Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 1 (7.1.1937)
- Date
- 1937-01-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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TKT \T A i » Zur Januar-Ausstellung des iNeUer IMatUrallSmUS / Sekretariats für Bildende Kunst half nicht, ihn von dem Vorhaben abzubringen, sich taufen zu lassen. 1745 erhielt dieser Lipmann Perlin von der kaiserlichen Kabinettskanzlei zu Wien das Adelsprädikat und hiess fortan von Sonnenfels. Einer seiner beiden Söhne, Josef von Sonnenfels, der 1733 in Nikolsburg geboren wurde, erhielt in Wien ein Denkmal. Das Wort Ghetto wird heute in unserem Umkreis oft gebraucht. Deshalb war hier im Zusammenhang mit dem neueröffneten jüdischen Museum Mährens und Schlesiens, das den 'Anspruch erheben darf, dem Prager Museum auf seine Art zumindest zu entsprechen, von der Ghettowelt die Rede, die es in den verbliebenen Julius Bab: Urmythos und Patriarchensagen in der europäischen Dichtung Den allgemeinen Betrachtungen über den „Widerhall der Bibei in der europäischen Dichtung" lässt Julius Bab in seinem Vortragszyklus vor den Mitgliedern des Berliner Kulturbundes nunmehr die Behandlung einzelner biblischer Stoffgebiete folgen. So verbreitete er sich in seinem zweiten Vortrage über „Urmythos und Patriachensagen"1 in ihren Beziehungen zu den dichterischen Werken des europäischen Kulturkreises. Das Thema erscheint fast unerschöpflich — der Vortragende konnte somit nur eine kleine Auslese des wahrhaft Bedeutenden bieten (und anderes nur flüchtig streifen), wollte er seinen Ausführungen nicht den beispielhaften Reiz nehmen und sie ins Uferlose anschwellen lassen. Aus der Fülle des Materials wählte er drei zeitlich und in ihrer Stilform weit auseinanderliegende Werke: John Miltons „Verlorenes Paradies", Lord Byrons „Kain" und — aus der modernen Zeit — Gerhart Hauptmanns unvollendetes „Hirtenlied" (das ursprünglich „Patriarchenluft" heissen sollte). Bab gab eine eingehende Würdigung dieser dem Urmythos und dem Links: Smdoh-Krug der NikOlsburg er Chewra Kadischa; rechts: der Deckelschmuck des Kruges Fot. (3) Dr. Bruno Wolf Mauern der alten Judengemeinde Nikolsburg veranschaulicht. Ein Museum soll der lebendigen Demonstration dienen, und diese Aufgabe erfüllt die Nikolsburger Schau gerade auch für den Juden aus Deutschland, der hier sehen und lernen kann, wie die alte Ghettowelt die Geschlossenheit des Raumes wie des Weltbilds zur Voraussetzung hatte, wie sie auf engem und engstem Boden der Zeitlichkeit zu entfliehen, zuweilen auch zu widerstehen wusste, und wie pietätvolle Hände ihre historischen Zeichen der erkenntnissuchenden Nachwelt liebevoll bewahrten. Dr. Stefan Kays er. biblischen Bereich der Erzväter freilich auf ganz verschiedene Art verbundenen Dichtungen, von denen Byrons leidenschaftliches Mysterium — schon Goethe hat es bemerkt — sich eng an die alttestamentarische Ueberlieferung hält, anders wie die grandiose Phantasmagorie des Puritaners Milton (in die sich schon spirituell-christlich gefärbte Vorstellungen mischen). Gerhart Hauptmanns wenig bekanntes, aus Wirklichkeit und Traum gesponnenes dramatisches Fragment charakterisierte der Vortragende als das eigenartigste Glied einer Kette von Patriarchendichtungen, wie sie besonders das achtzehnte Jahrhundert in einer Reihe heute längst verstaubter Versuche hervorgebracht, und wie sie dann während des letzten Menschenalters speziell in der Figur Jakobs, der zugleich der Held der ersten Liebesgeschichte wurde, wiederholt Gestalt angenommen haben. Wie hier bei Hauptmann die Schönheit der Patriarchenwelt in der dichterischen Phantasie fruchtbar wurde; wie die Darstellung des Erotischen in den Beziehungen Jakobs zu Rahel von einer tief religiösen Tradition angerührt worden sei — darin läge, wie der Redner am Schluss hervorhob, eine Huldigung des Dichters an die jüdische Volkspoesie.. H. L. Max H eimann, Anneliese