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Central-Verein-Zeitung · 1924-11-28 · 48 (28.11.1924) · p. Seite 750

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
48 (28.11.1924)
Date
1924-11-28
Page
Seite 750 (sequence 10)
Language
German
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750 Gesellschaftliche Mchttmg. Eine sehr Zeitgemäße Betrachtung.! Von Richard May. Es w-ar Lein Geringerer als Bismarck, den die gesellschaftliche Aechtung seiner konservativ-nationalen Freunde mit besonderer Erbitterung traf, und in seinem politischen Testament, den „Gedanken und Erinnerungen", Zittert noch der Groll über diese Behandlungsweise nach. „Jeder, der in heutiger Zeit in politische!: Kämpfen gestanden hat, wird die Wahrnehmung gemacht haben, daß Partei- - rrmnner, über deren Wohlerzogenheit und Rechtlichrkeit im Privat- ' leben nie Zweifel aufgekonnmen sind, sobald sie in Kämpfe der Art ■: geraten, sich von den Regeln des Ehrgefühls und der Schicklichkeit,; deren Autorität sie sonst anerkennen, für entbunden halten und aus? einer karikierenden Uebertreibung des Satzes salus publica suprema j lex die Mechtfertigung für GenreinheiLen und ^Roheiten in Sprache i und Handlungen ableiten, durch die sie sich außerhalb der politischen; und religiösen Streitigkeiten selbst angewidert fühlen würden." ‘ Und an anderer Stelle klagt der Eiserne Kanzler, daß es für die. Nerven eines Mannes in reisen Jahren eine harte Probe sei, plötzlich mit allen oder fast allen Freunden und Bekannten den bis- . herigen Umgang aöz-ubrecheu.! Bismarck ist damals eines der ersten Opfer der aus politischen Gründen erfolgten g e s e l l s ch a f t l i ch e n : Aechtung geworden. Dabei der Mann der großen Erfolge. Die i Enkel \zmx Bannschleuderer halben diese Aechtung längst zum . System erhoben. Sie zitieren zwar sehr oft den Alten vom Sachsenwalde — wo es ihnen paßt —, aber über solche Stellen huschen sie mit bemerkenswerter Eilfertigkeit hinweg. Auch der : Antisenritismus, dem Bismarck ursprünglich nicht sernstand, und den er später bei -den verschiedensten Gelegenheiten ablehnte, um ihn: gelegentlich wieder zu verfallen, hat ja auch in den perfiden Verleumdungen über seine angeblichen 'Geldgeschäfte mit Bleichröder eine Rolle gespielt. Seit der Wiederauferstehung des Antisemitis m us unter Stöcker, Waldersee und H a m m e r st e i n ist die gesellschaftliche Aechtung z u r Selbstverständlichkeit geworden. Ihren Triumph aber hat sie erst in der Nachkriegszeit erlebt. Menschlich ist das begreiflich, denn jene Kreise rächen sich für die Angst, die sie während der Revolution ganz üLerftüssigerweise ausgestanden haben. Das fitzt heute noch in -den Knochen. Niemand verzeiht leicht, daß man ihn schwach gesehen hat. Und man hat sie sehr schwach gesehen. Der Haß gegen die politischen Parteien, die diese Schwäche nicht gezeigt haben, sondern dem VaLerlande sofort ihre Dienste anboten, als es rn Not und Elend gestürzt worden ist, flammt hoch und erfüllt mit Rauch und Qualm unser politisches Dasein. Sowohl die D e u L sch n a t i o n a l en wie die Völkischen haben nicht nur den Antisemitismus aus ihre Fahne geschrieben, sondern auch die Kampfesmittel besonders ausgebildet, die Bismarck so scharf und eindeutig gekennzeichnet hat, die Kampfmittel der politischen Unanständigkeit. Die völkische Bewegung selbst ist ja im Verebben begriffen. Sie hat Lei den letzten Wahlen vermutlich