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Central-Verein-Zeitung · 1937-01-21 · 3 (21.1.1937) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
3 (21.1.1937)
Date
1937-01-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 3*1. Beiblatt CMZeitiif 21. Januar 1937 Argentinisches Judentum/ Von Dr. Bruno Weil Sond.erbericht für die C. -V. - Zeitung Baten nnd Zahlen Buenos Aires, Anfang Januar. Das argentinische Judentum ist das zahlenmässig stärkste in ganz Südamerika. Direktor Simon Weill (JCA), der eine ausführliche statistische Arbeit über die jüdische Bevölkerung in Argentinien gemacht hat, gab mir als die wahrscheinliche Ziffer für Ende 1936 rund 260 000 an. Da der der Ziffer nach nächste Staat Brasilien etwa 55 000 jüdische Einwohner hat, so ergibt sich schon aus dieser Zahl die Bedeutung des argentinischen Judentums für Südamerika. Von den argentinischen Juden wohnen etwa 135 000, das ist also mehr als die Hälfte, in der Hauptstadt Buenos Aires; da in der unmittelbar anstossenden Provinz Buenos Aires (das Stadtgebiet liegt schon zum Teil im Hoheitsbereich der Provinz) 30 000 Juden wohnen, so gibt es in Stadt und Provinz 165 000, also Zweidrittel aller Juden. Die mit der Betreuung der Einwanderung beauftragten Organisationen, aber auch die Leiter der JCA. sind der Meinung, dass ein weiteres Anwachsen der jüdischen Bevölkerung in der Hauptstadt vermieden werden muss. Eine gleichmässige Verteilung auf das gesamte Land liege im Interesse einer ruhigen Entwicklung. Der Widerstand eines Teils der Eingewanderten gegen alle Anordnungen, die auf eine Unterbringung ausserhalb Buenos Aires hinzielen, ist ausserordentlich gross. Da werden alle nur möglichen Gründe weit hergeholt, um nicht in die „Provinz" gehen zu müssen. Es kann für die nächste Zeit niemand, der von Deutschland aus nach Argentinien einwandert, darauf rechnen, dass ihm die Hilfsorganisationen bei der Niederlassung in der Hauptstadt behilflich sind. In den Provinzen gibt es eine ganze Reihe von Unterbringungsmöglichkeiten, auch in Orten, in denen grössere jüdische Gemeinden bereits bestehen. So gibt es in Rosario eine Gemeinde von 12 500 Personen, in Santa Fe von 3500, in Cordoba von 5300 und in dem weingesegneten Mendoza, das am Fusse der Kordilleren liegt, von fast 3000. Die Juden, die schon zur Zeit der spanischen Eroberung oder in den folgenden Jahrhunderten nach Argentinien gekommen sind, sind restlos im Katholizismus aufgegangen, von ihnen ist kaum mehr eine Spur feststellbar. Allerdings wird in verschiedenen Ländern Südamerikas, angeregt durch Diskussionen über die Judenfrage, darauf hingewiesen, dass viele der leitenden und führenden Familien Südamerikas aus jüdischem Blut stammen. Die in Santiago di Chile erscheinende „Nacion" hat gerade in diesen Tagen einen ausführlichen und auf Inquisitionsakte gestützten Bericht darüber gebracht. Von den mit den Konquistadoren eingewanderten Juden gibt es kaum Abkömmlinge jüdischen Glaubens mehr. Noch im Jahre 1888 gab es in ganz Argentinien nur 15 000 Juden. Mit der Gründung der JCA setzte eine grosse Wanderbewegung ein. Diese verstärkte sich besonders in den russischen Pogromjahren zu Anfang des Jahrhunderts, so dass die jüdische Bevölkerung im Jahre 1910 rund 75 000 Köpfe betrug. Sie war zu Kriegsbeginn auf 116 000 Menschen gestiegen. Während des Krieges fand eine Einwanderung so gut wie nicht statt. Aber die in Argentinien starke natürliche Vermehrung des Judentums brachte es zuwege, dass bei Friedensschluss die Zahl 127 000 erreicht worden war. Unmittelbar hiernach setzte an der ganzen Ostküste Südamerikas die grosse Nachkriegseinwanderung ein. Sie ging ununterbrochen bis zum Jahre 1930, in dem die grosse wirtschaftliche Krise auch Argentinien ergriff. Im Jahre 1923 erreichte die jüdische. Wanderbewegung mit fast 14 000 Menschen ihren Höhepunkt. Im Jahre 1930 betrug die jüdische Bevölkerung rund 230 000 Köpfe. In den folgenden Jahren ist die Einwanderung