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Wissen und Waffen · 1924-11-28 · 4 = Der jüdische Handwerker (28.11.1924) · p. Seite 14

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Journal
Wissen und Waffen
Volume
[2. Folge] (1924)
Issue
4 = Der jüdische Handwerker (28.11.1924)
Date
1924-11-28
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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14 Die Wertschätzung öer Arbeit in Hibel unö Talmud. Von S i m o n B e r n f e l Die Juden sind das klassische Volk der werktätigen A r beit. In alter Zeit hat kein Volk die Arbeit so hoch geehrt wie die Juden. Bei ihnen galt das Arbeiten nicht als eine traurige Notwendigkeit, der man sich nicht entziehen kann, wenn man nicht verhungern will, sondern als eine Uebung, die den At e n s ch e n c h r t und a d e l t. Sie ist eine sittliche Pflicht, und ihre Erfüllung erhebt den Menschen sittlich. Der Müßiggang hingegen ist ein Laster, das zu geistiger und körperlicher Verkümmerung führt. Aus dieser hohen Bewertung der Arbeit heraus haben die Juden theoretisch und praktisch die Einrichtung der Sklaverei bekämpft und zuletzt ganz beseitigt. Während sich die anderen alten Völker soviel wie möglich der Arbeit zu entziehen suchten und sie Sklaven auferlegten, wodurch die bekannten Mißstände des Sklavenunwesens entstanden sind, haben die Juden selbst gearbeitet, und so die Sklavenarbeit entbehren können. Daraus solche einmal, daß sich bei den Juden niemals solch ungeheuerliche Zustände ausbilden konnten, wie wir. sie bei anderen allen Völkern kennen. Anderseits aber war auch bei ihnen eine grausame Behandlung der Sklaven nicht denkbar, weil ja der Herr zusammen mit seinem Sklaven arbeitete und in der Arbeit . nichts Entehrendes und Erniedrigendes sah, sondern int Gegenteil etwas Versittlichendes und Ehrendes. Auch der Sabbat, der allwöchentliche Ruhetag, dessen Feier Bibel und Talmud gebieten, konnte nur bei den Juden eine solche hohe Entwicklung erlangen, daß er im Laufe der Jahrtausende eine weltgeschichtliche Bedeninna. erhielt und alle anderen Völker zur Nachahmung reizte. Ein Volk, das selbst arbeitet und die Arbeit liebt, weiß auch den Wert eines allwöchentlichen Ruhetages zu schätzen. Und diese Ruhe sollte nach dem biblischen Gebot allen zugute kommen, nicht nur dem Herrn, sondern auch dem Diener und sogar dem Vieh. Das ist das Lied'der Arbeit, welches das jüdische Volk angestimmt hat, bevor noch die anderen Völker die soziale und sittliche Bedeutung der Arbeit kannten. In biblischer Zeit war es hauptsächlich die Feldarbeit, die bei deu Juden hoch im Ansehen stand. Denn in Palästina waren sie in der Hauptsache ein ackerbautreibendes Volk, das durch fleißige und zähe Arbeit dem Boden seine Nahrung.abzugewinnen suchte. Neben dem Ackerbau übten die Juden auch das H a n d - werk aus, und zwar in der Weise, wie das Handwerk mit der Feldarbeit verbunden ist. In dem biblischen Lied von der wackeren Frau wird die Tätigkeit der fleißigen Bäuerin gerühmt, die des Nachts nicht das Licht erlöschen läßt, sondern emsig Wolle und Flachs spinnt und so durch ihrer Hände Arbeit die Wohlhabenheit des Hauses zu fördern sucht. Was sie mit ihrem Fleiß schasst, verkauft sie dem Hausierer, der von Dorf zu Dorf zieht, um den Bäuerinnen die Produkte ihres Fleißes abzukaufen. Dieser Hausierer ist aber keineswegs ein Jude, sondern ein fremdländischer Phönizier. Roch im Zeitalter des jüdischen Geschichtsschreibers Flavins Josephus (in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts) waren vie Inden in Palästina h a uptsächli ch A ck e r b a u e r und H and w e r k e r, zum Teil auch Viehzüchter und Fischer. Auch außerhalb