Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 48 (28.11.1924)
- Date
- 1924-11-28
- Page
- Seite 752 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Aum ^uöen ernannt! Von Rechtsanwalt Dr. Hans 5lalisch (Berlin). Wie wird m an I u-be? Törichte Frage das! Man hat jüdische Eltern, die einem jüdisch aufziehen. Das stimnst Zwar nicht immer, es ist schon vorgekowmen, daß jüdische Eltern ihre Kinder nicht jüdisch ausgezogen haben,'aber diese Art des Mißbrauchs einer anderen Religion zum Zwecke besseren Vorwärtskommens hat jetzt merklich nachgelassen. Man kann auch Jude werden durch Uebertritt zmn Judentum. Das ist zu allen Zeiten, selbst im Mittelalter, nicht so selten gewesen, wie manche meinen. Uber davon rede ich nicht. Das find Möglichkeiten Jude zu werden, bei denen der freie Wille entscheidend ist. Entweder man entscheidet selbst oder die Erziehungsberechtigten haben es getan. Man sollte denken, damit waren alle Möglichkeiten erschöpft. Weit gefehlt! Der Fortschritt der neuesten Zeit hat es möglich gemacht, daß jemand Jude werden kann, ohne es zu wissen oder zu ahnen. Das ist die Methode der Ernennung zum Juden. Ich will versuchen zu erklären, wie das vor sich geht. Da lausen unter uns zahlreiche Leute herum, die mit gar absonderlichen Vorstellungen behaftet sind. Sie teilen alles, was sie sehen, in eine Schatten- und eine Lichtseite und nennen alles, was ihnen trefflich, gut, wünschenswert, edel erscheint, arisch, germanisch, deutsch, und alles, was sie für unedel, schädlich, gefährlich, bekämpsenswert halten, das nennen sie semitisch oster jüdisch. Und stoßen sie bei ihrer Betätigung aus eine Persönlichkeit, die sie nicht verstehen, die ihnen unangenehm ist, die ihnen nicht gefüllt, fo sagen sie: „Das ist ein Jude". So wird m an zu m Juden. Einer oder einige rufen zuerst: „Haltet den Juden" und alles läuft mit. Kritik gibt es nicht. Gefühl ist alles. So kommt es, daß zahllose Persönlichkeiten aller Zeiten und Völker von Zeit zu Zeit für Juden ausgegeben werden. Es ist das eine Ernennung, der gegenüber keine Ablehnung gilt. Der Betroffene mag sich wehren wie er wich die Leute wissen es besser. G-ewiß. es kommen manchmal kleine Unstimmigkeiten vor. Hugo Stinnes konnte sich gelegentlich antisemitisch betätigen und unvergessen ist, wie er an Rath cnau eine „f r e in d ft ü nt nt i ö e Pshch e" auszusetzen hatte. Eben dieser Hugo Stinrres ist dem Auslande wegen feines angeblich assyrischen Typus in Wort und Bild als Jude vorgesteüt worden. Aehnlich lag es mit dem berüchtigten Deutschenhetzer Lord Worthelrffe. Dieser wurde während des Krieges unter Verleihung des Familiennamens Stern und der Zuweisung von Frankfurt a. M. als Heimatstadt zum Juden ernannt. In England war seine Herkunft aus Irland, sein richtiger Familienname Harmsworth, seine urchristliche Abstammung und fein gelegentlicher Antisemitismus nicht unbekannt. Das sind so kleine Widersprüche mit den Tatsachen. Mer sie bedeuten gar nichts. Das antisemitische Tagewerk erleidet dadurch nicht die geringsten Betrieoshemnmngen. Die Ernennung geschieht in Deutschland ober in Frankreich und die Tatsachen, die ihr widersprechen, gehen in andern Ländern vor sich. Da müßte man schon Kenntnisse von Sprachen und Völkern haben, um überhaupt etwas zu merken. Und so kann es kommen, daß Leute als angebliche Juden bekämpft werden, die selbst sich für gute Antisemiten halten. Ueber das Ganze könnte man mit lächelndem Achselzucken zur Tagesordnung übergehen, wenn es nicht doch auch eine re ch t ernste Seite hätte. Das ganze Geschrei von der angeblichen Beherrschung Deutschlands durch Juden i st ja nur dadurch cntfranben, daß s o u n d so viel Leutesür Juden ausgegeben worden sind, die nie in i h r e m Leben Jude n gewesen sind oder von solchen ab st am men. Und dieses Gebühren beschränkt sich ja nicht nur auf Deutschland. Der Antisemitismus' ist eine, wie man heute sagt, „z'wischenvölkische" Bewegung geworden. 