Wissen und Waffen
- Journal
- Wissen und Waffen
- Volume
- [2. Folge] (1924)
- Issue
- 4 = Der jüdische Handwerker (28.11.1924)
- Date
- 1924-11-28
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9054153-9548827-9548836--49-2280932- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
15 Man pflegt im allgemeinen anzunehmen, dass die ganz überwiegende Anzahl unserer Glaubensgenossen in Russland Händler sind. Das ist ein vollkommen falscher Standpunkt, und nach den besten Statistiken scheint es festzustehen, dass 33 Prozent unserer Glaubensgenossen in Russland allein Handwerker sind. Wer Russland kennt, wer das russische Land bereist und die Städte durchwandert hat, in denen manchmal 70, 80, 90, 95 Prozent Juden sind, der sieht und der muss sich sagen, es ist eine Ühmögiichkeit, dass eine solche Stadt allein aus Händlern bestehen kann. Unsere Glaubensgenossen sind Steinmetze, sie machen die schwersten Arbeiten als Sackträger, sie sind Tapezierer, Schuhmacher, Schneider, Böttcher; kurz und gut, es gibt keine Hantierung in einer russischen Stadt, die nicht auch die Juden machten, sowohl schwere wie leichte. (Dr. Paul Nathan in einem Vorfrage, gehalten am 5. Dezember 1906 im Centralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens.) Die Rüdest* im Handwerk und in der Landwirtschaft. Von Dr. E. El rasch off. Man Hat sich gewöhnt, den Juden nur im Handel und in den freien Berufen tätig Zu sehen. Und als die Einsicht aufkam, daß der Handel keine neuen Werte schafft und daß die einseitige Betätigung eines Volkes nur mit Handelsdingen schädlich für ein Volk selbst und don ungünstiger Einwirkung auf die Umgebung dieses Volkes werden kann, wurde den Juden das angerechnet, was dem Handel und seiner übermäßigen Ausbreitung überhaupt vorgeworfe" werden sollte. Man bemerkte nicht, daß im Judentum eine große soziale Umschichtung vor sich gegangen ist und daß die Juden im Handwerk und in der Landwirtschaft, wie auch im industriellen Betrieb stark vertreten sind. Natürlich mußte man, um einen richtigen Einblick in diese Sachlage Zu gewinnen, hauptsächlich O st - europa berücksichtigen, wo die Juden stark vertreten sind und eine bestimmtere ökonomische Gliederung aufweisen. Schon die Statistik vom Jahre 1907 zeigte klar, daß in R u ß - l a n d 38 Prozent Juden im Handwerk vertreten waren. In Galizien war der Prozentsatz noch höher und zeigte 40 Prozent gegen 35 Prozent, die im Handel tätig waren. Sogar in D e u t s ch l a n d , wo die Juden stark in der Industrie vertreten sind, erwiesen sich 23 Prozent Handwerker. Noch höher ist die Zahl der Handwerke r und Fabrikarbeiter in Amerika, das jetzt eine Bevölkerung von 3 700 000 Juden zählt. In New-Iork allein sind 70 Prozent Juden im Handwerk und angrenzenden produktiven Beschäftigungen tätig. 300 000 jüdische Arbeiter sind in speziellen „Unions" organisiert. In Oesterreich war die Zahl der Handwerker niedriger, aber auch sie bildete im Jahre 1907 30 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung. Seitdem aber ist der Drang zum Handwerk in allen berücksichtigten Ländern mächtig gestiegen. Die Gesellschaft „O. R. T.", deren Aufgabe es ist, das Handwerk und die Landwirtschaft in Osteuropa zu fördern, mußte einen großen Apparat in elf Ländern entwickeln, um die jüdischen Handwerker und Landwirte auf dem Wege des Kredites mit den notwendigen Werkzeugen und Maschinen, mit totem und lebendem Inventar und Sämereien zu versorgen. 7 5 Lehranstalten mit 120 Werkstätten mußten von „O. N. T." gegründet werden, um 6000 Kinder im Lehrlingsalter den verschiedenen Berufen Zuzuführen. Musterwerkstätten, Lehrfabriken, Musterfelder sind von „O. R. eingerichtet worden, um den nach dem Kriege zum Handwerk und zur Landwirtschaft strebenden Juden den Weg zu erleichtern und günstige Erfolge zu sichern. Wie fest der Jude mit dem Handwerk vor dem Kriege verbunden war, z-eigten die 300 genossenschaftlichen Kreditanstalten, die die arbeitende jüdische Bevölkerung selbst unterhielt. Diese Kreditanstalten sind während der Kriegszeit zugrunde gegangen, und die nächste Aufgabe der „O. N. $L" - Gesellschaft ist jetzt,, einen Ersatz