Palästinas, insbesondere in Babylonien und Aegypten, wo größere jüdische Volksmassen zusammenlebten, zeichneten sich. die Juden durch große gewerbliche Fertigkeit und durch gewerblichen Fleiß aus. In Babylonien besaßen die Juden Aecker, die sie selbst bebauten. Sogar berühmte Gesetzeslehrer verschmähten es nicht, selbst ihre Felder zu bestellen. Einer von ihnen sagte einst.zu seinen Jüngern, die sich in großer Zahl bei ihm einzustellen pflegten, um von ihm zu lernen, daß sie nicht in jenen Jahreszeiten kommen mögen, in denen die Feldarbeit seine ganze Zeit -in Anspruch nimmt. Vor nicht langer Zeit hat. man in Kippur das Archiv eines großen Handlungs'hauses ansgegraben, der Firma „Muraschu Söhne". Das Handelsarchiv stammt aus sehr alter Zeit. Inhaber der Firma waren Babylonier, aber sie beschäftigten, wie aus den Urkunden . hervorgeht, eine g r o ß e A n zahl j ü d i s ch e r Handwerker, ja ein ganzes jüdisches Dorf, das verschiedenen Zweigen des Gewerbes oblag. Bekannt ist das Kunstgewerbe, das von den Juden in Alexandrien geübt wurde und zu hoher Bedeutung gelangte. Merkwürdig ist die Schilderung des Gewerbelebens unter den Inden Alexandriens, weil sie zeigt, wie das Gewerbe bei ihnen bereits zünftig gegliedert und mit einem regelrechten Arbeitsnachweis verbunden war, In der berühmten Synagoge von Alexandrien, die als eine -große Sehenswürdigkeit ihrer Zeit bezeichnet wurde, nahmen die Betenden nach Zünften geordnet Platz. Kam ein fremder Handwerker, der Arbeit suchte, in das Gotteshaus, so wurde ihm vom Synagogendiener der Platz bei seinen Zunftgenossen angewiesen, so daßes ihm dadurch Reicht wurde, beim Nachhansegehen von seinen Kollegen Auskunft zu erhalten, wo er Arbeit finden könnte. Das HianidtoeirL stand bei len Indien zu allen Zeiten hoch in Ehren; sie mindert daraus g e w alts a nt» d it r ch E n g h e r z i,g. k e i t und Durch religiöse Unduldsamkeit verdrängt. - Im Mittellalter, wo die Zun stein ri-chtung durch allerhand unsinnige Bestimmung,en^ eine Plage Wunde, achteten die christlichen Handwerker! mit aller Strenge daraus, daß f e i n I u d e Ein a-a n g -i n eine Zunft erhielt. Die Juden sollten lediglich durch Geld verleihen und den Kleinhandel ihre Nahrung suchen. Und als sie dast laten, weil sie es tun mu ß te-n, wurde cs ihnen zum Vorwurf gemacht und behauptet, daß sie jede körperliche Arbeit' scheuen. In solchen Ländern hingegen», wodie Juden ungestört das Handwerk ausüben «durften», blieben sie beim Handwerk, selbst als es schon 'längst aufgehövt hatte, einen goldenen Boden zu haben. Im Osten gab es und .gilbt es noch heute fast kein Haindwerk, das nicht von Inden gepflegt lvurde mrd wird'. Selbst schwere Arbeiten und selbst solche, die mit Lebensgefahr verbunden sind, scheuen die Juden nicht. Ebenso sind sie im KunstgVwerlbe tätig, das sie zu großer Vollkommenheit bringen. Das G,erhöbe von der angeborenen Faulheit der Juden, daß sie jede anstrengende Arbeit scheuen, ist nicht um ein taar besser und wahrer als Dis anderen Verleumdungen, die zum weck der Verhetzung verschiedener BevölLerungsschichten erfunden und ve-rlbreitet werden. Wi-e h>och die Juden d»as Handwerk bewerteten, geht schon daraus hervor, daß berühmte jüdische Männer., die hohe Aemter bekleideten, Handwerker' waren. Denn bei den Juden 'durste man in alter' Zeit für die Ausübung eines öffentlichen- Amtes keine Besoldung annehjMen. So war Rabbi Josua (-in der, ersten Hälfte deszweiten Jahrhunderts), der in der höchsten Körperschaft der Judenheit Sitz und Stimme hatte, Nad elf ch mied, -und die Wände seiner ärmlichen Behausung zeigten die. Spuren seines Handwerks. Ein berühmter Gesetzeslehrer, Rabbi Jochanan, war S ch u st e r; ein anderer, Rabbi