Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 16 (1937)
- Issue
- 1 (7.1.1937)
- Date
- 1937-01-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 1 * 2. Beiblatt C.YZeitunq 7. Januar 1937 Das neue jüdische Museum in Nikolsburg Im weiten Hügelland, umrahmt von karstigen Bergfelsen, liegt die südmährische Landstadt Nikolsburg, gekrönt von den Türmen und Trakten des alten Stammschlosses der einstigen Grundobrigkeit, der Dietrichsteinschen Herrschaft, auf das die Ereignisse des Jahres 1866 den hellen Strahl der Weltgeschichte fallen Hessen. Wer aus der Richtung von Brünn kommend den vorgelagerten zackigen Kalksteinfelsen mit dem verwitterten Pulverturm besteigt, erblickt unten zur Linken des Schlosses die Wenzelskirche mit ihrem mächtigen Turm, zur Rechten, unmittelbar am Fuss des Schlossbergs und an dessen Gestein fast angelehnt, die Altschulsynagoge. Diese beiden Gotteshäuser kennzeichnen die Stadtteile Mkolsburgs: die Christenstadt und die Judenstadt; jene, weit gen Mittag geöffnet, beschützt von dem kühn geschwungenen Felsblock des Heiligenberges mit den Malen seiner Wallfahrtei, diese, der Sonne abgewendet, im engen Raum verblieben, den ihr frühere Jahrhunderte vorschrieben und beliessen. Die Tempelgasse im Nikolsbwrger Ghetto; links; die ehemalige Neuschulsynagoge Zeichnungen (2) Luka Ghetto-Hauptstrasse führt, der Linie des langgestreckten Schlossberges folgend, als alleinige Verkehrsader durch die Judenstadt hindurch, die niederen Häuser, die nach rechts in die Ebene des freien Landes in schmaler Reihung sanft absinken, im althergebrachten Plan zusammenfassend. In dieser Hauptstrasse der ehemaligen Mkolsburger Judengemeinde — sie trägt heute den Namen des in Nikolsburg geborenen und in New-York 1919 verstorbenen jüdischen Wohltäters Emil Schweinburg — liegt, schräg gegenüber der Altschulsynagoge, das neugeschaffene Jüdische Zentralmuseum für Mähren und Schlesien. Eine stolz klingende Bezeichnung, die besonders dann anspruchsvoll erscheint, wenn man sich vergegenwärtigt, dass das heutige Nikolsburg kaum 450 jüdische Seelen zählt. Aber Museen sind vergegenwärtigte Geschichte (oder sollten es sein), und^in der Vergangenheit ist der Mkolsburger museale Anspruch nicht nur durch die enge Verflochtenheit dieses Ortes mit der Wiener Judenschaft wohlbegründet. Kultusgemeinde und Chewra Kadischa in Nikolsburg besassen die meisten Musealgegenstände von allen Gemeinden Mährens und Schlesiens, weil durch etwa drei Jahrhunderte in Nikolsburg der Sitz des Landesrabbinats war. Mit dem grössten Ghetto des Landes war es gewissermassen die Metropole der Judenschaft Mährens. Die einstige Grösse dieser Judensiedlung verdeutlicht beim Rundgang durch die stilvollen, lichten Räume des Museums alsbald ein Plan der Judenstadt von 1824, der den ansehnlichen Umfang des einstigen Mkolsburger jüdischen Territoriums vor Augen führt. Nicht weniger als 13 Bethäuser, darunter drei Hauptsynagogen, sind darauf eingezeichnet. Damals zählte die Judengemeinde Mkolsburgs mehr als 4000 Einwohner. Die lange und wechselvolle Geschichte : dieser Judenstadt breitet das Museum : zwischen Kunstschätzen, Kultgeräten, historischen und gewerblichen Kuriositäten : in zahlreichen Bildzeugnissen urschriftlicher und reproduzierter Dokumente aus. Während die in Deutschland 1934 erschienene „Germania Judaica" noch bekennt, dass sich der Aufenthalt von