Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 7 (18.2.1937)
- Date
- 1937-02-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 * 7. Beiblatt GYZeitunq 18. Februar 1937 BOLIVIEN La Paz, 2. Februar. Die Reise von Santiago nach Bolivien führt durch den ganzen Norden Chiles. Wir kommen an weiten, unbebauten Strecken vorbei. Ungezählte Meilen lang ist kein lebendes Wesen zu erblicken, auch keine Viehherden. Es wird allmählich unheimlich, und doch wissen wir, dass die grosse Salpeterwüste, die den Norden Chiles bildet, sich über eine Strecke hinzieht, die dem Weg Berlin—Paris und zurück beinahe gleichkommt. Nur den Tälern, die eingebettet zwischen den Riesengebirgen liegen, ist Fruchtbarkeit beschieden. Alles andere ist zur Unfruchtbarkeit verurteilt Die nur gemildert wird durch die Geheimnisse der unerschlossenen Mineralschätze, die hier verborgen liegen. Die Dürre dieser Salpeterpampa ist schrecklich. Keine Oase unterbricht die Eintönigkeit dieses Grauens. Bergrücken schieben sich in die Wüste hinein, auch sie sind kahl, öde und leer. Wir übernachten in A r i c a, der nördlichsten Stadt Chiles. Ein trostlos langweiliger Ort, mit dem Lineal gezogene Strassen, ein kleiner Hafen, an dem ein einstmals sehr schönes Hotel liegt, das inzwischen aber schauderhaft vernachlässigt worden ist. Arica spielt eine besondere Rolle als Hafen für die bolivianischen Metalle. Bolivien hat durch den Krieg von 1879 bis 1883 seinen unmittelbaren Zugang zum Meer verloren, aber man hat ihm wenigstens Rechte internationaler Art auf den Hafen von Arica zugesagt. T a c n a ist die erste Station auf peruanischem Boden. Von dort fliegen wir nach La Paz, der tatsächlichen Hauptstadt Boliviens, während verfassungsmässig diese Rolle Sucre spielt. In etwa 3500 Meter Höhe ist die Wolkendecke verschwunden, und die Gipfel der Kordilleren liegen frei. Die bolivianische Hochebene gibt der chilenischen Salpeterwüste an Oede und Einsamkeit kaum nach, nur dass es sich hier um eine Ebene handelt, die in einer Höhe von 3500 bis 4000 Metern liegt. 80 Prozent der bolivianischen Bevölkerung lebt in einer Höhe von über 3300 Metern. Nicht jedermann kann das ertragen, und schon diese einzigartige Gestaltung des Landes legt der Einwanderung dorthin allergrösste Beschränkungen auf. Als wir 4400 Meter hoch auf dem Flugplatz von La Paz landen, ist die Luft fast unerträglich dünn geworden. Dann geht es in einem Autobus der Luftlinie abwärts, 23. Veranstaltung: Kindernachmittag, 23. Februar, 15 Uhr 30 Min. 24. Veranstaltung: Bunter Abend, 23. Februar, 20 Uhr. 25. Veranstaltung: Kindernachmittag, 25. Februar, 15 Uhr 30 Min. 26. Veranstaltung: Bunter Abend, 25. Februar, 20 Uhr. Alt Wien (früher Residenzfestsäle), Landsberger Strasse 31. Mitwirkende am Kinder-Nachmittag: Charlotte Hirschfeld, Henny Loewenstein, Hanni Rosenthal, Jonny Schwersenz, Kindertanzgruppe Irmingard W i 11 n e r, am Klavier: Lill: G-oetz. Mitwirkende am Bunten Abend: Ernst Seli.gmann sagt an: Wolfgang Blum. Charlotte H i r s c h f e 1 d, Max K o n i n s k i, Henny Loewenstein, Heinz M a k o w s k i, David Seumann, Hanni Rosenthal, Jonny Schwersenz, Siegbert S t e i n f e i d, Alice Zutrauen; am Klavier: Lilli G o e t z. Rudi Lehmann. Karten für Hilfsbedürftige unentgeltlich im Winterhilfsbezirk Osten, Alexanderstrasse 53. Neben der Eintrittskarte ist das Bewilligungsschreiben auf Verlangen vorzuzeigen. Jugendliche unter