nicht sehr gross gewesen, sie wurde bei weitem durch den natürlichen Zuwachs übertroffen; lediglich das Jahr 1936 hat insbesondere aus Deutschland einen neuen Zustrom von Juden gebracht, so dass der Anteil der Juden an der argentinischen Gesamtbevölkerung mit 260 000 Köpfen jetzt zwei Prozent beträgt. Das Werk der ICA Eine besondere Note erhält das argentinische Judentum dadurch, dass die grossen und wichtigen Kolonien der ICA sich hier befinden. Dieses Werk des verstorbenen Baron Hirsch hat sich als ausserordentlich segensreich erwiesen. Die Ansiedlungen haben zwar nicht das Ausmass erreicht, das dem Gründer der ICA vorgeschwebt hat. Immerhin leben in den Kolonien der ICA und in den kleinen Ortschaften und Städten, die sich im Anschluss an sie gebildet haben, 40 000 Menschen, darunter 30 000 Juden. Irgendwelche Beschwerden aus dem Zusammenleben der jüdischen und nichtjüdischen Bevölkerung haben sich nie ergeben. Der Umstand, dass es 30 000 jüdische Menschen dort gibt, die in unmittelbarem Zusammenhäng mit der Landwirtschaft und den landwirtschaftlichen Arbeitern dieses Landes stehen, ist auch nicht ohne Einfluss auf die Gesamtlage des argentinischen Judentums geblieben. Heute gibt es schon eine ganze Reihe von ICA- Siedlern in der zweiten Generation, die allerdings nicht alle auf dem Grund und Boden geblieben sind; insbesondere bei den Familien mit zahlreichen Kindern, sind immer einige Mitglieder der Familie nach der Stadt abgewandert. Was es aber, besonders in den akademischen Berufen, an Juden in Argentinien gibt, setzt sich fast ausschliesslich aus in Argentinien bereits geborenen Söhnen von landwirtschaftlichen Siedlern der ICA zusammen. Die Zahl der jüdischen Aerzte im ganzen Land beträgt 629, der Zahnärzte 268, der Apotheker und Chemiker 278, der Ingenieure und Architekten 90, der Anwälte 100 und der Notare 76. Jeder der akademischen Berufe zählt also nur einen kleinen Bruchteil der Zahl der jüdischen Kolonisten und Bauern; und auch zusammengenommen sind in allen* akademischen Berufen weit weniger Menschen tätig, als in der Landwirtschaft. Als eine besondere Erscheinung kann dabei noch erwähnt werden, dass gerade von den Aerzten und Zahnärzten, den Apothekern und Ingenieuren die weitaus grössere Zahl . ihren Beruf in den Provinzen ausübt. WanderungsiBewegssiag Die Zahl der aus Deutschland im Laufe der letzten vier Jahre nach Argentinien eingewanderten Personen, ist nicht leicht festzustellen; aber einen gewissen Anhalt geben die folgenden Zahlen: Der Hilfsverein der deutschsprechenden Juden hat bis zum 30. Juni 1936 nur nach Familien, nicht nach Personen gezählt und bis dahin in 2489 Fällen, das sind für 4000 bis 5000 Personen, Hilfe geleistet. Die Zahl ist in diesem Jahr weiter stark angestiegen, sie betrug im zweiten Halbjahr 1936 "mit einer Höchstziffer von 243 Personen im November über 1000 Personen. Es sind also annähernd 5000 bis 6000 deutschsprechende Juden durch die Arbeit des Hilis-Vereins - gegangen. Eine weitere Zahl von Einwanderern ist über die HICEM gekommen. Ihre Zahl beträgt, wie mir deren sehr verdienstvoller Leiter, M e 11 i b o w s k y, mitgeteilt hat, bis zum 20. November 985 Personen. Ein grosser Teil der Einwanderer, insbesondere aller, die durch ihre Verwandten gerufen werden, aber auch ein erheblicher Teil derjenigen, die über einige Hilfsmittel verfügen, versucht sich eine Existenz, ohne die Mittel der Organisationen in Anspruch zu nehmen, selbst zu schaffen. Wenn es richtig sein sollte, dass die Zahl der Personen, die bei den Komitees nicht vorsprechen, etwa die Hälfte aller Einwanderer beträgt, und wenn man weiter den Umstand berücksichtigt, dass unter den bei der HICEM geführten Personen sich auch solche befinden, die sich bei beiden Organisationen melden, so kommt man dazu, dass die Gesamteinwand e r u n g deutschsprechender Juden oder von Juden, die aus Deutschland gekommen sind, einschliesslich aller Familienmitglieder von 1933 bis 1936 