Isaak, war Schmied usw. ' Aus den zahllosen Stellen, die einschlägig sind, mögen folgende aus Bibel und Talmud zeigen, wie die Juden über körperliche Arbeit »dachten. Inden Psalmen sinden wir fo-lgenten Ausspruch: „Wenn du die Mühe deiner- Hände -genießest, heil dir und wohl dir!" (Psalm 128,2.) Besonders reich sind die „Sprüche" an Aeußerungen über den Wert der Arbeit. Hier mögen nur einige von ihnen folgen: „Geh zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Weise an und werde klug. Sie, die keinen Führer, Vogt oder Herrscher hat, bereitet im Sommer ihr Brot, sammelt in der Erntezeit ihre Nahrung. Wie lange, du Fauler, willst du liegen? Wann wirst du von deinem Schlafe aufstehen?" „Noch ein wenig Schlaf, noch ein wenrg Schlummer, ein wenig die Arme zu verschränken zum Ruhen." „Aber deine Armut kommt wie ein Begleiter, und dein Mangel wie ein Schildträger." (6, 6—11.) „Arm ist, wer mit nachlässiger Hand schafft; aber die fleißige Hand macht reich" (10,4). „Vesser der Geringe, der einen Dienst hat, als wer vornehm Lut, und es mangelt ihm an Brot" (12,9), Iüörfthe Arbeit unö arische Arbeit. Es wird den Juden oft der Vorwurf gemacht, daß sie körperliche Arbeit s ch e u t e n und m ühelosen G e w i n n vorzögen. Auch Spengler hat sich in seinem Buche „Preußentum und Sozialismus" zum Vertreter dieser Ansicht gemacht. Die Unrichtigkeit derselben ist ja schon des öftern nachgewiesen worden und federn Unterrichteten wohl bekannt. Eine Widerlegung derselben wäre also gar nicht nötig, wenn sich nicht viele durch den Namen Spengler zu der Annahme veranlaßt sähen, daß es doch damit seine Richtigkeit haben müßte. Interessant ist es nun zu lesen, was Prof. Dr. Eugen Lerch in einem Artikel: „Die Hochs ch ä tz u n o der Faul h e i t" im „Berliner Tageblatt" vom 13. Januar 1921 über den Unberschierd von deutscher und jüdischer Auffassung der Arbeit schreibt. Bei den Ariern bedeute — nach Spengler — Arbeit Pflicht, bei den Juden Fluch, Marx' jüdische Abstammung verleugne sich nicht in seiner Lehre. Wenn auch die Juden in der Kindheitsperiode ihres Daseins die Arbeit als Fluch aufgefaßt haben, meint Lerch, für den Juden Marx konnte das im 19. Jahrhundert wenig bedeuten. Zudem lasse sich das von Spengler angegriffene Verbot der Arbeit am Feiertage unter dem Gesichtspunkt der Rücksicht auf das Gesinde sehr wohl als „echter Sozialismus" ansprechen. Lerch wendet sich dann der Untersuchung zu, welche Bedeutung andere Völker in der Frühzeit ihrer Entwicklung dem Worte „Arbeit" beigemessen haben. So heißt das gotische „a r b a i t h s" lästige, beschwer!: che, des freien Germanen unwürdige A r b e i t. Bei T a c i t u s heißt es im 15. Kapitel der „Germania" von den alten Germanen: „Seltsamer Widerspruch der Natur, daß derselbe Mensch s o den Müßiggang liebt und d i e R u h e haß t." Die „große Arbeit" am Eingang des Nibelungen-Liedes sei auch nur als M ü h s a l, p l a g e n r e i ch e Arbeit zu verstehen. Das lateinische „1 a b o r" bedeutet Mühe , La st, Plage, und erst in Zweiter Reihe Arbeit. Die romanischen Sprachen leiten ihr Wort „1 rav all, travaglio, trabahls" von dem Worte tre-palium, der Bezeichnung für ein aus drei Pfählen bestehendes Marterwerkzeug ab: alles Beweise, daß die Arbeit höchst selten von Völkern am Anfang ihrer Entwicklung als ehrenvoll aufgesaßt worden ist. Im Gegensatz dafür hatte bei den Juden die Arbeit nichts Entehrendes und galt keineswegs als eine Pein. Wenn man die deutsche und die jüdische etymologische Deutung des Wortes Arbeit vergleichen wollte, so ist es danach nicht mehr Zweifelhaft, daß diese nicht zu ungunsten der Juden ausfallen würde.

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