Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 5 (4.2.1937)
- Date
- 1937-02-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2277379-2277516-2277521--11580-2281129- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Tagore und Hofmannsthal im Berliner Kulturbund Das Theater des Berliner Kulturbundes brachte soeben zwei Bühnenwerke heraus, die mit ihren Fabeln in das Morgenland weisen: „Das Postamt" des Mystikers Rabindranath Tagore aus Kalidasas Diehtergeschleeht, und „Die Hochz eit d er S o b e i d e" von Hugo v. Hofmannsthal, dem österreichischen Dichter jüdischen Stammes. Um Tagore, der noch vor etwa 25 Jahren mit Fanfarentönen begrüsst wurde, ist es inzwischen still geworden; verklungen sind seine hymnischen Gesänge, verrauscht seine Liebeslieder, und auch an seinem reichhaltigen epischen Werk, den Romanen, Erzählungen und philosophischen Betrachtungen, ist die Zeit allzu rasch vorübergegangen. Was von ihm in der Erinnerung haften geblieben ist, sind zwei dramatische Dichtungen, denen man auch an Berliner Bühnen schon früher begegnete: „Der König der dunklen Kammer", ein in schwerer, geheimnisvoller Symbolik aufglänzendes Mysterium, und das Märchenspiel' „Das Postamt", das man nun nach längerer Pause wiedersah. Es hat für uns seinen besonderen Reiz durch seine innere Verwandtschaft mit Gerhart Hauptmanns „Hannele"; nur dass es in einen viel engeren, viel primitiveren Rahmen gespannt ist als Hauptmanns aus tiefem sozialen Elend weit in den Himmel emporsteigendes Traumgebilde, und die ausschwärmende Phantasie des dem Tode rannen in Portugal selbst nachgegangen. Wir sprechen gern von der früheren Blüte des Judentums in S p a n i e n und reden doch zumeist von portugiesischen Juden. Nur bei einem Teil der Sefardim, insbesondere im Gebiet des ehemabgen türkischen Reiches, ist die Volkssprache kastilianisch geblieben, daher auch der Name Spaniolen. In Westeuropa war das anders. Die berühmte Sefardische- "Gemeinde in Bordeaux, die von den französischen Königen sehr privilegiert war, bezeichnete sich als „Nation Portugalse", und die Protokolle der Sefardischen Gemeinde in London sind bis an das 19. Jahrhundert heran in portugiesischer Sprache geführt worden. Während die in Spanien verbliebenen Zwangsgetauften unter dem Druck der Inquisition allmählich den Zusammenhang mit dem Judentum und zuletzt jede Erinnerung daran verloren und, abgesehen von den wenigen Strichen, in denen sie sich in geschlossener Masse erhielten (Las Palmas), fast spurlos in der christlichen Umwelt versickerten, erwies sich der jüdische Kern in Portugal widerstandsfähiger, so widerstandsfähig, dass in den allerletzten Jahren ein bodenständiges portugiesisches Judentum Wiederaufleben konnte. Der Jude in Deutschland kennt diese Dinge aus dem trefflichen Buch des Stockholmer Rabbiners Markus Ehrenpreis (Das Land zwischen Orient und Okzident, Berlin 1928). Zwei Namen sind mit diesem Wiederaufquellen längst verschüttet geglaubten Lebens verknüpft: der des Ingenieurs Hermann Schwarz, der die Ueberbleibsel entdeckte, und der des portugiesischen Hauptmanns A. C. deBarros Ba6to, nach mehrhundertjähriger Pause des ersten Portugiesen jüdischer Abstammung, der sich wieder zum Judentum bekannte und eine Gemeinde um sich sammelte. Wolf hat die Entwicklung der Marannen in Portugal in einem kurzen aber inhaltreichen Aufsatz der vorliegenden Sammlung gezeichnet. Träger der Tradition sind im Gegensatz zu sonstigen jüdischen Entwicklung, wo die Lehre Sache der Männer war, die Frauen, insbesondere die alten Frauen, die Generationen überlebten, gewesen. Das wird uns von Wolf lebendig geschildert. Wieder und wieder gab es geweihten Kindes bei Tagore sich nicht den Wundern des Jenseits, sondern den grossen und kleinen Erscheinungen der Natur und des Lebens zuwendet. Aber auch Tagore, der Dichter der Innenschau, der Deuter kosmischer Zusammenhänge, der