Wissen und Waffen
- Journal
- Wissen und Waffen
- Volume
- [2. Folge] (1924)
- Issue
- 4 = Der jüdische Handwerker (28.11.1924)
- Date
- 1924-11-28
- Page
- Seite 13 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Wissen und Waffen Tatsachen für den Wahlkampf Beilage zur C.V.-Zeftung _ __ Nr. 4, 2. Folge uer jüdische Handwerker Die Organisation -er Mischen Han-werker in Deutjchlanö. von Leonor Lewin, Geschäftsführer des Zentralverbandes jüdischer Handwerker Deutschlands und seiner Berliner Ortsgruppe. Die Wogen des Wahlkampfes iverden auch dieses Mal die schon oft ausgestellte und ebenso oft widerlegte Behauptung wiederbringen, daß die I n den v o n produktiver Handarbeit nichts wissen wollen, und daß es deshalb keine jüdischen Handwerker gebe. Wenn das wahr wäre, brauchte man sich darüber auch nicht zu wundern, denn viele Jahrhunderte hindurch hat man wen Juden die A n s ü b u n g eines Handwerks verböte n, hat man sie auf den Handel verwiesen, und was v i e l e Jahrhunderte in dieser Beziehung an unseren Glaubensgenossen gesündigt haben, das vermochte natürlich ein Jahrhundert nicht wieder gutzumachen. Soziale U m s ch i ch t u n gen beanspruche n längere Fristen. Aber die Behau.ptuug. es gebe keine jüdischen Handiverker, trifft nicht zu; sie ist falsch und wird von judengegnerischer Seite immer wieder — man darf wohl sagen wider besseres Wissen — aufgestellt, um uns als ein Volk der Schmarotzer zu brandmarken. Die Tatsachen reden eine andere Sprache. Rach vielen Taufenden zähle» die jüdischen Handwerker auch bei uns in Deutschland, und es sei gleich hinzugefngt, daß es wohl keinen Beruf gibt, in dem nicht ordnungsmäßig ausgebildete Handwerksmeister jüdischen Glaubens tätig sind und genau dasselbe leisten wie ihre andersgläubigen Standesgenossen. Den schlagendsten Beweis dafür erbringt die Existenz des Zerrtralverbandes jüdischer Han-werkev Deutschlands, einer Organisation, die in zahlreichen Ortsvereinen über ganz Deutschland verbreitet ist . und heute bereits mehre re tausen d M i tglieber umfaßt. Daß diese Organisation geschaffen tvorden ist, hat seinen Grund nicht etwa darin, daß die jüdischen Handwerksmeister sich nicht solidarisch fühlten mit ihren christlichen Standestollegen. Im Gegenteil, sie rvollen in allen Bernfsfragen und Standesangelegenheiten mit ihnen Schulter an . Schulter stehen. Aber es gibt doch auch Fragen, die speziell den jüdischen Handwerker berühren — man denke nur an die Bekämpfung der Vorurteile, die selbst irr den eigenen Kreisen gegen die jüdischen- Handwerker gehegt werden ---, und die Regelung dieser Probleme hat sich die genannte jüdische Handwerkerorganisation zum Ziel gefetzt. Sie ist da und beweist daINi i, daß es jüdische Handwerker gibt. Noch mehr: die Organisation nimmt feit etwa einem Jahr einen besonders erfreulichen Aufschwung. wozu ganz gewiß die Errichtung einer besonderen Geschäftsstelle in Berlin und die Wiederherausgabe der Monatsschrift „Der jüdische Handwerker" nicht unwesentlich mit beigetragen haben. Darzulegen, daß -der jüdische" Handwerksmeister soviel leisten kann wie jeder andere, käme einer Beleidigung gleich. Die Religion hat mit dem beruflichen Können an sich nichts ' zu tun. Es gibt überall Pfuscher und ebenso Meister, die über den Durchschnitt hinausragen. Da aber nun einmal leider mit Vorurteilen gerechnet werden muß, sei doch erwähnt, daß aus dem Breslauer Ver-bandstage im Juni d. I. der