Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 48 (28.11.1924)
- Date
- 1924-11-28
- Page
- Seite 748 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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fim ikm WafjUampff ftufkkZrnk§! MMärrmg! Von Rabbiner Dr. Straf^önrgcr (ttlm). Wir söehen wieder vor den Reichs- und teilweise auch Landtags- Wahlen. Es stcht nicht mehr einzig und allein die Judenfrage im Mittelpunkt der Debatte, Dawes-Gutacksten und Londoner Abkornmen sind die neuesten Streitpunkte, für die und gegen die mancher Wahlredner-Kandi-dat sein Schwert lvetzen must. Wir hoffen, und die Anzeichen spreclM dafür, daß dir nationalistisch-völkischen Parteien biennal mit ihren gehässigen, wu-tschnaubenden und blutrünstigen Reden und Artikeln weniger Anklang bei den Wählern finden werden; dir Allgemeinheit hat die Nichtigkeit der deutsch-völkischen Phrasen erkannt und versucht, sich ein gesurrdes Urteil auch über die Juden'- frage zu bilden. Und gerade, weil die Gemüter ruhiger und dadurch vielleicht auch objektiver geworden sind, damit auch zugänglicher für aufklärende und belehrende Reden und Schriften über das Judentum, so müssen wir jetzt die Arbeit weiterführen, von der ich mir den größten Nutzen und Eindruck verspreche, mit der Prova^erung guter, schlichter Schriften über das Judentum und ferne Lehren wie über einzelne Schlag worte, die K a m p s e s P h r a s e n geworden sind im Kampfe gegen das Judentum. Ein solches Schlagwort ist auch das vom „jüdischen Gei st". Der Dozent am Rabbinerseminar in Breslau Dr. I. Heinemann hat es nun unternommen, in einer im Philo-Verlag erschienenen Schrift: „Vom .jüdisclzen Geist", Ein Wort an die Ehrlichen unter feinen Anklägern", in einer ruhigen Art diesen Kampfesruf in allen seinen Seiterr zu beleuchten. Wie notwendig dies ist, beweisen mir verschiedene Unterredungen mit Geistlichen u n d L e h r e r n , denen man keineswegs Antisemitismus zur Last legen darf die aber immer wieder von dem „jüdischen Geist" sprachen, der leider auch in christlichen Kreisen Eingang gefunden habe, den sie aber eben den „jüdischen Geist" nanntesi, ohne ihn näher definieren zu können, gegen den man aber als ein Ferment der „Dekomposition" ankampsen müsse und der eben vom Judentum ausgehe. Man darf hier mit Engelzungen reden, man wird dieses Vorurteil nie vollständig aus merzen; es ist mit der Muttermilch ein gesogen. Alle diese Vorurteile kommen daber, weil man uns zu wenig kennt, weil man trotz der geologischen Fakultäten und der Lehrstühle für alttestamentliche Theologie, trotz der Jnstituta Judaica in Leipzig und Berlin objektiv dem Judentum nicht gegenüber steht. Von der sogenannten „Wissenschaft" können wir nur wenig erwarten, ohne damit den Arbeiten eines Prof. König oder Strack oder Peters Abbruch zu tun: Wir selb st müssen die Arbeit leisten, wir selbst müssen zu unseren christlichen Mitbürgern gehen und rhnen von unserem Judentum künden. Ich habe es in den letzten vier Jahren durch Vorlesungen an der hiesigen Volkshochschule versucht und glaube auch manches erreicht zu haben. Mein Kurs erstreckte sich auf vier Jahre, und von den 30 bis 40 Teilnehmern waren immer zwei Drittel christlicher Konfession und von diesen mehr als die Hälfte treue Besucher der einmal wöchentlich stattfindenden Besprechungen. Diese wurden dadurch immer beson* ders belebt, als auch Geistliche der anderen Gemeinschaften daran