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Central-Verein-Zeitung · 1924-12-12 · 50 (12.12.1924) · p. Seite 794

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
50 (12.12.1924)
Date
1924-12-12
Page
Seite 794 (sequence 6)
Language
German
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7 SH Das M-srttum uaö öss prMem öer Rulturzersetzung. Nachdem religiöser und ökonomischer AntisLm'llismus infolge mangelnder ZeitgemüßherL relativ zurückgedrängt worden sind, nachdem auch der RaffenanLisemitismus schwere Einbuße erlitten hat durch die einmütige Ablehnung, die er von seiten aller redlichen Wisienschaftsforschung erfuhr, versucht die JudengegnerschasL unserer Tage, sich aus dem kulturellen Gebiet emzugraben, indem sie gegen das Judentuur die Beschuldigung der „Kulturzerfetzung" erhebt. Ueber organische 'Volkskulturen kommt der jüdische Einfluß wie ein vernichtender Raupenfraß, jüdisches Lebensprinzip ist kulturelles Schmarotzerdasein, überall in der Welt ist der Jude interessiert und beteiligt an einer Niederlegung und Abtragung des kulturellen Niveaus, — Behauptungen, die in der völkischen Kulturlehre in immer neuen Varrationen vorgetragen, freilich niemals unter schlüssigen Beweis gestellt werden. Dieser Tagesrnode. die herrje so viel Unfug stiftet, tritt I. H e i n e - mann in einer Schrift entgegen, die unter dem Titel: Vom „jüdischen Geist" im Philo-Verlag Berlin erschienen ist, und die mit zum Besten gehört, was mir an Abweh rliteratur gegenüber dom Antisemitismus bisher unter die Hand gekommen ist. Will man zu einer vorurteilsfreien Einsicht über die hier zur Rede stehenden Frage gelangen, so stehen zwei Wege zur Verfügung, die H-enumann beide mit glücklichem Erfolg beschreitet. Man muß sich zunächst an die autocht'honen Kulturleistungen halten, die das jüdische Volk hervortreibt, solange ihm ein eigenständiges Dasein im unge st orten Staatsverband b e - schieden ist. Das hier entgegentretende Bild ist alles andere mehr als „Zersetzung". Die tiefe Religiosität, die schönste Frucht der spezifischen Begabungsveraulagung dieses Volkes, wirkt in Verbindung mit einem entwickelten Sinn für soziale Gerechtigkeit dahin, alle Zersetzungsgefahren bereits an der Wurzel zu überwinden. Anders wird das Bild, wenn wir die Zeit nach der Zerstreuung der Juden über Europa ins Auge fassen. Hier tritt uns in der Tat seit der Renaissance eine an vielen Symptomen wahrnehmbare Auflösung entgegen. Aber der I u d e ist an ihr i m wesentlichen unbeteiligt, weil die europäische Ent- Wicklungsrichtung bereits festliegt, als er aus seinem abgewandten Ghettodasein in die kulturelle Problematik seiner neuen Heimat zu wirksamer Anteilnahme endlich heraustritt. Der vielfach als Zersetzung empfundene Prozeß ist in seinem wefentlichen Richtungsäblauf so Zwangläufig bestimmt, daß der Jude überall vor vollendete Tatsachen gestellt wird, auf deren Gang er vielleicht beschleunigend einzuwirken vermag, deren qualitative Umprägung aber gänzlich außerhalb seines Vermögens liegt. Wenn schon ein Schuldkonto ausgemacht werden soll, so ist das, was uns heute vielfach als Zersetzung enigegentrllt. nicht eine Einwirkung Judas, sondern vielmehr eine fortzeugende Fernwirkung von Hellas, unter dessen Einfluß die Physiognomie des neuzeitlichen Europas ausgeprägt wird. Diese vom Standpunkt des Judentums Negative Bew ersfü hrung ist die wertvollste Leistung des Heinenmnnschen Buches. Wenn man bcS Judentum verantwortlich machen will für die modernen Zeitüöel, dis notwendige FoLgeresultate find, nachdem durch die tulLurelle Rezeption der Antike aus dein Abendland „Europa" geworden war, so betreibt man einfach historische F a l s ch m ü n z e r e i. Es ist freilich heute ein beliebter Brauch, seinen Verdruß gegenüber Liberalismus, Demokratie, Kapitalr-rmrs, Intellektualismus nsw. so abzureagieren. daß man die Schuld an dieser Entwicklung dem Judentum Zuschreibt, trotzdem bei objektiver Würdigung der Sachverhalte zugegeben werden muß, daß der Kukkurgang in allem Wesentlichen genau so verlaufen wäre, wenn niemals ein Jude den Boden Europas betreten hätte. Im übrigen vermag niemand zu sagen, wie die von vielen heute verlästerte Entwicklung hätte vermieden werden können, da die Möglichkeit einer Wahlentscheidung überhaucht nicht gegeben war, so daß es wenig Zweck hat und daneben wenig historisches Verständnis verrät, über notwendige Entwicklnngsrefultate post testen zu moralisieren. Sowohl Este Bedeutsamkeit und Schärfe der Problemstellung selbst wie vor allem auch die Methodik der