Syndikus der Handwerkskammern Breslau, Liegnrtz und Oppeln, Dr. P a e s ch k e, rühmend hervorhob, daß der erste, der vor der Breslauer Handwerkskammer'die Meisterprüfung abgelegt hat, der Vorsitzende des Ortsvereins Breslau gewesen sei, und daß dieser bei der Prüfung hervorragende Beweise seines Könnens geliefert habe. Und an einer anderen Stelle seiner Rede erklärte derselbe Herr, daß nach seiner Erfahrung das jüdische Handwerk sowohl technisch wie kaufmännisch ans einer geradezu vorbildlichen Höhe stehe. Solche Zeugnisse ließen sich mit Leichtigkeit noch mehr erbringen, aber wir bedürfen ihrer nicht. Technisch ist über die O r ganisationde r j ü d i s ch e n Handwerker wenig zu sagen. Wo rührige und tatkräftige Männer vorhanden sind, da schließen sie sich zu einem Orts v er ei n s e l b st ä n d i g e r H a n d w e r k e r j ü d i - s ch c n G La u b e n s zusammen, ohne Unterschied des Berufes. Der Zweck ist, neben der Pflege kultnreller Fragen, die W a h r u n g d e r m a t e r i e l l e n u n ^d ideell e n Inte r e s s e n der Handwerker in örtlichem Rahmen. Die verschiedenen Ortsvereins, die für ihre Mitglieder auch Unterstutznugseinrichtnngen mannigfacher Art .geschaffen haben, sind rviedernm vereinigt im ' Zeutralverband jüdischer Harrdwerker Dentschlauds mit dem Sitz in Berlin. Seine höchste Spitze ist der Zentralvorstand, der seine Richtlinien von den, alle zwei Jahre stattfindenden VerbandStage erhält. Wie schon erwähnt, hat der Zentralverband seit Mitte dieses Jahres seine eigene G e s ch ü s t s ft olle i n B e r I i n N 24, Krausnickstraße 9, von wo ans nicht nur dir geschäftlichen Angelegenheiten erledigt werden, sondern auch die Propagandatätigkeit betrieben und der Verkehr mit den Behörden und den verschiedenen Organisationen gepflegt wird. EZ darf hier gesagt werden, daß der Zentralverband jüdischer Handwerker sich v o n M o n a t z n M o n a t io a ch s e n d e r Beachtung und Anerkennung in der Oeffentlichkeit erfreut, daß namentlich auch seine Monatsschrift gern gelesen und von Behörden nachverlangt wird und zahlreiche angesehene Zeit-' schriften des In- und Auslandes mit ihr in regelmäßigenr Schriftverkehr stehen. Diese Tatsachen alle müßten eigentlich jedem objektiv denkenden Menschen genügen als Beweis dafür, daß auch in den h a n d in e r k l r ch e n B e r u send i e I n den 11) r e S ch u ldigleit tun. Die Antisemiten aber sind gleich mit einem neuen Einwand bei der Hand: Na ja, so sägen sie, jüdische Handwerker mag es ja hier und da vereinzelt geben. Aber dann handelt es sich um Berufe, die mit einer gewissen B e q u e m lichkeit verbunden sind und keine erheblichen körperlichen Anforderungen stellen. Auch dieser Einwand ist leicht zu widerlegen. Fassen wir einmal die Verhältnisse im Berliner Ortsverein etwas genauer ins»Ange! Er ist der größte und umfaßt annähernd 600 Mitglieder bei etwas mehr als 2600 selbständigen jüdischen Handwerksmeistern in Berlin. Diese Zahlen lassen schon erkennen, wie groß leider noch immer die Gleichgültigkeit unserer Glaubensgenossen ist und welche Fülle von Aufklärungsarbeit noch geleistet werden muß, bis es gelungen ist, den letzten jüdischen Handwerksmeister oder auch nur die Mehrzahl von ihnen in Berlin für ähre Standesorganisation zu gewinnen. Das Ziel aber ist so erstrebenswert, daß' jeder denkende Jude, soiveit er dazu auch nur irgendwie imstande ist, an seiner Erreichung Mitarbeiten sollte.