unwandelbare Idealist aus Leidgefühl und prophetischem Glauben an die Menschheitsentwicklung, greift in seiner schmalen, einfachen Märchendichtung über den äusseren Vorgang hinauf in eine höhere Welt des Unbewussten, des Ahnungsvollen, und ein zarter Schleier der Sinnbildlichkeit legt sieh über seinen nur leise bewegten Mikrokosmos. Der Knabe Amal, der vom Fenster .des Krankenzimmers in die Berge und Wiesen und in das bunte Vogelreich der Papageieninsel hinausträumt; dessen kindlich-reine Seele sich nur an den einen Wunsch klammert, vom König jeden Tag einen Brief zu bekommen — dieser kleine Träumer und Phantast ist dazu berufen, die Botschaft des Königs aller Welten, die Botschaft Gottes unter die Menschen zu tragen. Und wrenn ihn am Schiuss der Generalarzt des Königs, der grosse Erlöser Tod, in das Land holt, „von dem niemand etwas weiss", so fällt das Mal des Todgezeichneten von ihm ab, und man denkt an Tagores ethisches Bekenntnis, dass der Mensen bereit sein müsse, durch ein Martyrium von Leid hindurchzugehen, ehe der Sieg des Göttlichen in ihm errungen ist . . . Märchen, noch so wunderbar, Dichter- Autodafes überführter Juden bis tief hinein in das 18. Jahrhundert und immer wieder bis nahe an die Grenze des 19. Jahrhunderts heran gelangten portugiesische Marannen nach anderen Ländern und insbesondere England. (Nebenbei bemerkt, ist auch der Stammvater der Wiener E s k e 1 e s ein im 18. Jahrhundert aus Portugal geflüchteter Jude.) Bemerkenswert ist, dass die Lebenskraft der Marannen in dem Augenblick nachliess, wo auch die Verfolgungen aufhörten. Das war unter P o m b a 1. Seit 1780 wurden die Marannen in Ruhe gelassen. Der soziale Druck, der es unmöglich machte, anders als katholisch zu sein, verbot ein offenes Bekenntnis zum Judentum, der Wegfall der Verfolgungen Hess die Auswanderung erlöschen. Um so wunderbarer das späte Wiedererwachen. Wolf hat sich nicht nur betrachtend mit der interessanten Angelegenheit beschäftigt, sondern auch praktische Vorschläge gemacht, wie den wiedererstehenden jüdischen Gemeinden weiter zu helfen sei. Andere Arbeiten Wolfs befassen sich mit der Geschichte der Emanzipation der JudeD in England. Genannt sei der Aufsatz: „Das erste Stadium der jüdischen Emanzipation" und der über „Die Juden in England von 1837 bis 1897". Die besondere Stärke Wolfs lag in seinen genealogischen und f a m i 1 i e n - geschichtlichen Forschungen. Auf diesem Gebiete besass er ein unvergleichliches Wissen. Es ist zu bedauern, dass nur ein Teil davon gedruckt niedergelegt ist. Glücklicherweise sind seine handschriftlichen Sammlungen erhalten geblieben. Mancherlei Interessantes ist bei ihm zu lernen. Auch in England kam es vor, dass sich in reichen jüdischen Familien einzelne taufen Messen, wenn es auch niemals eine Taufwelle gegeben hat, die der Berliner Taufwelle der Rahel-Zeit zu vergleichen gewesen wäre Auch in England hat es Mischehen gegeben, übrigens bemerkenswert früh, schon im 18. Jahrhundert. Der erste High Commissioner von Palästina, Sir Herbert Samuel, hat unter seinen Stammüttern eine im 18. Jahrhundert zum Judentum übergetretene Engländerin. Wolf verdunste machen's wahr. Aber aucE 'die Kunst des Regisseurs Fritz Wisten gab, in einer aufs feinste abgewogenen Aufführung, dem Märchenhaft-Symbolischen der Tagoreschen Dichtung die Illusion des Wirklichen. Vor allem fandErikaPraetorius als Amal den reinen, keuschen Ton des Kindes, das mit seinen Sinnen die Erde, mit seiner Phantasie ein unerschlossenes Wunschland umschwärmt. Neben ihr die anderen Gestalten: der Pflegevater Madhav von Sigmund Nunberg, voll herber Güte ganz dem leiblichen Wohl des angenommenen Knaben zugewandt, indes das Väterchen von Alfred Berliner als verkleideter Fakir die Traumphantasie des Kindes in aufgeräumter Heiterkeit nährte. In bunter, märchenhafter Farbenpracht erschien der lärmende Dorfvorsteher von Fritz Lion, in