gefühl wird gross in ihm, als habe er noch nie einen Menschen gesehen, der so verwurzelt, so hineingeboren gewesen wäre in diesen Raum wie die Frau im roten Mantel. Er starrt ihr ins Gesicht wie etwa ein Ungläubiger etwas anstarren mag, das er, ob er will oder nicht, für ein Gotteswunder halten muss. Und da glühen ihre Augen, wie sie sagt: „Wissen Sie auch, alter Mann, warum diese Wände hier nie geweisst werden dürfen? Ach, natürlich wissen Sie das. Aber fühlen sie das Blut an ihnen kleben von den Pogromen vor Hunderten von Jahren? Fühlen Sie es? Oh, es ist gut, dass die Wände so bleiben müssen. Aber das wissen Sie vielleicht doch nicht, dass hier der Stuhl des hohen Rabbi Low, der nie besetzt werden darf, niemals leersteht! Das ist, wTeil der hohe Rabbi unter euch lebt. Wissen Sie das? Und die andern auch?" Die Frau spricht ganz leise zu ihm; aber ihre Worte sind so, als wenn sie ihn dabei an den Schultern rüttelte, und während der Alte noch fast ein wrenig unwillig bei sich feststellt, dass Aus der wissenschaftlichen Welt Dem berühmten Literaturhistoriker und ehemaligem Professor der Wiener Universität, Dr. Emil Reich, wurden anlässlich des 50. Jahrestages seiner Promotion von den wissenschaftlichen Kreisen Oesterreichs vielfache Ehrungen erwiesen. In dem erneuerten Doktordiplom, das Professor Reich vom philosophischen Dekanat der Wiener Universität feierlich überreicht wurde, werden seine Verdienste auf dem Gebiete der Philosophie, Aesthetik und Literaturgeschichte besonders rühmend hervorgehoben. Die amerikanische Abteilung des Jiddischen wissenschaftlichen Instituts hat in N e w- Y o r k ihre elfte Jahresversammlung abgehalten. Es wurde eine Sammelaktion zur Aufbringung von 25 000 Dollars für das Institut proklamiert. Ferner wurde beschlossen, einen Preis von 500 Dollars für die beste Arbeit über jüdisches Leben in Amerika auszusetzen. Der Provinzialrat von Amsterdam hat einen jüdischen Gelehrten, den früheren Direktor des Instituts für Pflanzenkrankheiten in Buitenzorg (Holländisch-Ostindien), Dr. S. Leeimans, als Dozenten für Entomologie (Lehre von den tierischen Schädlingen) an die Städtische Universität AmsterdanTberufen. Der jüdische Gelehrte, Professor Dr. W. J. de Haas von der Staatsuniversität in L e y d e n ist von der Universität Cambridge eingeladen worden, vier Gastvorlesungen über Physik im Jahre 1937 zu halten. Der junge jüdische Maler Aronne del Vecch io, der sich in italienischen Kunstkreisen bereits einen angesehenen Namen erworben hat, hat soeben ein Bildnis des italienischen Königs Viktor Emanuel fertiggestellt. Der König hat dem Künstler die Anerkennung für das sehr gelungene Werk ausgesprochen. Der 33jährige John M. S c h i f f, ein Sohn des verstorbenen Mortimer L. Schiff und Enkel des grossen Philanthropen Jacob H. Schiff, ist in den Rat der Universität New-York gewählt worden. John M. Schiff, -ein Teilhaber der Bankfirma Kuhn, Loeb & Co., ist das jüngste Mitglied des Universitätsrates und einer .der jüngsten *Imyersitätskuratoren Amerikas, er doch eigentlich alles weiss, was mit diesem Ort zusammenhängt, ist es ihm plötzlich", als ob ihm jetzt zum erstenmal aller Sinn aus Wirklichkeit und Sage klar werde. Die Fremde wendet sich zum Gehen. Er geht langsam hinter ihr drein. Im Vorraum, dem ältesten Teil der Synagoge, bleibt sie stehen, und es ist nur ein Flüstern, wie sie sich zu dem Alten beugt: „Sagen Sie mir eins: Kann man auf den Dachboden gehen?" Der alte Pawlik kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken: „Wünschen Gnädigste den Golem zu besuchen? Das kann ich doch nicht glauben. No, und dann möchte das einige Schwierigkeiten haben. Gnädigste glauben doch bestimmt nicht, dass da droben was anderes ist als meterhoher Staub. Und wenn Gnädigste sich davon möchten überzeugen wollen — no, das geht nicht, weil nämlich keine Stiegen da sind. Gnädigste müssten also vor allen Leuten auf der Gasse über die Feuerleiter klettern. So soll der Golem damals auch hinaufgekommen sein." „Ja", sagt die Fremde, und