Ratkowski- Braun und Gertrud Bursch-Dreyfuss zeigen im Klubheim des Frauenbundes in der Marburger Strasse 5, Berlin, ihre Gemälde, die sie als Vertreter des Neuen Naturalismus charakterisieren. Um ganz zu verstehen, worauf es den Schülern von Artur Segal ankommt, muss man ein wenig rückwärts schauen um sich aus Vergangenheit und Gegenwart das Bild zu formen, das als eine in die Zukunft weisende Kunstrichtung den Malern vorschwebt. Sie gehen von der Erkenntis aus, dass der Impressionismus auf Grund seiner bahnbrechenden Errungenschaften viel kostbares Gut, das die Alten Meister übermittelten, unbeachtet lassen musste, um alle Kraft der Erringung des Neulandes zu widmen. Sie betonen die Vorherrschaft der Farbe und den Verzicht auf die Fähigkeit, „grosse Vorgänge" anders als maniriert zu imitieren. Und sie sind sich mit den Menschen ihrer Generation darin einig, dass die auf den Impressionismus folgende Zeit des Expressionismus die Dinge in ihrer objektiven Gesetzmässigkeit störte und zerstörte, ein Hin und Her in der Bildenden Kunst bedeutete. Dass alle menschliche Phantasie nicht mit dem Reichtum der Natur konkurrieren konnte, dass so viel Wissen und Können fehlte, dass auch die Periode der Neuen Sachlichkeit, die wir übrigens in vielen Leistungen hoch schätzen, ein Uebergang sei zu dem, was in allen Ländern Menschen der Palette und des Pinsels den Neuen Naturalismus nennen. Es geht um jenes Gleichgewicht in der Beobachtung der Farbe, des Tons, der Zeichnung, der Strukturen, der Perspektive, der farbigen und der mathematischen, der Härten und der Weichheiten. Die Galerie Flechtheim stellte in ihren Berliner Räumen das diesen neuen Gesetzen unterliegende Mal werk von Champion aus, während das Antiquariat Altmann die frühesten Arbeiten von Anneliese Ratkowski- Braun an die Qeffentlichkeit brachte. Wenn man jetzt vor den Bildern der Malerin steht, empfindet man, dass ihre Stärke im Psychologischen liegt. Die Porträts, die unter dem Motto „Das jüdische Antlitz" ausgestellt sind, das Knabenbildnis Heinemann (Hamburg), das Mädchenbildnis oder das Selbstporträt, auch die Darstellung eines jungen Gelehrten, beweisen, dass neben den eigentlichen Werten, die das Kunstwerk ausmachen, die Führung und Durchführung seelischer Probleme der Künstlerin am Herzen liegen. Doch auch ihre Landschaften' sind „Porträts", aus denen wir die Persönlichkeiten erschliessen können, die Stilleben, voran jener „Starke Farbklang", wo reife und unreife Paprikaschoten in rot, gelb, grün und tomatenfarbig mit einer Quitte wetteifern. MaxHeimann, der ebenfalls bei Segal gearbeitet hat und von dem das Jüdische Museum kürzlich ein Stilleben erwarb, verfährt mit der Wirklichkeit im Sinne des Neuen Naturalismus, indem er seine Eindrücke nicht Teil für Teil in sein Werk überträgt, sondern alles, was er aufnimmt, auch dem inneren Vorgang zugute kommen lässt. Aber seine Stärke liegt darin, dass er zwar von der Erscheinung aus alle diese Porträts ausgehen lässt, so sogar an diese Erscheinungen knüpft, doch über dem Programm das Wesentliche nicht vergisst, das weder mit Psychologie, noch mit Metaphysik etwas zu tun hat, sondern nur mit Kunst! So stehen neben dem gut beobachteten Bild zweier lesender Kinder aus einer Karlsruher Familie, dem Porträt von Professor Engländer, und dem in schwarzgrau und gelb gehaltenen Selbstbildnis verschiedene Gemälde, die man als Genrebilder bezeichnen könnte: das Bild „Der Zauberer'', das den bekannten Künstler Jani Ballan bei seinen harmlosen Vorführungen zeigt, das „Saxophon*', wo in der Beibehaltung zweier Blickpunkte die Anregungen Segal© in Erinnerung kommen, oder der ..Pflaumenbaum", ein farbig gewähltes Landschansbild. Gertrud Bursch-Dreyfuss erweist s'ch als' die nachdenklichste der drei ausstellenden Künstler, die in wägender Art die neuen Einflüsse in bestehende Bahnen einzuflechten wHss. Deshalb empfinden wir vor ihren Arbeiten die Achtung vor allem