Juden in Nikolsburg erst sehr spät nachweisen lasse, bezeugt die Wiedergabe einer Schuldurkunde aus dem Jahre 1369 den Aufenthalt eines Juden namens Efroim in Nikolsburg. Der Brünner Historiker Professor Dr. Alfred Engel hat aus*diesem höchst wertvollen Dokument eine Reihe historischer | Schlussfolgerungen abgeleitet und sie in j dem von ihm herausgegebenen „Gedenkbuch an die- Eröffnung des Museums", (Nikols- : bürg 1936). dargelegt. Das älteste Originaldokument des Museums bildet ein Privileg der Judengemeinde von 1591, das vornehmlich von den Pflichten und Steuern der Juden handelt; zugleich wurde darin die Wahl eines Judenrichters mit zweijähriger Amtsdauer eingeräumt. Von dieser Urkunde, die gefolgt war von einer Reihe ähnlicher, pflichtenreicher Dekrete, führen die diplomatischen Marksteine der Mkolsburger Judenheit bis zu dem bedeutsamen Jahr 1754, das die General-Polizei-Prozess- und Kommerzialordnung für die mährische Judenschaft brachte. Das Museum zeigt zugleich den Entwurf, den die Mkolsburger Juden der Regierung in Wien für diese zusammenfassenden Verfügungen unterbreiteten. Sie kamen in bewegten Zeiten zustande. Kaum ein Jahrzehnt war seit der grossen Judenaustreibung aus Prag verstrichen; den Nikolsburger Juden hatte unter Maria Theresia ein^ähnliches Schicksal wie ihren Prager Brüdern gedroht. Sie wussten es jedoch rechtzeitig abzuwenden, wie sie überhaupt von der Vertreibung aus ihrer Heimat verschont blieben. Dafür hatten sie zahlreiche andere Unbill zu erdulden. Dazu gehörten hier, wie anderwärts, die Heimsuchungen durch Brände, so im August 1719, als fast die ganze Mkolsburger Judenstadt eingeäschert wurde und die Juden gezwungen waren, nach vielerlei Bedrängnis durch schlimme Nachbarn und anderen höchst misslichen Abenteuern, während des folgenden Winters im Freien zu kampiern. Nicht minder beschwerlich war der Wiederaufbau innerhalb der von der Dietrichsteinschen Schlossherrschaft dekretierten Schranken. Im Jahre 1754 konnte man wieder 107 Judenhäuser zählen, einschliesslich Gemeindehaus und Spital. Im 17. Jahrhundert hatten bis zu acht Familien in einem Haus gewohnt: jetzt konnte man zuweilen zehn und mehr Parteien unter einem dieser niederen Dächer antreffen. In dieser Ghettoenge waren zu allen Zeiten die Herzen in tiefer Gläubigkeit den Ueberlieferungen und Inhalten des Judentums weit geöffnet, und gerade davon unterbreitet das Mkolsburger Museum eindrucksvolle Zeugnisse. Sie weisen auf die Spuren der bedeutenden Rabbinen dieser Gemeinde, unter ihnen, weithin sichtbar in der Geschichte der abendländischen Judenheit, Rabbi David Oppenheim aus Worms, der über ein Jahrzehnt in Nikolsburg wirkte. Er kannte die Gemeinde, in die er in jungen Jahren als deren geistiges Oberhaupt berufen wurde, bereits von seiner Lernzeit her. Mit der Berufung nach Nikolsburg übernahm David Oppenheim das Landesrabbinat von Mähren. 