Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 3 (21.1.1937)
- Date
- 1937-01-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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an das hohe Gefühl der grossen Stünde, aber kein unjüdisches Zurschä'ü'steile'n des Schmerzes in einer Lage, die unabänderlich, aber ve"rheissungsvoll ist. Der' Aufbruch einer Generation zu ihrer heiligen Bestimmung, mäg er sich auch m einen von uns zurzeit weit entfernten Raum hin bewegen, kann nicht Gegenständ unserer Klage sein. Es gilt für ans alle, die richtige Mitte' zn finden zwischen dem Gefühl der Abgestumpftheit einem jüdischen! Massenerieben gegenüber ü-rid der qnälerischen Sehnsucht näch den von uns gegangenen Lieben. Nur so erreichen wir die ernste, gefestigte Haltung, die hier nottut und die unsere Jugend uns wahrhaft vorlebt. Bück auf die Arbeit der Frauen in der Welt Die englische, Zeitschrift "Th e nin et. e e ri t h Century and a f t e f fordert die Errichtung elftes Ministeriums für die Wohlfahrt von Mutter und Kind in England,- ferner eine Abänderung der Einkommensteuer zugunsten der Familienväter und die Einführung von Familienzuschlägen im Lohnsystem. Ausserdem werden Eheständsbeihilfen angeregt und die Schaffung eines Gesetzes .gegen die Verödung und den Missbrauch von Ländereieii. # Die Gleichberechtigung der Frauen in Mittel- und Südamerika hat in den letzten Jahren ausserordentliche Fortschritte gemacht. So wurde, in Brasilien im vergangenen Jahre eine neue Verfassung eingeführt, welche die Frauen iri politischer und wirtschaftlicher Hinsicht den Männern nahezu vollständig gleichstellt. Sie gemessen dort alle Vorzüge sozialer Einrichtungen, alle öffentliche' Aemfer stehen ihnen Offen, sie sind bezüglich Lohn und Arbeitsbedingungen gleichberechtigt. Bei den ersten Wahlen.- die äuf Grund der neuen Verfassung durchgeführt wurden, sind zehn Frauen in die gesetzgebenden Körperschäften gewählt worden. Zwei Brasilianerinnen sind mit Konsularposten betraut worden-' Im Staate Rio de Janeiro sind zwei Frauen als Staatssekretäre, und zwar im Arbeitsam d im Unterrichtsministerium, tätige In Chile erhielten die Frauen im vergangenen Jahre das kommunale Stimmrecht. In Ecuador wurde vor kurzem die. erste staatliche höhere Mädchenschule errichtet, der bald zwei weitere folgen werden. Auch in Mexiko hat die Frauenbewegung stark an Boden gewönnen, nachdem sie zeitweise durch andere Probleme sehr in den Hintergrund sedrängt worden war. Ebenso setzen sich in Nicaragua, in Peru und Salvatore die Frauen im wirtschaftlichen und staatsbürgerlichen Leben mehr und mehr durch. Aehnliches gilt für die südamerikanischen Republiken. Das britische ArbeifshYmisteriüm hat vor kurzem eine kleine Schrift veröffentlicht, in welcher Ratschläge für 80 verschiedene Frauenberufe erteilt werden. Vor der Schulentlassung würde den Mädchen der Ratgeber ausgehändigt. Es wird in der Schrift davor gewarnt* scheniatisch den kaufmännischen Beruf ohne Berücksichtigung der eigenen Fähigkeiten und der Aussichten in änderen Berufen zu wählen. Interessant ist, dass es bereits 1934 in England 142 Polizeibeamtinnen und 19 weibliche Polizeiansjestellte.gab; 1933 haben 2810 Aerztinnen in England Praxis ausgeübt. * In England ist eine Ausdehnung des Arbeitsschutzes für jugendliche geplant."' Für Jugendliche unter 16 Jahren soll die Leistung^ von Üeberstunden verböten werden, für Laufburschen und ähnliche Beschäftigte ist die 48-Sturiden-Wöche vorgesehen, weiterhin soll die Beschäftigung von Jugendlichen zwischen 22 und 6 Uhr nicht,mehr erlaubt sein, eine Bestimmung, die bereits seit 1934 für jugendliche Beschäftigte in Verkaüfsläden gilt. In Hotels und Vergnügungsstätten dürfen" Jugendliche nach 18.30 Uhr nicht mehr beschäftigt werden. Im übrigen