Bestehenden heraus und erkennen die Verbindung zum Neuen Naturalismus in der Form an, die die geschmackvoll arbe:tenJe Malerin ihr gibt. Die romantische Landsctu-ft in gedämpften Farben und die beiden Mädcbenporträts, über denen nicht nur der Schimmer liegt, den die Dämmerung zu geben pflegt, sondern ein Glanz, der aus verschiedenen Quellen schöpft, stehen neben Arbeiten letzten Datums. An ihnen erkennt man den Pinselstrich, der für Gertrud Bursch-Dreyfuss typisch ist, an dem 8üd „Carola"' bemerkt man jene streifige, ganz interessante Führung des Pinsels, dem eine reiche Palette zur Verfügung steht. Die Blumenstücke „Clivie" und der „Blühende Kaktus" müss'f-n zeichnerisch noch vervollkommnet werden, obwohl sie farbig recht gelungen sind. Olga Bloch. A. Ratkowski-Braun: „Das jüdische Antlitz", Knabenbildnis Fot. Karplus Vom richtigen Beten Von Ludwig Meidner Es gibt vielerlei Weisen, richtig zu beten, wie es zahllose Temperamente unter den Betern gibt, die man nicht alle in den Himmel heben, aber auch nicht alle gleich verwerfen soll. Das Beten nämlich ist eine Kunst, welche gelernt werden will in langen Jahren und obschon darin auch manch ein Naturtalent aufwuchs und gänzlich ohne Unterweisung und Lehrjahre es zu hohen Graden des Könnens brachte, muss man dennoch auch Lehrlinge, Gesellen und Meister unterscheiden in dieser Kunst, denn der durchschnittliche Mensch soll wissen, dass er eine schwere Lehrlingszeit durchzumachen hat, um so beten zu können, dass es lieblich eingeht in Gottes Ohr. Wir wrollen hier nicht untersuchen, wer es am richtigsten macht, aber den Beter, den wir alle Tage-treffen in unseren Synagogen, welcher sich hinstellt, um hastig seine Tefilloh zu sagen, mit brachliegendem Herzen, den können wir nicht gutheissen. Zu seiner Entschuldigung könnte man einwenden, dass es schwierig ist für den Heutigen, der für eine Weile aus dem alltäglichen Getriebe in das Gotteshaus sich rettet, sogleich von innen den richtigen Anschluss zu finden; denn wie eilig hat er's mit dem Ablesen der Gebete, dieser abgejagte Zeitgenosse, während seine Gedanken noch immer im Profanen wühlen und seine Augen unruhig umherspähen, und ob auch für eine kleine Weile sein Gewissen sich regen mag und der gute Wille einen Anlauf nimmt, so wiegt das nicht schwer und macht nicht zunichte die Kälte seines lahmen Herzens. Manch andere gibt es. die keineswegs so gedankenlos vor sich hinmurmeTn mögen, sondern genau auf alle Wörter und Silben achten, dass sie nichts davon auslassen, ja, auch immer den Nigun finden, und wenn auch ihr Geist nicht recht sich erheben mag — so verharren sie immerhin in einer gewissen Sammlung, die nicht nutzlos ist. Besser ist es noch, man achtet nicht nur auf die Worte, sondern auch recht auf den Sinn dieser Worte, dass man sich alles vergegenwärtigt und es so fühlt, wie es gemeint ist. Auch in diesem Falle wird man langsam beten und behutsam mit den Gebetsworten umgehen, als ob man sie alle aufschrieb mit sorgfältiger Schrift. Wohl dem Beter, der auf solche Weise beten kann jeden Tag, und wenn er unbeladen mit schweren Sünden, so braucht er nicht zu kämpfen während er betet mit dem bösen Trieb und den Dämonen in seiner Brust, doch manch gutes Gebet dürfte ihm gelingen, das nicht ohne Anmut sein wird. Voll Zittern und Gottesfurcht tritt der fromme Jude frühmorgens vor seinen Schöpfer, oder auch gelassen und mit bescheidenem Sinn, wenn er ein reifer Mensch ist. Schon wenn er sich anschickt, Tallis und Tefillin anzulegen, kommt diese Furcht über ihn, und unbemerkt stellt sich das Zittern ein, dass mit anderem Schlag als in den übrigen Tagstunden das Herz ihm pocht. In einer Art summenden Sprechgesanges, den man Nigun nennt, betet er seine Tefilloh, und ein helles Ohr vermag wohl aus der Melodie dieses Niguns zu hören, ob der Beter ein reiner Mensch oder ein unechter oder verlogener ist. Gebärde, Haltung und Ton — alles kündet von dem