unaufdringlicher Schlichtheit der Milchmann von Martin Chassel, in hoheitsvoller Würde der Generalarzt von Martin Brandt. Als junges Blumenmädchen Sudha, das dem kleinen Amal die schönsten Blüten auf das Totenbett streut, war Eva Baruch voll reizender Anmut. Auf Tagore folgte Hofmannsthal, auf das sinnreiche Märchen die dunkel wogende Ballade von Liebe, Sehnsucht, Enttäuschung und Tod. Hofmannsthal, der sie als Fünfundzwanzigjähriger gedichtet, hatte sich vorher schon, „frühgereift und zart und traurig", als Dramatiker in Renaissance und Hellenentum umgetan; jetzt richtete er, als Siegelbewahrer romantischer Tradition, zum erstenmal den Blick auf den Orient, den er einige Jahre später dann auch als Epiker betreten hat. Er siedelte die „Hochzeit der Sobeide" in Persien an, dem Land der alten Lieder und Gesänge, wo Goethe auf den Spuren Hafis' wandelte, ■ wo Rückert seine „Oestliohen Rosen" erblühen liess und Friedrich Bodenstedt die „Lieder der Mirza Schaffy" in betraehtsamer Weisheit anstimmte. Hofmannsthal konnte sich, wenigstens für den mittleren Akt seines Stückes, auf persische Originaldichtung berufen: wie im Hause des alten Lüstlings Schalnassar die ausschweifenden Instinkte der Sinnlichkeit mit der ahnungslosen Reinheit des Herzens zusammenstossen, so verband sich in der neupersischen Poesie oft Hohes mit Niedrigem; der Sternenhimmel wölbte sich über der Schenke, und die Liebe enthüllte nicht immer ihre zartesten Reize. Dies Hofmannsthalsche Furioso, das schon Elektra-Stimmung atmet, offenbar bewusst als Kontrastwirkung gegen die beiden anderen, ganz lyrisch gestimmten Akte in das Stück hineingestellt, erschien dem Publikum allerdings allzu grell in seinen aufgehäuften Dissonanzen, die dann noch im Schlussakt mit seiner elegischen Todesmelodie vernehmbar nachhallten. Vielleicht hätte ein wirbelndes Tempo die offensichtliche Peinlichkeit dieses Aktes mildern können. So wirkte Hofmannsthal viel schwächer als Tagore, obwohl Fritz Wiste ns Regie auch dies Werk in seinem heute freilich schon etwas verblassten Glanz aufleuchten liess und obwohl er bemüht war, folgt bis in die letzten Verästelungen die Ergebnisse derartiger Mischungen. Man lernt von ihm, dass beispielsweise Benjamin Disraeii gar nicht so sehr entfernte Blutsverwandte unter den englischen Peers gehabt hat, dass eine Herzogin von Norfolk, ein Marquis von Bute, wenn auch verdünnt, jüdisches Blut in sich hatten. Dasselbe ist übrigens bei den Earls of C r e w e der Fall, und zwar nicht erst durch die Heirat mit einer Rothschild. Die Sammlung der Aufätze Wolfs gehört zu den wertvollsten Erscheinungen der letzten Jahre auf dem Gebiete jüdischer Geschichtsforschung. Wer der englischen Sprache einigermassen mächtig ist, sollte nicht versäumen, sie zu lesen, Dr. Hans Kaiisch. Aus der wissenschaftlichen Welt Leo Spitzer 50 Jahre alt Fern von seiner österreichischen Heimat, als Professor der romanischen Sprachwissenschaft an der Johns Hopkins University in Baltimore, begeht der Jubilar sein Geburtstagsfest. Bis zum Jahre 1933 lehrte er in Marburg und Köln. Zu seinem Hauptstudiengebiet hat er sich die Erforschung der Sprache und ihres Stils gesetzt. Achtunggebietende Werke sind die Frucht jahrelanger Bemühungen: zwei Bände Stilstudien, sehr bekanntgewordene Untersuchungen über den Stil Prousts, Jules Romains' und seines Unanimismus. Auch Spitzer tat, was jeder tun muss, der Sprache liebt: er „schaute den Leuten aufs Maul", und zwar seinen eigenen Kindern, wodurch die Abhandlung über die Kindersprache zustande kam. Diese Aufgeschlossenheit hat Professor Spitzer zu einem sehr lebendigen, frischen und geistreichen Lehrer gemacht. Sein grosser Schülerkreis legt sprechendes Zeugnis dafür ab. Der ausserordentlich belesene und ßprachgewaltige Mann beschränkte sich nicht nur auf das Französische. Das Italienische Institut m Köln verdankt u. a. Spitzers Anregung seine Entstehung. Wir