Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 3 (21.1.1937)
- Date
- 1937-01-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Polnische Details ebenso egoistisch auf die Verwirklichung ihrer Vorstellung vom Aufbau ihres wirtschaftlichen und sozialen Organismus achten wie andere Länder auch. Wir Juden in Deutschland sind nur ein Bruchteil der Zahl der polnischen Juden, unsere Altersstruktur kennt nicht so grosse Scharen Jugendlicher, unsere Wirtschaftskraft von früher kann nicht mit der der Millionenmassen jüdischer Luftmenschen im Osten verglichen werden — und trotzdem ginge es bei uns mit der Arbeit nicht weiter, wenn nicht die grossen jüdischen Sammlungen wären, die die immer empfindlicheren Lücken im eigenen Aufbringen ausglichen. Die polnische politische Situation ist, wie an dieser Stelle wiederholt dargestellt worden ist, von der unseren völlig verschieden, aber soweit die Auswanderung in Betracht kommt, müsste die Arbeit dort beginnen, wo wir 1933 angefangen haben, jedoch unter ' viel ungünstigeren Umständen. Die Welt ist inzwischen versperrter, Palästina ist in der Einwanderungskrise, grosse Geldmittel sind bereits verteilt, die vorhandenen Fonds sind zum grossen Teil auf lange Sicht disponiert. Und das Judentum selbst ist in grösster parteipolitischer Zerrissenheit. Es steht in Polen auch noch keine Persönlichkeiten zur Verfügung, die, wie Baeck und Hirsch bei uns, draussen als die überparteilichen Treuhänder des jüdischen Schicksals betrachtet werden. Der Fundus von Ansehen und Vertrauen, den sie sich durch Bewährung bei den massgebenden ausländischen jüdischen Stellen für soziale und charitative Hilfe erworben haben, ist ein wertvolles und unersetzliches Aktivum in der Bilanz unseres jüdischen Schaffens für eine neue Zukunft unserer Menschen, vor allem unserer Jugend. Wer heute in Polen nach draussen spräche, würde bis auf weiteres als Partei mann und nicht als Wortführer der Gesamtheit empfunden werden. Anders als auf jener Bühne zu Beginn ist auf der verdunkelten Szenerie des pol-' nischen Judentunis die innere Entwicklung nicht weitergegangen, während der Scheinwerfer besonders hell und lange auf uns gerichtet war. Mit einem Lächeln, soweit es vor Traurigkeit möglich ist, hören wir, dass eine zionistische Gruppe, die Neue zionistische Organisation — Revisionisten —, aus der Einwanderungsfrage eine Parteifrage macht und kein anderes Auswanderungsziel akzeptiert, als Palästina — was unter den geltenden Verhältnissen, wenn der Staatswille auf Auswanderung gerichtet ist, gedeutet werden könnte, dass man das Prinzip zwar volltönend bejaht, die Durchführung jedoch praktisch verhindert. Wie anders bei uns, wo der innerjüdische Gegensatz in ideologischen Fragen, auch der Auswanderung, seit langem einem „sowohl als a u c h" in bezug auf Palästina und die anderen Auswanderungsziele gewichen ist. Wenn die polnische Regierung die schweren wirtschaftlichen Fragen, die mit der jüdischen Situation zusammenhängen, ernsthaft angreifen will, so muss sie geeignetes Auswanderungsmaterial — Juden wie Polen — zur Verfügung stellen. Es ist nicht notwendig, dass es in dem vorbildlichen und einzigartigen Masse geschieht wie bei den Japanern, die ihre Volksgenossen jahrelang für ein Siedlerleben in Südamerika vorbereiten. Aber ^twas grundsätzlich Aehnliches wäre wohl erforderlich. Es wird wenig Staaten mit dünner Bevölkerung oder aufstrebender Wirtschaft geben, die Facharbeiter oder geschulte Siedler ablehnen, aber keiner wird hunderttausend Luftmenschen aufnehmen wollen. Das gigantische Ausmassdes polnischenJudenproblems macht seine Lösung mit nur jüdischen Mitteln unmöglich. Wenn der Staat ein wirklich so brennendes