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Central-Verein-Zeitung · 1937-01-14 · 2 (14.1.1937) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
16 (1937)
Issue
2 (14.1.1937)
Date
1937-01-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die jüdische Gemeinde Neue Folge der Jüdischen Aligemeinen Zeitung 1. Beiblatt zur G-V.-Zeitung Nr. 2 / 14. Januar 1937 Bliii Von Dr. Ernst G. Löwenthal ilÜÜÜliÜÜÜäiÜ.iJiiÜllili Mag jene Bemerkung, jeder Berliner. Jude sei „einmal" aus Breslau gekommen, noch so oft, auch nur im Scherz, geäussert sein, sie entbehrt einer tieferen Bedeutung keineswegs. Eine ständige, starke Abwanderung jüdischer Menschen aus der schlesischen Metropole in die Reichshauptstadt ist nicht zu leugnen. Aber das ist nicht das Entscheidende. Jenes bon mot will vielmehr sagen, dass Breslau gleichsam ein Reservoir echt jüdische]- Menschen ist, die jüdische Tradition pflegen und jüdisches Wissen in sich tragen. Ein Blick zurück Um das Jahr 1000 wird Breslau, das alte polnische Wratislaw, zum erstenmal urkundlich genannt. Der Dom, au! der als Städtebüd berühmt gewordenen Oder-Insel gelegen, stammt aus der Mitte des 12. Jabrhuuderts. Und der gut erhaltene Grabstein des Rabbi David aus dem Jahre 1203 weist auf das schon frühe Vorkommen der Juden in Breslau hin. Die Juden konnten, von einigen Verfolgungen besonders zur Kreuzzugszeit abgesehen, bis ins 15- Jahrhundert hinein in Breslau wohnen. Ihre damalige Niederlassung dürfte sich in der heutigen Ursuliuerstrasse befunden haben. Die Synagoge aus jener Zeit wurde im Zusammenhang ■ mit Verfolgungen anlässlich des Schwarzen Todes von. Kaiser Karl IV. der Stadt Breslau zum Geschenk gemacht, während die Steine des ältesten jüdischen Friedhofs (an der Feldstrasse) . schon vorher fortgeschafft und zu Bauzwecken benutzt worden waren. Die Anschuldigung, die der fanatische Franziskanermönch Johann Capistrano wegen angeblicher Hostienschändung erhob, hatte 1453'55 die Verbrennung von 41 und die Vertreibung von. über 300 Juden zur Folge, Erst 1630, also nach jahrhundertelanger Pause, wurden wieder einige jüdische Familien in die Stadt aufgenommen, weil sie für den Handel mit dem Osten unentbehrlich erschienen. Aber die Kaufmannschaft protestierte siäudig, und der Rat der Stadt erliess beschränkende Bestimmungen. So konnte sich die Zahl der jüdischen Einwohner kaum erhöhen, bis das Tolerauzedikt Kaiser Karls IV. 1713 Erleichterung schaffte. Kurz danach wurde Schlesien preüssisch. Friedrich der Grosse regelte, unter Beibehaltung von Beschränkungen, das Leben der Breslauer Juden neu. Zu dieser Zeit bestand die Gemeinde aus Generalprivilegierten, Privilegierten, Tolerierten, Fix-Entristen (die nämlich für die Aufenthaltserlaubnis eine bestimmte Summe zu erlegen hatten) und Schutzgenossen. Eine von Friedrich Wilhelm IL gegebene Verfassung anerkannte 24 voll- und 160 halbprivilegierte Familien, so dass die jüdische Bevölkerung Grabstein des Rabbi David (1203) am Ende des 18. Jahrhunderts schon 800 bis 1000 Seelen zählte. Staatsbürger wurden die Breslauer Juden erst durchfHardenbergs Edikt vom Jahre 1812. Weg zur Grossgemeinde Breslau hat eine wirtschaftsgeographisch günstige Lage. Hier schneiden sich Strassen von Nordosten nach Südwesten und von Nordwesten nach Südosten, grosse Weltlinien, die einen Handelsplatz leicht entstehen lassen. Breslau wuchs als Handelspforte nach dem Balkan und dem Orient, als Brennpunkt für den Warenverkehr nach dem Osten, als Zentrum für die Weiterleitung der schlesichen Industrieerzeugnisse in die Welt. Für die Stellung dieses bedeutendsten Handelsplatzes Ostdeutschlands sind vor allem der Textilgrosshandel, der Handel mit Holz, Getreide und Futtermitteln, sowie Unternehmungen derMaschinen- und Wagcronbauindustrie.r der Mühleniudustrie. Betriebe der Holzverarbeitung und das Bekleidungsgewerbe ausschlaggebend. Die wirtschaftliche Lebhaftigkeit dieser grossen Stadt und dazu die geistige Regsamkeit, ausgehend auch von der Universität und den Hochschulen, übten auf die jüdischen. Menschen in der engeren und weiteren Umgebung naturgemäss eine starke Anziehung aus, zumal sie geistig interessiert waren und eine: gewisse Aufgeschlos^, senheit mitbrachten. 