soll die Arbeitszeit so geregelt sein, dass de« jugendlichen Arbeitnehmern genügend Freizeit zur Erholung, zur Weiterbildung und Zur ausreichenden Nachtrübe zur Verfügung steht. H. St. Ich atn Ihrer Stelle •. „Was! Sie machen den ganzen Haushalt allein? Ich: würde an Ihrer Stelle die Wohnung aufgeben, die Möbel verkaufen und mit dem Mann und den Kindern einfach in eine Pension ziehen." „Umschichten, mein Lieber! Mit Ihrer technischen Begabung können Sie noch ein tüchtiger Autoschlosser oder Installateur werden. Und die werden doch überall in der Welt verlangt." „Das verstehe ich nicht, dass Ihr Junge hoch in die Schule geht. Ich an Ihrer Stelle w'ürde ihn schleunigst in eine Handwerkslehre stecken." „Wenn ich so jung und unabhängig wäre wie Sie, sässe ich schon längst als Siedler in Uruguay." „Sie sagen, Sie wissen nicht, wer für Ihren alten Vater sorgen soll, wenn Sie fortgehen? Ich an Ihrer Stelle würde ihn in einem Altersheim unterbringen und dann zu den Geschwistern nach Japan gehen." An Ratschlägen dieser und ähnlicher Art besteht kein Mangel, schon eher Ueberfluss. Sie werden mit einer freigiebigen Gebärde ausgeteilt, etwa so, wie man bei überreicher Ernte Früchte aus seinem Garten verschenkt. Man möchte fast meinen, es hätte sich eine Gilde der freiwilligen Ratgeber gebildet. Von keinem berufen und besoldet, betreiben sie die Rätgeberei. Meist verordnen sie ohne Ansehen der Person und Sache immer das gleiche Rezept, das nach ihrer Meinung alle Leiden der anderen heilt. Sie selbst sind anscheinend so gesund, dass sie ihre eigene Medizin nicht nötig haben. Nach einer gewissen Zeit wird wohl ein Rezept verworfen und stattdessen ein anderes, natürlich ebenso generell wirksames, empfohlen. Die Methode jedoch bleibt sich immer gleich: Ein gordischer Knoten wird blindlings zerhauen. Eine verwickelte Problematik wird mit einem Zungenschlag auf das Allersimpelste vereinfacht. Das schwere Schicksal des Ratlosen wird auf die leichte Achsel des Ratgebers genommen. Was kümmert uns die unbefugte Rätgeberei? Wir sind ja schliesslich Manns genug, um unsere Sache vor die berufenen jüdischen Instanzen zu tragen und den Kurpfuscher höflich, aber bestimmt abzuwimmeln. Hm, ja--. Wenn nur nicht, selbst von einein noch so grundlosen Gerede, immer etwas im Netz der Gedanken hängen bliebe!! So geschieht es dann, dass-man kurz vor dein'Ziel eines langen, rnüäseligerff-Ge- - dankenweges plötzlich Halt macht, stutzig wird, umschwenken möchte: „Sollte der Oppenheimer aiii Ende döch recht gehabt haben?!"" Er hat nicht recht gehabt, selbst wenn er ausnahmsweise recht bekommen sollte. Er hat uns nur unruhig gemacht und verwirrt. Und ein verwirrter" Köpf siebt zuletzt sogar die eigenen Füsse nicht mehr richtig. Die Sache mit den unbefugten Ratgebern wäre noch relativ harmlos, wenn wir nicht alle gelegentlich in die Versuchung gerieten, für einen anderen Menschen Schicksal zu spielen. Man wird um Rat und Meinung gefragt — kein seltener Fall heute im jüdischen Kreise. Und. schon hat man unversehens die verräterische Formel ausgesprochen: „ich an Ihrer Stelle '* Nachher fällt einen die Reue an. Wie £onir1$ ich, ohne ganz eingehende Kenntnis des Menschen und seiner Lage, empfehlen, was zu ge«* schehen habe, wie konnte ich nur! Weil man; zufolge einer wunderlichen Seelenpolitik die fremde Angelegenheit fast immer vereinfacht, gleichsam abgeflacht und abgeblasst sieht. Es muss wohl so sein, dass wir bis zu einem gewissen Grade für die Lebensfarbe andere? Menschen, mit Ausnahme der allernächsten, farbenblind sind. Und dann: es spiegelt sich immer ein Stückchen eigenes Ich mit herein, wenn wir ein menschliches Gegenüber betrachten. Versucht man noch so redlich, sich an die Stelle des anderen zu versetzen, man nimmt doch seine eigene