Interesse daran bat, wie es in der Diskussion erscheint, so muss er sich zu — man darf sie wohl so nennen — produktiven Opfern bereitfinden. Einführung von „Ghetto-Bänken" An der Warschauer Universität sind die jüdischen Studenten abermals von Mitgliedern der nationalradikalen Organisation (Nara) angegriffen und misshandelt worden. Sechs jüdische Studenten und ein jüdischer Arzt wurden erheblich verletzt. An der Landwirtschaftlichen Hochschule und an der Handelshochschule wurden auf alle Plätze Zettel mit der Aufschrift „Der Platz ist einem Polen reserviert'4 angebracht Die jüdischen Studenten wohnen den Vorlesungen stehend bei. Zahlreiche nicht jüdische Studenten lehnen es zum Zeichen ihrer Solidarität mit den jüdischen Kollegen gleichfalls ab, Sitzplätze einzunehmen. Die auf Anordnung des Rektors der Wiln a e r Universität durchgeführte Abstimmung über die von den nationaldemokratischen Studenten geforderte Zuweisung von besonderen Sitzplätzen für jüdische Studenten ist ergebnislos verlaufen. Mit Rücksicht darauf ist der bisherige Rektor . zurückgetreten. Die Universität, die zunächst geschlossen wurde, wird in etwa zwei Wochen unter der Leitung eines neuen nationaldemokratischen Rektors, Professor Komarnicki, wieder eröffnet werden. Neue Ausschreitungen Auch in der vergangenen Woche kam es wieder in zahlreichen Orten zu Ausschreitungen. So plünderten zum Beispiel in dem Städtchen Biekuti (Kreis Nowa-Minsk) 60 Nationaldemokraten die jüdischen Läden und zertrümmerten die Fenster sämtlicher jüdischer Häuser. Im Bezirk Wysolli Mozaricki (Kreis Bialystok) wurden wegen der Ausschreitungen in Czyzew (vgl vorige Nummer der C.-V.-Zeitung) alle Märkte bis auf weiteres verboten. Die Evakuierung der polnischen Juden Die bedeutsame Rede des Obersten Beck, der eine Massenauswanderung der Juden sowohl nach Palästina als auch in andere Länder forderte, hat in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen starke Beachtung gefunden. Die jüdische Presse weist eindringlich darauf hin, dass fast alle Einwanderungsländer, wie allgemein bekannt sei, ihre Tore geschlossen hätten. An dieser Tatsache könne auch keine Propaganda für die Auswanderung von Juden aus Polen etwas ändern. ' Der American Jewish Congress HUI U illl Ii f ^wMjmmeMiuumm)vpsAm*JnNiwe&^ III. Scheinwerfer auf Paris. — Kolonialministerium. Interviews mit dem Minister, Konferenzen mit teilweise unlegitimierten Organisationen übel* französisches Kolonialland für jüdische Siedler und sonstige jüdische Einwanderer. Merkwürdige Namen tauchen auf, man denkt an das Motto der Jüdischen Win terhilfe, dass nur noch tragbare Kleider als Spende ihren Wert haben, wenn man von Guyana, Neu-Kaledonien, Madagaskar, Neuhebriden liest. In den Nachschlagewerken orientiert man sich über Klima, Bevölkerung, Wirtschaftsentwicklung. Es schreckt einen keineswegs die Bemerkung, dass es in einem der Länder noch Kannibalen gibt. Wer dorthin ginge, dürfe selbst für Menschenfresser kaum attraktiv sein. Wir sind nicht gegen schwere Arbeit für Juden, sondern dagegen, dass man aussichtslose Kolonialvorhaben Juden zur Verfügung stellt, um ihr Versagen gegenüber der übermächtigen Natur späterhin vielleicht als jüdisches Unvermögen charakterisieren zu können. Wir hoffen, dass die Unterhaltungen in Paris erst einen Anfang bilden und dass sehr ernsthafte Aussprachen folgen. Frankreich hat in der politischen Behandlung der Flüchtlingsfrage so oft und so viel Entgegenkommen gezeigt, dass angenommen werden darf, es werde keine Vorschläge machen, die von den Betroffenen als Verhöhnung aufgefasst werden müssten. Es ist zu wünschen, dass sich die grossen jüdischen Siedlungs- und Wanderungsorganisationen mit