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Central-Verein-Zeitung · 1924-12-26 · 52 (26.12.1924) · p. Seite 839

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
52 (26.12.1924)
Date
1924-12-26
Page
Seite 839 (sequence 7)
Language
German
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Möische Darlehnskajsen. Zm der letzten Nummer unserer Zeitung Veröffentlichten wir einen kurzen Aufsatz voir Wilhelm Marens, dem Vorsitzenden de» Zentralverdandcs jüdischer Handwerker Deutschlands, über die Gründung einer jüdischen Darlehnskaffe. Da eine solche für Len notleidenden jüdischen Mittelstand im ganzen Reiche von großer Bedeutung ist, veröffentlichen wir «inen weiteren Aufsatz zu dieser wichtigen Frage. Die Gchrlftleitungtz Das Kreditbedürfnis namentlich des kleinen Mittelst and es, soweit er aus werbender und Produzierender Tätigkeit seine Eristenzmittel bezieht, ist von jeher ein wichtiges volkswirtschaftliches Problem gewesen und hat zu den verschiedensten Lösungs- Versuchen geführt. An diesen Bestrebungen hat die Judenheit besonders in Deutschland schon in der Vorkriegszeit den lebhaftesten Anteil genommen. Das war natürlich, denn das antisemitische Märchen von dem unermeßlichen Kapitalreichtum der Juden ließ sich angesichts der prozentual überaus hohen Beteiligung der Juden an den mittelständischen Erwerbsklassen vor einer nüchternen statistischen Prüfung niemals aufrecht erhalten. Die Juden haben an den Nöten und Sorgen des Mittelstandes immer ihren angemessenen Teil gehabt. Diese Sorgen und Nöte sind gewachsen, seitdem durch die Nachwirkungen des Krieges und die Jnslationsperiode die volkswirtschaftlichen Schutzdümme, welche man vor dem Kriege gegen die Kapitalnot des Mittelstandes errichtet hatte, fast restlos zusammengebrochen sind. Durch die Geldentwertung sind speziell die D a r l e h n s k a s s e n, welche der Kreditnot des Mittelstandes bis zu einem gewissen Grade abhelfen sollten, außer Tätiget gefetzt Xv&xhm1. Bei idem beginnen dsn Wiederaufbau der voMwirtschaftlichen Struktur erhebt sich natürlich die Aufgabe, diese notwendigen Institutionen möglichst schnell und wirkungsvoll wiederum auf die Füße zu stellen. Sie ist ebenso notwendig, wenn nicht notwendiger als die Wiederbelebung der sonstigen sozialen und .reinen Wohltätigkeitseinrichtungen im Rahmen unserer Glaubensgenofsenfchast. Denn von jeher hat Wv der Bewertung unserer jüdischen sozialen Pflichten die Stützung und Erhaltung der Erwerbsfä'higkeit wirtschaftlich schwacher und schwankender Existenzen höher gestanden als die Linderung materieller Notstände für den Augenblick durch Almosengeben. Die stetig zunehmende Kreditnot des jüdischen Mittelst a n d e s hat den Gedanken der Wiederbelebung und Wiedererrichtung jüdischer Darlehnskassen zur notwendigen Folge gehabt. Wenn man den Ansturm wirtschaftlich leidender Glaubensgenossen auf die immer noch sehr leistungsschwachen jüdischen reinen Wohltätigkeitsinstitute mindern und allmählich auf die normalen Grenzen zurückschvauben wollte, dann mußte man zu diesem bewährten Mittel greifen, um ein weiteres Zurücksinken von Existenzen, die bisher in mittelständischem Rahmen sich selbst erhalten konnten, in die Reihen der ganz Erwerbsunfähigen und aus Wohltätigkeit .Angewiesenen zu verhindern. ... Es war deshalb mit Genugtuung zu begrüßen, daß das Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde in Berlin begonnen hat, einen Fonds zu einer jüdischen Darlehnskafse zu sammeln, zu welchem die jüdische Gemeinde selbst eine größere Summe vorläufig beigesteuert hat. Einige wohlhabende Private haben ihrerseits diesen Fonds vermehrt, und man hat versucht, die früheren Gönner ähnlicher sozi-aler Institutionen die infolge des Krieges und seiner Nachwirkungen ihre Tätigkeit hatten einstellen müssen, zur erneuten Aufnahme ihrer menschenfreundlichen Wirksamkeit wieder zu sammeln. Die bis jetzt auf diesem Wege zusammengebrachten Geldmittel sind zwar im Vergleich zu den herantretenden Bedürfnissen vechältmsmäßi-g noch sehr gering, und es wird einer nachhaltigen Agitation bedürfen, um sie auch nur einigermaßen auf diejenige Höhe zu bringen, welche ihre Ausgabe erfordert. Je weiter die Erkenntnis von der Notwendigkeit solcher Darlehnsvafsm und