rund 10 000 Personen beträgt. Damit steht Argentinien an der Spitze der jüdischen Einwanderung nach Südamerika. Ich möchte allerdings auf eins hinweisen. Sowrohl in Brasilien, wie in Argentinien und Uruguay handelt es sich bei einem recht erheblichen Teil der in den letzten VA Jahren Zugewanderten um Personen, die nicht unmittelbar aus Deutschland, sondern aus anderen europäischen Ländern gekommen sind, in die sie von Deutschland aus gegangen waren, die sie aber aus Gründen der verschiedensten Art verlassen haben. Welchen Anteil diese indirekte Wanderung an der Gesamtwanderung besitzt, konnten mir die Komitees nicht mitteilen. Die Unterbringung des grössten Teils der nach Argentinien gekommenen Personen, ist dank der wirklich hingebenden Arbeit der jüdischen Organisationen gelungen. Allerdings handelt es sich meistens um Personen, deren guter Wille es ist, jede angebotene Arbeit anzunehmen und in ihr auszuharren, auch wenn sie vielleicht nicht allzu zusagend ist. Es gibt auch Einwanderer, wenn auch wenige, die die gebotenen Arbeiten nicht verrichten wollen; ihre Gesichter und Typen werden allzu schnell bekannt; aber die grosse Masse, der nach Arbeit Drängenden hat unter durch sie geschaffenem Vorurteil zu leiden. Dass gerade von solchen Elementen, wenn nicht alle ihre Wünsche befriedigt werden können, am meisten Kritik geübt wird, versteht sich am Rande. Sie versuchen die Unzufriedenheit in weitere Kreise zu tragen, und naturgemäss nicht immer ohne Erfolg. Auffallend, wenn auch durchaus erklärlich, ist die besonders grosse Zahl von in Mischehen lebenden Hilfesuchenden. Hie Hilfsorganisationen . Der „Hilf sverein der deutschspreche n d e n Juden" verdient besondere Erwähnung. Seine Arbeit ist ja schon in dem ausgezeichneten Heft des Berliner Hilfsvereins über Südamerika hervorgehoben worden. Diese anerkennenden Worte sind von den leitenden Männern des Hilfsvereins, insbesondere von dem Vorsitzenden, Adolfo Hirsch (der seihen Beruf aufgegeben hat, um sich ausschliesslich der Hilfstätigkeit zu widmen), als die schönste Belohnung angesehen worden. Der Hilfsverein umfasst heute nahezu tausend Mitglieder. Er hat in den fast vier Jahren seiner Tätigkeit immer wachsende Beträge aufbringen müssen, um seine Aufgabe erfüllen zu können. Wenn man alles zusammennimmt, so hat der Hilfsverein für Zwecke der verschiedensten Art eine halbe Million argentinischer Pesos gesammelt. Bei aller persönlichen Tüchtigkeit, auch im Aufbringen von Geldern, war dieses Resultat aber nur möglich, weil es in Argentinien schon ein zahlenmässig starkes Judentum gibt, das sich auch zum Teil in wirtschaftlich gesicherter Lage befindet. Allerdings sind auch hier nahezu die gesamten Beträge von deutschsprechenden Juden selbst aufgebracht worden, obwohl diese zahlenmässig sehr in der Minderheit sind; Unter den 260 000 Juden in Argentinien gibt es etwa 45 000 Sefardim. Von den übrigbleibenden 215 000 sind zum mindesten fünf Sechstel hauptsächlich russischer, daneben polnischer oder sonst osteuropäischer Abstammung: Die Zahl der deutschsprechenden Juden mag einschliesslich der gesamten Neueinwanderung 35 000 nicht übersteigen. Um so bewundernswerter, ist die materielle Leistung. Aber bei dem anhaltenden Zustrom der Einwanderung lässt sich der Tag beinahe mathematisch errechnen, an dem das argentinische Judentum, besonders der deutschsprechende Teil, aus eigenen Mitteln nicht mehr die Kosten wird bestreiten können, die durch die Einwanderung entstehen, Es war daher nur ein Gebot der Gerechtigkeit, wenn wir unseren Aufenthalt dazu benutzt haben, um einen dringenden Appell, insbesondere an unsere amerikanischen Glaubensgenossen, zu richten: Sie möchten nicht nur für Brasilien, auch für Argentinien Geldmittel zur Verfügung stellen. Die Forderung, dass auch die ausserhalb Argentiniens sich befindenden jüdischen Organisationen zu den durch die Einwanderung dorthin entstehenden Kosten beitragen sollen, scheint mir um so