Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1937-01-21 · 3 (21.1.1937) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
3 (21.1.1937)
Date
1937-01-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277516-2277519--11532-2281077
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XVI. Jahrgang / Nr. 3 Berlin, 21. Januar 1937 Preis 10 Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUNS Geschäftsstelle (Verlag, Schriftleitung,. Anzeigenannahme, Yertriebsabteiltmg): Berlin W15, Emser Strasse 42. Fernsprecher: J 2 Oliva 8141—45. Telegrammadresse: Centralglaufcen, Berlin. Postscheckkonto: Berlin 70344. Die C.-V.-Zeittmg erscheint wöchentlich am Donnerstag. Redaktionsschluss: Dienstag. 'Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Znstellung erfolgt durch die Post, die die Gebühren durch den^ Postboten erhebt. Ra»nlrcnFaio Tr;a*fnKnV...l;siU Q1 T>rst OO HA T>r*t Dnnt.nlfn.^^n),;:!,^ ~l 1 O T>^t T> __1 J TT>."_ * „7«_J „1 inU o Oft t)1f /--------1---i j:« T «-Jn^-SU.nn^ nln^nVi! 7 n of a 11 rrohiiVi rfi n Piniol. Bezugspreis vierteljährlich 81 Rpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. 18 Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährlich 2,30 RM(umgcrechnet in die. Landeswährung) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.) Im Falle höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigensebühren: Preisliste 5 gültig. Die 12gespaltene mm-Zeile 20 Rpf., für Stellengesuche 10 Rpf., für Familienanzeigen 16 Rpf., weitere ennässigte Grundpreise s. Preislist«. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung. — Anzeigenschlüsse Dienstag. Platzu. Datenvorschriften ohne Verbindlichkeit. SlHfflnilHHHBHHBnHHHHBB^BHH^HHBHIHHBHHnHBHHHHHBHHHl Kleines Welttheater Und wieder die polnische Judenfrage Die Trostlosigkeit, wenn nicht gar Ausweglosigkeit der jüdischen Lage in Polen kommt stärker noch als in den Geschehnissen selbst in den Erörterungen zum Ausdruck, die in der vergangenen Woche anlässlicb der Budgetberatungen im Sejm stattfanden. Verschieden waren die Hilfsmassnahmen, die von jüdischer und nichtjüdischer Seite vorgeschlagen wurden, verschieden auch der weltanschauliche Standort, von dem aus die Diskussion geführt wurde, verschieden auch die mehr oder weniger wohlwollenden Motive, die diesen Vorschlägen zugrunde lagen, aber gemeinsam die Erkenntnis von der ungeheuren jüdischen Not, die ein Problem für die nichtjüdische und jüdische Oeffentlichkeit zugleich ist. Die Diskussion kam ins Rollen durch die Rede des Aussenministers, Oberst Beck, in der er die Erschliessung, neuer Einwanderungsgebiete für polnische Büxger und die Erwerbung von Kolonien zur Lösung des Rohstoff problems forderte. Der Abgeordnete Walewski schilderte die Auswanderungsbewegung unter den Juden und warf den Zionisten vor, dass sie den aüsserpalästinensischen Einwanderungsmöglich-' keiten nicht genügend Verständnis entgegenbrächten. Besonderes Aufsehen. erregte die heftige, judenfeindliche Rede des Hauptschriftleiters der „Gazeta Polska", Oberst Miedzynski, dessen Ausschussrede wir in der vorwöchigen C.-V.