teilnahmen, die durch ihre Bemerkungen Anlaß Zu mancher anregenden Aussprache gaben. In den beiden ersten Wintern behandelte ich das „theoretische Judentum", seine Gottes- und Glaubensvor ft ell ungen. die Quelle d e r s ü bischen R e! i g i o m (Bibel, Talmud, Derisoren), wie seine Stellung Zu den Dogmen des Christentums. In den beiden letzten Wintersemestern ging ich auf das religiöse Leben der Juden ein und liest mich hierbei von dem Festkalender leiten. Alle diese Kune waren von Synagogenbesuchen begleitet, wo ich über Gottesdienst und die Gebete sprach, Thorarollen und alte, rituale Gegenstände, selbst sogar Scholar, Lulow und Esrog Zeigte. An diesen Synagogenbesichtigungen haben sich oft 200—300 Besucher beteiligt, und sie wurden allmählich so populär, daß auch verschiedene christliche Vereine um solche aufklärende Besichtigung batten. Die Neligionslehrer der hiesigen höheren Lehr-- anstasten bringen Jahr für Jahr ihre Abiturienten der sechsten und neunten Klaffe vor Abschluß des Schuljahres in die Synagoge, damit sie auch noch die „Synagoge" kennen lernen. Ich weise "jedesmal darauf hin, daß hier keine Geheimnisse geübt werden, sondern alles frei und jedem Zugänglich sei. Was also Professor W o l b e vor kurzem in der „C. B.-Zeitung" als ein erfreuliches Zeichen von Berlin meldete, wird hier seit vier Jahren geübt und hat immer großes Interesse gefunden. Aber wir müssen jetzt auf diesem Wege der Aufklärungsarbeit fortfahren, dürfen nicht erlahmen, muffen Weiterarbeiten in der Versendung von guten, objektiven Schriften, wie .Lehren des Judentums" (heraus-- gegeben vom Verband der deutschen Juden, 1. bis 3. Teil), die wir hier den össentlichen und Schülerbibliotheken unentgeltlich überlasten haben, wie den Roman von Felden („Die Sünde wider das Volk") überall da, wo wir wußten, daß Dinters Machwerk Eingang gesunden hat. Also weiter vorwärts in der Aufklärungsarbeit, sei es in bei stillen Arbeit des Versandes geeigneter Schriften, sei es in der objektiven Darstellung der Lehren deS Judentums und des jüdisch-religiösen Lebens in den Volkshochschul«- rursen. Hier ist uns der Platz gegeben, wo wir leschem Scliomaim arbeiten können.' Mögen die Lehrer und Rabbiner an den Orters wo Volkshochschulen bestehen, diese Gelegenheit nicht unbenutzt vor-' übergehen lassen, keine Mühe und keine Arbeit scheuen; denn es geht um unsere Existenz, um unser Judentum. Eins öeutfchrmtisnale Erzieherin. „Christliche" Ratschläge an deutsche Mütter? Am 18.' November fand in der Kaiserin-Augusta-Schute Zu Char> lottenburg eine Wahlversammlung der Deutschnationalen Bo-lks^ Partei statt, in der Fräulein Dr. Ilse Neu mann als Hauptredner in austrat. Sie svrach über das Thema „Nation und Christentum", benutzte aber dieses an und für sich bedeutungs^ volle Thema dazu, um in sogenannter vornehmer Ausmachung diS Juden mit aller Macht anzugrei-fen. Unter den vielen Aussprüchen, die sie tat, soll einer heute niedriger gehängt werden: „Es ist ihr — so führte sie ans — ein besonders schmerz-» licher Anblick, wenn von den kleinen Jüdenmädelö in der? Schule sich jedes ein Christerrkind zur Freundin sucht, ltnte die gleichgültig eingestellte Mutter diesen Verkehr nicht recht-- zeitig unterbindet." Die Versuchung liegt nahe, der Rednerin, die fast in jedem Satzs ihr Christentum betont, einmal zu zeigen, wie sich der Begründer der christlichen Religion, der selbst aus den? jüdischen