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Central-Verein-Zeitung · 1924-12-26 · 52 (26.12.1924) · p. Seite 838

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
52 (26.12.1924)
Date
1924-12-26
Page
Seite 838 (sequence 6)
Language
German
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833 Kampf im DÖAV. Mg verderVlicher! Beschluß dex. Münchener Sektion. An unserem Bericht Wer die Ausschließung der Sektion „Dos, NauLand" aus dem Alpenverein hwen wir die Aeußeruug von Steinitzer angeführt: „Durch den Ausschluß der Sektion Dommland - Wird der frühere Zustand wieder hergestellt; di« völkische Krag« muß danm-im ALpeuverein erledigt fern. Denn wir darüber unsere Zweifel äußerten, so haben leider dre Ereiggjge «ns nur zu kxrld recht gegeben. Drei Tage nach dem Gesamtderein hielt seine Sektion München ihre Hauptversammlung W die von rmD 720 Mitgliedern lbesuchtl war. Von >den Gegenständen der Beratung wollen wir hiev nur auf folgenden eingehen. Der Ausschuß schlug eine Satzungsänderung folgenden ^itrjctXt§ „Die Aufnahme neuer Mitglieder erfolgt nach den vom DLAV ausgestellten Richtlinien durch den Ausschuß; er ist berechtigt in emgemen Punkten von diesen Richülimenabzuweichen." Diese harmlos klingende Bestimmung gewann erst ihr richtiges Gesicht durch die Darlegungen des ersten Vorsitzenden, Dr. Georg Leuchs, die wir im wesentlichen Wied ergeben, weiÄ Jk über bm .Einselfall hinaus außerordentlich lehrreich sind und die Auffassung von gÄbWdeten Männern zeigen, die beteuern, keine Antisemiten zu Kn. Nach Hinweis auf den starten, aber nicht durchweg erfreulichen Mitg-liederzuwachs m den Jahren 1919 bis 1923 und die dagegen miternomruenen einschränkenden Maßnahmen führte er aus: Man habe die überraschende Entdeckung gemacht, daß sich zahlreiche Juden zur Aufnahme meldeten. Darauf habe man, da man natürlich die Mitglieder nicht nach ihrem Glaubensbekenntnis frage, die Mitgliederliste durchgesehen und, nach den jüdisch klingenden Namen urteilend, gesunden, daß hie jüdischen Mitglieder — mindestens 7, vielleicht 10 Prozent — den Prozentsatz der Inden in der Münchener Bevölkerung weit überstiegen. Zum Teil liege das wohl daran, daß die meisten übrigen hiesigen Sektionen schon geraume Zeit Juden nicht aufnehmen. Dieser und andere Erklärungsgründe reichten aber nicht aus. Es sei vielmehr eine Rückwirkung der Wiener Vorgänge; -je Fwderr wollten ihre Stellnrrg irn Deutsch-Desterreichischsn Alperrver^in befestigen, um Dormirland um derrr Gef<mrLjrrdentrmr (!) zu Hilfe zii Kommen. Um vielleicht bestimmend in die Leitung einzugreifen, müßten sie gerade in die größte, mit starkem Stimmrecht ausgestattete Sektion Eindringen, in der niemand nach Religion und Rasse gefragt habe und in der man in Versammlungen leicht die Mehrheit an sich reißen könne. OH dies auf BerMre-nng oder ans instiE tivem Drang geschehen sei, wolle er reicht entscheiden. Man müßte bei dem vorbildlichen Zusammenhalt der Juden befürchten, daß die Sektion sehr bald ein jüdischer Verein, eine zweite Sektion Donauland, würde. Um dem vorzubeugen, habe man beschlossen, den Zugang von Juden stark zu beschränken. Vom Arierparagraphen habe man abgeschen, weil man ohne Judenhaß schonend habe Vorgehen wollen. Er blauere es dBhmb auch, daß er durch Beanstandung dieses Beschlusses gezwungen sei, darüber zu reden. Er sei nicht gegen den einzelnen Juden gerichtet, nur gegen die Masse (!) müssen wir uns zu Wehr setzen. Manschätze die alten jüdischen Mitglieder und würde es bedauern, wenn sie darin eine Kränkung sähen. A n g r e i f e r sei nicht der Ausschuß, sondern dasJudentuminseinerGesamtheit, das die Sektion miter seinen Einfluß zu bringen drohe, wie die Majorisierung der Sektion Berlin durch eine jüdische Minderheit zeige. Er verlange daher, daß die Versammlung die vorgenommene Einschränkung gutheiße. Die Herren Rechtsanwalt L e v i n g e r und Justizrat Heilbronner, die auch Mitglieder des Münchener Ausschusses der C. V.