-Zeitung mitgeteilt haben, der u. a. ausführte, dass das polnische Volk den Juden gegenüber keinerlei moralische Verpflichtungen habe. Das zaristische Russland hätte Polen zu einem Ansiedlungs- Rayon für Juden gemacht. Dies müsse jetzt korrigiert werden, da die Juden die; Entwicklung des sozialen Lebens in Polen hinderten. In seinem Schlusswort betonte . Oberst Beck, dass bei aller Anerkennung . des Palästinawerkes die jüdische . Auswanderung nicht allein auf-Palästina kontingentiert werden dürfe, sondern.. wegen ihrer wirtschaftlichen Dringlichkeit auf die breiteste Grundlage gestellt werden müsse. Das Problem, so führte Oberst Beck aus, wird ein viel normaleres Aussehen bekommen, wenn es gelingt, der jungen jüdischen Generation in Polen gesunde Auswanderungsbedingungen zu schaffen. Hierfür verspricht die polnische Regierang Hilfe und Schutz. Zu dem Vorwurf der Beschäftigung von jüdischen Beamten im Aussen- In dieser 22seitigen Nummer finden unsere Leser U. a.: Die Aufsätze: Argentinisches Judentum von Dr. Bruno Weil. — Drei Premieren von Dr. Margarete Edelheim, Dr. Hugo Lachmanski und Heinz Berggrün. — Ratschläge für Amerika-Einwanderinnen von Dr. Dora Edinger. — Toscanini bei den Hühnern von Hans Ehrlich. — Die Wirtschaffslage in Uebersee v.on H. W—I. Die Beilagen: Das neue Buch. — Das Blatt der Jüdischen Frau. — Sportblatt. — Wirtschaft der Woche. — Der Briefmarkensammler. — Paiästina-Umschau. ministerium erklärte der Minister, dass er die Tätigkeit seiner Beamten nicht nach ihrer Nationalität, sondern nach ihren Verdiensten um den Staat einschätze. Die Diskussion geriet im Verlauf der weiteren Etatsberatungen vom wirtschaftlichen auf das politisch-weltanschauliche Gebiet. Hierbei wurden erstmalig, und zwar durch den Abgeordneten Bakol, bei Beratung des Justiz-Etats, Sondergesetze für die Juden und Ausschluss aus dem Militärdienst gefordert. Zur Begründung dieser Forderung erklärte der Abgeordnete Bakol, die Gleichheit vor dem Gesetze sei eine gefährliche, im Zeitalter der französischen Revolution entstandene Illusion. Es seien für die Juden besondere, ihrer Mentalität entsprechende Gesetze notwendig. Trotz der allgemeinen judenfeindlich en Stimmung im Sejm machten die Ausführungen Bakols in; ihrem krassen Radikalismus auf einen-Ted!/des Hauses einen ungünstigen Eindruck, so dass der nichtjüdische Abgeordnete Jablonski erklärte, dass es in Polen ein Recht und ein Gesetz für alle geben müsse. In jüdischen Kreisen hat es peinlich berührt, dass der Justizminister in seiner Antwort an die Diskussionsredner die judenfeindlichen Aeusserungen des Abgeordneten Bakol mit keinem Worte zurückwies. Dagegen hat der Berichterstatter für das Budget des Justizministers. Sioda, erklärt, dass Ausnahmegesetze in Polen unmöglich seien. Der deprimierende Eindruck, den die Sejm-Verhandlungen auf die jüdische Bevölkerung Polens machen mussten, fand eine gewisse Milderung durch Ausführungen des Ministerpräsidenten Skladkowski, der sich in seiner Sejm-Rede energisch gegen die Verhetzung der Bevölkerung und gegen die judenfeindlichen Ausschreitungen wandte. Die Nationaldemokraten, so erklärte er, hätten die "Wirtschaftsnot der Bauern zur Hetze gegen die Juden ausgenutzt, obwohl die Not der Bauern mit dem Judenproblem nichts zu tun habe. Mit Angriffen gegen die Juden, so führte Skladkowski aus, fange es an, und mit Anarchie höre es auf. Er drohte, nötigenfalls Nationaldemokraten ins Konzentrationslager zu bringen. Das Ergebnis der nationaWtemokraHscheu Hetze sei z. B., dass es im Jahre 4-938 allein in der Woiwodschaft ' Bialystok 348 Fälle judenfeindlicher Ausschreitungen