1702 ging er als Oberrabbiner nach Prag, wo er 1713 zum Landesrabbiner von Böhmen bestellt wurde. Sein Name lebt in Nikolsburg fort in einem baulichen Denkmal, wie das Judentum nur ganz wenige erhalten konnte. Es ist zwei Häuser vom Museum entfernt und gehört eigentlich zu diesem als anschauliches Zeugnis für die denkwürdige Vergangenheit dieses Ortes und als Beispiel vorbildlicher jüdischer Denk-- malspflege: ein Gebäudekomplex, der den Namen Öppenheimplatz erhielt. Zwischen zwei Ghettotoren gelegen, nimmt er den durch einen hohen Torbogen schreitenden Besucher in die malerische Umgebung seiner alten Mauern mit den gewölbten Fenstern und Türöffnungen auf. Diese Häuser repräsentieren die Stiftung David Oppenheims, die sie dazu bestimmt, „dass das Zinserträgnis zum Unterhalt und Unterricht armer Kinder sowie zur Unterstützung von 18 armen Leuten verwendet werden solle, die täglich morgens und abends die Psalmen Davids abbeten." Ausser der ehrwürdigen Beth-Hamidrasch- Synagoge birgt diese stille Häusergemeinde auch die Räume, die mit der Tradition des einst hochberühmten Mkolsburger Talmudstudiums verbunden sind. Eine Zusammenstellung seltener, vor allem talmudischer Literatur, auch eine Sammlung von Büchern, die aus den jüdischen Druckorten Mährens (Brünn, Nikolsburg, Prossnitz) stammen, beschwört gegenwärtig in dieser weltabgeschiedenen Talmudistenklause den Geist des Lernens und Forschens, der hier jahrhundertelang lebendig war. Neben der eindringlichen ^Pflege des halachischen Studiums vertieften sich zahlreiche Mkolsburger jüdische Gelehrte auch in die Welten der Kabbalah, wovon dem heutigen Besucher ein Studierstüblein erzählt, in dem Werke aus dem kabbalistischen Umkreis mit den absonderlichen Figuren ihrer gelehrten Symbolik und Spekulation aufliegen. So erscheint der museale Radius des Mkolsburger Ghettos vergrössert, und gerade darin liegt die Bedeutung dieser Iiistorischen Oertlichkeit. Während der heutige Besucher Prags sich auf die wenigen noch erhaltenen, in eine unstimmige Umgebung gestellten, restlichen Male der einstigen "Judenstadt flüchtet und schliesslich — vergebens — hofft, wenigstens noch im Museum der Vergegenwärtigung der abgeräumten Prager Ghettowelt zu begegnen, führt ihn das Mkolsburger Museum mit seinen dokumentarischen, bildlichen und künstlerischen Schaustücken in den umgebenden Ghettoraum hinaus, der noch in seiner einstigen äusseren Formung fast ganz erhalten ist und durch das Museum seine Illustrierung erhält. So birgt es eine jüdische Wohnung von einst, Küche und Wohnraum in der kargen Traulichkeit der Behausungen unserer Altvordern, womit man gleichsam einen „Einblick" in die alten Judenhäuser ringsum gewinnt. Dieser Teil des Museums ist geweihter Boden. Er gehörte einst der Mkolsburger Chewra Kadischa, deren Erinnerungen in den Museumsschätzen mit bevorzugter Lebendigkeit fortleben. Es wäre hier von dem Qiewra-Kadischa-Buch zu berichten, worin die von tiefer Inbrunst geführte Hand eines Laienmalers kostbare Darstellungen jüdischen Brauchtums bannte, es wäre weiterhin von der zutraulich offenen Wahlurne der Heiligen Brüderschaft zu erzählen, doch sei nur eine durch ihre Seltenheit wie durch ihren Inhalt gleich erregende Einzelheit herausgegriffen: der Chewra-Krug, der bei der alljährlichen Chewra-Ssudoh am 7. Aw seine weinseligfeierliche Verwendung fand. An diesem Krug wiederum, der die 1801 entstandene Nachbildung eines Stückes von 1720 darstellt — der Töpfer hat die alte Inschrift übernommen — sei der Blick auf den nachweislich aus dem Jahr 1700 stammenden Silberdeckel gelenkt. Die darauf befestigte Gruppe stellt das Wegtragen eines Leichnams auf der Bahre, Nosse Mithot, dar in der Art, wie im Osten die Bestattung des Mess üblich ist: offen, mit seitlichen Brettern. Die vier Männer sind nicht in sta- Teilstück aus dem Nikolsburger jüdischen Friedhof Der