Veweisfiihruirg heben die verdienstvollg Schrift Heinemanns weit über den Rang bloßer Tagesliteratur heraus. machen sie vielmehr zu einem geistreich geschriebenen, auf 30 Seiten Znfamwengedrangten Kompendium der Geschichte Europas seit dem Untergang der Antike. Prof. Dr. Erik Nörting. j Jackie Cesgmt bei öer HsrAengeKenkfeier. B u ch e i n e G e d L ch t n i s r e d e. Die „Liegnitzer Volkszeitung", Nr. 278 enthalt einen LeachLens-- werten „Offenen Brief" unseres Mitgliedes Max Krieg an den Liegn-itzer Superintendenten Kleinod, dem wir folgende Stellen entnehmen: „Da Sie in einer fast IMllköpfigen Versammlung gesprochen haoerr, -gestatte ich mir. diese Zeilen an Sie zu richten. Regeln!ähiM Gewohnheit ließ mich, wie in früheren Jahren, so auch in diesem, am Totemonntag an der für die Kriegsgesallenerü abgehalienen Gedächtnisfeier im Zentral thea-ter Leilnehmen, sind jar auch 12 000 Juden an der Seite ihrer Kameraden gefallen und liegertz in Massengräbern ohne Ansehen ihres Bekenntnisses . , . Jan Laufe Ihrer Anfprack)e fiel nun eine Bemerkung, die mich im besonderen und wohl, wie ich an nehmen darf, jeden rechtlich empfindenden Menscken tief gekränkt hat. — Sie sprachen davon, daß die Welt jetzt nur Interesse habe „füV einen JndetrbcrrgcL «nrK Amerika", womit Sie wohl den jungen Filmschausproler „Jackie Coogan" gerneint haben dürsten. . . . Meine Religion hat mich gelehrt — und* auch die Ihrige ist voll von diesem Gedanken —. daß im Munde des Priesters die Lehre der Wahrheit ruhen sollte und auf seinen Lippen kein Anrecht sich fände, daß reine Lehre von ihm gefordert werde, denn der Bote Gottes ist er. (Malen chi. Kap. 2, Vers 6—7.) So dürfte wohl die Kanzel nicht dazu bestimmt sein, daß Haß und Unwahrheit mit tönender Stimme in die Welt hinausgerufen wird. Denn Jackie Coeg-an — dieses zur Richtigstellung — ist nicht einmal ein „JudenLengek", seine Vorfahren waren wohl Juden, die in Bessarabien lebten, aber schon seine Großeltern traten in Irland zum Katholizismus über." Herr Superintendent Kleinod hat zwar curs diesen „Offenen Brief" geantwortet („Liegmtzer Volkszeitung" Nr. 282). Die Antwort beweist aber, wie wenig ein Diener der Kirck^ die Ernpfindungen versteift, die in einem jüdischen Deutschen der bösen Entgleisung des Geistlichen wegen aufsteigen mußten. Wer bei einer Gedächtnisfeier f ü r d i e Gefallenen jedweder Glaubensri chtn ng derart kränkende Worte gebraucht und das Verletzende in ihnen noch zu verteidigen sucht, mit dem wird man von vornherein auf eine Auseinandersetzung verzichten müssen, da sie nur ein „Anenlander-, vorbeireden"' ergibt. tim ZluMöLsiltMg öes R. % §. Zu den Sportarten, durch deren Ausübung die jüdische Jugend ertüchtigt werden soll, gehört nun auch unter dem Protektorat des R. I. F. der F l u g s p o r t. Zum erstenmal hat sich bekanntlich in diesem Jahre eine jüdische Segelfluggruppe an den Wettbewerben auf der Rhön beteiligt. Die Herren SLudienrat R a b a u, Dr. Sultan und Leder m a n n vertraten dort den R. I. F.: ihr Debüt war in jeder Beziehung erfolg« reich. Dieser verheißungsvolle Anfang darf nicht im Sande verlaufen. Er soll, wie „Der Schild" schreibt, fortgeführt werden.^ Die jüdische Jugend soll bei diesem Sport, der mehr als jeder andere Mut, Geistesgegenwart. Besonnenheit und Selbstbeherrschung erheischt, nicht tatenlos beiseite stehen. Die. Konstituierung der Flugabteilung ist bereits erfolgt Es wirdein .AnsbildungZkürsM durchgeführt werden. Alter der- Teilnehmer soll zwischen 18 bis 22 Jahren fein. Jeder Aspirant wird einer sportärztlichen Unter-, suchung durch den Sportarzt Herrn Dr. Willner sowie einer Psychetechnischen Prüfung unterzogeill Auf diese Weise sollen zehn junge Leute gefunden werden, die' den Herren Sultan, Ledermamr und Rabau zur Ausbildung zugeteilt werden. Ein geeignetes Fluggeläude ist in der Nähe von Berlin vor-r gesehen. Dort wird ein Schuppen errichtet werden, der Flug- Maschinen urrd Werkzeuge mrsnehmerr und eventuell vorübergehend Unterkunft bieten soll. An FlügKugen wird beschafft ein oder besser Zwei Schulflugzeuge vom Typ „Hols der T^usel" für An-» sänger, sowie eine hochwertige Segelflugmafchiue Typ „Esperrlaub 5" mit Verbesserungen LedermannZ sür Fortgeschrittene. Dev Kursus soll noch in diesem Winter eröffnet werden, damit die Teil-t nehmer sich an den Wettbewerben beteiligen können, die für den Mai 1925 in Rofitteu ausgeschrieben sind. — Wir wünfcherr den kühnen jüdischen Fluglehrern und ihren Schillern herzlichen Erfolg.

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