IS Jahren haben zum Bunten Abend keinen Zutritt. Einlass zum Bunten Abend nicht vor 19 Uhr 30 Min. Kieiderkammer! Spendet brauchbare Kleidungsstücke aller Art! Meldungen erbeten an die Abteilung Sachspenden der Jüdischen Winterhilfe, Berlin C 2, Rosenstrasse 2—4 (Dl 6711 App. 74). In den Kleiderkammern der * Jüdischen Gemeinde bzw. der Jüdischen Winterhilfe Pi wurden im Jahre 1936 53 990 Personen bedient. Allein im Monat Dezember 1936 wurden 8290 Betreute ab- % srcfertigt (Dezember 1935 5146 Personen). Der Tages- £ durchschnitt der in den Kleiderkammern Betreuten g beträgt 400 Personen. /Sonderbericht für die C.-V.- Zeitung von Dr. Bruno Weil und man hat das Gefühl, dass jede 50 Meter tiefer das Unbehagen mildern. Aber die Stadt selbst liegt 3800 Meter hoch, und sie ist damit die höchste Hauptstadt der Welt. Wen wir auch am Meere und in der Ebene gesprochen haben, das erste Wert, wenn von Bolivien und La Paz die Rede war, ist immer die geheimnisvolle Bergkrankheit, Sornoche, gewesen. Wenige Menschen, zumal in reiferen Jahren, entgehen ihr ganz. Der Graf Kayserling hat in seinem eindrucksvollen Buch über Südamerika von dieser Krankheit geschrieben, dass er sich niemals so nahe der Vernichtung seines gesamten inneren Seins gefühlt habe, wie in dem Augenblick, in dem er von dieser Krankheit erfasst worden sei. Mir genügt es, dass ich bald und gründlich von ihr erfasst wurde, und dass sie mir den Aufenthalt in La Paz die ersten Tage fast unerträglich machte. Dazu kommt die Primitivität der ganzen Lebensführung, zu der die Menschen in Bolivien und sogar in der Hauptstadt La Paz gezwungen sind. Das Land ist arm, hat einen langen Krieg um den Chaco mit Paraguay geführt und ihn verloren; es ist ausgeblutet, seine Währung sinkt seit dem Kriegsende fortgesetzt. Viele der wichtigsten Lebensgüter müssen importiert werden; und in allem Elend bleibt' nur der Trost seines Metallreichtums. 90 Prozent des Exports Boliviens liefern seine Metalle. Bolivien ist der zweitgrösste Versorger der Welt mit Zinn. Steigt der Zinnpreis, so findet das Land einen Ausgleich für seine Importbedürfnisse, fällt er, so können kaum die notwendigsten Dinge zum Leben eingeführt werden. Das Leben in Bolivien ist trotz der Billigkeit schwierig, die klimatischen Verhältnisse sind nur für junge und starke Menschen geeignet. Die Einkommensverhältnisse sind in gewissen Zweigen, gemessen an der Ausgabenseite, nicht unbefriedigend, aber das Fallen des bolivianischen Geldes macht die Ersparnisse, umgerechnet in eine stabile Währung, immer fragwürdiger. Früher waren 20 Bolivianos ein englisches Pfund, also ein Boliviano etwa eine Mark. Bei der Revolution im Mai 1936 wurde der Boliviano auf 1/50 (statt xho) eines Pfundes festgesetzt. Bei unserer Ankunft war ein Pfund auf 162 Bolivianos gestiegen. Da aber gerade eine Zinnhausse eintrat, besserte sich der Kurs auf etwa 150 Bolivianos, oder auf etwa S Pfennig für einen Boliviano. Natürlich ist die Kaufkraft im Innern bedeutend höher ge- JODISCHE WINTERHILFE DEC JODISCHEN GEMEINDE ZU 6 E R. L I N IßoMchectfonio: HerUn 93tU blieben, so dass die Preise, umgerechnet auf eine Goldwährung, häufig erstaunlich niedrig sind. So kostet in dem besten Cafe von La Paz: eine Portion Tee 4 Pfennig, eine Portion Kaffee 3 Pfennig, Milch 5 Pfennig, Eis 8 Pfennig, eine Flasche Bier 16 Pfennig, aber ein Whisky 40 Pfennig. Ein Paar Schuhe kosten etwa 8 Mark. Das