1840 zählte die Gemeinde bereits 6000 Seeleu, 1880 schon das Dreifache. Es gibt in Breslau eine Anzahl alteingesessener jüdischer Familien. Aber das Gros der jüdischeu Bevölkerung dürfte seine Heimat in den Städten und Städtchen der ehemaligen Provinz Posen, dann, aber auch, doch in geringerem Masse, in der ganzen schlesischen Provinz, besonders in Öberschlesien, hin und wieder auch im böhmisch-mährischen und im kougresspolnischeu Gebiet haben. Die Abtretung der deutschen Ostprovinzen und die Abstimmung der Juden zugunsten Deutschlands haben dann, noch einmal einen starken Zuzug nach Breslau verursacht. Zu all dieseu Fragen kann das von Rabbiner Dr. A. Reppner geleitete Archiv der Synagogen- Gemeinde manchen Aufschluss geben, zumal es auch das einschlägige Material aus den Provinzgemeinden sammelt. Struktur der Bevölkerung Mit heute etwa 18 000 jüdischen Einwohnern — 1925 waren es noch über 23 000 und 1933 noch über 20 000 — ist Breslau nach Berlin und Frankfurt a. M. die drittgrösste jüdische Gemeinde in Deutschland geblieben. Es ist bemerkenswert, dass in den beiden letzten Jahren die Binnenabwanderung die eigentliche Auswanderung zahienmässig übersteigen dürfte. Die aus^der Provinz nach Breslau Zuwandernden setzen sich im wesentlichen aus jungen Menschen, die ausgebildet werden wollen, aus früheren Akademikern, Rentnern und älteren Personen zusammen. Der überwiegende Teil der erwerbstätigen Breslauer Juden ist im Handel, vor allem im Textilgrosshandel und — ohne eine besondere Struktureigenart — in zahlreichen Zweigen des Einzeihandels und des Handwerks beschäftigt. Der Anteil an der industriellen Produktion ist, abgesehen von der in Breslau stark verankerten Damen- und Herrenkonfektion, verhältnismässig gering, und die Zahl der in den freien Berufen Tätigen ist seit 1933 erheblich zurückgegangen. Mitten hinein in das lebendige Wirtschaftsgetriebe gehört, seinem Charakter und seinen Aufgaben nach, der Jüdische C e n t r a 1 - V e r e i n. Da, wo die Breslauer Geschäftswelt zu einem guten Teil sitzt, im weiteren Bereich der Schweidnitzer und Ohlauer Strasse und des historischen,.Ring4'', haben Ortsgruppe Breslau und Landesverband Niederschlesien des C.-V. ihre Büros: in der Junkernstrasse. Die von Rechtsanwalt Dr. Erich Bry als Vorsitzendem und Dr. Rudolf B r e i t b a r th als Syndikus geleitete umfangreiche wirtschaftliche und. rechtliche Betreuungsarbeit gilt der jüdischen Kaufmannschaft wie den jüdischen Angestellten, Handwerkern und freiberuflich Tätigen. Im öffentlichen Leben Juden haben im Breslauer Wirtschaftsleben vielfach an hervorragender Stelle gestanden und öffentliche Aemter bekleidet, ohne dass sie dadurch etwa dem Judentum entfremdet wurden. So war der Geheime K omine rzi e u rat I si do r F r i e d e n t h a 1 lan ge Ja h r e Hau del skam nie rpräs j deut und. bis zu seinem Tode Gemeindevorsteher. Bis 1933 fungierte der Spediteur Samuel Mendelsso h n als Stellvertretender Präsident der Industrie- und Handeiskammer. Und Aemter wie kaum ein anderer hatte der Geheime Justizkus Bär Friedent h a 1, der Gustav Freytag als Vorbild für den Ehrenfhal in seinem Roman „Soll und Haben" gedient hat. Arbeit in der Gemeinde Ueber den weiten Schlossplatz hinweg, der das Gepräge einer alten preüssischen Garnisonstadt so sichtbar in die Erinnerung