sonst nichts, und zieht den Alten mit sich hinaus vor die Synagoge. „Wo wohnen Sie?" fragt sie ihn da auf einmal. Der alte Pawlik ist ein bisschen verlegen und nennt den Namen einer kleinen Gasse dieser Gegend. „Hier ist noch eine Kleinigkeit für Sie", sagt die Fremde und drückt ihm einen Schein in die Hand und ist schon fast um die Ecke verschwenden, als sie ihm noch zuruft: „Ich heisse Mabel Abramoff." Und der alte Pawlik steht da, mitten im strömenden Regen, und weiss nicht, worüber er erstaunter sein soll: über Mabel Abramoff in ihrem roten Mantel oder über die Dollarnote, die seine Hand zitternd umschliesst. Am Abend klopft es beim alten PawTlik an die Tür, und noch ehe er oder die Frau oder der junge Pawlik etwas sagen kann, sieht Mabel Abramoff im Zimmer. „Guten Abend" sagt sie und nimmt zugleich den Hut ab. Auf ihrem schmalen, bräunlichen Gesicht und an den Spitzen der kurzgeschnittenen dunklen Haare schimmern die Regentropfen. Der alte Pawlik ist inzwischen aufgesprungen, Frau und Sohn sitzen in wortlosem Staunen. Die Fremde macht eine Gebärde, als wenn sie sagen wollte: „Lasst euch nur nicht stören!" und zieht sich einen Stuhl zum Tisch. Ein bisschen lächelt sie, als ihr Blick auf den Teller fällt, der mitten auf dem Tisch unter den letzten Abendbrotresten steht und auf dem fein säuberlich eine Dollarnote ausgebreitet liegt. „Das ist meine Frau Helenka, sagt der alte Pawlik, und das. ist mein Sohn." Da die Fremde keine Anstalten dazu macht, gibt man sich nicht die Hand. „Helenka, biete der Dame etwas an!" Aber Mabel Abramoff drückt die Frau auf ihren Stuhl zurück: „Ich muss gleich wieder gehen. Ich wollte nur mal wissen, wie es bei ihnen aussieht, und dann wollte ich ihnen erzählen, dass ich heut Abend noch auf dem Friedhof war, dort gegenüber von der Schul. Nicht wahr, die Steine, die schon halb in den Boden eingesunken sind, werden bald wieder Erde sein, gute und kräftige Erde? Und die, die fast aneinandergewachsen sind im Laufe der Jahrhunderte, stützen einander wie Menschen, die es einander gut meinen? Und wenn an solchem Frühlingsabend Regen und Wind über die Steine geht, dann wissen die Steine, dass der ewige Kreis sich einmal in einem frühlinghaften grossen Akkord vollenden wird? So ist es doch, nicht wahr? Sie müssen es doch wissen? Seltsam und ein wenig unvernünftig klingen dem alten Pawlik diese Worte; er zuckt nur die Achseln und wiegt bedächtig den Kopf hin und her. „Aber natürlich, natürlich", beeilt sich Helenka mit einem vorwurfsvollen Blick auf ihn zu sagen, und dabei wischt sie aufgeregt ein paar Brotkrumen vom Tisch. Mabel Abramoff scheint die Frau gar nicht gehört zu haben. Sie lehnt sich weit im Stuhl zurück und, wieder in diesem selbstgesprächartigen Ton, erzählt sie, dass sie trotz des Regens über die Moldaubrücke gegangen sei und dass sie vom Hradschin herab das Lichtergefunkel der Stadt und fern von den Höhen das Herüberleuchten der Sendestation und des Barandov bewundert habe. Da bricht sie unvermittelt ab. Es entsteht eine Pause, mit der keiner so recht etwas anzufangen weiss. Bis die Fremde — und erst in diesem Augenblick fällt dem alten Pawlik wieder das tiefe Schweigen der Stimme auf — das Schweigen bricht: „Ja, ich habe noch eine kleine Bitte; können Sie mir die Sage vom Golem erzählen?" Alles hatte der Alte erwartet, nur das nicht. „Ja, verzeihen schon, Gnädigste, sehr gern natürlich, aber kennen Gnädigste das nicht?" „Nehmen Sie bitte an, ich kenne die Sage nicht und möchte sie von Ihnen hören." „No, Gnädigste, aber ich bin ein alter Mann und ich erzähle schon nicht mehr sehr gut." Mabel Abramoff wehrt ungeduldig ab: „Fangen Sie an, Alter, erzählen Sie!" Und der alte Pawlik beginnt. Stockend erst und verlegen und dann immer iiiessender sind seine Worte. Die fremde Frau hat den Kopf in die Hände gestützt und der Alte ist ganz nahe an sie herangerückt und sj>riaat nun ga-oz dicht an fUt 3$ %. i*s mm I.Attcil Senden Sie mir bis auf Widerruf die C.-V.