Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 50 (12.12.1924)
- Date
- 1924-12-12
- Page
- Seite 790 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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700 bernünstige Menschen kern Anlaß sein, die Posaune des Ruhmes und das Horn des Siebes ertönen zu lassen. In dieser maßvollen Auffassung der Dinge kann es uns auch nicht wankend machen, daß die Deutschsoziale Partei gänzlich verschwunden ist, und damit ein den Völkischen an Rüpelhaftigkeit und Unanständigkeit der Gesinnung gleicher Genosse von der Tafel des politischen Lebens wcggewischt wird. Die zweite große antisemitische Partei, die Deutschnationalen, geht mit gestärkter Mandatszisscr aus dem Wahlkampf hervor. Aber bei der Betrachtung des nicht zu bestreitenden Erfolges der Deutschnationalen muß doch auf einiges hingewiesen werden: einmal haben die Deutschnationalen neben dem ihnen zuzurcchnenden Landbund und unter Einschluß der Völkischen, also dem, was man die gesamte antisemitische Front im Reichstag nennen kann, einen weit geringeren Anteil an der Gesamtabgeordneten^isser gegenüber dem bisherigen Reichstag. Deutschnatronale, Völkische, Landbund und Deutschsoziale verfügten bisher über 142 Mandate. Sic haben jetzt im günstigsten Falle 102 deutschnationale, 14 (?) völkische und 8 landbündlerische. z u s a m m e n a l s o 12 4 S i tz e. Besaßen sie also bisher 142 von 472 Mandaten, also fast ein Drittel, so fallen ans sie jetzt 124 von 489, also wenig mehr als ein Viertel. Und auch die sämtlichen für sie abgegebenen Stirnmen stellen mit etwa 7% Millionen von dreißig etwa ein Viertel der gesamten abgegebenen Stimmen dar. So wohlinder Mandatszisfer als auch in der Zahl der Wähler ist demnach der Anteil der antisemitischen Parteien von einem Drittel auf ein Viertel herabgedrückt worden. Das ist sicher noch ein erschreckend hoher Bruchteil. Aber es muß zweitens doch dabei folgendes berücksichtigt werden: Im Wahlkamps, zumal in den letzten Tagen, hat die Deutschnatronale Partei den übelsten Antisemitismus zur Schau getragen. Während der ersten Wochen des Wahlkaurpfes war, wenigstens soweit ich das in den verschiedensten Gegenden des Reiches, in denen ich rednerisch tätig war, seststellcn konnte, die Judenfrage stark in den Hintergrund des Wahlkanrpfs getreteir. Unmittelbar vor den Wahlen trat bei den Deutschnaiivrmlen eine Aenderung ein. Der voir den Völkischen auf sie geübte Druck wurde so stark, daß die staatsmännischer eingestellten Elemente, die alten Konservativen überhaupt, nicht mehr zu Worte kamen. Dieser Druck der Völkischen auf die Deutschrrationaleu läßt jetzt nach. Der Zusammenbruch der Völkischen ist mit dem Ergebnis der Reichstagswahlen nicht beendet. Der Zersetzungsprozeß wird weiter gehen, und es kann in absehbarer Zeit mit einem vollständigen Aufhören der völkischen Bewegung als Parteiorganisation gerechnet werden. Bei den Deutschnationalen saßen aber von jeher neben Rassensanatikern Männer wie Helfferich. deren Grundeinstellung keineswegs antisemitisch gewesen ist. Darf man sich der Hoffnung hingeben, daß die ruhigeren, und gemäßigteren Elemente unter den Deutschnationalen, wenn die Wahlslut abgeebbt ist. sich wieder hervorwagen, und daß sie den Versuch machen werden, die Leitung der Partei wieder zu erhalten? Diese Frage wird sicher nicht zum mindesten von de« Regierungsbildung abhängen. Eine in der Regierung sich befindeu-do deutschnationale Partei wird Konzessionen aller Art machen, wird zahlreiche Paradestücke ihrer Opposition beiseite lassen müssen. In der Opposition werden die Deutschnationalen an Radikalismus sich von niemandem überbiekeu lassen wollen. Unser Standpunkt zur Regierungsbildüng ist ein sehr einfacher. Es hat seit der Revolution keine Regierung gegeben, in welcher die antisemitischen Parteien gewesen sind. Wir werden jede Regierungsbildung bekämpfen, die antisemitischen Parteien zur Macht verhiljt, aus den selbstverständlichen Gründen der Selbstachtung, aus den Erfahrungen einer langen politischen Vergangenheit, und aus den innen- und außenpolitischen Staatsnotwendigkeiten des Deutschen Reiches. Unsere Ausgabe, eine aktive Desensivpolitikzn treiben, ist im verflossenen Wahlkampf unter Aufbietung aller Kräfte in hervorragendein Maße erfüllt worden. Der Erfolg hat unseren Bemühungen recht gegeben. Der Kampf ist aber in keiner Weife beendet. Es ist eine Schande, daß auch heute noch ein Viertel des deutschen Volkes sich bei der Abgabe seines Stimmzettels mehr oder minder von antisemitischen Instinkten regieren und beeinflussen läßt, und es wird eme unendliche Mühe und Arbeit unsererseits erforderlich sein, um aus deni öffentlichen Leben Deutschlands den Antisemrtismus gänzlich auszurotten. Wir müssen in der Arbeit fortfahren. dre wir seit vielen Jahren jetzt leisten, immerfort die Oessentlichkeit anrufen, uns in Debatten mit Freunden und Gegnern messen. Versammlungen vor Juden und Christen abhalten, in denen die Tagesprobleme zur Diskussion gestellt werden. Wer Gelegenheit gehabt hat, in den verschiedenen Landesteilen unsere Freunde an der Arbeit zu sehen, ist mit stolzer Genugtuung darüber erfüllt, wie sehr es den jüdischen Organisationen, den Studentenverbindungen im Studentenleben. dem Frontbund unter den Frontkämpfern und allen voran dem Centralverein im bürgerlichen Leben, gelungen ist, einen neuen Typus des jüdisch-deutschen Menschen heranzuzüchten, der, ohne seine Tradition über Bord zu werfen, doch die Spuren einer qualvoll-traurigen Vergangenheit mit ihrem unheilvollen Einfluß auf die Charakterbildung immer mehr und mehr abgestreist hat, der ein Geschlecht von aufrecht gesinnten und kampfsreudig eingestellten Männern geschaffen hat, denen gegenüber wirklich nicht mehr das Wort vom „feigen Juden" zutrifft, sondern deren Eifer und Kampfesmut eher und oft genug zurückgehalten werden muß. Ein Geschlecht, das nicht von einem nur in dem Hirn der Gegner lebenden Machthunger erfüllt ist, das aber auch nicht daran denkt, von den mühsam errungenen Rechten ein Titelchen preiszugeben, und das entschloffen ist. den Kampf um seine staatsbürgerliche Stellung und seine Menschenwürde bis zum wirklichen Ende .durchzuführen. Im Interesse des Judentums, im Interesse des deutschen Landes und im höchsten Interesse der Menschlichkeit und Humanität. Sie Kahlen m preußischen Landesverband Pffi am 1 St&rtwr 1925 stait. Groß-Berliner Männer und Krauen! Laßt Euch sofort in die Wählerlisten eintragen, damit Ihr Euer Wahlrecht ansüben könnt. Anmeldejormniare sind bei den Synagogen-Kaststtanen und im Gemeindebureau erhältlich. C.V.-Mitglieder in Preußen! , Stellt fest, ob die Namen Eurer wahlberechtigten Familienangehörigen in den Wahllisten stehen.