zurückruft, führt der Weg zur Wallstrasse, die in alter Zeit ein Stück Stadtgrenze bildete. Mit dieser fast unscheinbaren, schmalen Seitenstrasse sind Schicksal und Leben der Breslauer Juden aul's engste verknüpft. Hier kamen 1749 bei der Explosion des Pulverturms auch 33 Juden ums Leben, und dieses schwere Unglück gab der Obrigkeit den Anstoss zur Bewilligung der Anlage des — heute bereits geschlossenen — Friedhofs an der Claasseustrasse. Seit der Zerstörung des schon erwähnten mittelalterlichen Friedhofs halten Heinrick Graetz A'acft der Kopie des Gemäldes von S. S, Salomon rat Dr. Wilhelm Freund (1831—1915); er war Parlamentarier. Vorstandsmitglied und später (gleich dem kürzlich verstorbeneu Geheimrat Adolf H e i 1 b e r g) Vorsitzender der Anwältskammer sowie Vorstandsmitglied der Gemeinde. In dem hohen, ehrwürdigen Repräsentanten- Sitzungssaal findet mau Freunds Bildnis, gemalt von dem Breslauer Siegfried Labosch in. Dieser jüdische Künstler hat auch den Repräsentautenvorsteher Studienrat und Stadtverordneten Professor Dr. Albert Wohlauer (gestorben 1922) und den Gemeindevorsteher Eduard Sachs gemalt, während ein viertes Porträt, das diesen Raum ziert, das Bildnis von Geheimrat Leo Goldfeld, der bis zu seinem 75. Geburtstag im Jahre 1934 Vorsitzender des Vorstands war, von Isi Aschheim (Breslau) stammt. Die Reihe hervorragender jüdischer Männer in Breslau ist aussergewöhnlich gross. Sie kann in diesem Rahmen nur angedeutet sein. Wer einmal den älteren Friedhof au der Lohestrasse — der neueste befindet sich im * Vorort Cosel — durchwaudert hat und sich der Grabaufschriften erinnert, weiss, wie viele der dort ruhenden Menschen hervorragende Diener der Wirtschaft, der Wissenschaft und wie oft auch Wohltäter der Menschheit waren. Diese drei „W" sind für den Breslauer Juden schon ganz charakteristisch. Unweit von Heinrich Graetz sind Sigmund Fraenkel, Ordinarius für vorderasiatische Sprachen, und der Botaniker Ferdinand Cohn bestattet, die zu der ansehnlichen Schar jüdischer Gelehrter an der Breslauer Universität gehörten. Hier ruhen die M a r c k und C a r o, die S c h o 111 ä n - der und Pringsheim und wie sie alle heissen mögen. Und hier ruht auch Mar- Isidor Friedenthal (1812—1836) Pastell von 7840 lot. (S) Curl Pfeiffer. Brc-ito» die Juden ihre Toten in umliegenden kleinen Städten, so in. Dyhernfurth und Zülz (O.-S.), in Lissa oder Krotoschin bestatten müssen. Und ungefähr 100 Jahre nach jenem Unglück wurde in derselben Strasse das Jüdisch-Theologische Seminar errichtet. Aber die Wallstrasse ist für das heutige Breslau vor allem das, was für Berlin die Oranienburger Strasse bedeutet. Hier steht ein auffallend langes, graues Haus mit dem Sitz der vielgliederigen Gemeindeverwaltung. Dieses schmucklos wirkende Gebäude mit dem vorspringenden Dacherker erscheint so geräumig, als wäre schon bei seiner Errichtung vor einem Vierteljahrhundert das jetzige Mehr an jüdischer Arbeit berücksichtigt werden. Dem unermüdlich tätigen Gemeindevorsitzendeu, Stadtrat a. D. ^Georg L e s s , der sich in früheren Jahren grosse Verdienste um das Theater-. Messe- und 'Ausstellungswesen der Stadt erworben hat, stehen die" beiden Syudici Dr. Ernst Rechnitz uud Dr. Conrad Cohn zur Seite, die die eigentliche Verwaltungsarbeit 2U leisten haben. In den oberen Stockwerken, denen dann ein Besuch abgestattet wird, findet man die verschiedeneu Sozialstellen: da sind das Wohlfahrtsamt, dessen Direktor Gustav Glaser ist, und die Jüdische Winterhilfe, die in diesen Monaten weit über 4000 Hilfsbedürftige zu versorgeu hat Der Beratungsstelle der Synagogengemeinde. die, Für alle ßeisen a ihr Reisebüro in Bresiau Reisebüro Erns! Cohn Neue Schweidnifzer Straße 15 :-: Tel. 50347

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