Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 4 (28.1.1937)
- Date
- 1937-01-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Hoffmmg von Tausenden Rundgang bei der Berliner Jüdischen Winterhilfe / v<m Dr. Kate Marcus Während der Nacht hatten sich; gewaltige Schneemassen über die Stadt Berlin ausgeschüttet. Am nächsten Morgen schneite es unaufhörlich-weiter, als sollte.der Tag,in Winternacht versinken. Ein "feindseliger Wind warf uns' eisige Flocken ins Gesicht. Kaltes bläuliches Licht blendete' den Blick und schuf ein Halb-Bewusstsein zwischen Traum und leidvollem Erwachen. Wie grausam, dachte man, muss der' Frost die Menschen umklammern, die schlecht ernährt und gekleidet in ungeheizten Stuben sitzen, oder die strassauf strassab gegen den Schneesturm kämpfen müssen — mit einem Hausiererkoffer oder nur mit der Almosen heischenden.Hand. Die Haustür, die wir endlieh mit verklammten Händen öffneten, führte in das Haus der Berliner Jüdischen Gemeinde. Drinnen war es hell und warm und lebensvoll-geschäftig. Der Schnee zerstäubte machtlos an den Fenstern. War hier Geborgenheit? Hier arbeiten jüdische Männer und Frauen in äusserster Anspannung für ihre jüdischen Mitmenschen, die keine Geborgenheit kennen. Die Arbeit lässt ihnen kaum die Zeit, aufzublicken. Doch an diesem Tage hatte die Leitung der Jüdischen Winterhilfe sich die Aufgabe gestellt, den Vertretern der jüdischen Zeitungen und Zeitschriften zu erklären, und zu zeigen, wie der barmherzige Kampf gegen Hunger und Kälte geführt wird. Jüdische Winterhilfe — jeder Jude in Berlin und im Reich weiss von ihr. Sie nimmt von den einen; sie gibt den anderen. Besteht wirklich diese Trennung? Durchdringen sich nicht vielmehr Geben und Nehmen in einem Solidaritätsgefühl, das keine klare Scheidung kennt zwischen Leid- Tragenden und Mitleid-Tragenden?. Jeder von uns kennt die Jüdische Winterhilfe. Ihr ganzer Umkreis wird aber nur erfassbar, wenn man — wie wir an diesem Wintertage — eine gedankliche und tatsächliche Fahrt unter sachkundigster Führung durch die Winterhilfe maeht. Die „Fahrt" begann mit Zahlen. 150 angestellte Personen arbeiten hier. Rund fünftausend Helfer und Helferinnen, die ehrenamtlich' tätig sind, stehen ihnen zur Seite. TJeber die ehrenamtlichen Kräfte hörten wir viele Worte der wärmsten Anerkennung. Sie sind, es in der Hauptsache, die' alle Haussammlungen durchführen, *lie. ferner in die Häuser der Hilfsbedürftigen gehen," um die Art und Grösse des Notstandes zu' erkennen. . Dazu gehört, viel Takt und Einfühlung in jedem Einzelfall. Auch'das Ahr nehmen von Hilfe will gelernt sein —'es ist schwer zu lernen! Nicht selten ist es die Aufgabe der freiwilligen Helfer, die Notleidenden a«i „diplomatischen" Umwegen •dahin zu;_ bringen, dass sie überhaupt. Beistand annehmen. Die Winterhilfe ist mit vollem Recht stolz darauf, dass sie als grosse Organisation, die ihrem Wesen nach Generalisierung anstreben muss, doch die Möglichkeiten findet, ins einzelne zu gehen und auf den Einzelmenschen einzugehen. In diesem Winter sind es in Berlin rund dfeissigtausend Hilfsbedürftige, die den Anspruch auf Winterhilfe erworben, haben. Man denkt unwillkürlich an Familien und besonders an kinderreiche Familien, wenn man sich den betreuten Personenkreis vorstellt. ' Die Statistik jedoch ergibt ein ganz anderes Bild. 45 Prozent der bewilligten Unterstützungsanträge sind von Einzelpersonen ausgegangen, 30 Prozent von Familien mit zwei Personen, 25 Prozent von Familien mit drei und mehr Personen. Nur 1% Prozent der bewilligten. Anträge entfallen auf Familien, die aus sechs und mehr Personen bestehen. Eindringlicher kann sich die erschreckende Ueberalterung der jüdischen Gemeinde nicht darstellen! Geringe Geburtenzahl und. grosse Abwanderung der jungen Menschen haben diesen „unnatürlichen" Bevölkerungsaufbau zustande gebracht. Wenn man zur Ergänzung noch erfahren könnte, wie viele der Winterhilfsschützlinge über 60 Jahre alt sind, würde man deutlich erkennen, dass ein Grossteil der Not eine Not des vereinsamten Alters und ein Grossteil der Hilfe Altershilfe ist. In diesem Winter sind auch solche Personen berücksichtigt, die nicht der' jüdischen Religionsgemeinschaft angehören. Es sind rund 18Ö0 Me-n-* sehen, gleich 6,5 Prozent der Gesamtzahl. Was gibt die Winterhilfe den Notleidenden? Regelmässig Pfundpakete, Lebensmittelscheine. Kartoff ein und Kohlen. 