Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 1 (7.1.1937)
- Date
- 1937-01-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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fung imet cfas^JEiinstleriscSe Wollen Her ver» schiedenen. Zeiten, der verschiedenen Völker und Persönlichkeiten in der Beziehung zum Bibehtfört spiegeln. H. Fr« Das Jüdische Wohlfahrts- und Jugendamt Norden veranstaltete zugunsten der Jüdischen ftV'interhilfe ein Konzert des Kulturbund- Orchesters. Berthold Sander gaß der Militär-; Symphonie Haydns die Freudigkeit und den festlichen Schwung, doch fehlte im Finale infolge des allzu schnellen Tempos die letzte Präzision des Zusammenspiels. Siegfried U r i a s bot, trotz- 'dem er sich wegen Indisposition entschuldigen liess, in einer „Elias"-Arie noch immer genug an stimmlicher Pracht und Tragfähigkeit. Rita Atlasz entfaltete in einer Mozartschen Koloraturarie alle Geschmeidigkeit ihrer Kehle. Für 'die „Sommernachtstraum"-Musik freilich, mit der das Konzert ausklang, bedarf es gründlicher Auffrischungsarbeit, da man gegenüber den ersten Aufführungen im Theater leider ein beträchtliches Abgleiten konstatieren musste. Die Ansprache hielt Rabbiner Dr, Manfred Swarsensky. H.Fr. Unter Kapellmeister Erich Eisners umsichtiger und straffer Leitung brachte das Orchester des Münchner Kulturbundes in einem gut besuchten Synagogenkonzert die B-dur-Fuge von Beethoven und Tschaikowskys C-dur-Serenade für Streichorchester. Diese beschwingte Musik konnte in ihrer gefälligen, technisch meist befriedigenden Wiedergabe durchaus erfreuen, obschon die Frage berechtigt bleibt, wie weit diese Musik in eine Synagoge gehört. Eindrucksvoll sang Walter Ries die Arie „Es ist genug" aus Mendelssohns „Elias". — mm. In einer Weihestunde des Nürnberger. Kulturbundes trat die Vortragskünstlerin Lotte Schwarz-Rosenbaum, Breslau, zum erstenmal vor die Mitglieder der Gemeinde. Durch ihr geschickt zusammengestelltes Programm, das zumeist biblische Stoffe enthielt, ihre hohe Vortragskunst und ihr edles Organ, das mühelos den Raum der Hauptsynagoge durchdrang, gewann sich die Künstlerin die Herzen der zahlreich erschienenen Zuhörer, die ergriffen ihren Darbietungen folgten. Das Leipziger Collegium musi« cum veranstaltete unter der bewährten Leitung von Barnet Licht ein Kammerorchesterkonzert, bei dem Tanja üry-Zunser ihr reifes Können als Pianistin erneut unter Beweis stellte. Auch Mirjam Zunser (Violine) und Aenne Hoffmann (Cembalo) zeigten bemerkenswerte Leistungen. Aufgeführt wurden Werke von Corelli, J. S. Bach, Stamitz und Händel. K. S. Edith" Herrnstadt-Oettingen hat sich bereits ihren Hörerkreis in Plauen i. V. geschaffen. Die ernsten und mit viel innerem Miterleben vorgetragenen Werke jüdischer Autoren fanden einen starken Widerhall. Die Darbietungen hinterliessen einen tiefen Eindruck. W. G. Die Dezemberveranstaltung des Jüdischen Kulturbundes Halle brachte einen Kleinkunstabend mit Willy Maschke als Conferencier und d«r Diseuse Hedi H a a s e. Es war ein wirklich heiterer Abend voll spritzigen Humors. Am Flügel Kapellmeister Leo Schönbach. Bei der Kinderveranstaltung des Jüdischen Kulturbundes Chemnitz führte Jani Ballan u. a. ,.K<sperle und Sultaninchen" auf, deren kindgemässe Realistik die sVoeräae"9eernScMen"n£!Biidkct^Seich(US 193? Buchhandlung Martin Saiomon, Berlin NO 43 Neue Königstrasse 79 ptr. £ 3 2G35 zwischen Alexanderplatz und Königstor Klelttetf äunäch~6f ztf eturmTscSer ParfeTnanme1 für Kasper und schliesslich zu ungehemmter Begeisterung hinriss. In der Abendvorstellung «rfreute seine Zauberei die Erwachsenen nicht minder. Vor seinen Darbietungen hörte man "die Chemnitzer Künstler Leon Skalka mit iViolinvorträgen und Hanni Berge? mit Gesang. J. Manowicz erheiterte durch jiddische Lieder und Schlagerparodien. Hilde Cohn-Gorodiski