den Vorgängen befassen. Wir vertreten aber keineswegs die Auffassung, dass diesen ein Reservat dabei gebührt. richtete an Oberst Beck ein Telegramm, in dem eine Regelung der polnisch-jüdischen Beziehungen in Polen selbst gefordert wird. Die sogenannte Evakuierungsvorschläge bildeten eine Verletzung der Minderheitenschutzbestimmungen und seien mit der Verfassung unvereinbar. Die Warschauer Leitung der Neuen Zionistischen Organisation (NZO) wendet sich insoweit gegen die Beckschen Ausführungen, als dieser eine konstruktive jüdische Auswanderungsplanung auch ausserhalb des Palästinawerks fordert. In einem Memorandum an die massgebenden polnischen Instanzen und Persönlichkeiten' legt sie demgegenüber die Aufnahmefähigkeit Palästinas und den Zusammenbruch aller bisherigen sonstigen territorialistischen Versuche dar. Dass diese Auffassung in den polnisch-jüdischen Kreisen keineswegs geteilt wird, ergibt sich aus der Tatsache, dass um die gleiche Zeit die jüdisch-territorialistische Liga „Freiland" in das Vereinsregister eingetragen wurde. Zalilen und Hilfsmassnahmen In einem wirtschaftsstatistischen Bulletin des Zentralverbandes der Jüdischen Darlehenskassen Polens (CKB) sind aufschlussreiche Zahlen über die jüdische parteipolitische Gruppierung nach den letzten Gemeindewahlen enthalten: Aguda 21 v. H., Zionistische Organisation 17.2 v. H., Misrachi 6.2 v. H-, Rechte Poale Zion 5,5 v. H., „Bund" 8,8 v. H., Linke Poale Zion 1,8 v. H., Revisionisten 2,7 v. H., Folkisten 1 v. H., Verband der Kriegsteilnehmer 0,3 v. H., Handwerker 9,4 v. H., Kaufleute 1,1 v. H., unparteiische religiöse Gruppen 15,5 v. IT., andere Unabhängige 9,5 v. H. Somit ist die Aguda die zahlenmässig stärkste Partei. Fasst man jedoch die Zionistische Gruppe zusammen, so nimmt sie erst die zweite Stelle ein, während die auf dem Zionistenkongress vertretenen zionistischen Gruppen zusammen 28,9 v. H. einnehmen. Das American Comittee Appeal für die Juden in Polen hat sich verpflichtet, 10 0 0 0 Dollars für die Arbeit der Gesellschaft „ORT" aufzubringen. Der Betrag ist für die Berufsumschichtung in Polen bestimmt. W. R—ck. Territorialisten-Kongress in Wien In der Zeit vom 10. bis 16. März findet in Wien der erste Kongress der „Freiland"-Ligen statt, die neue Einwanderungszentren für jüdische Einwanderung erschliessen wollen. Delegierte aus Polen, England, Holland, Frank- Ganz im Gegenteil: Es könnte sogar sein, dass neue, weniger bürokratisch und fiskalisch eingestellte Gruppen riskantere Projekte bereitwillig durchführen werden als jene. Wir gehen schon solange durch die Geschichte, dass manche meinen, der Pfad sei so ausgetreten, dass es überflüssig sei, neue Wege zu bahnen. Aber die Erfahrung hat gezeigt, dass der besonders tief ausgetretene Pfad nach Palästina durch eine neue — die zionistische — Idee, die man mit ihm verknüpfte, ungeheuere neue Bedeutung gewann. Wenn es sich um grosse, ernsthafte, wenn auch schwierige Projekte handeln sollte, so werden sich viele vergegenwärtigen, dass es mitunter nicht so wichtig ist, den Erlebensfall einer Versicherung eintreten zu lassen, als sein Leben für eine aussichtsvolle Zukunft einzusetzen. IV. Scheinwerfer auf Jerusalem — Sitzungszimmer der Königlichen Kommission. Es ist leer! Die Vernehmungen sind beendet. Stimmen geistern durch den Raum. Aus einem Gegenstand der Menschlichkeit und Gerechtigkeit soll ein Objekt von Machtkämpf en werden. Menschen sollen ein Land nicht aufbauen dürfen, weil sie Juden sind. Eh verdorre Jerusalem, als dass ich meine — vermeintlichen — Rechte vergässe, variieren der Grossmufti und seine Freunde. Die Kulturmenschheit muss sich darüber klar werden, dass es sich bei Palästina nicht nur um