1500 Frauen arbeiten ehrenamtlich in der Pfundspende, die das Werk der jüdischen Frauenverbände ist.' In der Küstriner Strasse, der Verteilungsstelle des Bezirks Charlottenburg, sahen wir die zur Ausgabe fertig gemachten Pfundspenden. Siebenverschiedene Arten von Paketen werden' ausgeteilt,- darunter" solche für Zuckerkranke, für Magen- und Gallenkranke, für .Unterernährte und Pflegebedürftige. Die fertigen Spenden, lockend und appetitlich auf Kartondeckeln aufgebaut, sahen wie kleine Geburtstagsbescherungen aus. Die tüchtigen Helferinnen standen in, weissen Kitteln vor ihrem Werk und erzählten, dass die Empfänger sich jedes-Mal auf die Pakete freuten. 15 000 bis 16 000 Pakete werden im Monat ausgegeben. — Von den organisatorischen Schwierigkeiten der Kartoffelversorgung kann man sich einen schwachen Begriff machen, wenn man hört, dass im Januar rund 29 000 Kilogramm Kartoffeln halbzentnerwei.se in die Wohnungen gebracht worden sind! Für die Lebensmittelscheine wendet die Winterhilfe im Monat 55 000 bis 60 000 RM auf. Neben den regelmässigen Leistungen steht das, was die Kleiderkammer im Bedarf sf alle ausgibt. Die Kleiderkammer — über sie allein könnte man einen langen Aufsatz schreiben! Sie ist, wie wir hörten, aus einer Brockensammlung entstanden. Hier ist sie ein kleines Warenhaus, von Textilfachleuten geleitet, mit einer Eigenfabrikation und Reparaturwerkstätten, in denen jüdische Handwerker tätig sind. In den Lagerräumen hängen Kleidungsstücke Lebensmittelspende für Mann und Frau und Kind in mustergültiger Ordnung, pfleglich behandelt, auf Bügeln in langen Reihen. Schuhe gibt es ausserdem, auch Wäsche, sogaT Braut--und Babyausstattungen. Es werden durchweg nur gute, haltbare Sachen ausgegeben, überwiegend neue, weil die Spenden bei weitem nicht ausreichen. Der Bedarf an Kleidung ist sehr gross. Ein Drittel der ganzen Winterhilfsleisfungen besteht, dem Betrage nach, in Kleidung. Rund 60 000 Personen wurden im Jahre 1936 von der Kleiderkammer versorgt. Besondere Anforderungen stellt die Auswanderung. Man gibt' .den -Auswandernden Kleider,.- Schuhe, Wäsche, Möbel. Sie sollen nicht abgerissen und mit dem Stempel der Not im fremden Lande ankommen. Das ist der letzte Liebesdienst, den ihnen die Heimatgemeinde erweist. Sicher werden viele dankbar daran zurückdenken. Wir besuchten ferner eine Ausgabestelle der Winterhilfe im Norden, die 6000 Personen betreut. Hier zeigt sich das Elend -in seiner unverhüllten Gestalt Die Helfer sehen bei ihren Hausbesuchen unterernährte Männer und Frauen, Lungenkranke, Menschen in armseligster Kleidung, hilflose Frauen, deren Männer ausgewandert sind. „Und die Kinder?" fragt, ein Teilnehmer der Führung. Die Antwort lautet: „Die Kinder sind meist gesund und gut gehalten." In wenigen Worten ein Loblied, auf die jüdischen Eltern, die ihr Letz-r tes hergeben für ihre Kinder. In den westlichen Bezirken der Stadt ist Kidderspende Fot. (2) Abraham STELLEN MARKT ANGEBOTE Für eine Zementwarenfabrik (Fussboden- und Gehwegplatten) -wird Werkmeister gesucht; Bedingung: praktische Erfahrung auf diesem Gebiete. Angebote unter B 5159. C.-V.-Zeitung, Berlin W.15. Lehrling für Platzbolzhandlg. i. Harzgebiet z. 1. 4. od. früher gesucht; spätere Sägewerksausbildung möglich. 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