körperliche und seelische Struktur und Temperatur mit hinüber auf den Platz des anderen. Kate Marcus. Zu den Neuerwerbungen des Berliner Jüdischen Museums Immer grösser wird der Aufgabenkreis eines Gemeirtdemuseums. Das beweist die Schau der ausgestellten Kunstwerke, die zürn Teil aus den Mitteln des Jüdischen Museumsvereins erworben, zum Teil dem Museum in Obhut gegeben wurden: Leihgaben und Schenkungen von Menschen, die ihre ~ Wohnungen verkleinert oder aufgegeben haben. Dabei sieht man, was alles an wertvollen Dingen in den Familien beheimatet war, wieviel Anregungen das Museum durch die tätige Mitarbeit Aussenstehender gewinnen kann. Die neu hinzugekommenen Stücke gliedern sich in zwei Abteilungen. Die Bestände der Kultgeräte wurden im Jahre 1936 ergänzt durch mehrere Textilien, schön gestickte Toravorhänge aus den Jahren 1762 und 1728, in der Wahl der Ornamentik Kinder ihrer Zeit, des bewegten 18. Jahrhunderts. Eine Decke, die für das Vof- -beterpult benutzt j wurde, stammt ausderSynagoge j in Rogäseil; ein Haustorschrein I aus der Mitte des 119. Jahrhunderts ist für das Mü- S seum eine be- I sonders interessante Neuerwerbung. Silberne Rimonim und ein Messing- Chanukkaleuchter erfreuen sich eines guten Erhaltungszustandes. Und dann ist da eine Vitrine, die in besonderem Ausmass für die jüdischeKultürgeschichte von Wert ist. Ueber ihr das Oelbild von Moses Mendelsohn kam aus den aufgelösten Beständen des Berliner Lessingmuseums in die Oranienburger Strasse. Unter Glas ruht die Litho der französischen Schauspielerin Rachel (1821 bis 1858). WTeiter ein Stahlstich mit dem Bildnis Eduard v. Simsons und ein Skizzenbuch von Julius Moser. Zwei Pineelzeichnungen von Lesser Ury und eine Bleistiftzeichnung dieses Berliner Meisters wurden von Direktor Heinrich Stahl geschenkt. — Dann kommt der Besucher der Ausstellung zur Moderne. Neben die Namen von altem Klang die der jungen Künstler. Von Max H e i m a n n erwarb das Museum ein Stilleben, von I. A s c h h e i m (Breslau) ein schönes Aquarell, von Margarethe N e h e m i a s eine Rügenlandschaft, von Michel F i n g e s t e n eineseiner anerkannten Lithos ..Mutter und Kind", von der Behrend-Corinth eine Darstellung der Valeska Gert in einer ihrer Tanzschöpfungen. Sehr schön unter den Gemälden wieder zwrei Blumenstilleben, das eine von Rudolf Levi, der im Kreise'von Henri Matisse gross geworden, ist ein Geschenk von Dr. F. Kantorowicz, das andere von Felix Nussbaum schenkten Hedwig und Felicia Isaac dem Museum. B a t o ist unter den Neuerwerbungen dreimal vertreten, Ludwig Schwerin mit der Zeichnung eines Affen und einem Aquarell „Trüber Tag", das eine sehr interessante Wolkenbildung zeigt. Natürlich fesseln die Namen der Vergangenheit: Emil 0 x I i k s Radierung mit dem Porträt der Frau Dr\ Freudenberg, Gämille Pissarros braun getöntes Blatt .^Frauen bei der Ernte", das ».Sitzende Mädchen" von Jozei Israels, die Zeichnungen und Gemälde von Anita Ree, der jung verstorbenen Hamburger Malerin. Die Plastik ist vertreten mit einem kleinen Bron.^etorso von Moise Kogan (Geschenk von Direktor B. Nothmann), einem sehr reizvollen Werk, mit der schon früher erworbenen Plastik „Mutter und Kind" von Elisabeth Springer, mit dem Porträt des Professors Elbogen von Walter Cohn und einer Kleinbronze von Sokol. Dr. 0. B. Die Aufnahme des Havsthoraschreins stammt von Grete Karplus Marianne Webers Die Frauen und die Liebe Marianne Weber, Witwe des grossen Heidelberger Soziologen Max Weber, die nicht nur die Lebensgeschichte ihres frühgestorbenen Mannes, dessen Mitarbeiterin sie war, sondern als führende Gestalt in der Frauenbewegung manches Buch über Eheprobleme geschrieben hat, veröffentlicht nun als Ergebnis und Krönung ihrer Lebensarbeit ein volkstümliches Werk, das sie betitelt: „Die Frauen und die Liebe/' Aber dieser Titel ist eigentlich zu eng für den weiten Inhalt des Buches; denn es behandelt alle nur vorstellbaren Formen der Liebe, von der keimenden, irfend-suchenden Schwärmerei der Halbwüchsigen bis zur idealen Ehe, von der völligen Hingabe an charitative Nächstenliebe bis zu der wildesten Form freien Liebesgenusses, von reifer", tatkräftiger Witwenschaft bis zur aufopfernden mütterlichen Freundschaft. Das Buch ist in der volkstümlichen Serie der ,,BIauen Bücher" (Karl Robert Langewiesche Verlag, Königstein und Leipzig), in Leinen geb. für 2.40 RM, erschienen. Im ersten Teii wird;;Die Reifung zur Liebe" allgemein und allgemeingültig erörtert, von frühester Kindheit und vernünftiger Erziehung über die Pubertätszeit bis zur Ehe. Aber man glaube nicht; dass hier eine gradlinige Entwicklung, ein universales Rezept gegeben wird, sondern Marianne Weber spricht ebenso ausführlich und offen von den Abirrungen der Liebe, von dem, was vor oder jenseits jener Erfüllung und Bewährung liegt, die sie als die ^richtige Liebe" bezeichnet. Und man glaube nicht, dass die Soziologin mit dieser aus vielfältiger Praxis gezogenen Theorie sich begnügt, sondern im zweiten Teil des Buches^ der fast viermal so umfangreich ist wie der erste; werden als „Wirklichkeitserscheinungen der Liebe" in wirklichen Lebensläufen und Liebes'eflebnissen alle Gestaltungsmöglichkeiten der Liebe dargestellt, gewönnen aus Briefen^ Selbstbekenntnissen und Erinnerungen bedeutender Menschen des 19. Jahrhunderts. Die edelste Form der Liebe, „Ehe als Daseinserfüllung", wird aufgezeigt an dem Bund Wilhelms und Karolines v; Humboldt, in dem jeder der beiden Partner umfassendste geistige Vollendung und vollkommenste Freiheit anstrebte, sodann in der biedermeierlich-innigen, seelisch auf höchster Stufe stehenden Ehe zwischen Karolines Tochter Gabriele mit Heinrich v. Bülowr sowie in der kinderlosen späten Verbindung zwischen Henriette und Karl Schräder, die ihren Sinn erhielt durch rastlose Arbeit für weite Volksschichten. Als Beispiel für das Scheitern der Ehe, trotz beharrlicher Versuche* zu einer erträglichen Lebensform zu gelangen, dient das unglückliche Verhältnis zwischen Richard Wagner und seiner ganz anders gearteten Frau Minna. Wagner gibt dann noch zweimal das Beispiel: für „die grosse Passion4', in der verzückten und entsagenden Liebe zu Mathilde Wesendonck* und für .Jiebeswagnis, Schuldend Bewährung'4, in dem völligen gegenseitigen Aufgehen zwischen ihm und Cosima, die er dem besten Freunde nehmen musste, um den Gipfel seines Lebens und Schaffens zu gewinnen. An Cosima Wagner, die den Meister um fast ein halbes Jahrhundert überlebte, wird dann die tröstende Möglichkeit tätiger 'Witwenschaft erwiesen. Aussefeheliche Liebe als „Behelf und Eheersätz" wird exemplifiziert an dem opferreichen und qualenvollen Zusammenleben und Auseinanderleben von Friedrich Hebbel und Elise Lensing, während Franziska v. Reventlow die Frau darstellt, für die Liebe und Leben nur in der Form unendlichen freien Liebesgehiesseüs möglich war. Dass mütterliche. Liebe in schönster Erfüllung zum fremden Kind zu verwirklichen ist, erweist die lebenslange Betreuung der Tochter Alexander Herzens durch die Ideälistin MaU wida V. Meysenburg. Eva v. Tiele - Wiücklef stellt den Typus der charitativen Liebe schlechthin dar: völlige Hingäbe des Lebens äüs reli* giöser Ergriffenheit für das Leben der Mit* menschem psychologischen Ergründung schwer deutbarer, Jeder dieser knappen Essays Marianne Webers ist ein Kunstwerk für sich — in der geheimnisreicher und wunderbarer Seelenvorgänge, in der klaren und reinen Formung, mit der innere Entwicklungen zu eindringlicher Darstellung und vollkommenem Sprachausdruck gebracht werden. Kurt Pinthus. Kochen—aber