-Zeitung 33 Pfennig für März zahle ich bei Vorlage der Postquittung an den Briefträger. Die letzte Februar - Nummer wird mir kostenlos geliefert. Name:-—-- Ort:-—- Strasse s- Ausschneiden und mit 3 Pfg. frankiert (oder audi unfrankiert) senden an: C-V.-Zeitung, Vertrieb, Berlin W 15, Emser Strasse 42. J 2 Oliva 8141. ihrem Ohr. Das Zimmer scheint um die beiden zu versinken, und die schweren Tritte des Golem gehen irgendwo weit in der Nacht. Als die zwei Menschen wie aus einer Verzauberung emportauchen, mögen viele Stunden vergangen sein. Helenka und der junge Pawlik sind fest eingeschlafen, ihre Köpfe liegen eng nebeneinander auf der Tischplatte. Leise steht Mabel Abramoff auf und reicht dem Alten beide Hände. „Ich danke dir." Dann verlässt sie behutsam das Zimmer. Erst als sich die Tür hinter ihr geschlossen hat, steht der alte Pawlik auf, weckt Frau und Sohn, und als die Familie sich niederlegt, beginnt draussen schon der Morgen zu dämmern. Eigentlich hat der alte Pawlik heute gar nichts an der Schul zu tun, nachdem er erst gestern nachmittag da gestanden hat. Der heutige Morgen und Vormittag gehört dem Pincus. Der lehnt an seiner Ecke und reisst mächtig die Augen auf, wie er den alten Pawlik ankommen sieht. „Was ist los?'*, ruft er ihm entgegen. „Bist doch nicht dran heut!" „Weiss ich, weiss ich", brummt der alte Pawlik. „No, und?" „Nur so." Der Pincus fährt sich aufgeregt durch seinen Bart. „Nur so, nur so? Zum Vergnügen, was? Der Herr will spazieren gehen, wie? Schaun, was die Konkurrenz zu tun hat?" Der andere gibt ihm keine Antwort und geht ein Stückchen weiter, nach der Pariser Gasse zu. Dann bleibt er stehen wie einer,, der auf etwas wartet. So steht er lange. Mit einem Male hört er hinter sich die Stimme des Pincus: „Darf ich der gnädigen Frau vielleicht die Schul zeigen?""Der alte Pawlik dreht sich um, nicht aus Neugier, sondern einfach, weil er weiss, dass sein Warten jetzt ein Ende hat. Mabel Abramoff kommt langsam auf ihn zu mit einem Lächeln, das ganz still in den Winkeln der Augen sitzt. Sie ist kaum wieder zu erkennen. Ueber. Kopf und Gesicht ziehen sich dicke Spinnweben, die anscheinend nur gerade vor den Augen weggewischt wurden. Mantel und Schuhe sind über und über bestaubt und beschmutzt. Der eine Aermel zeigt eines klaffenden Riss. Aber ein seltsamer Glanz scheint über die Frau gebreitet zu sein« „Gnädigste waren auf dem Dachboden?", sagt der alte Pawlik und nickt dazu ein wenig; ebenso hätte er sagen können: „Jawohl, zwei und zwei macht vier." Mabel Abramoff sieht ihn stumm an. „Hat kein Polizist Gnädigste aufgegriffen, als er sie die Feuerleiter hinaufkraxeln sah? Und die Leute —" Mabel Abramoff schüttelt den Kopf: „In der Nacht, als ich von Ihnen kam, war kaum ein Mensch auf der Strasse, und am frühen Morgen habe ich aufgepasst." „No. no — und die Tür oben? Wie sind Gnädigste denn da hineingekommen?" Die Frau macht eine Bewegung, als wollte sie sagen: Das lass nur meine Sorge sein! „Und" — der Alte kommt ganz nah und schmunzelt — „haben Gnädigste jetzt den Golem gefunden?" Mabel Abramoff schaut den Alten nicht an; ihr Blick ist irgendwo weit weg. Und dann ist es, als nehme sie sich selbst in diese Welt zurück, wie sie sagt: „Leb wohl, Guter." Im nächsten Augenblick sieht der Mann gerade noch ein Stückchen rotes Tuch um die Ecke der Pariser Gasse verschwinden. In Paris sinH soeben zwei jüdisch-französische Schriftsteller verstorben, deren Namen einen ausgezeichneten Klang hatten: Aibin Valabregue und Henri Duvernois. Valabregue erfreute sich als Verfasser zahlreicher Vaudevilles grosser Beliebtheit; er wurde vor Jahrzehnten auch in Berlin — am Residenztheater — unter der Direktion Sigmund Lautenburgs — vielfach gespielt. Duvernois ist sowohl als Erzähler wie als Bühnenautor erfolgreich hervorgetreten: mit seiner klaren, geschmackvollen, immer etwas melancholischen Prosa galt er als ein würdiger Nachfolger Guy deMaupassants. Auf dem französischen ""Theater haben besonders seine Komöa'ien „Jeanne" und „Les Soeurs Hortensias" eine lange Aufführungsserie erlebt.