Durchschnittsgehalt eines männlichen Angestellten wurde mir mit 500 Bolivianos angegeben — etwa 40 RM. Für weibliche Angestellte noch etwas weniger. La Paz selbst ist eine der absonderlichsten, pittoreskesten, interessantesten Städte, die ich gesehen habe. Neben dem Auto wandern, wie in unvordenklichen Zeiten, die Lamas und Maulesel durch die Strassen. Der indianische Typ herrscht absolut vor, die Zahlen gehen auseinander, aber man nimmt an, dass bis zu 70 Prozent der Bevölkerung heute noch rein indianischen Blutes ist. Das klingt alles nicht sehr einladend für eine Emigration von Juden aus Deutschland in dieses Land, und in der Tat gibt es wohl kaum einen Staat in der Welt, in dem weniger Juden zu finden sind als in Bolivien. Als höchste überhaupt in Betracht kommende Zahl sind mir 150 Juden angegeben worden, darunter eine Anzahl Ostjuden, und auch einige elsässisch-französische Juden. Die Zahl der reichsdeutschen Juden ist auch heute noch ausserordentlich gering, und es kommen im wesentlichen nur die Angestellten in Frage, "die dort Dr. Mauricio Hochschild, der soviel für die Unterbringung auswandernder Juden getan hat, in seinen verschiedenen Betrieben beschäftigt. Da aber die eigentlichen Bergwerksstellen noch weitaus höher als La Paz, z. B. Oruro und der berühmte Silberberg Potosi, erheblich über 4000 Meter liegen, so kann nur eine ganz kleine Zahl von jungen Menschen auf die Dauer in solcher Höhe ar- 1. Der Entschluss Wer sich zur Auswanderung entschliesst, muss sich mit der grössten Gewissenhaftigkeit, mit dem grössten Ernst und ehrlicher Selbsterkenntnis darüber klar zu werden versuchen, ob das Bestimmungsland, an das er denkt, auch wirklich für ihn geeignet ist, und ob er selbst die nötige Eignung für dieses Land aufweist. Wer nach einem Lande auswandert, für das er nicht passt, gerät nicht nur selber ins Unglück, sondern versperrt auch anderen Auswanderern den Weg. Der Kaufmann ohne Mittel und ohne richtige Spezialkenntnisse darf nicht in ein Gebiet auswandern, das für solche Menschen nicht mehr aufnahmefähig ist, — oder er muss sich die Spezialkenntnisse aneignen, die ihm eine bessere Eignung für das Land geben. Der Kleinkapitalist darf nicht in ein Land gehen, in dem sein Kapital nicht ausreicht, um sich eine Existenz zu gründen: vielleicht gäbe es aber ein anderes Land oder in dem gleichen Lande eine andere Gegend, in der er mit seinen Mitteln etwas anfangen könnte! Alles das bedarf eingehender Erwägungen unter Zuziehung sachverständigen Rates. Auch die Schwierigkeiten klimatischer und kultureller Art, die auch nach der Anpassungsfähigkeit des Einwanderers verschieden zu werten sind, müssen genügend bedacht werden. 2. Reisevorbereitungen Hier muss mit einer Binsenwahrheit angefangen werden: Wer sich zur Auswanderung entschlossen hat und sich über sein Bestimmungsland klar geworden ist, der muss sich eingehend mit der Sprache dieses Bestimmungslandes beschäftigen. Viele Leute glauben noch immer, dazu käme man „drüben" noch zurecht, und „drüben" ginge das viel leichter. Es ist zwar richtig, dass man hier in Deutschland in der Kenntnis der portugiesischen oder spanischen Sprache nicht zur Vollendung kommen wird; auch wird die Sprache dem Zu haben in den guten Fachgeschäften beiten. Die Einwanderung seit 1933 nach Bolivien dürfte noch nicht einmal 20 Personen betragen haben. Einer weiteren Einwanderung haben nicht nur die hier in grossen