bewährte sich wieder als Begleiterin, auch für die besonders gut gelungenen Flötensoli des begabten Liebhaberspielers Rudolf Meyer. „Der antike jüdische Staat und Jehuda Malkabi" war das Thema eines Vortrags, den Dr. Arnold Berney im Kulturbund Hamburg hielt. Ein weitgespanntes Bild von dem wecbselvollen Geschick jüdischen Landes entrollte der Redner im klaren Lichte moderner Geschichtsforschung und mit manchem Hinblick auf realpolitische Gesichtspunkte, die von kundiger Warte viel Bedenkenswertes zu dem Palästina- Problem unserer Tage aufzeigten. Die Chanukkah-Feier im Jüdischen Kulturbund Hamburg begann mit einer festlichen Ouvertüre, von Oswald Behrens komponiert und von ihm selbst dirigiert. Nach einer Ansprache von Dr. Max Nussbaum (Berlin) folgte die Pantomime „Der Sieg der Makkabäer", deren sechs Bilder auf eine Idee von Meir Gertner zurückgehen und in starker anschaulicher Weise das Geschehen jener Tage festhalten. Für die bunte Menge der Erscheinungen hatte Anny Gowa farbenschöne Kostüme" und ein in seiner Einfachheit starkes Bühnenbild entworfen. Erika M i c h e 1 s o n (Milee), welcher die Gesamtleitung unterstand, hatte die grosse Zahl der tänzerisch Mitwirkenden zu Gruppen voo teilweise schöner Wirkung geordnet. Diese Musik von Oswald Behrens, reich instrumentiert angesichts des kleinen Orchesters, war nicht allein eine treffliche Untermalung der Vorgänge auf der Bühne, sondern auch von eigenem, musikalischem Wert, besonders in dem Tempeltanz und im Ausdruck des Triumphes. Es wäre schade, wenn dieses Spiel nach diesem einen Maie für immer von der Bühne verschwunden sein würde. H. G. Dela Lipinskajas Vortragsabend brachte den Kulturbundmitgliedern in Hannover Unterhaltung, Entspannung, früheste Laune. Auch' das neue Programm, mit dem sie aufwartete, zeigte Nummer auf Nummer die bekannten Vorzüge dieser einzigartigen Künstlerin. Walter Lajtai-Lazarus begleitete sie mit gewohnter Vollendung. Er erwies sich auch wieder als ausgezeichneter Solist. 0. Bstn. Der Winawer-Chor aus Berlin eröffnete seine süddeutsche Konzertreise im Kulturbund Kassel. Man war überrascht, eine Vereinigung zu hören, die durch Disziplin, Dynamik, "Ausarbeitung und Schwung ihres Vortrags weit über dem Durchschnitt steht. Fr. Hilde Marx rezitierte mit grossem Erfolg in Bielefeld, Bochum, Dortmund, Aachen, Duisburg, Bayreuth und Amberg. Eine willkommene Abwechslung bot der Jüdische Kulturbund Düsseldorf seinen Mitgliedern durch das Gastspiel des von Flora Jöhlinger, Köln, entworfenen und künstlerisch geleiteten Marionettentheaters der Kölner Jüdischen Kunstgememschaft, und zwar mit Hans Tobars „Krach im Morgenland". Bewegung, Sprechen und Singen der von den das Programm nennenden Damen und Herren geführten Figuren war ausgezeichnet. Das Theater atmete ganz den eigenartigen Zauber, der von Puppenbühnen auszugehen pflegt. Flora Jöhlinger konnte vor der Rampe den herzlichsten Dank der zahlreichen Zuhörer entgegennehmen, j. C. Im Kulturbund für Ostwestfalen und angrenzende Gebiete gastierle Alfons Fink' mit einem heiteren Abend. Die schwere Aufgabe, die Abende allein zu bestreiten, löste er so glänzend, dass man fast vergas», wieviel ernste Arbeit ein solcher Abend gekostet hat Fink ist der geistvolle Vortragskunstter, 3er Immer über den Dingen und menschlichen Schwächen steht, die er in 60 humorvoller und künstlerisch vollendeter Art bringt. Das Publikum dankte dem Künstler durch stürmischen Beifall. Theater, Musik, Film Max Reinhardt wurde aufgefordert, auf der diesjährigen Pariser Weltausstellung mit eigenem Ensemble zu gastieren. An der Scala in W i e n (Direktion Professor Dr. Rudolf Beer) wird im Januar das neue Stück von Hans J. Reh fisch, „College Boys", zur Uraufführung kommen. * Ernst Deutsch gastierte am Neuen Deutschen Theater in P r a g in Tolstois „Der lebende