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Wissen und Waffen · 1924-11-28 · 4 = Der jüdische Handwerker (28.11.1924) · p. Seite 16

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Journal
Wissen und Waffen
Volume
[2. Folge] (1924)
Issue
4 = Der jüdische Handwerker (28.11.1924)
Date
1924-11-28
Page
Seite 16 (sequence 4)
Language
German
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■16 Die HerufsglisöerrmK der deutschen Dden. Es ist eine Wirkirug des Krieges und seiner Folgeerscheinungen, daß die Berufszählung von 19 07 noch imrner die letzte ist und bisher keine Nachfolgerin gesunden hat. Ist auch absolut das darin enthaltene Zahlenmaterial heute nach 17 Jahren nicht mehr Zutreffend, so bietet es doch immer noch einen Mastst ab zum Vergleich z. B. zwischen der Gesa mtbe Volk er ung und dem auf die Juden entfallenden Anteil. Hinsichtlich der Berufsgliederung ergab sich folgendes Resultat: Berufsabteil nn g Gesamtbevö!-- Juden Von je WO Personen eiUsielrn am dieneöenftedsnde BerMsabNNrm6 bei kerung der Gesamtbenölkenrna dm Juden A. Landwirtschaft 17 681 176 5 772 28,7 1,0 B. Industrie u. Gewerbe 28 386 537 128 053 42,7 22,6 C. Handel und Verkehr 8 278 239 313 176 13,4 55,2 O. Häuslicher Dienst u. Lohnarbeit wechselnder Art 792 748 1 892 1,3 0,3 E. OeffentlicherDimstu. freie Berufe 3107126 37 458 5,5 6,6 F. Berufslose Selbständige 5174 703 80616 8,4 14,2 Zusammen 61 720 529 566 999 100,0 100,0 In Worten ausgedrückt: Während von der Gcsamtbevölkernug über 70 Prozent in>n der Landwirtschaft und von Industrie und bewerbe leben, finden von den Juden etwas über die Hälfte in Handel und Berkehr ihre Existenz. Also — so -fol-gern die Antisemiten — haben wir doch recht, wenn wir die Juden ein Schachervolk nennen. Nur scheinbar! Während des ganzen Mittelalters bis zum Anfang des vorigen Jahrhunderts war den Juden der Zutritt zum Handwerk strikte verschlossen, der Erwerb von Grund und Boden mib damit der Betrieb der Landwirtschaft verboten. Wohl oder übel mußten sie sich eine andere Erwerbsmöglichleit schaffen, und diese' fanden sie im Handel. Diese Tatsachen sind anch der Grund dafür, daß etwa zwei Drittel aller deutschen Juden in Groß st ä d t e n w o h n e n. Jeder vernünftige Mensch wird darin eine ganz natürliche, wirtschaftliche Erscheinung erblicken, und wenn trotzdem heute schon das Handwerk unter ben Juden so festen Fuß gefaßt hat, wie es tatsächlich der Fall ist. so liegt das daran, daß die Liebe zur Arbeit und körperlicher Betätigung, wie das an anderer Stelle noch näher ausgeführt wird, im Judentum von alters her fest verankert war. Es ist deshalb anch nicht verwunderlich, daß von 1895 bis 1907 die Zahl der erwerbstätigen weiblichen Inden um rund 1 5 00 0 angenommen hat. Die Angestellten in der Industrie finb von 537 auf 2702 gestiegen und die Arbeiterinnen haben sich um 2420, d. h. um 48 Prozent vermehrt. Auch die Berufsarbeit, häuslicher Dienst und Lohnarbeit wechselnder Art, ferner der öffentliche Dienst und die freien Ber'uje haben ein starkes Anschroellen zn verzeichnen. Von den erwerbstätigen jüdischer; Frauen war etwa ein Drittel selbständig, 13 Prozent waren angestellt, mib der Best, das heisst die größere Hälfte, Arbeiterinnen. Tie bei der Zählung von 1907 festgestellte, verhältnismäßig hohe Zahl von Frauen, welche von eigenem Vermögen, dienten und Pensionen lebten, wtb unter denen sich verr}tiXtui§iuä45tö viele Jüdinnen fanden, dürste durch den Krieg, vor allem aber durch die Inflation, auf ein Mindestmaß znsanunengeschrumpft sein und die Zahl der Erwerbstätigen weiter erheblich gestiegen fein. Es Ist schade, daß man hier nicht mit konkretem Zahlenmaterial den Gegnern dienen kann. Eine neue Berufszählung muß deshalb eine der ersten Aufgaben sein, die das Reich zu löse:! hat. Sie würde den Gegner n d e § I n d e n - r u m s nt a n ch e Waffe a u s der H a n d s ch l a g c n. Durch Herufsberatung zu Handwerk und Landwirtschaft. Von S. R u d e L, Geschäftsführer des Arbertersürsorgeamies der jüdischen Organisationen Deutschlands. Die Erkenntnis vom Wert der handwerklichen und landwirtschaftlichen Arbeit, die Erkenntnis der unbedingten Notwendigkeit einer Bsvns'sirmschichtuu-g, einev^Mwetwung Von .den bisher -allem ausgeübten Berufen wird mehr und mehr Allgemeingut weiter jüdischer, vor alle nt jugendlicher Kreise. Anch in Deutschland geht diese Entwicklung, die, von jedem Gesichtspnwkt gesehen, mehr als begrüßenswert ist, ihren Weg. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, daß es bei den gegenwärtigen ökorwmischen und politischen Berhältnisfen fast anZa-efchlofsen ist, daß Inden in größerem Umfang in Deutschland Landarbeiter (die Landarbeiter m Deutschland sind Zweifelsohne das zurzeit am schlechtesten. bezahlte proletarische Element) oder anch Bauern werdet!. Wir -dürfen trotzdem feststellen, daß in diesem Augenblick z. B. etwa 1000 junge jüdische Menschen beiderlei Geschlechts in der Landwirtschaft tätig sind und sich zu Landarbeitern oder Bauern heranbilden. Auch die Neigung zur handwerklichen Ausbildung leidet unter schweren Henunungeu. Imrner wieder muß das Unverständnis weiter'Kreise bekämpft röerden, Nie in dem Handwerker, auch in den: geschulten und gelernten Handwerker, einen Aken scheu zweiter Klasse erblicken. Anderseits ist es n»ßerordentlich schwer, genügend Lehrstellen für jüdische Menschen zu finden. Hier lvird zweifelsohne immer noch sehr viel auch von den jüdischen Handwerksmeistern gesündigt, die oft nicht allzu gern bereit sind, jüdische Lehrlinge aufzunehmen. Wie" stark trotzdern der gesunde Drang jüdischer Jugend zmn Handwerk ist, beweisen z. B. folgende Zahlen: In -der Statistik der Ä rbei t s-g nnc iuscha-ft d er j ü disch e n Arb ei t snach - weise zu Berlin, Anguststraße 17, ersehen wir, daß im Jahre 1923 11 7 L e h x l i u g e in tauf m ä n n i s ch e u Betrieben und 6 Z L e h r- 1t n g c in h and wer klichen Betrieben unter gebracht wurden. Die Zahl derjenigen, die den Kansmannsbernf erlernen wollten, war fast doppelt so groß wie die Zahl der Handwerker. In den ersten 9 Monaten dieses Jahres verzeichnet der gleiche Arbeitsnachweis hingegen folgendes Bild: 112 Lehrlinge zur g *e w erbliche n Arbeit gegenüber 104 kauf nt ü n n i s ch e n Lehrlingen. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß eine ganze Anzahl Lehrlinge für gewerbli-che Arbeit sich gemeldet haben, für die bisher passende Stellen nicht gefunden' werden konnten, d. h. das Angebot ist er-!teblich größer als die Nachfrage, als die Möglichkeit, diese Menschen nntcrznbringen. Diese günstige EntwicktunH ist zweifellos beeinflußt worden durch die "Tatsache, daß diesem Arbeitsnachweis eine B e r n fs - beratnug üngegliedert ist. Diese Berufsberatung vermittelt natürlich nicht wahllos alle jungen Menschen zu gewerblichen Bernsen. 'Me aus der Statistik hervorgeht, vermittelt sie einen recht großen Prozentsatz in karrsmälmische Berufe. Aber sie stärkt die Neigung der Jungen und Mädchen zum Handwerk, nnb sie bemüht sich, die Vorurteile der Eltern, die oft entscheidend stark sind, nach Möglichkeit zu beseitigen. Ter Mangel an Lehrstellen hat vorerwähnte Arbeitsgenteinschast der Arbeitsnachweise in Berlin (gebildet aus dem Arbeitsnachweis der Großlogen., Arbeiterf-ürsorg-oatirt, Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde, Jüdischer Frauenbund) veranlaßt, der Frage der Lehrwerkstätten und der Lehrlinge und der Lehrutädcherche-ime n-üherzutreten. Eine Lehrwerkstätte, in der augenblicklich 19 Jungen unter fachmännischer Leitung in einer dreijährigen Lehrzeit zu Schneidern ansgebiloet lverden, erijnort bereits.'' Ebenso ist ein neues L -e h r - lingsheim geschaffen worden. Die Errichtung von weiteren Lehrwerkstätten ist geplant und wird einzig und allein davon abhangen, ob es gelingt, die notwendigen Mittel aufzubringen. Die Entwicklung der deutschen Inden zum Handwerk wird entscheidend davon äbhängen, ob es gelingt, ähnliche Stellen, also vor altem Arbeitsnachweise, Berufsberatungsstellen,, Lehrlmgswerkftätten, Lehrlingsheüne in ganz Deutschland zu errichten. - Die Schaffung eines zentralisierten Netzes von Arbeitsnachweisstellen wird zur dringenden Notwendig, keit. Dabei must die jüdische Oeffentlichkeit mehr und mehr dahin aufgeklärt werden, daß ihr politisches und ökonomisches Interesse es verlangt, daß sich Juden in größerer Zahl dem Handwerk und der Landwirtschaft zuwenden. Der handwerklich arbeitende Jude muß von der jüdischen Gemeinschaft als einer ihrer bedeutsamsten Faktoren anerkannt imb gewürdigt werden. Jüdischer Handwerker weshalb zögerst dir noch, dich deiner Stande so rga n isa t i o n auzuschtießen? Du gehörst in den Aentrslverdanb jüdischer KandwMer DeutWands Hicr findest du den Zufa»,mcrrschiM mit gleichgesinnt«» Starrdesgcnosse», die Bertretnvg deiner Recht« gegeuiiber den Behörden «»d der Oeffentlichkeit, dis Wahrung Seiner knlturellen Interesse» gegenüber -Men Widersachern des Indent ums. Tliru-n, GlmibenSgenoffe im Handwerkerkleide, säume nicht länger und melde dich sofort bei einer der bestehenden Ortsgruppen an -oder gründe mit Gleichgesinnten einen neuen Orts- Verein, wobei dir gern mit Rnt und Tat zur Seite steht die Geschäftsstelle des Zcntralverbandrs indischer Handwerker Te«LMa«vs, Berlin K 2-4, KransniSftratze d.

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