'Es gibt eine antisemitische Internationale. Der Antisemitismus beruft sich auf Dinge, die in aller Herren Länder geschehen sind und noch öfter auf solche, die geschehen fein sollen. Und die Juden in Deutschland werden für Dinge verantwortlich gemacht, die angebliche Glaubens- 'oder Stammesgenossen, die weder das eine noch das andere sind, im Auslande getan haben. Es ist vielleicht nicht unangebracht, an einigen Stichproben zu zeigen, was alles in dieser Weise behauptet und geglaubt wird. Da ist die sogenannte internationale I u d e n p r e s s e. Insbesondere in England und Amerika läßt man sie eine Rolle spielen. Kein Wunder, wenn man nicht nur N o r th c l i fs e^ den englischen Zeitungskömg, sondern auch HeÄrst, den amerikanischen Zeitungsgroßimternehmer, für Juden hält, und wenn aus der Familie Arnold, der über 100 Jahre die „Times" gehörte, Juden gemacht werden. Aber was will das sagen gegenüber den Juden in der großen Politik! Wer es noch nicht wußte, der möge es erfahren, daß nicht nur die Vereinigten Staaten in Theodore Nooseveit einen jüdischen Präsidenten gehabt haben, auch Frankreich hat in Mrklerand einen solchen genossen. Da England nicht zu kurz kommen darf, muß natürlich Lloyd George und zu größerer Sicherheit auch noch Jaures Arthnr BaLfoAr Jude sein. Italien hat in Benito Mrrßolini seinen Inden. Sollte da aber etwas nicht recht stimmen, so will das gar nichts sagen, da dann die Juden Orlando und Salarrdro in Bereitschaft gehalten werden. Wer das Bisherige in sich ausgenommen und sich von seinem Staunen erholt hat, wird Vorbereitet sein, zu vernehmen, daß auch der Ire De Vnler-n und der Grieche Venizelos Juden find. Kleinigkeiten, wie Herriot, Frankreichs jetziger Ministerpräsident, Gabriele d'Annrmzio, Dr. Jarrrefon, der bekannte Südafrikaner, und die „echten Rastejuden" Garibaldi, fallen daneben kaum noch auf. Me Genannten würden sehr erstaunt sein, wenn sie erführen, daß sie Juden sein sollen. Nicht erstaunter als es der verstorbene Friedrich Delitzsch, der .Verfasser der antisemitischen Schmähschrift „Die große Täuschung" gewesen sein mag, als er sich selbst aus der Judenliste « der Antisemiten vorsand. Er hatte das seinem Vater Franz Delitzsch zu verdanken, jenem tapferen evangelischen Theologen, der so unermüdlich den Verdächtigungen jüdischer Religionslehren: entgegentrat und zur Straft . dafür zum Juden ernannt wurde, s Aber auch Werner Sombort ist dem Schicksal der Ernennung zum j Juden nicht entgangen. Vielleicht war es eine Vergeltung dafür, daß - er den Vater des französischen Antisemitismus! Drrrmont für einen Juden gehalten hat. So kann es einem gehen! j Sehr beliebt ist auch, allem, was sozialistisch oder revolutionär ' ist, jüdische Herkunft zu zu schreiben. Marx und Lassalle, die wirklich ' jüdischer Herkunft waren, genügen nicht. Botrrm-N, der Großvater ’ des Bolschewismus, ein echt russischer Mann, der es nicht verschmäht hast Marx antisemitisch anzupöbeln, muß jetzt selbst zum Juden werden. Alexander Herzen, der berühmte russische Revolutionär, dessen Vater ein Moskauer Bojar und dessen Mutter eine Deutsche war, darf in der Liste der Juden ebenso wenig fehlen, wie der italienische Revolutionär Mnzzinr gelegentlich in ihr cmftaucht. Aeberhaupt wird aus kaum einem Gebiet so großzügig mit der Ernennung zum Juden verfahren, wie aus dem^der Polrtik. Der Abkömmling Barmer Pietisten FriLdrich Engels hat ebenso daran, glauben mstssen wie der leibliche Nachfahre Martin Luthers: Liebknecht. Karl Kantsttwird ungeachtet aller Berichtigungen als tschechischer-Jude bezeichnet. Daß Wolfgang Heine, Minister David und Geher für Juden gehalten werden, sei nur nebenbei erwähnt. Man kann nur staunen, daß August Bebel dem Schicksal