Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 7 (18.2.1937)
- Date
- 1937-02-18
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7*2. Beiblaff CYleitunq 18. Februar 1937 20 Jahre Jüdisches Museum Berlin yon Professor Dr. Franz Landsberger, Direktor des Museums der Berliner Jüdischen Gemeinde Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der jüdischen Kunst der Vergangenheit, ihre Sammlung und öffentliche Zurschaustellung: das alles ist noch recht jungen Datums. Es ist ein Spätling jener nach rückwärts gewandten Kunstbetrachtung, die um die Mitte des 18. Jahrhunderts mit iWinckelmanns „Geschichte der Kunst des Altertums" einsetzt, von den Romantikern in schwärmerisch-nationalen Bahnen weitergesponnen und von der historischen Bewegung des 19. Jahrhunderts leidenschaftslos, aber gerade darum um so gründlicher zur Höhe geführt wird. Die Epoche ist zugleich die der jüdischen Emanzipation. So haben denn auch Juden ihren Beitrag zu der ganzen Bewegung geliefert: als Kunsthistoriker, als Sammler, als Museumsbeamte. Den bedeutendsten Anteil nahmen sie als Sammler von Kunst, denn diejenigen von ihnen, die es zu Wohlstand brachten, schöpften daraus kulturelle Verpflichtung. Aber diese Tätigkeit: war, wie ihr ganzes Dasein, in die Umwelt getaucht, und wenn diese ihren Sammeleifer über Europa hinaus bis in den fernsten Osten spannte, so taten Juden das gleiche und tun es, von Deutschland abgesehen, noch heute. Dass es aber etwas zu sammeln gibt, was den Juden spezifisch ist, weil es ihrer eigenen Vergangenheit angehört, davon wussten sie nichts und hätten es, wenn sie es gewusst, nicht wahr haben wollen. Es war zunächst nur ein einziger französischer Sammler, namens S t r a u s s , der eine Sammlung alten Kultgerätes zusammenbrachte und sie 187S in einem heute selten gewordenen Kataloge — ein Exemplar besitzt seit kurzem das Berliner «Jüdische Museum — veröffentlichen liess. Besonderen Grund dazu gab die Pariser "Weltausstellung von 1878, welche diese Sammlung, 'die damals noch einzig dastand, zur Schau brachte, wohl mehr aus Gründen der Kuriosität, als der Wissenschaft. Allmählich regte sich das gleiche Interesse auch in anderen europäischen Ländern und fand einen zweiten Haltepunkt in der Londoner jüdisch-historischen Ausstellung von 1887. In wirklichen Fluss kam die Bewegung aber erst dann, als sie von jener breiteren Strömung der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts getragen wurde, die unter dem Namen einer „Jüdischen Renaissance" den Auflösungstendenzen des modernen Judentums einen neuen Rillen zur Konzentration und zum Aufbau entgegenstellte. Erst jetzt verbreiterte sich das Streben einzelner zu ganzen Vereinigungen, erst jetzt regte sich das Verlangen, derlei Sammlungen über ihren privaten Charakter hinaus der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, als Spezial¬ Abteilungen grosser Galerien, aber auch als selbständige Museen. Auch das J ü d i s c h e M u s e u m in B e r 1 i n, das am 17. Februar auf ein zwanzigjähriges Bestehen zurückblicken kann, ist der unermüdlichen •Tätigkeit eines einzelnen Sammlers entsprossen. Es war der Dresdener Juwelier Albert Wolf (1841—1907), der Jahrzehnte seines Lebens damit hinbrachte, Judaica zusammenzubringen, der sich an der Hand seiner Sammlung zum Gelehrten und Verfasser grundlegender Aufsätze über jüdische Kunst und Künstler entwickelte und der verständlicherweise den Wunsch hegte, seine Schätze auch nach seinem Ableben ungeteilt zusammenzuhalten, um sie in den Dienst der Wissenschaft zu stellen. Die grösste Gemeinde in Deutschland schien ihm dafür die geeignete Stätte, und Berlin nahm die Schenkung im Jahre 1907 dankbar entgegen. Eigentlich hätte also das Jüdische Museum schon zehn Jahre länger bestehen können. Aber die Erbschaft blieb