Wesen eines Echten oder von dem Gegenteil. Ist ihm auch nicht jedesmal die Glut der Kawwonoh vergönnt, so spricht er sich dennoeh aus vor seinem Gott; er prüft sein Inneres und sagt lautere Wahrheit. Hier hält ihn keine Scham zurück wie vor der Welt, menschliche Rücksichten hemmen nicht das Stammeln seiner Bekenntnisse. Aus seiner innersten Tiefe redet das wahre Wort. Viele2 .viele Jahre muss man unverdrossen seine Tefilloh geübt und zugenommen haben an Treue und moralischer Kraft. Man soll unbegrenztes Vertrauen setzen auf den Ewigen — und der Fromme besitzt es und das verleiht ihm Flügel, seine Gebete bis zum Himmelsthron zu tragen. Nur nicht nachlassen und erkalten, mahnt er seine Brüder. Zuweilen begegnen uns Juden, wTelche ihre Tefilloh gleichgültig behandeln, um ihre ganze Hingabe „dem Lernen" zu weihen. Denn dieses Lernen bereitet erst den Boden zum frommen Tun und ruft nicht nur die Gemüts-, sondern auch die Verstandeskräfte auf. Dennoch sollten wir uns nicht ängsten vor den Eingebungen, die uns selbst zuteil werden; denn was ist das für ein Frommsein, das alle Glut aus Büchern schöpft und nimmer zugeben will, dass auch die Erleuchtungen unseres Herzens eine Weisheit schenken, die uns nähren, trösten und heilig machen kann. Es gibt das Gebet in Verzückung, das mystische und das ekstatische Gebet, doch diese Arten sind nicht unter unserem Himmelsstrich heimisch; man muss hier schon froh sein, wenn die Leute überhaupt noch beten. Und sogar, wenn sie die Gebete nur herunterleiern, so ist das immer noch eine Spur besser als gar nicht beten. Denn mitten in solch einem Geleier, ganz unverhofft, kann es ja über sie kommen und sie werden teilhaft innerster Erquickung. So manchesmal ging ich zerstreut und ohne geistige Lust in die Schule; als ich mich dann zusammenraffte und allen Unmut abgeschüttelt hatte, da strömte es brünstig aus den Schleusen des Innern — es war, als ob ein Regenrauschen herniederkäme aus höherer Welt, um lechzendes Erdreich köstlich zu erfrischen. Was erbitten wir denn in unseren Gebeten? Warum beten wir überhaupt?! Diejenigen, die das Joch der himmlischen Herrschaft auf sich genommen und den trotzigen Sinn „klein gekriegt" haben vor, ihrem Schöpfer, wünschen ja nichts inniger, als in seiner lieben Nähe zu weilen. Und hier, beim Gebet, können sie getrost auf sein Kommen hoffen, denn Gott steigt hernieder zur Kreatur, wenn sie ihn anruft und im Gebetsstammeln seine Gegenwart erbettelt. So gebietet ein Schriftsteller alter Tage jedem Beter: Setze dich in die Gegenwart Gottes! Das aber scheint leicht gesagt, und hierbei muss ich wieder auf die Lehrlingsschaft zu sprechen kommen, insofern ein Lehrling des Gebets noch nicht vermag, was einem Gesellen oder Meister unschwer gelingt. Dem rechten meisterlichen Beter will es wohl zu jeder Zeit glücken, sich in die Gegenwart Gottes zu setzen. Er stürzt sich, sozusagen „kopfüber", in den Strom des Gebets und schwimmt hernach mit allen Kräften Leibes und der Seele in den läuternden Wassern unergründlicher Liebe. Denn auch mit dem Leibe betet der Mensch — aber das ist ein mystisches Geheimnis; man muss es selber gelüftet haben, dann wird man es besser verstehen. Dein sittliches Verhalten, o Mensch, bestimmt mit die Tiefe oder Seichtheit deines Gebets. Was nützt das viele Beten, wenn tagsüber dein Tun und Lassen der göttlichen Lehre widerspricht. Lebe so, wie die Tauroh es will, so wirst du wunderbar beten vor deinem Gott. Deine eigenen Worte werden dir süss schmecken, wie sonst nichts süss schmeckt. Der Duft des Himmels wird dich umfahen und ein Friede so besonderer Art, wie ihn nur der wahre Gottesfreund kennt. Würden nur die Leute alle wissen, welche Freuden <uns zukommen durch ein lebendiges Gebet; würden sie uns Glauben schenken, die wir's erfahren haben: dass der Allerbarmer die Gebete erhört und Hilfe schafft, sie unterliessen fürderhin ihr grässliches und absprechendes Gerede