ein jüdisches Experiment handelt, sondern um sehr viel mehr: nämlich die Frage, ob der politischen Moral, der Vertragstreue noch Raum gewährt H£s?einsd?Süpfen und sich wohBfufaien reich und Amerika haben ihre Teilnahme an dem Kongress angekündigt. Die Sozialarbeit der Juden Amerikas 48 Millionen Dollars für Wohlfahrtszwecke Aus dem soeben von dem Rat der jüdischen Wohlfahrteverbände Amerikas herausgegebenen Jahrbuch für jüdische Sozialarbeit ist zu ersehen, dass das grosszügige Wohlfahrtswesen der amerikanischen Judenheit im abgelaufenen Jahr einen weiteren Ausbau erfahren hat. Die Gesamtausgaben für Wohlfahrtszwecke sind von rund 40 Millionen Dollars im Jahre 1935 um über 20 Prozent auf 48 Millionen Dollars im Jahre 1936 gestiegen. Von diesem Betrage wurden 91 Prozent oder rund 43 700 000 Dollars für Einrichtungen in Amerika selbst verwendet, während der Rest für Hilfs- und Wiederaufbauarbeit im Ausland ausgegeben wurde. Die grössten Aufwendungen im Inland, nämlich 18 786 000 Dollars oder 39 Prozent der Gesamtsumme, erforderte die Errichtung und Erhaltung von Krankenhäusern und Heilanstalten. Für unmittelbare Familienunterstützung wurden 4179 000, für Kinderfürsorge 5 422 000, für Altersfürsorge 2 322 000, für jüdisches Erziehungswesen 5 825 000, für Kulturzentren und Settlements 4 Millionen Dollars ausgegeben. Ausserdem wurden verschiedene Beträge anderen Zwecken zugeführt. In der Auslandshilfe steht die Palästinaarbeit mit 1 675 000 Dollars an der Spitze. Für Wiederaufbau und Hilfe an europäische Juden wurden 1050 000 Dollars, für andere Auslandszwecke 526 000 Dollars ausgegeben. Die in 75 Gemeinden bestehenden 89 Verbände und Wohlfahrtsinstitutionen, die dem Rat angeschlossen sind, haben 11894 500 Dollars durch freiwillige Beiträge eingenommen. Notaktionen wurden nur von drei Vereinigungen unternommen. Es wurden hierbei 690 596 Dollars aufgebracht. bleibt — und vielleicht auch, ob man sich scheut, geschlossene jüdische Leistungen unwiderlegbar und eindeutig in die Welt wirken zu lassen. V. Und während Lichter auf Mittelpunkte jüdischen Interesses und jüdischer Nöte fallen und von ihnen weggleiten, sitzen wir zugleich in unserem Szenenausschnitt und im Zuschauerraum. Von unserem inneren Mitgehen, unserer Fortentwicklung soll heute nicht gesprochen werden. Schon wie wir sehen und hören, formen wir unser Sein und unsere Zukunft. Wir sind über ein Jahrhundert an der Spitze der Judenheit geschritten. Schicksal hat uns, wenn auch anders, wiederum an die Spitze gestellt. Unsere jungen Menschen scheuen nicht einen Neubeginn, wenn er, wo auch immer, ihnen das Leben als Juden ermöglicht. Vor genau 110 Jahren hat Goethe seinem Eckermann — es war der "17. Januar 1827 — gesagt: „Wenn auch die Welt im ganzen fortschreitet, die Jugend muss doch immer von vorn anfangen und als Individuum die Epochen der Weltkultur durchmachen. Mich irritiert das nicht mehr, und ich habe längst einen Vers darauf gemacht: „Johannisfeuer sei unverwehrt, Die Freude nie verloren! Besen werden immer stumpf gekehrt Und Jungens immer geboren." Hauptschriftleüer: Dr Alfred Hirscbberg; Stellvertreter und verantwortlich für die Aufnahme von Bildern: Dr. Margarete Edel beim Venntwort- 'ich für Sport: Dr. £ r n s t G. L fi w e n t h a I , sämtlich in Berlin. Für Rücksendung unverlangter Einsendungen ist Freiumschlag beizufügen. Leiter der Anzeigen-Abteilung und verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: » Friedrich Nathan. Berlin. DA IV. Vj. 40 000. PI. 5. Verlag: Jüdischer Centrnl-Verein e. V., Berlin W 15, Emser Strasse 42. Druck der Buch- und Tiefdruck Gesellschaft mbH, Berlin SW 19. Jh <de* jdauOe* kfotea » Beginn 25. Jmuee 193} nr-fiflffiHir}