originell Vier neue Kochbücher Boulestin: ..Merkur in der Küche." H. Goverts-Verlag, Hamburg-Leipzig 1936. Eickel: " „Dekanieron der Feinschmecker." Societätsverlag, Frankfurt a. M. 1936. Edouard de Pomiane: ..Die fröhliche Kunst des Kochens." Verlag Bruno Cassirer, Berlin 1936. Otto Nebelthau:' „Vom heiteren Kochen." Verlag Ernst Rowohlt," Berlin 1936. Sehr geehrte gnädige Frau! Haben Sie sdhon einmal berechnet, wie viele Stunden Ihres Lebens Sie bei Tisch sitzen? Es werden viele Jahre sein. Und sollte, man sich diese Jähre nicht so angenehm und so abwechslungsvoll machen, wie es nur irgend geht? Auch und gerade heute, wo Sie, wie Sie neulich meinten, ändere Sorgen als die „Kocherei" haben. Schaffen Sie sich also jeden Tag eine neue Lebensfreude, indem Sie „ausgefallen", interessant und nach neuen Rezepten kochen. Die alten handfesten Köchbücher in allen Ehren; sie sind gut und bewährt. Aber die vier soeben erschienenen neuen Lehrbücher zeigen Ihnen ungeahnte Möglichkeiten. Zwei Franzosen, Marcelle Boulestin und Edouard de Pomiane, ein Literat und ein Arzt, beide Stil- und Kochkünste ler, beide auf kulinarischem Gebiet auch in Deutschland schon literarisch bewährt, weihen Sie fesselnd in die feine französische Küche ein. Sie glauben, man könne im Durchschnittshaushalt nicht französisch kochen. Sie irren: nach diesen Kochbüchern können Sie es und Sie brauchen Ihren Geldbeutel nicht einmal anzustrengen. Boulestin nennt sein neues Kochbuch sogar „Merkur in der Küche — Die Kunst, stets vollendet und doch billig zu kochen". Vollendet und billigl Selbst Spiegeleier kann man „interessant" machen, so, dass sie ein besonderer Genuss und Feiertag in unserer hausbackenen üblichen Kost werden. Und Herr d e Pomiane, ein Meister der interessanten und gar nicht einmal verzwickten Rezepte, nennt Ihnen zu jedem wohlbekannten Gericht viele neue Möglichkeiten, die Sie gewiss noch nie auf einem Speisezettel bei uns gefunden haben. Er hält im übrigen das' Kochen für eine fröhliche Kunst und teilt diese Meinung mit dem Deutschen Otto Nebelt hau, der uns eine gesunde und interessante Art des Kochens lehrt. Er verpönt die dicken Tunken und empfiehlt statt ihrer eine Fülle neuartiger Gerichte von erlesenem Geschmack, die Sie, verehrte gnädige Frau, leicht und ohne grossen Aufwand nachmachen können. Dagegen will Walter B i c k e 1 in seinem „Dekameron der Feinschmecker" eine Kulturgeschichte des Essens geben; er will dem geplagten Menschen der modernen Welt mit der Fähigkeit des verständigen und feineren Genusses ein Stück Lebensfreude wiedergeben. Von ihm erfährt man zum Beispiel, welche Vorspeisen die Aegypter kannten, welche Suppen Cicero ass, was Napoleon bevorzugte usw. Die Rezepte allerdings, die Bickel gibt, können wir nur zu ganz besonderen Festgelegenheiten ausprobieren. Alle vier Bücher sind nach einem gemeinsamen Rezept geschrieben: wer kochen lehren will, muss ein graziöser Lehrer sein. In einein spritzigen, sprudelnden, überlegenen Slil hören Sie von den Freuden der Tafel, und jeder der vier Schriftsteller darf durchaus für sich literarische Massstäbe verlangen. Allerdings ist keines dieser Bücher für die Bedürfnisse der rituellen Küche geschrieben. (Dass Sie das Kochbuch des Philo-Verlages, „Kochbuch für die jüdische Küche", kennen, setzte ich voraus.) Aber jede einigermassen geschickte Hausfrau, die Freude am Kochen hat, wird manche Anregung aus einem dieser Kochbücher auch im Rahmen der rituellen Küche mit leichten Abwandlungen verwerten können. „Man nehme" also eines dieser Bücher zur Hand und lerne, verehrte gnädige Frau, dass es doch noch Möglichkeiten gibt, sich trotz der vielen änderen Sorgen eine kleine billige, ujid, wie ich glaube, echte Freude zu machen" Ich will mich demnächst überzeugen. Ihr S. Avarin.