-Ortsgruppe sind, traten mit aller Entschiedenheit dagegen auf. Der Erstgenannte wiK daraus hin, daß ein solcher Antrag drei Tage nach Lösung der Donaulandsrage eine.n eu e G e s ähr d u n g de s Friedens im ZKpenverein und ein Verstoß nicht gegen den Wortlaut, aber den Geist des Rosenheimer Kompromisses sei, das cnrf wenigstens acht Jahre den Arierparagraphen von den reichsdeutsmen Sektionen fernhalten sollte. In all den Jahren, in denen er (Levin ger) in der Sektion sei und ihre Versammlungen besuche, habe nie ein Jrrde nach einem Sitz im Ausschuß gestrebt oder sonst etwas getan, was als Herrschastsstreben ausgelegt werden könne. Der einzige, dem durch einen Zuruf derartiges nachgesagt wurde, fei längst getauft. Bei knapp 4000 erwachsenen männlichen Juden in München sei es ausgeschlossen, daß jemals mehr als 1000 in die Sektion „eindringen" könnten. Die vmn Vorsitzenden angegebenen Zahlen müßten irrig sein. Nach dem Jahresbericht haben sich im Jahre 1924' insgesamt 738 Bewerber gemeldet, 717 wurden aufgenommen, die 21 Zuruckgewiesenen stellen also die „jüdische Gefahr" vor, vor der sich ein Verein von 11000 Mitgliedern fürchte. Das Beispiel der Turnerschaft, bei der die Gründung völkischer Vereine zu widrigen persönlichen Streitereien geführt hätte, dre jetzt vor Gericht ausgetragen würden, müsse abschreckend wirken vor dem ersten Schritt ins Unrecht. Juftizrat Heilbron'ner konnte in sehr glücklicher Weise trotz der inzwischen eingeschränkten Redezeit diese Ausführungen nur noch durch starte Unterstreichung der b e r g st e i g >e r i f ch e n n n d vaterländischen G e s i ch t s p u n k t e -unterstützen. . Auch ein Redner, der sich als Christ und Arier einsührie, schloß sich dem Wider- -spruch der jüdischen Redner an. Der Schlußredner des Ausschusses gestarrd^ es sei Gm nicht leicht, die Mr beachtbichen und bestechenden AusMrungen dieser drei Redner zü entkräften,' — da wärf leider ein jüdisches Mitgl-ieid, 'das sich zu einer Bemerkung zur Geschäftsovdnungl meldete, durch eine geradezu unflätige Aeußerung, die begreiflicherweise die Helle Wut der Versammlung entfesselte, die günstige Wirkung über den Hausen. Der Ausschußantrag wurde mit großer Mehrheit angenommen. Durch NHangel an Unterordnung und Selbstbeherrschung in den eigenen Reihen ging 'das Erreichte schmählich verloren. Trotz aller Beteuerungen und Entschuldigungen des Herrn Dr. Leuchs stehen wir jetzt -vor -der niederdrückeuden Tatsache, daß die Sektion München ins völkische Lager übergeht. Man wird gespannt sein dürfen, ob der Haupt-ausschuß untätig zusiehfl wie völkische Hetzer, die oGe>n,sichtlich sehr gegen seinen eigenen Willen den Ausschuß der Sektion zu seinem Vorgehen gedrängt haben, -den mühsam geretteten Bestand des Gesamtvereins weiter untergraben. Man kann ruhig sagen, daß „München" durch diesen ohne wirklichen Anlaß gefaßten Beschluß dem Alpenverein schwereren Schaden zufügte als „Donauliand" durch alle ihm nachgesagten Verstöße. Einige auswärtige Blätter wissen schon zu berichten, daß die j ü d i scheu Mit gj l i eher nun in Massen au s der Münchene r Sektion, austreten. Diese Mitteilung ist nach unserer Kenntnis min-' destens verfrüht. Begreiflich wäre es ja, wenn sie sich das klassische Wort aneignerr würden, mit dem Dr. Leuchs die „zahlreichen" Meldungen jüdischer. Bewerber kennzeichnen zu sollen glaubte: „Was zu viel ist, 'istz zu viel!" Es bleibt