Leichnam" und in P r e s s b u r g in Vospers „Liebe eines Fremden". * Henri Bernsteins Pariser Erfolgstück „Le coeur" fand bei den Erstaufführungen in Bern und Antwerpen begeisterten Beifall. * In Wien starben zwei der beliebtesten Wiener Komiker, Fritz Wiesenthal und Alexander Trebitsch, der eine im 53., der andere im 64. Lebensjahre. Bruno Franks Komödie „Sturm im Wasserglas" („Storm in a teacup"), die zurzeit das Repertoire des Garrick-Theaters in London beherrscht, erzielte auch am vornehmsten Theater New-Yorks, dem Theatre Guild, einen nachhaltigen Erfolg. x Unter den Stücken, die das Deutsche Volkstheater in Wien für die laufende Spielzeit angenommen hat. befindet sich u. a. das Lustspiel „Saison in Salzburg" von Fred Heller und Adolf Schütz, sowie die Komödie „Bei Kerzenlicht" von Siegfrid Geyer. * In dem am 10. Januar stattfindenden Winterhilfskonzert der Wiener Philharmoniker wird Richard Tauber Mozart-Arien zum Vortrag bringen. * Fritz K r e i s 1 e r gibt am 22. Januar in [W i e n einen Konzertabend. * Der Regisseur der Wiener Staatsoper, Lothar Wall erst ein, hat sich nach Genua begeben, um daselbst die „Meistersinger" zu inszenieren. * Der italienische Komponist Ildebrando Pizetti hat eine biblische Oper ..Debora und Jael" geschrieben, die an der Mailänder Scala zur Uraufführung gelangte. ** Julius Is s e r 1 i s (Klavier) ist am 16. Januar, . 19 Uhr 45 Min., im Sender Wien mit WTerken von Chopin zu hören. * Der Sender der italienischen Schweiz veranstaltet am 13. Januar, 20 Uhr 45 Min., einen Ol f en b a c h - Abend. * Emanuel List, der jetzt als Bassist an der Metropolitan Opera wirkt, wurde für den Februar von der New- Yorker Gesellschaft „New Friends of Music" und für März vom New-Yorker Philharmonischen Orchester als Konzertsolist verpflichtet. * Im Royal-Theater in. B u d a p e s t fand unter allen Anzeichen eines rauschenden Erfolges die Uraufführung der t neuen Operette von Abraham „3 : i für Liebe*' statt. .X In einer Synagoge in Paris wird demnächst das Oratorium von Ernest Bloch, „Avodath Hakodesch" unter Leitung des Komponisten zur; Aufführung gelangen. * In W i e n starb im 70. Lebensjahr der Komponist Dr. Felix Rosenthal, dessen Lieder und Tonwerke für Klavier und Kammermusik sehr bekannt waren. * Berthold Goldschmidts Klavierquartett op. 30 wurde von „London Contemporary Music Centre" zur Aufführung angenommen. * Kapellmeister Hans Bernstein dirigierte das Civic-Orchestra in New-York und erzielte einen aufsehenerregenden Erfolg mit Werken von Beethoven, Berlioz, Borodin und Debussy. * Regina Stein, eine junge Cellistin, konzertierte mit grossem Erfolge in Wien, Budapest, Mailand und Zürich. # Die Gesellschaft der Freunde Gabriel Faures in Paris, die unter Leitung von Frau Henry Jouvenel steht, hat einen Musikpreis von 5000 französischen Francs ausgeschrieben, der bei einem internationalen Wettbewerb in Paris zwiscen dem 15. und 28. Februar verliehen werden soll. Bei der Austragung dieses Preises werden Pianisten ausgezeichnet, die hervorragende Interpretationsleistungen vollbringen. Teilnehmer an der Konkurrenz dürfen bis 1. Januar 1937 das 30. Lebensjahr nicht überschritten haben. Nähere Bedingungen sind durch' die französische Gesandtschaft in Wien zu erfahren. * Am 7. Januar begeht Hollywood mit einem grossen Festbankett den 25* Gründungstag der Paramount. An diesem Tag erwarb' nämlich der heute 64jährige Adolph Zuckor für den damals phantastischen Preis von 35 000 Dollars das Verfilmungsrecht von Mercantone „Königin Elisabeth" mit Sarah Bernhardt in der Titelrolle. Zuckor war 1893 nach New- York gekommen, zeigte 1903 mit Marcus Low in den „Penny-Arkaden" lebende Bilder und gründete 1913 die „Famours Players Film-Company", die spätere Paramount. * „D e r K n a b e David" („The boy David"), 'das neue Bühnenwerk von James