gegeben hätte, bei denen auch drei Todesopfer zu verzeichnen wären. Wenn, so erklärte der Ministerpräsident, behauptet werde, Polen sei krank, so erkläre er demgegenüber, dass es Polen gut gehe, aber dass verschiedene Abgeordnete durch ihre Reden bewiesen, dass sie keine Nerven besässen. W. Rck. Weitere Nachrichten über die Vorglinge in Polen, siehe im Innern des Blattes Ilas südafrikanische Eiiiwaiidftvrii ii«»* - Gesetz Das südafrikanische Parlament . hat das von der Regierung vorgelegte Einwanderungsgesetz, über das schon seit langem Verhandlungen schweben, mit grosser Mehrheit angenommen. General He-rzog, der Ministerpräsident von Südafrika, gab in seinen Ausführungen über den. Zweck -des -Gesetzes zu, dass es sich g eg.e.n e |ne: w e i t e r.e jüdische E i n - w a n d e r u'ii g richtet. Die Zahl der. Juden im Lande habe einen solchen. Umfang erreicht, dass ernsthafte Befürchtungen über sich heranbildende antijüdische Strömungen entstanden seien. Durch das neue Gesetz solle einer weiteren judenfeindlichen Agitation Einhalt geboten; werden. Jedoch würden die Gesetzesmassnahmen kein Zeichen, einer .-Verfolgung sein. ,. In der Parlamentsdebatte, die der Annahme des Gesetzes vorausging, stellte der Abr geordnete, der Nationalisten-Partei Südafrikas, Dr. .J. M a I ä n , scharfe Forderungen zur Einschränkung der jüdischen' Einwanderung. Malan. forderte, dass. die-weitere Einwanderung von Juden, insbesondere ' aus '■ D e u t s c h 1 a n d, verhindert werde. Ferner stellte er den Antrag, Jiddisch nicht .mehr im Sinne der Ein- wanderungsvprschriften als europäische Sprache . anzuerkennen und nur noch solche Einwanderer.. zuzulassen, die a s s i m i. 1 i e r t werden können. Ausländer sollen nur auf Grund spezieller. Erlaubnis unbewegliches Eigentum in Südafrika besitzen dürfen, die Namensänderung von Ein- . Wanderern soll verboten und die Regierung" ermächtigt werden, gewisse Berufe ausschliesslich südafrikanischen Bürgenr vorzubehalten. ' Die judenfeindlichen Forderungen von Malan wurden von dem. Innenminister Stutt e r f o r d und dem Justizminister General Smuts aufs schärfste zurückgewiesen. Smuts erklärte, volles Verständnis und Mitgefühl für die. bedrängten Juden zu haben und volle Sympathie für die Bestrebungen zur Lösung der Judenfrage. In diesem Zusammenhang hob er die hervorragenden Leistungen der Juden im nationalen Leben Südafrikas hervor. Die Anträge des Abgeordneten Malan würden von dem Volke Südafrikas als abstossend empfunden. Ansiedlangsmöglich-» keiten in französischen Kolonien? Im französischen Kolonialministerium haben Besprechungen mit Vertretern der Vereinigung für Auswaridererfürsorge „Emcol" und der territorialistischen Liga „Freiland" über die Möglichkeit jüdischer Ansiedlungen in französischen Kolonien stattgefunden. Der Kolonialminister.Mo ut e t erklärte, dass in erster Linie die französischen Besitzungen Madagaskar, Neu- Kaledonien, die Neuen Hebriden und Französisch-Guyana in Frage kämen. Dem Gedanken; der Absiedlung von Landarbeitern in diesen Ländern stehe der Minister sympathisch gegenüber, doch müsse vor Illusionen über die Möglichkeit einer raschen Massenkolonisation gewarnt werden.; Die jüdische Presse in Polen hat die Pläne des französischen Kolonialministers zwar mit dem Ausdruck der Genugtuung über diese Geste des. guten Willens aufgenommen, im übrigen jedoch