doch zunächst noch in Kisten verstaut, bis man 1917 in zwei Räumlichkeiten, einem kleinen Vorraum und dem eigentlichen Hauptraum, neben der jüdischen Gemeindebibliothek in der Oranienburger Strasse 29 Platz schaffte, um wenigstens die wichtigsten Objekte auszustellen und diese als „Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde" eröffnete. Sie wurde dem Oberbibiiothekar Dr. Moritz Stern unterstellt, der sich redlich und auch erfolgreich mühte, das Interesse an ihr durch Ankäufe, Leihgaben und vereinzelte Ausstellungen zu mehren und die Anzahl der Räume allmählich auf vier steigerte. Noch lebhafteren Aufschwung nahm diese Kunstsammlung, als ihr ein Kunsthistoriker vom Fach, Dr. Karl Schwarz, zunächst als Assistent, später als Kustos beigesellt wurde, bis er 1930 die Leitung übernahm. Sein Verdienst ist es vor allem, den Museumsgedanken durch persönliche Beziehungen und durch die Organisation eines Jüdischen Museumsvereins in weite Kreise getragen zu haben. Vor allem in solche Kreise, die bis dahin abseits standen und nun langsam dazu gebracht werden mussten, ihre ästhetischen Bedürfnisse auch einmal auf jüdisches Gebiet zu lenken. Auf so gefestigtem Grunde konnte er daran gehen, die Sammlung aus dem Gefüge der Gemeindebibliothek zu lösen und ihr in dem ehemaligen jüdischen Hospital, Oranienburger Str. 31, ein eigenes Stockwerk zu sichern. Nun war Platz genug, die Schätze so auszubreiten, dass sie nieht, wie in den meisten jüdischen Museen, den peinlichen Eindruck der Ueberfülltheit erregten, sondern sich in hellen Räumen in klarer Sicht darboten und noch Platz liessen, sie, wie es schon der Wunsch von Albert Wolf gewesen, weiter auszubauen. Schon die Sammlung Wolf zeichnete sich gegenüber anderen Sammlungen durch ihre besondere Vielfalt aus. Da gab es nicht nur, wie sonst, altes Kultgerät, sondern Medaillen, Münzen, Siegel, Stiche, Karikaturen, Photos., von Juden und über Juden. Selbst die palästinensische Kleinkunst, deren Ausgrabung um die Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzte, war bereits mit einigen Funden vertreten. Der Ausbau von Schwarz ging zunächst einmal auf die Vermehrung der Palästina-Abteilung, der er durch seine freundschaftlichen Beziehungen zu einem so guten Palästinakenner wie Dr. Adolf Reifenberg wichtige Stücke zufügen konnte. Dann aber war es sein Bestreben, die Linie der jüdischen Kunst, die schon Dr. Stern über die Ghettoperiode hinauszuführen begonnen hatte, entschiedener und grosszügiger bis in unsere Gegenwart weiterzuziehen. Mag der Ausbau dieser modernen Abteilung auch etwas zu rasch und von zufälligen Schenkungen abhängig erfolgt sein, immerhin konnte er dem Jüdischen Museum eine moderne Abteilung zufügen, die sich nicht nur auf Plastiken und Bilder, sondern auch auf das moderne Kunstgewerbe, soweit es Kultgerät war, erstreckte und damit das Museum aus seiner nur historischen Ferne in die quellende Lebendigkeit unserer Tage hineinrückte. Karl Schwarz hat sein Werk im Januar 1933 nur eben aufbauen können, da wurde er nach Palästina gerufen, um seine Organisationsgabe an dem Museum in Tel-Aviv von neuem zu erproben. Als Nachfolgerin fungierte die nächsten zwei Jahre seine bisherige Assistentin. Erna Stein, die mit Regsamkeit das Erbe verwaltete, und dies zu einer Zeit, da die stärksten Umwandlungen innerhalb des Judentums eine geregelte Arbeit erschwerten. Als auch sie nach Palästina übersiedelte, wurde das Museum dem Verfasser dieser Zeilen anvertraut, der als wissenschaftlichen Beirat honoris causa die bekannte Erforscherin jüdischer Altertümer, Dipl. Arch. Rahel Wischnitzer-Bernstein, heranziehen konnte. Was in diesen zwei Jahren geschaffen wurde, kann wenigstens die Richtlinien andeuten, nach denen das Museum seine Weiterentwicklung verfolgt. Die moderne Abteilung, die