Barrie, wird mit Elisabeth Bergner auch als Film herauskommen. * In Wien fand die Uraufführung des neuen Selznik-Films „Der Garten Allahs"" statt. Die Hauptrolle spielt Marlene Dietrich, ausserdem wirkt u. a. Josef Sehildkraut jun. mit. Jüdische Jugendbühne, Berlin. Im Januar gelangt;,Derzerbrochene Krug" von" Kleist (Regie Herbert Grünbaum) zur Aufführung, vorher „Die Gezierten" von Moliere (Regie: Ernst R o s e n b a u m). In den Hauptrollen sind beschäftigt Stella E h r 1 i c h (Hay), Stefi Mannheim, Franziska Okmiansky, Steffi Rosenbaum (Ronau). Bert Ba er, Werner Hinz elmar, n, Mariin Merori, Arthur P e i s e r. Simon S a i n s k y und Kurt Süssm a n n. Wegen der Vorbereitung zur Premiere der Kleinkunstbühne des Kulturbundes im Schumann-Saal finden die Aufführungen der Jugendbühne eine Woche später als ursprünglich vorgesehen statt, d. h. am 19-, 20, und 21. Januar, nachmittags. lebten Lippen und dem Wohllaut, der als Gesang aus unserer Kehle tönt5 wollen wir Preis darbringen dem, der uns gemacht hat. Und das heimliche Verlangen, nahe zu sein unserem Gott, das, auf den Lippen schwebend, keine Worte finden kann und dennoch aufsteigt in jene Höhen, wo die Gebete ihre Stätte haben, dies ist uns teurer und wohlschmeckender als vieles zeitliche Vergnügen, das den Leuten heute unentbehrlich dünkt. Ja, wir sind des gewiss, dass auch die wortlosen Bitten und Seufzer Erhörung finden und nichts verloren geht oder in den 'Abgrund sinkt des Vergessens, das aus einem verwundeten oder geängsteten Gemüte kommt. Wenn der Maler van Gogh in den Tagen, als sich schon die Verdüsterungen ankündigten in seinem Geist den Ausspruch tat, das Beten mache mittelmässig, so erwies er damit, dass er schon halb auf Seiten der 'Abgefallenen stand. Wir aber, die keine 'Abgefallenen oder Verhärteten sind, weisen solchen Irrtum weit ab, denn wir wissen von unserem Herzen her, welche Kraft und Freiheit uns zukam durch das tägliche Gebet und vertrauen darauf, dass auch künftighin nicht versiegen wird der Hunger und Durst -nach dieser wohlschmeckenden Speise. Nein, nicht so wie jenem Todgeweihten ist uns zumute, und nicht klein wird unsere Seele durch die heilige Uebung, sondern weit wird es in uns, wenn wir anrufen den Schöpfer und rühmen den Weiser unseres •Heils. Und wie erst werden wir fröhlich sein im Ueberschwang, wenn wir einmal uns aufmachen sollten, und uns zuteil würde die Gnade, dass wir lospreiseten mit allen Kräften und jubeln dürften, wie der königliche Sänger: „Alle meine Gebeine sollen sprechen, Ewiger, wer ist wie du?!" Jakob Wassermann und die 99Unbekannte von der Seine" Zu Wassermanns 3. Todestag am 1. Januar 1937 Im Jahr 1915, mitten im Getöse des Weltkrieges, erschien Jakob Wassermanns allbekannter Meisterroman „Das Gänsemännchen", der so aufschlussreich ist für die eigene Jugendgeschichte des Dichters, und worin seine eigenartige Kunst schon völlig ausgeprägt und ausgereift hervortritt. Eine Episode darin ist unvergesslich: Der junge, gärende Musikus Daniel Nothafft, ein Abbild des Dichters selber, lernt in einem elenden Variete Nürnbergs eine unglückliche, herabgekommene Sängerin, die ~Zingarella", kennen, gerade als auch er, enttäuscht und preisgegeben, am Versinken ist. Das verzweifelnde, arme Mädchen macht in diesem Zustand den tiefsten Eindruck auf ihn. Bald nach ihrer Begegnung geht sie ins Wasser, die Leiche kommt ins Schauhaus, und der gleichfalls verkommende Bildhauer Schwalbe sieht sie dort und ist von dem reinen, verklärten, überirdischen Ausdruck des Gesichtes so ergriffen, dass er ihre Gipsmaske abnimmt. ^,Es waren die Züge eines sechzehnjährigen Mädchens, ein Antlitz voll Süssigkeit und bittersüsser Schwermut, und das Bezauberndste darin war das selige Engelslächeln um den wehen Mundbogen. Es glich dem Werk eines grossen Künstlers, und den Bildhauer