entschieden abgelehnt. Die Blätter erklären, man könne Juden nicht in Wüsten ansiedeln. Es gebe keine. praktischen Kolonisatronsmöglichkeiten in den genannten Gebieten. Es wäre richtiger, Transjordanien und Syrien für die Ansiedlung freizugeben. In den Aufsätzen wird-weiter betont, dass bei richtiger Organisation und entsprechender Anstrengung Juden in Australien und in Argentinien unter weit besseren Bedingungen angesiedelt werden könnten, als in den vorgeschlagenen, entlegenen und wüsten Gebieten. I. A. H. Im Berliner Bühnenbetrieb war vor etwa einem Jahrzehnt eine Konstruktion beliebt, die, wenn wir uns recht erinnern, sogar befruchtend auf eine gewisse Zeitdramatik gewirkt hat: das Bühnenbild stellte eine Art Aufriss oder Querschnitt aller während des Stückes vorkommenden Szenenaufbauten dar. Das Drama selbst, die Gespräche und Monologe, entwickelten sich jeweils in einem Bühnensektor, der dann durch Scheinwerferlicht für das Publikum zum Mittelpunkt der Ereignisse gemacht wurde. Es entbehrte nicht eines gewissen unheimlichen Reizes für den Zuschauer, sich bewusst zu machen, dass in den gerade verdunkelten Sektoren, auch wenn man nichts sah und hörte, die innere Entwicklung weiterging, so dass, wenn das wandernde Licht sie hervorzerrte, die dann sieht- und hörbaren Ereignisse zum Entwicklungszustand der anderen Szenen passten. Das grosse Schauspiel, in dem wir Juden oft mehr Statisten als Akteure sind, ist jener Konstruktion nicht unähnlich gefügt. Nur ist uns so, als ob der Scheinwerfer allzu rasch hin und her zucke und mitunter mehrere Bilder auf einmal und oft hintereinander deutlich mache. Dabei sind wir Schauspieler und Publikum zugleich, und während wir glauben, fremdem Schicksal zuzusehen, schreitet das eigene fort. II. Scheinwerfer auf Warschau — Sitzungssaal des Sejm. Es geht um das Schicksal von drei Millionen Juden. Man wünscht ihnen alles Gute — aber in der Ferne. Man erörtert alle Fragen sowohl von der Basis des Rechts als auch von der Grundlage der Leidenschaft aus. Aber man ist wie hypnotisiert von dem Gedanken, dass nur mit der Verminderung dieser Zahl das Problem erträglich werden könne; niemand spricht von gewaltsamer Dezimierung. Die Propagandisten der Auswanderung entwickeln sich zu .Geographen von erheblicher Sachkenntnis. Aber sie vergessen, dass man Menschen nicht in den Atlanten, sondern nur in den Ländern selbst unterbringen kann, und dass es für die Regierungen jener fernen Zonen keine besondere Verlockung darstellt, neue Bewohner in ihre Grenzen zu lassen, über die die alte Heimat unfreundlich und abwertend urteilt. In der Sejmdebatte ist mehrfach die Schuld der russischen Vorkriegsjudenpolitik an der verhängnisvollen Schichtung der polnischen Juden festgestellt worden. Seit vielen Jahren ist eine relativ unbedeutende, wenn auch absolut grosse Auswanderung aus dem Osten erfolgt. Sie ist nur in geringem Ausmasse zugleich auch eine Entfernung aus dem alten Milieu geworden, denn man nahm den Osten mit sich, wohin man auch ging. Von unseren Menschen weiss man, dass sie in ihrer Mehrzahl den Westen in ihre neue Heimat tragen. Und trotzdem erheben sich auch für sie Schwierigkeiten, wenn die Berufsstruktur des Einwanderungslandes mit der ihren nicht harmoniert. Und niemand wird es diesen Ländern verdenken, wenn sie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.