Hause David stammte. Zu solchen Aussprüchen einer Erzieherin von beschämendem Lieblosigkeit stellt. Wir verzichten auf dieses verlockende Beginnen^ Wenn Erwachsene Parteimäßig auf Grund ehrlicher UeberzeugunH gegen die Juden eingestellt sind, so kann man mit solenn ernsthafL debattieren. Wenn aber eine Erzieherin es sich Zur Aufgabe machte den harmlosen Verkehr zwi.'chen jugendlichen Schülerinnen zu vergiften, so muß sie wenigstens nicht die Kühnheit besitzen, dieses in einem Vertrage von „Nation und Christentum" zu behandeln.. Jedem rechtlich denkenden nationalen und christlichen Deutschen muH ein solches Vorgehen ein Schlag ins Gesicht ]dn. 0m Glashaus. Auch Rosenberg muß daran glauben. Ein merkwürdiges historisches Gesetz, daß die UmkehrunH der Situationen irgendwann einmal eintritt und aus dem Subjekt des Handelns und der Entschließungen Plötzlich ein Objekt' wird. Fast sechs Jahre spielte Alfred Rose über g, ein östlicher Zuwandever, in der völkischen Bewegung eine Rolle. Er gehörte zw den Führer n. Und wie das eine Führerschaft so mit sich bringt, er mußte Bücher schreiben. Objektiv-wissenichaftliche Werke natürliche und eben so natürlich über Juden und Judentum. Wen überrascht es da, daß das eine Werk den Titel trägt: Unmoral im Tal» nuii), das andere einen Kommentar zu den „Protokollen der Weisen von Zion" enthält, durch den der Nachweis erbracht wird, daß sich die Geschichte gemäß d<m Plänen dieser Weisen abrolle. Daneben war Nosenberg lange Schriftleiter des „Völkischen Beobachters" und späterhin der , Großdeutschen Zeitung". In dieser Stellung spritzte er tagtäglich seine Verdächtigungen und Beschimpfungen gegen das Judentum aus. Immer so, daß er nicht anzupacken war. Und als wir ihn schließlich doch fassen konnten,, und er sich vor dem Gericht verantworten sollte, — da sagte Rosen-» borg den bayerischen Bergen Lebewohl und seine Spur wies aust seine heimatlichen östlichen Gefilde. Aber er entschwand nicht sang- und klanglos. Dafür sorgtem schon seine alten Freunde und Kampfgenoffen, die sich, wie er selbst^ so sehr Verleumdung, Fälschung und Verdächtigung zum täglichem Brot dessen, was sie Politik nennen, gemacht haben, daß sie auch untereinander ohne diese Beigaben nicht auskommen können. A l fred R o s e n b e r a war ein Großer unter den völkischem Führern. "Daher folgte eine große Schar von Verleumdungen feiner Spur. Im „Völkischen Kurie r" vom 4. November, dem Kampsblatt der nationalsozialistischen Freiheitsbewegung Groß-» deutschlands, veröffentlicht er eine umfangreiche Erklärung, der mam nicht ansieht, ob sie Rückzugsgefecht oder Vorpostenplänkelei ist. Herr Rosenberg verwahrt sich in seiner „Erklärung" zunächst gegen die Angriffe des Begründers und Ehrenvor-« sitzenden der N a t i o n a l s o z i a l i st i s ch e n Arbeiterpartei, Herrn Esser, daß er diesen verraten, beleidigt, seine-. Ausweisung veranlaßt, an diesen gerichtete Briefe geöffnet — kurz., alles das getan habe, was iinter Parteifreunden nicht gerade der Ausdruck des Freundesgesühls ist. Es kommt noch peinlicher^ In Esser-Kreisen wird behauptet, R o s e n b e r g s e i Jude» Oh, dieser unglückselige Naw.e! In Esser-Kreisen wird behauptest. N o s e n b e r g s Frau sei eine französische Jüdin... Rosenberg erklärt alles für erlogen. In Esser-Kreisen wird» behauptest Rosenberg habe bei seiner Ankunft in Münchem gebrochen deutsch gesprochen. Auch dies sei erlogen. Zu BLA