David-Oppenheim-Platz in Nikolsburg tischer Ruhe, sondern in der Bewegung des Wegtragens gezeigt, das dem Brauch gemäss schnell vor sich geht. Die Strenge der Modellierung vertieft den Eindruck dieses einzigartigen Krugschmuckes. Die Gruppe lenkt den Blick zugleich" auf jene Stätte, die das Gesamtbild der Nikolsburger Judenstadt erst eigentlich rundet: auf den Friedhof. Dieses Beth Olam lässt die Enge des Gettos weit hinter sich und breitet sich in einer von karstigem Gebirge wie mit Grabmalen der Natur geschmückten Umgebung über die sanfte Wellung eines Hügels hinweg der Freiheit zeitentrückter Ewigkeiten entgegen. Hier fand die Chewra Kadischa ein schier unübersehbares Feld für die Sichtung der nach vielen Tausenden zählenden totenplatten. Frühere Geschlechter scheuten sich nicht, einen beträchtlichen Teil dieser Mezewoth zu einer langgestreckten Mauer aufzuschichten, die heute gewissermassen ein seltsames Massengrab von Grabsteinen darstellt. Viel ist hierdurch für die forschende Erkenntnis früherer Geschlechter verlorengegangen, aber die Legionen von Steinen, die dieser Verschüttung entgingen, geben um so beredteren Äufschiuss über das fromme Leben und Sterben der Alt-Nikolsburger Juden mit ihren Märtyrern und berühmten Rabbinen, von denen hier der um die Wende des 18. - zum 19. Jahrhundert wirkende Mordechai Benet und sein Vorgänger Schmelke (Samuel) Horowitz in die Erinnerung zurückgerufen seien. Dem Letztgenannten, der vornehmlich auch in der Kabbalistik bewandert war — er ging zum Zeichen dafür immer weiss gekleidet — gilt heute noch die besondere Verehrung der Ostjuden, die zu Füssen seines Grabsteins Lichtlein entzünden und durch „Quittlach", kleine, zusammengerollte Zettel, die sis am Grabe niederlegen, seiner abgeschiedenen Seele ihre Herzenswünsche anvertrauen. Die Frömmigkeit, von der die bilderreiche Sprache dieser Grabinschriften wieder und wieder erzählt, hat heute, der stark verminderten Zahl der Nachfahren an diesem Ort entsprechend, nur noch wenige Stätten der Andacht, von denen die stolze, von vier mächtigen Säulen getragene Altschul in ihrem angestammten Recht verblieb. Dagegen wäre es den Alt-Nikolsburgern zumindest als unbegreifliche Verirrung erschienen, hätten sie erleben müssen, dass in unseren Tagen die Neuschul in der zur Altschul emporsteigenden Tempelgasse zu einer — Turnhalle für die Bedürfnisse der heutigen jüdischen Jugend umgestaltet wurde. Ein eigenartiges Zeichen für den Wandel der Zeiten im alten Nikolsburger Ghetto, aus dessen gotterfüllten Tagen das Museum so manches wertvolles Zeugnis bewahrt. So findet sich unter den P'rachoth, den Vorhängen für den Thoraschrein, die z. T. in ihrer Brokatpracht und ihrem Stickereischmuck zu den schönsten überhaupt bekannten Exemplaren gehören, ein bescheidenes, aus einem Kleid gefertigtes Stück, auf dem sein Stifter erzählt, dass er dreissig Jahre lang jeden Tag ein paar Kreuzer zurückgelegt habe, um dem Gotteshaus diesen Tempeivorhang zum Geschenk machen zu können. Das mag als Beispiel für den gläubigen Opfersinn von einst gelten. Ein anderer Tempelvorhang der Sammlung weist auf einen Zusammenhang hin, der ebenfalls, auf seine Art, charakteristisch ist. Er stammt aus der Familie jenes Lipmann Perlin, des Sohnes des frommen Berliner Rabbiners Michael, der einst nach Nikolsburg zuwanderte und dort eine Frau nahm. Auch der Widerstand dieser Frau