Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 49 (4.12.1924)
- Date
- 1924-12-04
- Page
- Seite 776 (sequence 12)
- Language
- German
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Erinnerungen eines Zelögeiftlichen. Von Rabbi ne r Dr. S-alo monskiii. Wm 18. November war-en päß Jachere her, daß wir von dev 2. Armee den westlichen KoiegZ^chauplatz verließen und im Fußmarsch durch ganz Belgien ins Rheinland Zogen. Der He Mt 1918 war sehr schön, aber m den bergigen ArbenmenauMulsern und auf den Höhen der Eifel herrschte schon bitteMche Kalle, und -als tmx nach zwei schweren Wochen Köln erreichten, -da hallen uns. die Anstrengungen -des WarvdernA und noch mehw der Niederbruch der Gemüter arg mitgenommen und erschöpft. Meine Erm-uevuiMn aus der Krieg szert gehen darum Lieber! auf jenen begeisternden Anfang des- Feldzuges zurück, in -dem eine allgemeine Verbrüderung tfrcS deutschen Volkes edelste Triumphe feierte. In der« Stadt Frank- Art a. d. O., die als sehr große Garnison vor den Töven BerWns rm Augisit 1914 ein Riesenheerlager» geworden war, fanden sich gewaltige Scharen Kriegsfreiwilliger zusanmren. Ich gedenke dev schönen Worte des Generals v. Rohden, der ans dem K-afevlrenhv.se des rühmlich bekannten Leibgrenadier regünewtis! seinem Dank und seiner Anerkennung Ausdruck verlieh, daß die jüdischen Kvieasfrsiwi-lligen in so reßer Zah?l zus-amanengestvömlt seien, um ihr Blut für Deutschkiand inzugelben. Bei ei ner einzigen Eides Vermahnung in diesem Regiment waren es 120 unserer Glaubensgenossen, an die ich den Appell der Religion. richtete. Die gemeinschaPliichen Andachten für die ins Feld ziehenden Truppen boiten Zweifellos ein erhebendes Bild religiöser Verhöhnung. Zarte Rücksichtnahme auf Brauch und Sitte des einzelnen Bekenntnisses war in den meisten Fällen die Umrahmung dieser Feiern. Im Felde habe ich dann ähnliches 'bei traurigen Anlässen wiederaefunden, wenn nach den Großkampftagen der furchtbaren Sommeschlacht die Gefallenen scharenweise in die Erde gebettet wurden und wir Geistlichen uns bemühten, der düsteren Stimmung Herr zu werden und, nicht schweigend vom Schmerz der noch ahnungslosen Familien, versuchten, die totgeweihten Kameraden zu ermutigen. Um so rühmender 'fei erwähnt, daß ein Mann in dieser schrecklichen Lage, von der die Heimat nichts erlfahren hat, den Kops hoch hielt und den Durchbruch der weit überlegenen feindlichen Massen vereitelte. Das war der General der Artillerie v. G all Witz, einer der Offiziere des kaiserlichen Heeres, ein vornehmer, gerechter-, untadeliger Mann, dessen Wohlwollen) sich auf alle Weder der Armee erstreckte und von d'essen treuer Fürsorge auch für die ihm unterstellten jüdischen Soldaten ich nur das allerbeste sagen kann. Wie hat er sich damals, im September des Jahres 1916 -liebreich bemüht, daß unsere jüidi'fchen- Krieger ihiren religiösen Verpflichtungen aus Anlaß 'der heiligen Herbstfeste Nachkommen konnten. So hat er dafür gesorg-t, baty 1650 jüdische Soldaten sich in St. Quentin allein am Neujahrs- und VersöhnuniMa.gs zur Andacht und startenden Verpflegung vereinigten. Er hat' ausdrücklich bekundet, wie wohl es> ihm getan habe, daß die ermatteten! und schwer geplagten Krieger, die wochenlang jeden Augenblick tra Tod vor Augen sahen, seelisch und körperlich sich kürz erholen und riasten dursten. Sein ireues Bedachtst in hat auch bchonders den Schwerverletzten in den Feld- und Kriegslazar-etten gegolten, undda er aus eigener Anschauung weist, daß jeder Mann im Heere ohne Unterschied des' Be-' kenntn.isseA seine volle Pflicht getan hat, bin ich überzeugt, daß er auch jetzt uuMmirrdert uns Juden die gleicht Gerechtigkeit gibt. Mich stört es! durchaus nicht, wenn, ich irgend wen, 'den ich im Kriege schätzen lernte, jetzt in.den Jahren der politischen Kämpfe in einer Partei, wiedersrnde, die meinen Anschauungen nicht entspricht. Ich -möchte gerade bei dieser Gelegenheit sagen, daß nach meiner felsenfesten Anschauung in fast allen Parteien neben den Wühlern und Hetzern ehrliche biedere Mänuev kämpfen, die auf getrennten Wegen das Wohl des Ganzen suchen und, wie es sich bald zeigen wird, damit der Verständigung unter dem Volke und «den Einigkeit dienen. In einem unlängst erschienenen Buche, das die Lage der Ostjuden während des Krieges in der Hauptsache behandelt und hiermit die Erfahrungen eines gebildeten deutschen Juden in der Etappe des Ostens verbindet, finden sich auch kurze Streiflichter über die Tätigkeit der Feldgeistlichen im Westen. Der auch