Umrissen geschilderten Verhältnisse im Wege gestanden, sondern es hat die bolivianische Regierung auch zudem eine Art Einwanderungssperre verhängt gehabt. Sie hat ihre Konsulate darauf hingewiesen, dass die Einwanderung von einer Reihe von Völkern zu beschränken sei, und darunter auch die Juden als „zu vermeiden" aufgeführt. Nach dem verlorenen Krieg ist im Mai 1936 eine Militärdiktatur erklärt worden, die sich auf das Heer und auf die Sozialisten stützt. Eine, wie man zugeben muss, nicht sehr alltägliche Situation. Diese Militärregierung hat ausser der erwähnten den Konsulaten noch die weitere Beschränkung auferlegt, dass zu jeder Einreise die Genehmigung des bolivianischen Generalstabs erforderlich ist. Es gehört eine grosse Anpassungsfähigkeit in körperlicher, seelischer und geistiger Beziehung dazu, um das Leben in dieser überaus interessanten, wirtschaftlich sicher allerlei Möglichkeiten bietenden, aber ungemein weit von aller eurpäischen Einstellung entfernten Gegend, ich möchte nicht einmal sagen, reizvoll zu gestalten, sondern auch nur erträglich * zu machen. Einwanderer aus dem Munde des Polizeibeamten oder Strassenbahners in Sao Paulo oder Santiago anders klingen als von den Lippen seines Sprachlehrers. Aber es ist von aliergrösster Bedeutung, dass man sich vor der Reise wenigstens einen soliden sprachlichen Unterbau geschaffen hat. Auf dem Schiff ist es dazu zu spät. Die ersten cfCeccmann cfCatfmann Herren' und Damen- Ausstattungen Berlin SW, Friedrichsir. 50-51 Schritte im fremden Lande sind ohnehin schwer genug; man kaxm sie sich durch etwas Sprachkenntnisse sehr erleichtern. Das Sprachstudium sollte seine Ergänzung in anderen Vorbereitungen finden, die ebenfalls schon zu Hause einsetzen müssen. Es gibt Einwanderer, die keine Ahnung von den geographischen, staatsrechtlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen ihres Bestimmungslandes haben; ebensowenig sind sie über die Mentalität ihrer zukünftigen Mitbürger unterrichtet Ueber alle diese Dinge kann man sich vor der Auswanderung mit leichter Mühe orientieren; nach der Auswanderung lernt man sie gewöhnlich erst durch irgendwelche unangenehmen Erfahrungen. Vorteilhaft sind' auch einige Kenntnisse in der Landesgeschiehte; es macht auf die Südamerikaner, die durchweg begeisterte Patrioten sind, keinen guten Eindruck, wenn man von der Vergangenheit ihres Landes überhaupt nichts weiss. Sehr wichtig ist die richtige Ausrüstung zur Reise. In Südamerika sind nur die Dinge billig, die im Lande selbst hergestellt werden, während die zahlreichen industriellen Erzeugnisse, die aus dem Auslande eingeführt werden müssen, viel Geld kosten; ihre Anschaffung reisst ein tiefes Loch in den Geldbeutel des Einwanderers. mit M/S Vulcania (24000 t) 1. März ab Neapel, 25. März an Venedig über Korsika—Neapel—Sizilien—Biserta—Malta— Tripolis—Port Said—Wüste Sinai—Telaviv— Kolonien— Jerusalem—Jericho—Totes Meer—Emek—Tiberias— Safed — Haifa — Beirut — Rhodos - Istanbul - Athen — Korfu - Cattaro - Ragusa age in Palästina ohne Devisenschwierigkeiten mit unserer Gesellschaftsreise, da in Reichsmark zahlbar Palestine Express Co.m.b.H., Berlin NW 7 General-Vertretung: Atlantic Express G. m. b. H., Friedrichstr. 100 Telef.: A 6 2916 Wir besorgen die Visen sowie italienischen Kreditbrief für weitere Landausflüge in Italien Preis 3. Klasse einschl. 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