erfüllte plötzlich die Sehnsucht nach seiner verlorenen Kunst." — Trotzdem muss er sie aus Not später an einen Giesser verkaufen, der sie an die Tür seines Ladens hängt. Hier sieht sie der nun schon ganz in den Sumpf geratene Daniel und le-rntj als er sie kaufen will, den jüdischen Arzt Benda kennen, der sein Freund wird und ihn im letzten Moment noch rettet und ihm den Aufstieg ermöglicht. Wie die Totenmaske der Zingarella dann in das Liebesschicksal Lenores, Gertruds, Daniels weiter hineingezogen wird und immer rührendere symbolische Leuchtkraft erhält, möge man in dem bunt verschlungenen „Wilhelm Meister" Jakob Wassermanns selber nachlesen und nachprüfen. Tatsache ist, dass einige Jahre nach dem Erscheinen des Romans ein unbekanntes Mädchen in Paris aus der Seine gezogen wurde und in die Morgue kam. Der engelsschöne Ausdruck ihres Gesichts erregte die grösste Aufmerksamkeit, und man forschte vergeblich über ihr Schicksal nach, das sie in die Seine getrieben haben musste, da man an einen blossen Unglücksfall nicht glauben wollte. Ihre Totenmaske kam in den Kunsthandel und spielt da eine eigenartige Rolle sensationeller, romantischer Beliebtheit. Man hat über sie im Zusammenhang mit den Totenmasken Berühmter und Unberühmter Bücher geschrieben, seit kurzem figuriert die „belle inconnue de la Seine" sogar schon als Heldin von Theaterstücken, Romanen und Filmen, und ihre Laufbahn im Reiche der Kunst der Phantasie ist noch lange nicht beendet, scheint vielmehr überhaupt erst recht zu beginnen. Und Jakob Wassermann? Ist es nicht ein seltsames, fast mystisches Zusammentreffen? Dass tatsächliche Zusammenhänge bestünden, ist doch selbstredend ausgeschlossen, aber nicht im höheren Sinne. Denn dass eigenartige Totenmasken so schnell gerade in unsrer Zeit Weltberühmtheit erlangen, dass z.B. schon die Masken der altägyptischen Werkstatt von Teil Amarna so bedeutendes Aufsehen gemacht haben, muss doch irgendwie mit der Signatur des Zeitalters verbunden sein, selbst wenn man darin nur ekte seltsame romantische Mode erblicken sollte. Andererseits verrät sich in dieser Erdichtung Wassermanns, die vielleicht schon durch irgendeine Totenmaske angeregt sein konnte, auf alle Fälle die ungeheure Modernität seiner Phantasie. Er dichtete wirklich — nicht etwa bloss hier — ganz aus der Seele seiner Zeit heraus, wie jedes Genie im Grunde genommen, und daraus erklärt sich denn auch letzten Endes sein Erfolg, sein Zauber, seine noch lange nicht verklungene Wirkung. Dr. S. Aschner. Aus der wissenschaftlichen Welt Im 82. Lebensjahr ist in Graz Universitätsprofessor i. R. Dr. Hugo Spitzer gestorben. Seine Arbeiten waren grundlegend für die moderne Kunstwissenschaft. Internationalen Ruf erlangte er insbesondere durch seine „Geschichte der Philosophie und Aesthetik", * In Prag starb im 61. Lebensjahr der Ordinarius für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Prager deutschen Universität, Professor Dr. Oskar Engländer. Seine Anschauungen hat der Gelehrte in zahlreichen Werken niedergelegt, welche neben der theoretischen Nationalökonomie die Grenzgebiete zwischen Wirtschaft und Psychologie, Standortlehre und Verkehrspolitik sowie Finanz- und Geldwesen behandeln. Der berühmte Jüdische Chor der Amsterdamer Hoofdsynagoge ist in der letzten Zeit auch mehrfach ausserhalb der Synagoge aufgetreten und hat es sich zu seiner besonderen Aufgabe gemacht, das ostjüdische Volkslied und das moderne palästinensische Lied zu pflegen. Um den Chor grösseren Kreisen bekannt zu machen, erschien kürzlich eine Broschüre, in der seine Leistungen gewürdigt werden. Das Büchlein enthält eine Einleitung des Amsterdamer Bürgermeisters, Dr. W. de Vlugt, und eine Reihe von Beiträgen, unter denen besonders die von Sachkennern wie Mengelberg, Bruno Walter, Marix Löwensohn, Louis Zimmermann zu erwähnen sind.