ohne Nennung bekannte Verfasser, dem gern zugegeben sein soll, daß er geistreich zu plaudern versteht und mehr, hat hierbei die Arbeit der Feldrabbiner zu humoristisch gesehen. Gerade die Rabbiner haben dort eine harte und aufreibende Tätigkeit leisten müssen, und die seelischen Strapazen vergrößerten sich von Tag zu Tag. Wie betrübend war es doch, wenn wir wirkliche Freunde, die, aus goldener Friedenszeit oder durch den Zufall des Krieges uns gesellt, an unserer Seite standen, ins Grab senken mußten. Wie oft habe ich diesen letzten Liebesdienst früheren Schillern erweisen müssen. Einmal kam ich u einer jüdischen Beerdigung, und da der Tote einen vielfach vorommenden Namen trug, erfuhr ich nur durch Zufall, daß es ein mir sehr nahestehender Jüngling war, der bis zum Ausbruch des Krieges als Zögling in meinem Hause gelebt hatte. Er war der einzige Sohn seiner Eltern. Wie meine anderen Kollegen, so hübe auch ich es für eine wichtige Pflicht gehalten, in allen angängigen Fällen die Ueberführung der Gefallenen in die Heimat Zll bewirken. Das war naturgemäß mit sehr großen Schwierigkeiten verbunden, und heute sieht man erst, wie gut man getan hat, den Toten einen Platz in der heimischen Gruft zu sichern. Das bringt mich auf die Trauerseier für den jüdischen Fliegerleutnant Pappenheimer, dessen auch Teilhaber mit vollem Recht in seinem Buche „Jüdische Flieger im Weltkriege" gedenkt. Wie ein Fürst wurde dieser heldenhafte Jüngling im Tode von seinen I engeren Kameraden ausgezeichnet, bevor der Zug ihn zur deutschen Erde geleitete. Die Kirche, die zu seiner Aufbahrung hergerichtet war, glich trotz des strengen Januar einem Blumengarten, und die hohe Generalität sowie unzählige Flieger gaben ihm die letzte Ehre, welche geradezu pomphafte Formen annahm. Welche Bewunderung muß er sich also verdient haben! Der Feldrabbiner hat nach meiner festen Ueberzeugung sein Amt, Vertrauensmann der Truppe zu sein, nicht nur bei solchen Obliegenheiten ausgefüllt. Wir haben mit den Soldaten zusammen in den Gräben gebetet, gewacht, geschlafen. In diesen zur Aufnahme der Lebenden geöffneten Gräbern, die Hellmuth Falkenseld ganz sachlich und doch Poetisch „feuchte Erdhöhlen" nennt. Ich habe noch aus dem Herzen, einige Erinnerungen zu mir selbst sprechen zu lassen, von denen ich meine, daß sie auch anderen Liebes und Vertrautes bedeuten werden. Ich möchte aus der Schar der Kriegsfreiwilligen mit dem Gefühl des Schmerzes die Kinder hervorheben, welche ich bei der Truppe traf. Ich habe dort einen jüdischen Schüler kennen gelernt, der das 16. Lebensjahr noch glicht erreicht hatte, und mitsamt einer ganzen Unterprima der (L-tadt Posen herausgegangen war. Ich gedenke, eines jungen Lehrers, der am Versöhnungstag des Jahres 1917 durch seinen ergreifenden Gebetvortrag 1000 jüdische Soldaten erbaute und kurz darauf siel. Ich tue auch Erwähnung — der jähe Uebergang entspricht der Wirklichkeit des Kriegserlebens — der humorvollen, witzbegabten Kameraden, die erfolgreicher, als ernste Einrede es vermochte, Hunderte ihre Leiden vergessen ließen. Es ist eine Wahrheit, daß die Zusammenkünfte nach den Frontandachten eine Quelle des Segens für alle Beteiligten geworden und geblieben sind. Wie oft kam es vor, daß Nichtjuden aus innerem Antriebe an unseren Gottesdiensten teilnahmen. Schließlich hatte sich, wenigstens im Bezirk, der mir unterstellt war, ein fester Brauch, oder soll ich Minhag sagen, herausgebitdet, daß Sabbatianer und sonstige Anhänger christlicher Sekten an unseren Andachten teilnahmen, auf sie hingewiesen wurden und sich wohl in unserer Mitte fühlten. Mit welchem Kummer haben wir im November, wenige Tage vor dem Waffenstillstand, die Opfer der Grippe-Epidemie begraben, die dem zermürbten Heere sich anheftete. Es war uns, als seien wir treulos geworden, da wir die von dieser Seuche Hingerasften der fremden Erde übergeben und diejenigen verlassen mußten, welche mehr als vier Jahre ausgehalten, gekämpft und geduldet hatten. Beim Rückzug, von dem ich eingangs schon gesprochen habe, hat mancher Belgier sich räuberisch auch an heiligem Gut vergriffen. BERLIN / Bellevuestrasse IO direkt am Kemperplatz . GEÖFFNET vom 3. bis IO. Dezember 1924 AUSSTELLUNG » P OR2ELLAN KULTUR IM HUM « 1lMIIIkrillI1!IlIIlI>!IlII!!IlII!I!MIIII!I!IlIIII1IIl!iri»IIII!!II!II!Il>IIIIllIlIII!!lIllIirilI!I!IkIIW c c EINTRITT FREI Die Ausstellung bezweckt, den hervorragenden Schmuck- und Nützlichkeitswert guten Porzellans an praktischen Beispielen sinnfällig vorzuführen EINTRITT FREI