ihir-er wohltätigen Wirkrma in die Kreiße unserer besitzenden Glaubensgenossen dringt, um so früher wird dieses Ziel erreicht werden. Mit dem kleinen Kapital, daß man diesem sozialen Zwecke widmet — in Berlin hat man die Anteile auf fünfzig Mark zerlegt — kann man das Vielfache von dem erreichen, was man mit der gleichen Suuune erzielt, wenn man sie als Almosen den Notleidenden zuführt. Denn diese Summe, von der Darlehnskasse gegeben, kehrt bis auf einen kleinen Prozentsatz, der auf Verlustkonto zu buchen ist, immer wieder als Rückzahlung zur wiederholentlicher Verwendung in die Darlehnskasse zurück, so daß Neuzuwendungen nicht zur Wrederauffüllung, sondern fast ausschließlich zur Vergrößerung des Darlehnsfonds dienen. Die Berliner Kasse ist in der rechtlichen Form erner Gesellschaft mit beschränkter Haftung geschaffen. Ehrenamtliche Leiter prüfen das Darlehnsbedürfnis des Darlehnssuchers und seine finanzielle Bonität für die Höhe het DarlehnH. welche außerdem noch durch einen genügend sicheren Bürgen gestützt sein must, sv daß die Kasse selbst mit der groß den Wahrscheinilichkeit von ' erheblichen Ausfällen bei den Rückzahlungen gesichert ist. . . . Die Berliner D'arleh-nstasse hat in den ersten vier Monaten seit ihrer Gründung 83 500 Mark Darlehenvergeben, zum Teil cm Kaufteute und Handwerker, zmn andern geringeren Teil an geistige Arbeiter. Davon waren bis Airsaug November scharr 90 Prozent der fälligen Raten zurückgezahlt. Die Höhe der Darlehen schwankte zwischen je 500 und 2000 Mark. Dem Berliner Beispiel sind mit ähnlichen Versuchen schon einige Großgenreiuden gefolgt. So ist in Hambu r g bereits eine jüdisch«? Darlehnskasse mit einem Kapital von 50 000 Mark, aus ähnlichen Grundsätzen basiert, geschaffen worden. Aber selbst wenn es gelingen sollte, in sämtlichen deutschen jüdischen Großgemeinden und größeren Mittelgenreinden ähnliche Institutionen mit gleichen Zielen und ausreichendem Kapital zu gründen, würde nur ein kleiner Teil der Gesamtausgabe gelöst sein. Denn dann bliebe immer noch derjenige große Teil des jüdischen Mittelstandes, welcher in den Kleingemeinden und kleineren M i t t e l g e m e i n d e n seinen Wohnsitz hat und seinem Erwerb uachgehen muß, von den wohltätigen Wirrungen dieser sozialen Einrichtungen ausgeschlossen. Das Kreditdedürfnis und die wirtschaftliche Bedrängnis dieser Kreise ist aber nicht minder groß und dringend \vk dasjenige ihrer Glaubensgenossen in ähnlicher wirtschaftlicher Lage in denjenigen Orten, in welchen sie dichter gedrängt wohnen. Die soziale Forderung, auch sie im Wirtschnststampf zu starken, ist mindestens von gleicher Bedeutung, ja von noch erhöhter, weil dadurch der Anreiz gemildert wird, durch Wegzug aus! den Kleingemieinden des stachen. Landesdie berufliche Zusammenballung der Juden in den größeren Städten zu vermehren und die Vielbeklagte Landflucht der Juden zu vergrößern. Die Organisation von jüdischen Darlehnskassen außerhalb der Groß- und Mittelstädte bietet aber erhöhte Schwierigkeiten. Die Prüfung der Kreditwürdigkeit und des Kreditbedürfnisses des einzelnen Darlehnssuchers in solchen kleineren Orten begegnet größeren Hindernissen. Dennoch dürfen diese Schwierigkeiten nicht davon abhalten, an die Lösung des Problems auch in diesem weiteren Umfange heranzugehen. Bereits sind einzelne Ansätze dazu vorhanden. Die Statuten der Berliner jüdischen Darlehnskasse ermöglichen eS dieser auch grundsätzliche, ihre Wirkfmnkeit über den Nahmen der Berliner Genrein.de hinaus ausgudehnen. In Anhalt ist man neUierdinW dazu übergegangen, die jüdische Wohlfahrtsfürsorge, wozu auch me Darlehnskassen gehören, provinziell zu organisieren. Die einzelnen Landesverbände der jüdischen Gemeinden werden auf diesem Wege sortfahren müssen. F. R. WELTRUF Alleinige Anzeigea-Ännalim® Bxidclf HCosse, Anzeigen-Annahme für säm tl. Leitungen Deutschlands und des Auslands Berlin 8>V 19, Jerusalemer Straße 46-49 J Breslau / Chemnitz / Dresden j Düsseldorf / Erfurt / Frankfurt a. M. ( Halle (Saale) / Hamburg j Hannover iiöln e. Ah. I Leipzig j Magdeburg I Mannheim j München j Nürnberg j Stuttgart / Amsterdam / Prag f Wien / Budapest f Warschau ( Basel j Zürich. PARI ü M h R I K

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