ihren höchsten Pegelstand erreicht und geradezu Hochwafser bedeutet. Seitdem verläuft sie sich wieder. Schon die Wahlen in Anhalt und Oberschlejien zeigten eine starke Abkehr vom Hakenkreuz, und in Hamburg wurden sie geradezu zum Debakel. Dort haben auch die Deutschnntionalen, genau wie Ln Oberschichten, ihre ersten Enttäuschungen erlebt. Man prophezeit wohl nicht so falsch, wie es Herr Dr. HergL zu tun pflegt, wenn man auch vom 7. Dezember eine Niederlage des Hakenkreuzes erwartet. Die Entwicklung der letzten Monate, besonders aus außenpolitischem Gebiet, hat ihnen unrecht gegeben. Mehr noch aber leiden sie unter ihren inneren Zwistigkeiten. Aus den gegeneinander gerichteten Veröffentlichungen können wir mit Genugtuung seststellen, daß sie einander keine größere Hochachtung entgegenbringen als uns, die sie am bittersten befehden. Der Antisemitismus als politische Erscheinung dürste die gleichen Erfahrungen machen wie in den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der Haß gegen die „Fremd stämmigen" versickert in eigenem Hader. Aber eines bleibt. Er hat den Boden so schlüpferig gemacht, daß man auf ihm nicht Mehr sicher schreitet. Die gesellschaftliche Aechtung überlebt ihn. Ueberlebt chn besonders dann, wenn er sich gegen die Juden richtet. Und das ist eigentlich das Gefährlichste an ihm. Politisch ist er ziemlich belanglos, weil all seine Vertreter bon einer nicht mehr zu überbietenden wirtschaftlichen und staats- Männischen Unfähigkeit sind. Er ist rein negativ und hat in keinem Lande je etwas Positives geleistet. Er ist überall „national" und in seiner Gesamtheit interna 11 onal. Ueberall greift er zu den gleichen Massen, überall arbeitet er mit den gleichen Beweisgründen, und als wesensverwandt. Ob er in Frankreich H>er in Ungarn austritt, er wird in Deutschland als eine verbündete Macht begrüßt, ihm gelten herzliche Befürchtungen und jubelnde Hoffnungen. Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Kampf aber darf nichtunterschätzt werden. Er ist von den politischen Erfolgen unabhängig. Im Gegenteil, er wirkt um so stärker, je ferner seine Urheber der politischen Macht sind. Für die Großstädte mag er im allgemeinen erträglich sein, weil man auf jene „nationalen" Kreise nicht angewiesen ist. Anders in den kleinen Städten und auf dem flachen Lande. Hier führt er oft zur wirtschaftlichen Vernichtung und zu einer persönlichen Verbitterung, die das Dasein verkümmert. Vor allem aber, und darauf sollte man das Augenmerk besonders richten, vergiftet er die Jugend. Der Antisemitismus in den Schulen und Hochschulen äußert sich in seinen Folgen am sinnfälligsten. Er isoliert die jüdischen Schüler und schneidet sie von dem geistigen Zusammenleben ab. Ost genug nimmt er sie gegen die Kulturgemeinschast ein und wirft sie einem unfruchtbaren Radikalismus in die Arme. Viele der kommunistischen Agitatoren bei uns und in anderen Ländern sind das Produkt dieses Boykotts. Wenn unsere Antisemiten gerne die Tatsache in den Vordergrund rücken, daß Revolutionäre so häufig Juden sind, soll man nie übersehen, daß sie wiederum Verführte des Antisemitismus geworden sind. Die Aechtung als Kampfmittel ist immer eine zweischneidige Waffe. Ueber ihre innere Unsittlichkeit soll man nicht rechten, denn die Waffenträger haben für Recht und Anstand nur mangelndes Verständnis. Gerade weil sie von beiden so viel sprechen. Aber es berührt als ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit, wenn man dann von Zeit zu Zeit wieder steht, daß sie sich an ihrem eigenen Schwert verwunden. Die Völkischen haben den Boykott gegen die Juden, die Sozialisten, die Demokraten und zum Teil auch gegen die Katholiken in einer besonderen Weise ausgebildet. Auch die nationalen Verbände, namentlich die der Offiziere, leisten darin Erkleckliches, erinnert sei nur an die Erklärungen gegen General v. Deimling und Freiherrn v. Schönaich oder gegen den Prinzen Max von Baden. Sie sind immer sehr rasch dabei. Andersdenkenden die bürgerliche und menschliche Ehre abzuschneiden. Wer nicht mit ihnen ist, wird als Landesverräter gebannt. Und nun hat Herrn L ud e n d o r f f das gleiche Schicksal ereilt. Es ist nicht unsere Sache, uns in den häuslichen Streit über den Bürgerbräuputsch, der gerade jetzt fern einjähriges Jubiläum feiert, einzumischen. An und für sich ist es auch belanglos, wenigstens für diese Betrachtung, was die Bayerische Volkspartei oder Kronprinz Rupprecht damals gewünscht, gehofst und erstrebt haben. Interessant ist für uns nur die Tatsache, daß die gesamte bayerische Generalität in diesem Streit die Partei des Kronprinzen ergriff und gegen Llrdendorff dieselbe gesellschaftliche Aechtung aussprach, die wir von ihm und seinen Freunden so oft vernommen haben. Daß diese Erfahrung irgendeinen Stimmungswandel Hervorrufen wird, ist nicht anzunehmen. Man kann nicht einmal das alte Sprichwort anwenden: „Was du nicht willst, das man dir tu", es wäre doch zwecklos. Das Hakenkreuz ist eben Symbol der „sittlichen Erneuerung", und wir haben uns mit dieser Art von Sittlichkeit bereits abgefunden. Es verschlügt uns auch gar nichts mehr, daß man uns Verrat am deutschen Volke vorgeworfen hat, denn dieser gleiche Vorwurf ist ja auch gegen das ganze deutsche Volk in seiner Gesamtheit geschleudert lvorden. Das ist ja der Sinn der Dolchstoßlegende. Wir sollen das Wort Verräter überhaupt nicht mehr tragisch nehmen, seitdem es ein Ausdruck besonderer Hochachtung auch in Freundeskreisen geworden ist und offenbar zur Belebung der Politischen Gespräche dienen muß. Man soll praktisch und daher nüchtern dagegen Vorgehen und einfach die Phalanx der anständigen Leute schaffen, die sich gegen jeden Boykott nur um so enger zusammen schließt. Unsere Antisemiten werden sagen, daß eine solche Phalanx eine Aechtung gegen sie ist. Soweit das auf Selbsterkenntnis beruht, wollen wir das auch gar nicht bestreiten. Für uns ist der E r f o lg das Wesentliche. Diese Kreise schließen sich von selbst aus. Diesen Kampf aber führen wir zur Reinigung unseres politischen und gesellschaftlichen Lebens. Wir sind den großen Heroen des deutschen Geistes so unendlich viel Dank schuldig, daß wir ihn auf irgendeine Weise abtragen müssen, und das geschieht am besten, wenn man mithilft, in ihrem Sinne zu gegenseitiger Duldung zu erziehen, wenn man das Bindende über das Trennende stellt. Es gibt wenig Nationen, die so durch Parteihader, laudsurünnischs Eigenarten und religiöse Spaltungen zerklüftet sind wie die deutsche. Um so dringender erforderlich ist es, daß diese Gegensätze nicht noch durch die Kampfesart verschärft und vergrößert werden. Die Aechtung Ludendorsss ist ein Moment, das dafür ganz nützlich ist. Wir sollen es jedenfalls allen immer wieder Vorhalten, die selbst diese Waffe schwingen.

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