noch bis 1933 als eine Art Luxus erscheinen konnte, da man die meisten darin vertretenen Künstler auch in den anderen Museen fand, muss nun, da diese Künstler aus den öffentlichen Galerien verschwanden, mit doppelten Kräften gepflegt werden, um ihr Wirken der ihnen sonst drohenden Vergessenheit zu entreissen. Die Schätze an alter Kunst müssen planmässig ausgebaut und wissenschaftlich bearbeitet, ihre Aufstellung immer weiter vervollkommnet werden. Denn in diesen Jahren jüdischer Absonderung wächst die Verantwortung, jüdische Leistung so würdig wie möglich vor Augen zu stellen. Darum müssen auch in wechselnden Ausstellungen aus Vergangenheit und Gegenwart die bildenden Kräfte der Juden einem immer grösser werdenden Betrachterkreis gezeigt werden, um neben ihrer künstlerischen Wirkung die Aufgabe des Tröstens und Stärkens in schwerer Zeit zu erfüllen. Wenn das Museum am Schluss noch einen Dank aussprechen darf, so gilt er der Berliner Jüdischen Gemeinde, die seine Tätigkeit unterstützend begleitet. Durch Anregungen wie durch Schenkungen hat sie das Jüdische Museum in den letzten Jahren erheblich gefördert und ihm die Atmosphäre gegeben, darin sich ein fruchtbares Schaffen erst auszuwirken vermag. Ausstellung „D a s j ü d i s c h e P 1 a k a t". Wegen der Vorbereitungen zu der grossen Ausstellung „Das jüdische Plakat" (Deutschland—Palästina) bleibt das Jüdische Museum vom 22. Februar an für -eine Woche geschlossen. Die Ausstellung, die auch •die letzterschienenen Plakate Palästinas, unter anderem des Tnscanini-Konzertcs, zeigt, ist nach einer Eröffnungsfeier Tür geladene Gäste für das Publikum ab 28. Februar, 12 Uhr, geöffnet. # Am 21. Februar. 11 Uhr, findet (von Dr. Irmgard Schüler) eine Führung durch die Räume des Jüdischen Museums statt. Heinrich Rudolf Hertz Zur achtzigsten Wiederkehr seines Geburtstages Heinrich Rudolf Hertz wurde am 22. Februar 1857 in Hamburg als ältester Sohn des damaligen Rechtsanwalts und späteren Senators Dr. Hertz geboren. 'Er besuchte zuerst die städtische Bürgerschule, wurde dann ein Jahr lang privat für die Gelehrtenschule seiner Heimatstadt, das Johanneum, vorbereitet, und veriiess 1875 dieses Institut mit dem Zeugnis der Reife. Fot. Herbert Sonncnfeld Büsie von K. H. isensiein Schon früh liess ihn seine Begabung, neben den Schulfächern, mechanische Arbeiten an der Hobel- und Drehbank treiben; er besuchte Sonntags die Gewerbeschule, um sich im geometrischen Zeichnen zu üben, damit er, so ausgerüstet, die einfachsten Hilfsmittel zur Selbstanfertigung brauchbarer optischer und mechanischer Instrumente herstellen konnte. Nach Beendigung der Schulkurse, die ihn in eine nicht wieder aufhörende Beziehung zur Antike und den unvergänglichen Geistesdokumenten der griechischen Sprache brachte, ging er von 1875 bis 1876 nach Frankfurt am Main, um Ingenieur zu werden. Seine manuelle Geschicklichkeit, wie auch die grosse Fähigkeit, fremde Sprachen zu erlernen, hatten seine jeweiligen Lehrer dazu gebracht, seinen Eltern dieses Studium nahezulegen. Aber bereits im November 1877 ist jeder Zweifel in ihm verschwunden, und er schreibt in einem Brief (vom 1. Nov.) an seine Eltern aus München: ,.Ich komme in diesem Semester an den Scheideweg, wo ich mich ihnen (den Naturwissenschaften) entweder ganz widmen muss oder definitiv von ihnen Abschied nehmen .."