dafür in Form einer Kreditinsiitutiorr zu gründen, die den Namen des Ausbaufonds tragen soll, zu welchem Zwecke auch der „O. R. T." jetzt eine große Mion in Amerika, Deutschland -und Frankreich in Mgriff genommen hat. Das Handwerk ist keine zufällige Erscheinung in; Judentum und immer größere Schichten des Volkes werden in dasselbe hi nein gezogen. Aber ebenso bedeutsam ist die mächtige Bewegung der Ostjuden, sich der Landwirtschaft .zuzuwenden-. Noch vor dem Kriege -gab es 22 Koloniensiedlungen in Südrußland, welche von bodenständigen Juden bearbeitet -wurden. Große Landstrecken werden jetzt den Juden für Landbebauung in Südrußland und speziell inder Krim zugewiesen, ein großer Teil der Inden ist in Polen zur Landwirtschaft übergegangen.. Und dasselbe sehen wir in allen Randländerit, wo die Juden hauptsächlich Gartenwirtschaft treiben.' Genaue statistische Daten fehlen noch. Aber die Gesellschaft „O. R. T." allein steht in Verbindung mit 300 000 jüdischen Bauern, denen sie mH Rat und Tat, mit langfristigem Kredit, mit Beibringung besserer Methoden der Bodenbearbeitung, mit juristischer Hilfe entgegen^- kommt. Es gibt aber noch jüdische Landwirte an der Wolga, irH Osten Rußlands; es sind 30 000 jüdische Bauern' jetzt in K-arpatho» Rußland entdeckt worden. Der jüdische Bauer ist eine Tatsache, mit der von nun an gerechnet werden muß. Und diese Tendenz zur Landwirtschaft ist noch erst im Anfang der -Entwicklung. Die produktive Arbeit ist jetzt der mächtigste Anziehungspunkt für den Juden, der die Gefahren dev Einseitigkeit seiner Beschäftigungen zur Genüge erkannt hak. Ein Urteil über die jüdischen handwerkervereine. Der Syndikus der Handwerkskammer Breslau richtete an den Vorsitzenden des Zenkralverbandes jüdischer Handwerker auf dessen Bitte, für die vorliegende Beilage einen Beitrag zu senden, das nachstehende Schreiben, das wir an Stelle des Artikels hiermit veröffentlichen: B r e s k n u II, den 12. November 1924. - < . Blumenstraße 8. Han dwe r kska m mer zu Breslau. Tagebuch-Nr. 1. 3824. Sehr geehrter Herr Marcus! Auf Ihre Anfrage vom 10 d. M. ertaube ich mir mitzuteileiH daß ich zurzeit durch Arbeiten derartig überhäuft 'bin, daß es mir zu meinem Bedauern nicht möglich ist, Ihrem Wunsche in der von Ihnen geforderten Form eines Artikels nachtzuEommen. Jedoch möchte ich hiermit unbedingt feststellen, dich mir einerseits auf Ihrem Ver* bandstag so angenehm ausgefallen ist, mit welcher Sorgfalt Sie für das Wohl Ihrer Lehrlinge und deren Ausbildung in technischer und kaufmännischer Beziehung eintreten. Die Ihrem Verbände angehörenden Handwerker sind mir stets als besonders tüäjj* tig ausgefallen und sind auch ihrerseits stets bedacht, für ihre! weitere Ausbildung zu sorgen. Die Handwerkskammer hat alle ihre Mitglieder, gleichgültig welchem Bekenntnisse sie angehören, mit gleicher -Sorge zu umhegen und für ihre Interessen einzutreten. Wenn natürlich unsere Hauptaufgabe ist, die gesetzlichen Organisationen des Handwerks zu fördern, so sind jedoch Handwerksvereine auf konfessioneller Grundlage ebenfalls zu unterstützen, welche Hand in Hand mit den Kammern und Innungen ihr besonderes Augenmerk daraus richten, die gewerbliche, technische und sittliche Fortbildung ihrer Mitglieder sowie deren Gesellen und Lehrlinge zu fördern, und sie und ihre Angehörigen im Falle der Bedürftigkeit, der Krankheit und des Todes zu unterstützen. Dazu gehören meiner Erfahrung nach Ihr Zentralverbantz und die an geschlossenen Ortsverbände. Mit verbindlichem Gruße bin ich Ihr sehr ergebener gez.: Dr. PaeschkH, Syndikus, An den Vorsitzenden des Zentralverbandes jüdischer Handwerker Deutschlands (Sitz Berlin) Herrn Marcus Berlin SO, Ritterstraße 11. Dev Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat uns, um der breiten Öffentlichkeit den Beweis zu erbringen, datz produktive Kräfte unter den deutschen Juden und im Judentum überhaupt eifrig tätig find, die vorliegende Beilage gestiftet. Es ist uns eine freudige Ehrenpflicht, dem Centralvereiu hierfür auch an dieser Stelle unseren besten Daukanszusprechen. Der Borstand des Zentralverbandes jüdischer Handwerker Deutschlands.