wünschen dem geistvollen Romanisten noch viele Jahre fruchtbaren Forsehens zum Ruhme seiner geliebten Wissenschaft A. R. Hugo v. Hof mannsthal, Die Hochzeit der Sobeide: Anneliese Töpfer, Ben Spanter FoL (2) Abraham durch einleitendes und abschliessendes Flötenspiel das Ganze als eine Art Rahmenhandlung erscheinen zu lassen, die aus dem düsteren Reich balladenhafter Wirklichkeit in die lichtvolleren Gefilde der Legende hinüberleiten sollte. Für die Darstellung hatte Wisten ausgezeichnete Kräfte eingesetzt. Vor allem lernte man in Annelise Töpfer eine auffallende Begabung kennen, ein Talent von starker Innerlichkeit und beseeltem Ausdruck, das im Mienenspiel noch etwas Starres hat und im Sprachlichen die feineren Schattierungen, die leisen Uebergänge, die halben Töne noch vermissen lässt. Ihr Partner, Ben Spanier, der Darsteller des reichen Kaufmanns, dem Sobeide gegen ihren Willen vermählt wird, zeigte viel seelische Noblesse und die kontemplative Ruhe des in sein Schicksal ergebenen, erfahrenen Mannes; es war nicht seine Schuld, dass er über die trübselige Melancholie, die der Dichter diesem vereinsamten Grübler als Grundzug seines Wesens gegeben hat, nicht hinausgelangte. Im Hause des Teppichhändlers Schalnassar ging es bewegter und weniger beschaulich zu; Alfred Lichtenstein machte aus der Figur des alten, heuchlerischen Roue" eine realistische Studie von sicherem Umriss, die hart an das Pathologische grenzte. Hans Karl Rosenberg als des Teppichhändlers Sohn Ganem, den die verlassene Sobeide für sich zurückgewinnen möchte, schwankte zwischen herzloser Kälte und rasender Eifersucht, und die von Vater und Sohn mit derselben Brunst umworbene Witwe Gülistane, die der Dichter noch aus der stattlichen Galerie der Theaterintrigantinnen bezogen hat, fand in Gerda Klein eine Robert Wollenberg, der im Ruhestand lebende ordentliche Universitätsprofessor für Psychiatrie und Neurologie in Breslau, vollendet am 9. Februar sein 75. Lebensjahr. * Zu Ehren von Professor Leopold Freund, dessen Leistungen auf dem Gebiet der Röntgenologie bahnbrechend waren, hielt die österreichische Gesellschaft für Röntgenologie eine Festversammlung ab, bei der der Direktor der Universitätsfrauenklinik in Erlangen, Professor Hermann Wintz, die Bedeutung Professor Freunds eingehend würdigte.- Gesandter v. Papen liess sich bei der Feier durch einen Beamten der Botschaft vertreten. * Anlässlich des 50jährigen Bestehens des Jewish Theological Seminary of America findet in New-York eine Ausstellung seltener Bücher und Manuskripte statt. Es werden u. a. mehrere der ersten Bibeltexte gezeigt, die in hebräischer und englischer Sprache gedruckt wurden. Die Werke sind Eigentum des Seminars und diesem von seinen Gründern und anderen Wohltätern zur Verfügung gestellt worden. Unter den seltenen Büchern befindet sich das Buch Esther aus einer Original-Gutenberg-Bibel aus dem Jahre 1455 und eine jüdische Gesetzessammlung, die in Italien im Jahre 1475 gedruckt ist und von. der angenommen wird, dass sie das älteste in hebräischer Sprache gedruckte" Buch darstellt. Ferner enthält die Sammlung die ersten medizinischen Bücher, die in hebräischer Sprache gedruckt wurden, Avicennas Medicinische Encyklopaedie, gedrucki in Neapel 1491/92, und eine Abhandlung über die Pest, wahrscheinlich das einzige erhaltene Exemplar, gedruckt ums Jahr 1510. * Im Rahmen der „Deutschen Sendung" in Prag findet am 10. Februar, 18 Uhr 20, ein Vortrag zum 100. Todestag von Ludwig Börne statt * In Wien hat sich ein Bund der deutschen Schriftsteller Oesterreichs konstituiert, der alle Dichter arischer Abkunft zusammenfassen soll. Als Vorsitzender wurde Max Meli gewählt. Im Gegensatz zu dieser Neugründung gehören dem „Deutsch - österreichischen Schriftstellerverband" auch Nichtarier als Mitglieder an. Rahindranath Tagore, Das Postamt: Siegmund Nunberg} Erika Praetorius, Alfred Berliner