., wenn ich nicht meine eigentlichen Studien darüber liegen lassen und ein mittelmässiger Ingenieur werden wollte ... Da ich ... so einsah, dass mir darüber kein Zweifel bleiben konnte, da wollte ich zunächst jede überflüssige Beschäftigung mit Mathematik und Naturwissenschaften abschwören; aber da wurde es mir mit einmal klar, dass ich dies doch nicht könnte, dass ich auch bisher eigentlich nur mit diesen mich beschäftigt habe und jetzt auch auf diese nur mich gefreut, alles andere kam mir schal vor, und die Erkenntnis kam so plötzlich, dass ich am liebsten gleich aufgesprungen wäre und Euch geschrieben hätte ... Ich fühle, wie ich mich den Naturwissenschaften doch ganz und mit Begeisterung widmen könnte und mir auch mit ihnen genug geschähe, während ich doch jetzt einsehe, dass das, was man die Ingenieurwissenschaften nennt, mir nicht genügt, und ach daher immer nach anderer Beschäftigung suche. Das weiss ich gewiss, dass ich mich bei den Naturwissenschaften nicht zurücksehnen würde nach den Ingenieurwissenschaften, dass ich aber, wenn ich Ingenieur werde, mich immer nach den Naturwissenschaften sehnen werde."' Im Wintersemester 1877 kommt er nach Berlin, tritt als Praktikant in das von H. von Helmholtz geleitete physikalische Laboratorium der Universität, löste bereits im dritten Semester die von Helmholtz'gestellte Staatspreisaufgabe aus dem Gebiete der Elektrodynamik und erhielt den Preis. Diese Versuche haben ihm offenbar die erste Kenntnis von der ungeheuren Beweglichkeit der Elektrizität eindringlich zur Anschauung gebracht, und ihm geholfen, die Wege zu seinen späteren wichtigsten Entdeckungen zu finden. Die Hypothesen von F a r a d a y und Maxwell über die Lichterscheinungen und die Verteilung der elektrischen Fernwirkungen im Raum beherrschten damals mit neuen Ausblicken das physikalische Weltbild. Die eigentliche Leistung von Heinrich Hertz beruht auf dem Ausbau der MaxwelFschen Theorie (des Lichtes und der Elektrodynamik) und ihrer praktischen Bestätigung und Anwendung. Er war der erste, der elektromagnetische Wellen von grosser Wellenlänge erzeugte, wodurch vor allem die Entwicklung der drahtlosen Telegraphie, Telephonie und des Radio möglich wurde. In dieser Hinsicht ist die Leistung des Physikers Heinrich Hertz aus dem Leben der Gegenwart nicht mehr fortzudenken. In einem Brief an den sehr verehrten Lehrer Helmholtz vom 19. März 1888 schreibt er: „Jetzt möchte ich Ihnen über folgenden Fortschritt berichten: Die elektrodynamischen Wellen in der Luft werden von festen leitenden Wänden reflektiert... und ich glaube, dass man die WTellennatur des Schalles im freien Raum nicht so deutlich vor die Augen stellen kann, wie die Wellennatur dieser elektrodynamischen Ausbreitungen... Das wichtigste scheint mir, dass es jetzt sicher ist, dass die Ausbreitung durch leitende Drähte merklich langsamer ist als durch die Luft, während bisher aus allen Theorien, auch aus der Maxwells, für die Ausbreitung durch Drähte die Lichtgeschwindigkeit gefolgert wurde." Und in einem Brief an die Eltern vom 17. März 1888 heisst es: „Ich habe jetzt Stoff für viele Arbeiten, die alle der Mühe wrert sind, und zwischen denen ich nur die Qual der Wahl habe. Kann ich genügende derselben ausführen, so glaube ich, die Mittel zu haben, um grosse Gebiete, die bisher ohne Abschluss waren, zur Vollendung zu bringen... Ich habe jetzt die Annehmlichkeit bei der Arbeit, mich sozusagen auf eigenem Grund und Boden zu fühlen ... Hier fängt eigentlich erst das A'ergnügen des Fprschens an, wo man mit der Natur sozusagen allein ist, und nicht mehr über menschliche Meinungen, Ansichten oder Ansprüche disputiert. Das philologische Moment fällt fort, und das philosophische bleibt allein übrig, um mich mehr gelehrt als klar auszudrücken." Hertz war mit 28 Jahren ordentlicher Professor der Physik an der Technischen Hochschule von Karlsruhe geworden und 1889 ordentlicher Professor an der Universität Bonn. Im Jahre 1888 wurde ihm die Matteuc^i-Medaille von der italienischen Gesellschaft der Wissenschaften, 1889 von der Academie des Sciences in Paris der Preis La Caze und von der K. K. Akademie zu Wien der Baumgartner-Preis, 1890 die Rumford-Medaille von der Royal Society in London, 1891 der Bressa-Pr-eis von der Kg-