der Ernennung zum Juden anscheinend entgangen ist. Nicht entgangen ist ihm der ermordete Matthias Erzberger. Aber er ist nicht der einzige Katholik, der zum Juden ernannt worden ist. Man muH es gedruckt lesen, um es zu glauben, daß es behauptet werden konnte, die Kardinale AntoneM und NaMpolla und — man scheut sich,. so etwas niederznschrerbeu Pnpst Prns H» seien Juden gewesen. Da wir einmal schon int Zuge sind, sei Papst ÄLeZarrder VI« aus dem H ause Borgia gleich mit erwähnt. Damit war die Reihe der Revolutionäre und Politiker zu früh unterbrochen. Zwei Prunkstücke der Judenliste der Antisemiten find noch nachzutragen: KerenM und Kennr. Aber das sind wirklich nur Prunkstücke aus einer unabsehbaren Liste von Psendojudem Kein Land ist bei den Ernennungen zum Juden so überreich bedacht worden wie das bolschewistische Rußland. Von der Enthüllung des Semi-Jmperator, daß Wilhelm H. jüdischer Abstammung sei, ist es jetzt ziemlich still geworden. Das . Buch mit seinem Hintertreppengeschwätz und seinem Schnüffeln nach Ehebrüchen, die längst verstorbene Fürstinnen mit Juden begangen haben sollen, ist so schmutzig und albern, daß man hätte glauben sollen, es könne keine Wirkung ausüben. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Es stammt aus einer Zeit, wo die freundschaftlichen Beziehungen des früheren Kaisers zu einzelnen Juden noch in frischer Erinnerung waren. Darum wurde die Fabel von seiner jüdischen Abstammung auch geglaubt. Seit der Kaiser selbst unter die Antisemiten gegangen ist, wird mit dem Buch weniger gearbeitet. Das Geschäft richtet sich nach der Konjunktur, auch beim Antisemitismus. Wo Papst und Kaiser jüdisch sind oder sein können, wird noch mehr Jüdisches zu finden sein. Wie ist cs mit der W i r t s ch a s t? Eigentlich müßte Henry Ford Jude sein, da er das meiste Geld hat, da er aber zufällig Antisemit ist. hat man ihn lausen lassen und hat au seine Stelle denjenigen amerikanischen christlichen Bankier gesetzt, dessen Namen man des öfteren in der Zeitung gelesen hatte: Vierporrt Morgan, jrrnio-r. Sollte sich Herausstellen, daß sich die Behauptung nicht cmsrechterhalten läßt, so wird man ein anderes Bild in den Wechselrahmen stellen. Was soll ich noch alles anführen. Soll ich von dem Juden Bethrrrarw-HoMveg reden, oder von Gothern oder der urchristlichen Familie v. Gwrnner, deren Angehörige zu Juden ernannt wurden, als ein Mitglied der Familie Direktor der Deutschen Bank wurde? Soll ich Heiterkeit erwecken durch die Mitteilung, daß der große Tenor. Carnfo „übrigens einst Cohn geheißen hat und aus Galizien stammen soll, wo er Kantor an einer. Synagoge war"? Oder soll ich die Heiterkeit vergrößern durch die Mitteilung, daß Conan Doyle, der berühmte Verfasser der Sherlock Holmes- Geschichten, „eigentlich" Cohen David heißt? Genug des Unsinns: Der kleine Ausschnitt, den ich geben konnte, wird genügen. Aber ich muß noch einiger ergänzen. Ich habe gezeigt, daß Ernennungen zum Juden erfolgen und wer ernannt wird. Wsie geht, das in der Praxis vor sich? Ein kleines Beispiel: Da wohnte in Dortmund der soZialdemOtratische Abgeordnete Franz Klupsch, weithin bekannt als Führer seiner Partei, unbeanstandet in seiner urgermanischen Herkunft. Eines Tages schrieb er ein kleines Heftchen „Die Judenhetze". Aus war es mit seinem Germanentum! Der Tat folgte die Straft auf dem Fuße. Sofort war er in den antisemitischen Blättern des Bezirks „der Jude Klupsch". Ich habe darauf verzichtet, das Gebiet der Literatur zu berühren, wo dre Antisemiten unter anderen die Brüder Marrrr, Frank Wedekirrd, MabNNd ins Ghetto gesperrt haben. Wohin man blickt, man stößt aus angebliche Juden. Von Pius XI. bis zu Bakunin, von Roosevelt bis zum Massenmörder Haarmann — ja, auch zu dem! —, von Wilhelm II. bis zu Liebknecht, von Morgan bis Caruso, eine einzige jüdische Masse!