aber zu erwägen, ob man den vöb kischen Treibern die Freude machen soll/ihnen zu weichen und sich von ihnen ein großes, wertvolles Stück LebenZbetütignng rauben, den Genuß der heimatlichen Berge einschränken lassen soll. Darüber werden zuletzt nicht die Zeitungen, sondern die jüdischen, M i t - g lieber der Sektion München selbst im r'chtigerl Augenblick ihre Entscheidung treffen-. W.L, ° Lujo Srentano. Zum 80. Geburtstag. Der achtzigjährige Lujo Brentano, einer der Führer unserer heutigen Volkswirtschaftslehre, ist aus Anlaß seines Geburtstages in der großen Presse genügend gewürdigt worden. Aber auch wir haben Anlaß, seiner in Dankbarkeit und Treue zu gedenken,. nicht als ob seine im Philo-Verlag erschienene Schrift über den Antisemitismus oder seine Widerlegung der törichten Theorien Sombarts über den jüdischen Kapitalismus uns besonders zu Dank verpflichteten, sondern weil Mut und Ueberzeugungstreue, Eigenschaften, die man so selten findet, hier ein Gelehrtenleben so ausgezeichnet haben, daß wir uns alle an ihm ein Muster nehmen können. War er doch, der aus^einer so streng katholischen Umgebung stammte, im übertragenen Sinne der „Jude" unter den Nationalökonomen! Wegen seiner wirtfchaftspolitischen Auffassung wurde er gehaßt, verfolgt und beschimpft. In der bayerischen Kammer wandten sich Minister in der schärfsten Weise gegen ihn. Dem verstorbenen bayerischen König Ludwig war er ein Dorn im Auge, Einen Strafprosessor suchte man ihn aus den Hals zu hetzen. Selbst im preußischen Parlament war sein Lehrinhalt Gegenstand ge-' hässiger Kritiken. Und doch hat dieser Mann niemals auch nur ein Iota von seiner Ueberzeugung verleugnet. Wir glauben sagen zu können: Wenn es nach Brentano gegangen wäre, hätte Deutschland das Unglück des Weltkrieges nicht über sich ergeh e n zu lass en b r a u'ch en. Man hat in der Tagespresse nicht genügend hervorgehoben, daß Brentano seinen Schülern immer wieder wissenschaftlich bewies: 1. die Schutzzollpolitik läßt sich mit Weltpolitik nicht vereinigen; 2. der in der inneren Politik gehätschelte Feudalismus macht uns in der Welt unmöglich; 3. ein unsere Würde wahrender Bund mit England ist auf lange Zeit unbedingt Notwendigkeit. Wer Brentanos- Lehren kannte, wußte England richtig einzuschätzen und lachte über die Verkleinerung, die man zu Anfang des Krieges England bei maß.' War eine Freundschaft mit England nicht zu erzielen, oder sollte sie nicht erzielt werden, so durste rnan diesen Krieg unter keinen Umständen aufkommen lassen und mußte auch unter KonZessionen aus andere Gelegenheiten warten. All diese Dinge waren fürjeden, der mit Brentanos Lehren bekannt war, so klar, daß er am 5. August 1914 mit Schrecken die Zukunft kommen sah. Was hat sich unser Meister alles sagen lassen müssen, als er bewies, daß Deutschland seinen Getreidebedars auf die Dauer nicht allein decken kann und daß es auf andere Länder angewiesen sei. Er wurde wissenschaftlich gesteinigt und hat doch recht behalten. Darum verdient Lujo Brentano leider Gottes ein Verkannter seines Vaterlandes genannt zu werden. Uns jüdischen Deutschen hat er manches gesagt, was zu bedenken ist. Ueber die Unmöglichkeit des jüdischen Nationalismus in Deutschland hat er ebenso treffende wie in den Kreisen der Beteiligten ungenügend beachtete Worte gesprochen. Es ist sein Schicksal gewesen, daß er mehr verehrt als erhört wurde. Doch das wird sich ändern, denn geschichtlich erwiesene Wahrheiten sehen sich selbst durch. Der überzeugungsvolle, treue Mann kann sich am Abend seines Lebens das eine sagender hat für das Vaterland und für die Menschheit nicht umsonst gelitten. L. H,

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