gerechtfertigter, als, wrie schon dargetan, ein Teil der Einwanderung nicht einmal direkte Einwanderung aus Deutschland ist, sondern aus anderen Ländern kommt. In Erkenntnis dieses Umstandes zahlt die HICEM einen monatlichen Beitrag zu den Ausgaben des HilfsVereins. Brasilien und Argentinien sind nach allem, was ich bisher gesehen und gelesen habe, die beiden wichtigsten Einvvanderungsländer. Ich weiss nicht, wie weit die weitere Reise diesen Eindruck noch irgendwie korrigieren wird. Aber hier sind zwei Länder, in die mit verhältnismässig niedri- 2teccmann Jtafämcwn Herren- und Damen- Ausstattungen Berlin SW, Friedvichsir. 50-51 gen Mitteln, gemessen an dem, was für die Einwanderung nach anderen Ländern bezahlt werden muss, eine Einwanderung noch gelenkt werden kann. Ich halte es für sicher, dass die Mittel hierzu gefunden wrerden; das amerikanische Refugie-Committee hat noch während unserer Anwesenheit in Buenos Aires seinen ersten grossen Betrag überwiesen. Ebenso harmonisch wie die Arbeit des Hilfsvereins selbst verläuft auch seine Zusammenarbeit mit der HICEM und der JCA. Bei allen in der Hilfstätigkeit beschäftigten Personen, insbesondere auch bei den ehrenamtlich tätig führenden Männern, haben wir besonders das soziale Gefühl und die innere Anteilnahme am Geschick jedes einzelnen Auswanderers schätzen gelernt. Alles ist Menschenwerk, und,. Tadel mag von beiden Seiten gerechtfertigt sein, aber das Werk, das in Argentinien in den letzten vier Jahren geleistet worden ist, ist hohen Lobes würdig. Auch was das kulturelle jüdische Leben angeht, ist in Argentinien durch eine grosse Reihe von Gesellschaften und Organisationen der verschiedensten Art dafür gesorgt, dass die einwandernden jüdischen Menschen Anschluss an geistige Arbeit finden können. Allerdings darf man dabei nicht übersehen, dass die kulturellen Einrichtungen, ganz allgemein gesprochen, nicht in der Fülle zu finden sind, wie sie der Europäer gewohnt ist. Eine Zwangsgemeinde nach europäischer Vorstellung, mit dem Recht, Beiträge oder Steuern zu erheben, gibt es in ganz Südamerika nicht, also auch nicht in Argentinien. Die Schaffung der verschiedenen Gemeinden und Synagogen ist daher eine private Angelegenheit derjenigen, die sich zu diesem Zweck freiwillig zusammenschliessen. In Argentinien fehlt ein anregendes, geistiges, rabbinisches Oberhaupt, auch ein Zusammenschluss der verschiedenen Synagogengemeinden zu einem höheren Verband. So gibt es in Buenos Aires fünfzehn Synagogen mit fünfzehn verschiedenen Gemeinden, daneben eine grosse Zahl von Wohltätigkeits- und sozialen Einrichtungen. Eine besondere Aufgabe erfüllt das von Ricardo Hirsch herausgegebene Mitteilungsblatt des Hilfsvereins, das den geistigen Zusammenhalt der Immigration fördert. Um auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Kolonisation etwas leisten zu können, hat der Hilfsverein ein Mustergut im Süden des Landes geschaffen, auf dem eine Anzahl junger Leute ihre Ausbildung erfährt. In Buenos Aires erscheinen drei Tageszeitungen auf jiddisch, von denen zwei mehr als 20 000 Abonnenten haben, daneben gibt es eine grosse Anzahl von Wochen- und Monatsschriften, die zum Teil auf spanisch, zum Teil auf jiddisch redigiert sind. In der grossen Politik ist die Beteiligung der Juden bisher nicht sehr erheblich gewesen. Es ist aber unverkennbar, dass die jungen jüdischen Argentinier, deren Familien sich in der zweiten und dritten Generation schon im Lande befinden, den Wunsch haben, aktiv an den politischen Geschehnissen des Landes teilzunehmen. Man findet daher junge jüdische Menschen in allen politischen Parteien. In der Kammer sitzen vier Abgeordnete jüdischer Ab- Beschwerden Uber das Ausbleiben der C.-V.-Zeitung, Umleitetdeinsehe sind stets dem zuständigen Postamt (Zeitungsstelle) zu unterbreiten. Die Bezugsgebuhren sind an den Briefträger zu zahlen. das große Maus für TeppfchetMöbelstoffet Gardinen

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